Irrt die Physik?

„Irrt die Physik? Über alternative Medizin und Esoterik” ist der Titel eines Buchs von Martin Lambeck. Er ist emeritierter Physikprofessor und Mitglied der Gesellschaft zur Wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften (GWUP).

Warum beschäftigt sich ein Physiker mit Homöopathie, Wünschelruten, Erdstrahlen, Feng Shui, etc.? Der Grund besteht darin, dass die mögliche Existenz solcher Phänomene das Selbstverständnis der Physik betrifft. Martin Lambeck schreibt:
Seit 1687, dem Erscheinungsjahr von Newtons „Principia”, erhebt die Physik den Anspruch, alle Kräfte der unbelebten Materie in Raum und Zeit vollständig erklären zu können. Dieser Anspruch ist universal; er umfasst die Erde und den (im astronomischen Sinne verstandenen) Himmel. … Das Lehrgebäude der Physik besteht aus Sätzen mit einem absoluten Perfektionsanspruch: Es darf nicht den geringsten inneren oder äußeren Widerspruch geben. Ein innerer Widerspruch ist einer zwischen verschiedenen Aussagen der Physik. … Ein äußerer Widerspruch ist einer zwischen einem Satz der Physik und der Erfahrung. Absolut bedeutet, dass auch nicht die geringste Ausnahme zugelassen wird.
Die Wissenschaftstheorie, wie sie zum Beispiel von Karl Popper formuliert wurde, bietet der Physik und den anderen Naturwissenschaften eine bewährte Vorgehensweise. Martin Lambeck hebt dabei besonders die Bedeutung der folgenden drei Begriffe hervor:
  • Vermutung: Damit sind aufgestellte Theorien gemeint, die unseren gegenwärtigen Kenntnisstand zusammenfassen, und die Voraussagen für Effekte und Vorschläge für Experimente machen, die noch nicht bekannt bzw. noch nicht durchgeführt worden sind.
  • Bewährung: Bestätigen nach der Formulierung einer Theorie durchgeführte Experimente diese Theorie, dann gilt sie als „bewährt”, sie konnte nicht „falsifiziert” werden. Man kann jedoch nicht davon sprechen, dass die Theorie „wahr” ist, weil es ja keine Garantie dafür geben kann, dass in der Zukunft nicht Dinge gefunden werden, die im Rahmen dieser Theorie innere bzw. äußere Widersprüche ergeben.
  • Test: Damit sind genau die Experimente bzw. Naturbeobachtungen gemeint, die eine Möglichkeit der Falsifizierung der Theorie beinhalten.
Durch Aussagen alternativer Medizinrichtungen und der Esoterik ist die Physik in ihrem selbstformulierten Universalitätsanspruch betroffen, im Klappentext des Buchs liest man:
Viele Überzeugungen der alternativen Medizin und Esoterik stellen eine extreme Herausforderung der heutigen Wissenschaft dar. Wenn ihre zentralen Aussagen, insbesondere die der Homöopathie und der anthroposophischen Medizin, zutreffen, muss die heutige Physik in wichtigen Aspekten falsch oder doch zumindest grob unvollständig sein.
Man kann auf diese Herausforderung auf verschiedene Weise reagieren:
  • Entweder betrachtet man esoterische Behauptungen von vornherein als Nonsens und lehnt eine Beschäftigung mit ihnen kategorisch ab. Dann muss man aber unter Umständen mit einem ständigen Ärgernis leben. Zum Beispiel lässt das derzeitige deutsche Arzneimittelgesetz homöopathische und anthroposophische Medikamente zu, obwohl deren tatsächliche Wirkung im Gegensatz zu schulmedizinischen Präparaten nicht bewiesen ist.
  • Oder man nimmt die Herausforderung an und versucht mit dem vollen wissenschaftlichen Instrumentarium eine Falsifizierung der Behauptungen. Das kann man unabhängig vom letztendlichen Ergebnis aus Sicht der Wissenschaft durchaus als Chance betrachten. Ein Beispiel ist die Entdeckung der Radioaktivität. Ausgangspunkt war hier die Beobachtung, dass bestimmte Mineralien eine unbekannte Strahlung aussenden, die zu Schwärzungen auf Fotoplatten führte. Damals waren nur zwei physikalische Kräfte bekannt, Gravitation und Elektromagnetismus. Die Analyse der neuen Strahlung führte in letzter Konsequenz zu den beiden Formen der starken bzw. schwachen Kernkraft. A priori können nur esoterische Theorien, die keinerlei Möglichkeiten einer Falsifizierung bieten, sofort als unwissenschaftlich zurückgewiesen werden.

Martin Lambeck ist Physiker, deshalb beschränkt er sich bei seinen Analysen und Vorschlägen für Experimente auf Behauptungen, die sich mit physikalischen, physikalisch-chemischen und statistischen Methoden durchführen lassen. Geistheilung durch Handauflegen kann zum Beispiel nicht unter einem physikalischen Aspekt analysiert werden, Heilung durch das Betrachten des Fotos eines dem Heiler unbekannten Kranken, wenn auch dieser Kranke nicht erfährt, dass der Heiler sein Foto betrachtet, hingegen schon. Der zweite Fall unterscheidet sich vom ersten dadurch, dass es zwischen dem Heiler und dem Patienten eine Wegstrecke gibt, auf der die Energien o.ä. übertragen werden müssen.

Hier sagt die heutige Physik, dass es für die Wechselwirkung zwischen Teilchen nur vier Kräfte gibt: Gravitation, Elektromagnetismus, starke und schwache Kernkraft. Kann eine Heilwirkung nachgewiesen werden und gelingt die Erklärung mit einer der vier Kräfte nicht, dann ist die Auffassung von der alleinigen Existenz der vier genannten Kräfte falsch, die heutige Physik müsste in diesem Punkt erweitert werden.

Im Einzelnen untersucht Lambeck in seinem Buch folgende Gebiete:
  • Homöopathie nach Hahnemann
  • Homöopathieähnliche esoterische Heilverfahren (Anthroposophie nach Rudolf Steiner)
  • Parapsychologie (Bender, Lathan)
  • Erdstrahlen, Wünschelruten, Pendel, Feng Shui
  • Alternative physikalisch-medizinische Verfahren (darunter Orgontherapie nach Lassek, Elektroakupunkturdiagnose nach Voll und Bluttest nach Aschoff).
Die Untersuchung der Homöopathie nimmt im Buch den größten Teil ein. Sie ist auch deshalb besonders interessant, weil homöopathische Behandlungsmethoden und Medikamente einerseits zum Teil von den Krankenkassen und damit letztlich von uns allen bezahlt werden und andererseits viele Menschen von der Wirkung der Behandlungen und Medikamente überzeugt sind.

Das Buch hat meine Kenntnisse über Homöopathie bedeutend erweitert. Zum Beispiel weiß ich jetzt, dass eine homöopathische Behandlung nicht nur das Verschreiben entsprechender Medikamente beinhaltet, sondern auch und vor allem die ausführliche Beschäftigung des Arztes mit seinem Patienten. Außerdem gibt es unter dem Oberbegriff Homöopathie verschiedene Schulen. Einige dieser Richtungen lassen sich wissenschaftlich untersuchen, andere sind aufgrund ihres Ansatzes von vornherein unwissenschaftlich in dem Sinn, dass eine Falsifizierung ausgeschlossen ist.

Martin Lambeck schildert den Fall eines Journalisten, der der Meinung ist, mit Hilfe eines homöopathischen Medikaments von seiner Neurodetermitis geheilt worden zu sein. Im Gespräch Lambecks mit ihm stellte sich aber heraus, dass der Arzt in der mehrmonatigen Behandlung insgesamt 15 verschiedene Einzelmaßnahmen angewendet hat, darunter eine komplette Ernährungsumstellung. Es gab Änderungen im beruflichen Umfeld und einige familiäre Probleme des Journalisten wurden in dieser Zeit ebenfalls gelöst.

Für eine „physikalische” Untersuchung der Homöopathie müssen deshalb Experimente gefunden werden, die psychologische Effekte ausschließen. Das ist nicht leicht, da, wie bereits erwähnt, Homöopathie mehr als Medikamente umfasst, die ab einer bestimmten Verdünnungsstufe für den Chemiker nichts weiter als Leitungswasser enthalten.

Zum Beispiel schlägt Lambeck folgendes Experiment vor: Bei einem Bootsausflug werden an die Teilnehmer doppelblind entweder ein homöopathisches Medikament oder ein Placebo gegen die Seekrankheit ausgegeben. Nach der (in diesem Fall hoffentlich schaukelreichen) Seefahrt werden die Teilnehmer nach dem Grad ihrer Übelkeit befragt.

(Ein Placebo ist ein Medikament, dass keinen Wirkstoff enthält. Eine Studie heißt doppelblind, wenn weder der die Medikamente Verabreichende noch der Empfänger weiß, ob er das Medikament oder ein Placebo erhalten hat. Ist das Medikament in diesem Fall nicht wirkungsvoller als das Placebo, dann ist es selbst (für die untersuchte Krankheit) ein Placebo.)

Während des Lesens des Buchs ging mir die im Jahr 2002/2003 durchgeführte Akupunkturstudie der Krankenkassen nicht aus dem Kopf, obwohl sie im Buch nicht erwähnt ist. Akupunktur fällt wie das Heilen durch Handauflegen in die Klasse der Verfahren, deren psychologischer Wirkanteil nicht von dem physikalischen zu trennen ist. Solche Verfahren lassen sich nicht in einer wie auch immer gestalteten Doppelblindstudie untersuchen.

In dieser Akupunkturstudie wurden chronische Schmerzpatienten, die sich dafür freiwillig gemeldet hatten, in eine von drei Gruppen eingeteilt:
  • Eine Gruppe erhielt eine medikamentöse Schmerzbehandlung.
  • Die zweite Gruppe eine „echte” Akupunkturbehandlung.
  • Die dritte Gruppe wurde ebenfalls mit Nadeln gestochen, diese aber außerhalb der üblichen Akupunkturpunkte gesetzt.
Das Ergebnis war einigermaßen verblüffend:
Die Behandlungen in den drei Therapiegruppen wurden zwischen Februar 2002 und Dezember 2003 in orthopädischen und allgemeinmedizinischen Praxen durchgeführt. Nur wenige Patienten schieden innerhalb der Studienzeit aus, so dass eine allgemeingültige Aussage über die Ergebnisse sechs Monate nach der Behandlung vorgelegt werden konnte. Bei der Akupunktur nach der traditionellen chinesischen Medizin (TCM) ergab sich eine Erfolgsrate von 47,7%, für die gerac-Akupunktur (Sham) immerhin 44,2% und für die Standardtherapie nur 27,4%.
(TCM = Stechen in klassische Akupunkturpunkte, gerac = willkürliches Stechen, Standardtherapie = klassische Schmerzbehandlung.)

Wie kann ein solches Ergebnis interpretiert werden? Zunächst einmal verwundert das schlechte Abschneiden der Standardtherapie. Berücksichtigt man aber, dass sich die Probanden für eine Akupunkturstudie gemeldet hatten, weil sie bereits über Jahre wegen ihrer Schmerzen medikamentös behandelt wurden, dann ist ihre (psychologische) Enttäuschung verständlich. Wie sind jetzt aber die Ergebnisse der Gruppe zu deuten, bei denen die Nadeln an den „falschen” Stellen gesetzt wurden? Warum schneidet diese Gruppe nur wenig schlechter ab als die „echte” Akupunkturgruppe, aber immer noch besser als die medikamentöse Gruppe? Ein psychologischer Deutungsversuch: Bei der echten Akupunkturgruppe glauben sowohl Arzt als auch Patient an die Wirksamkeit der Behandlung, der Glaube des Arztes überträgt sich aufgrund seines Verhaltens, seiner Körpersprache auf den Patienten. Bei der „falschen” Akupunkturgruppe bleibt dem Patienten immer noch sein eigener Glauben an die Wirksamkeit.

Diese Studie ging mir beim Lesen des Buchs nicht aus dem Kopf, weil auch solche „Nebenwirkungen” bedacht werden müssen, wenn die Physik daran geht, den Nur-Placebo-Effekt vieler heutiger esoterischer Verfahren wissenschaftlich zu beweisen. Nach diesem Beweis hat man zwar wieder eine heile und widerspruchsfreie Physik, aber im Falle „entlarvter” Heilverfahren auch eine Menge enttäuschter und krankbleibender Patienten, denen zuvor allein durch ihren Glauben an die Wirksamkeit einer (physikalisch) unwirksamen Therapie hätte geholfen werden können.

Fazit: Im Klappentext heißt es: „… ein spannend-provokatives Buch …”. Für mich ist das Buch definitiv nicht provokant. In der Auseinandersetzung bzw. dem Dialog zwischen Wissenschaft und Esoterik fordert die Wissenschaft lediglich das, was innerhalb der Wissenschaft selbstverständlich ist:
  • Die Existenz eines Phänomens muss zweifelsfrei nachgewiesen werden.
  • Das Phänomen muss das betroffene Wissenschaftsgebiet tangieren.
  • Eine Erklärung mit den bereits bekannten Theorien der Wissenschaft (im Fall der Physik durch die vier bereits genannten Kräfte zwischen den Teilchen) muss nicht möglich sein.
Erst bei Vorliegen dieser drei Voraussetzungen ist die moderne Wissenschaft tatsächlich herausgefordert und muss eine Erweiterung ihrer Theorien vornehmen.

Kategorien: Bücher, Physik

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Kommentare hier ...

Die Grünen sind links.
Metepsilonema - 22. Juli, 22:34
Aufgrund der Komplexität des Themas...
Köppnick - 22. Juli, 07:50
Irgendetwas mit der url stimmte nicht. Wie...
Metepsilonema - 22. Juli, 01:07
Deine Links funktionieren nicht,
Köppnick - 21. Juli, 12:05
Hier findet man die beiden Artikel:
Metepsilonema - 21. Juli, 01:40
Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16