Einwende an die Fahren
Jedes Jahr finden im September die meisten Konferenzen und Ausstellungen statt. Meist gibt es einen Tagungsband oder einen Katalog, für dessen Beiträge eine Abgabefrist einzuhalten ist, die aus mir unbekannten Gründen stets als „Tote Linie” bezeichnet wird. Im Allgemeinen müssen die Beiträge ein Vierteljahr vorher fertig sein. Ende Mai ist es wieder soweit, man erkennt es in der Firma daran, dass die Kollegen mit ausdruckslosen Gesichtern vor ihren Rechnern sitzen und leere Winword-Seiten anstarren. In dieser Zeit nimmt die Verwendung des Dudens und ähnlicher Nachschlagewerke deutlich zu, ist doch der durchschnittliche deutsche Ingenieur etwas legasthenisch veranlagt und im Ergebnis der Neuen Deutschen Rechtschreibung noch stärker verunsichert, was seine sprachlichen Ausdrucksmöglichkeiten betrifft, als es bereits zuvor der Fall war.
Ich weiß gar nicht, wie es geschah. Auf jeden Fall sind wir in diesem Jahr auf das Wortpärchen „Aufwand - aufwendig” gestoßen. Für das Adjektiv sind nach der Neuen Deutschen Rechtschreibung zwei verschiedene Schreibweisen zulässig, auch „aufwändig” ist möglich. Es gibt zwei Substantive zu diesem Wort, „Aufwand” und „Aufwendung”, die vielleicht die verschiedenen Schreibweisen erklären können. Wenn man sich jetzt aber das Verb anschaut, „aufwenden”, dann gibt es hier nur eine Schreibweise. So noch mehr verunsichert, beginnt der wissbegierige Ingenieur weitere Worte aus dem Umfeld nachzuschlagen. Vorwand, inwendig, entwenden, auswendig, hinwenden, Einwand, etc.
Offensichtlich stecken entweder „Wand” oder „Wende” dahinter, die ja bedeutungsmäßig durchaus zusammenhängen. Die Wand ist der Ort, an dem man den Vorgang der Wende vollziehen muss, alsdawo man keine Tür findet. Durch diese Erkenntnis ermutigt, stellt der Ingenieur die folgende Tabelle auf. Natürlich sind dabei fehlende Worte ergänzt und fehlerhafte Schreibweisen im Duden bzw. Wahrig korrigiert:
Aufwand aufw(e|ä)ndig aufw(ä|e)nden Aufwendung
Einwand einwendig einwenden Einwendung
Vorwand vorwendig vorwenden Vorwendung
In(nen)wand inwändig inwänden Inwendung
Aus(sen)wand auswändig auswänden Auswendung
Entwand Entwendig entwenden Entwendung
Hinwand Hinwendig hinwenden Hinwendung
Anwand anwendig anwenden Anwendung
Verwand verwendig verwenden Verwendung
Inauswand inauswändig inauswänden Inauswändung
Die fettgedruckten Wörter gibt es schon, die nichtfetten füllen die logischen Lücken. Sofort ersichtlich ist, dass die Dudenschreibweise von in- bzw. auswendig falsch sein muss, da ja hier offensichtlich ein Zustand und kein Vorgang beschrieben wird, der sich deshalb auch eher an Wand als an Wende zu orientieren hat.
Besonders stolz ist der leicht legasthenische Ingenieur auf die letzte Zeile der Tabelle. Es ist doch besser, wenn der Lehrer zum Schüler anstelle von „Bis morgen kennst du das Gedicht in- und auswendig!” sagen kann: Inauswände das Gedicht, bis morgen!" Auch der Polizist wird über einige der neuen Wörter erfreut sein. So klingt doch ein entschlossen Hervorgebelltes: „Gestehe den Entwand des Gemäldes!” viel besser als „Gestehen Sie (vielleicht gar noch bitte sagen zum Verbrecher!) die Entwendung des Gemäldes!” Die erste Form ist auch logisch besser, denn das Gemälde befindet sich ja schon im Zustand des Verschwundenseins. Wenn der Verbrecher den neuen Ort des Gemäldes zu sagen weiß, kann ihm sicher auch der Vorgang des Verbringens dorthin angelastet werden.
Ein weiterer Streitpunkt zwischen der Alten und der Neuen Deutschen Rechtschreibung ist das Zusammen- oder Auseinanderschreiben von Wörtern. Hier gibt es nun zwei sehr einfache Vorschläge, die das Deutsche für alle Zeiten von dieser Plage befreien können: Entwederschreibtmanalleszusammen,waszumBeispielinanderenSprachenwiedemThailändischenüblich ist, o d e r a b e r m a n f ü h r t z w i s c h e n a l l e n B u c h s t a b e n e i n L e e r z e i c h e n e i n , k a u m w e n i g e r g u t l e s b a r. Beide Reformvorschläge haben den Vorzug, dass sie sich in Textverarbeitungsprogrammen automatisieren lassen, auch unsere Toitschleerer können sich wieder auf Wesentlicheres konzentrieren.
Ein drittes, dem Ingenieur unlängst aufgefallenes, deutschsprachiges Ärgernis ist der gedankenlose Umgang mit den Wörtern der Generationenfolge. Wie leicht rutschen einem die Vorgänger und Nachfolger durch die Lippen, obwohl sie doch keinesfalls entgegengesetzte Begriffe sind. Nein, dann müsste man nämlich den Vorfolger und den Nachgänger verwenden! Aber auch der Vorfahr und der Nachfahr sind kaum besser, denn zwischen ihnen müsste ja der Fahr bzw. die Fahren leben. Und vollkommener Nonsens entsteht bei der Verwendung des Gegenteils von Nachkommen. Ich habe noch keinen Friedhofsbesucher kennengelernt, der gesagt hat, „dort liegen meine Vorkommen”.
Wie kann man hier die deutsche Sprache verbessern? Die erste Möglichkeit besteht darin, aus den Vor- und Nachfahren die Vor- und Nachfahrer zu machen. Dann leben heute die Fahrer, und das beschreibt den Zustand hierzulande sicherlich ziemlich gut. Wenn man aber berücksichtigt, dass man früher nicht so schnell unterwegs war, bieten sich eher etwas langsamere Verben an, z.B. sitzen, stehen, gehen. Also meine Vorsitzer, Vorsteher, Vorgeher, die Nachsitzer, Nachsteher, Nachgeher. Da sich allerdings die Zeitläufte in der Zukunft weiter beschleunigen werden, sollte vielleicht vollkommen von Verben der Bewegung abgesehen und die reine Existenz zum Sprachgrund gewählt werden. So ist mein endgültiger Vorschlag: Der Vorwar, die Vorwaren, der Nachwird, die Nachwerden. Heute leben dann die Bins und die Sinds. Das ist bereits in Gebrauch, z.B. am Telefon: „Hallo, ich Bins!”.
Man sieht also, aus der Sicht eines Ingenieurs gebt es noch eine Menge an der Sprache zu schrauben, bis sie endlich doppelplusgut geschreibt wird.
Kategorien: Guter Deutsch
Ich weiß gar nicht, wie es geschah. Auf jeden Fall sind wir in diesem Jahr auf das Wortpärchen „Aufwand - aufwendig” gestoßen. Für das Adjektiv sind nach der Neuen Deutschen Rechtschreibung zwei verschiedene Schreibweisen zulässig, auch „aufwändig” ist möglich. Es gibt zwei Substantive zu diesem Wort, „Aufwand” und „Aufwendung”, die vielleicht die verschiedenen Schreibweisen erklären können. Wenn man sich jetzt aber das Verb anschaut, „aufwenden”, dann gibt es hier nur eine Schreibweise. So noch mehr verunsichert, beginnt der wissbegierige Ingenieur weitere Worte aus dem Umfeld nachzuschlagen. Vorwand, inwendig, entwenden, auswendig, hinwenden, Einwand, etc.
Offensichtlich stecken entweder „Wand” oder „Wende” dahinter, die ja bedeutungsmäßig durchaus zusammenhängen. Die Wand ist der Ort, an dem man den Vorgang der Wende vollziehen muss, alsdawo man keine Tür findet. Durch diese Erkenntnis ermutigt, stellt der Ingenieur die folgende Tabelle auf. Natürlich sind dabei fehlende Worte ergänzt und fehlerhafte Schreibweisen im Duden bzw. Wahrig korrigiert:
Aufwand aufw(e|ä)ndig aufw(ä|e)nden Aufwendung
Einwand einwendig einwenden Einwendung
Vorwand vorwendig vorwenden Vorwendung
In(nen)wand inwändig inwänden Inwendung
Aus(sen)wand auswändig auswänden Auswendung
Entwand Entwendig entwenden Entwendung
Hinwand Hinwendig hinwenden Hinwendung
Anwand anwendig anwenden Anwendung
Verwand verwendig verwenden Verwendung
Inauswand inauswändig inauswänden Inauswändung
Die fettgedruckten Wörter gibt es schon, die nichtfetten füllen die logischen Lücken. Sofort ersichtlich ist, dass die Dudenschreibweise von in- bzw. auswendig falsch sein muss, da ja hier offensichtlich ein Zustand und kein Vorgang beschrieben wird, der sich deshalb auch eher an Wand als an Wende zu orientieren hat.
Besonders stolz ist der leicht legasthenische Ingenieur auf die letzte Zeile der Tabelle. Es ist doch besser, wenn der Lehrer zum Schüler anstelle von „Bis morgen kennst du das Gedicht in- und auswendig!” sagen kann: Inauswände das Gedicht, bis morgen!" Auch der Polizist wird über einige der neuen Wörter erfreut sein. So klingt doch ein entschlossen Hervorgebelltes: „Gestehe den Entwand des Gemäldes!” viel besser als „Gestehen Sie (vielleicht gar noch bitte sagen zum Verbrecher!) die Entwendung des Gemäldes!” Die erste Form ist auch logisch besser, denn das Gemälde befindet sich ja schon im Zustand des Verschwundenseins. Wenn der Verbrecher den neuen Ort des Gemäldes zu sagen weiß, kann ihm sicher auch der Vorgang des Verbringens dorthin angelastet werden.
Ein weiterer Streitpunkt zwischen der Alten und der Neuen Deutschen Rechtschreibung ist das Zusammen- oder Auseinanderschreiben von Wörtern. Hier gibt es nun zwei sehr einfache Vorschläge, die das Deutsche für alle Zeiten von dieser Plage befreien können: Entwederschreibtmanalleszusammen,waszumBeispielinanderenSprachenwiedemThailändischenüblich ist, o d e r a b e r m a n f ü h r t z w i s c h e n a l l e n B u c h s t a b e n e i n L e e r z e i c h e n e i n , k a u m w e n i g e r g u t l e s b a r. Beide Reformvorschläge haben den Vorzug, dass sie sich in Textverarbeitungsprogrammen automatisieren lassen, auch unsere Toitschleerer können sich wieder auf Wesentlicheres konzentrieren.
Ein drittes, dem Ingenieur unlängst aufgefallenes, deutschsprachiges Ärgernis ist der gedankenlose Umgang mit den Wörtern der Generationenfolge. Wie leicht rutschen einem die Vorgänger und Nachfolger durch die Lippen, obwohl sie doch keinesfalls entgegengesetzte Begriffe sind. Nein, dann müsste man nämlich den Vorfolger und den Nachgänger verwenden! Aber auch der Vorfahr und der Nachfahr sind kaum besser, denn zwischen ihnen müsste ja der Fahr bzw. die Fahren leben. Und vollkommener Nonsens entsteht bei der Verwendung des Gegenteils von Nachkommen. Ich habe noch keinen Friedhofsbesucher kennengelernt, der gesagt hat, „dort liegen meine Vorkommen”.
Wie kann man hier die deutsche Sprache verbessern? Die erste Möglichkeit besteht darin, aus den Vor- und Nachfahren die Vor- und Nachfahrer zu machen. Dann leben heute die Fahrer, und das beschreibt den Zustand hierzulande sicherlich ziemlich gut. Wenn man aber berücksichtigt, dass man früher nicht so schnell unterwegs war, bieten sich eher etwas langsamere Verben an, z.B. sitzen, stehen, gehen. Also meine Vorsitzer, Vorsteher, Vorgeher, die Nachsitzer, Nachsteher, Nachgeher. Da sich allerdings die Zeitläufte in der Zukunft weiter beschleunigen werden, sollte vielleicht vollkommen von Verben der Bewegung abgesehen und die reine Existenz zum Sprachgrund gewählt werden. So ist mein endgültiger Vorschlag: Der Vorwar, die Vorwaren, der Nachwird, die Nachwerden. Heute leben dann die Bins und die Sinds. Das ist bereits in Gebrauch, z.B. am Telefon: „Hallo, ich Bins!”.
Man sieht also, aus der Sicht eines Ingenieurs gebt es noch eine Menge an der Sprache zu schrauben, bis sie endlich doppelplusgut geschreibt wird.
Kategorien: Guter Deutsch
Donnerstag, 26.Mai 2005




