Paul Broks - Ich denke, also bin ich tot
Paul Broks ist Neuropsychologe, er lehrt und praktiziert in Plymouth und Birmingham. „Ich denke, also bin ich tot. Reisen in die Welt des Wahnsinns” ist sein erstes Buch. Es ist viel ernsthafter, als es der Titel vermuten lässt. Auf den ersten zweihundert Seiten wechseln sich Kapitel, in denen er Patientengeschichten erzählt, mit anderen ab, in denen seine eigenen Träume geschildert werden und solchen, in denen er sich in andere Personen hineinversetzt und aus deren Ich-Perspektive berichtet. Welcher Standpunkt gerade gültig ist, muss man beim Lesen der ersten Zeilen jedes Abschnittes selbst herausfinden. Das Buch fesselt ungemein, zum Beispiel habe ich dort erfahren, dass es so etwas wie Zombies tatsächlich gibt. Broks berichtet von einer Patientin, zu deren Krankheitsbild der Epilepsie es gehört, dass ihr Bewusstsein ab und zu eine Auszeit nimmt. Sie läuft weiter umher, füttert die Katze, fährt Bus, ja sie war sogar in einem solchen Zustand bei der Hochzeit einer ihrer Töchter, hat daran aber keinerlei Erinnerung.
Er schildert Untersuchungen, bei denen vor chirurgischen Eingriffen beide Gehirnhälften wechselseitig betäubt werden, um dadurch die Verteilung von Fähigkeiten in der jeweils unbetäubten anderen Hälfte kennenzulernen. Gerade bei Patienten mit Schädigungen muss der aktuelle Zustand sehr sorgfältig untersucht werden, um durch die Operationen nicht weitere Verschlechterungen zu riskieren.
Fasziniert haben mich seine Vorschläge, außerkörperliche Erfahrungen zu machen. Im Allgemeinen ist es ja so, dass wir empfinden, dass unser „Ich” an der Grenze unseres Körpers endet. Eines seiner Experimente geht so:
Sie brauchen einen Freund und einen Tisch. Setzen Sie sich an den Tisch und schieben sie eine Hand darunter, so dass sie nicht mehr zu sehen ist. Jetzt soll Ihr Freund auf die Tischplatte klopfen und darüber streichen, während er gleichzeitig auf ihre verborgene Hand klopft und darüber streicht. Es ist von entscheidender Bedeutung, dass Sie nicht sehen, was unter dem Tisch vor sich geht - täten Sie es, wäre die ganze Sache zwecklos. Während Sie die Hand ihres Freundes über dem Tisch beobachten, sollten Sie allmählich das Gefühl haben, die Empfindung des Klopfens und Streichens werde durch den Tisch verursacht. … Sie wissen auf der Ebene des Verstandes, dass sich die Tischplatte außerhalb Ihres Körpers befindet, aber es fühlt sich nicht so an. Die Erfahrung des Phänomens schiebt sich über die rationale Analyse.Zeitweilig verliert man über einer Vielzahl solcher und ähnlicher Schilderungen den Überblick über das eigentliche Thema des Buchs: Die rätselhafte Beziehung zwischen unserem Gehirn und unserem Bewusstsein. Wo sitzt das „Ich” im Gehirn, wieso hat man morgens nach dem Erwachen das Gefühl, dass man immer noch dieselbe Person ist? Wieso bleibt diese Kontinuität über Jahre erhalten, obwohl doch nach einiger Zeit alle Atome im Körper ausgetauscht wurden, während man sich trotzdem an manche Begebenheit aus der Vergangenheit mühelos erinnern kann?
Der Wissenschaftler Broks bezieht hier eine radikal materialistische Position. Das „Ich” selbst ist für ihn nur eine Illusion, ja existiert gar nicht. Dieser Standpunkt gipfelt in den letzten Abschnitten in einer Geschichte, die ein typisches Thema aus dem Science-Fiction-Bereich aufgreift. Nach einer Teleportation wird das Original nicht vernichtet, so dass ab diesem Zeitpunkt zwei Wesen existieren, die zum Zeitpunkt der Erzeugung der Kopie über ein identisches Bewusstsein verfügt haben müssen. Nach den gültigen Gesetzen (seiner Zukunft) muss das Original vernichtet werden und führt zuvor lange Gespräche mit dem Teleporteur, der gleichzeitig Überbringer der schlechten Nachricht, Arzt, Exphilosoph und selbst überlebende Kopie einer solchen gescheiterten Übertragung ist.
Im letzten Abschnitt werden einige Literaturempfehlungen gegeben, die zum Teil (in der deutschen Übersetzung) nicht älter als von 2002 sind, Paul Brooks Buch ist 2003 in englisch, 2004 in deutsch erschienen.
Wenn von einer Metaebene mein Ich mein Ich betrachtet, dann stellt es fest, dass mit jedem neuen wissenschaftlichen Buch, dass ich lese und in dem die Dualität von Geist und Materie negiert wird, sich mein persönliches Empfinden dem Dualismus oder zumindest dem Emergenzialismus zuneigt. Im Falle diesen Buchs ist es die Geschichte von der Teleportation. So wie der Psychologe Broks sich die Physik vorstellt, ist sie nicht und wird sie auch niemals sein. Diese Form der Übertragung und Duplizierung ist quantenmechanisch nicht möglich. Warum ist der Natur diese Grenze eingebaut?
Und eigentlich kann auch Brooks sich nicht von der Illusion einer realen Existenz des Ichs freimachen. In einem der letzten Kapitel berichtet er über die Krebserkrankung seiner Frau und die Verzweiflung, die beide dabei empfinden. ich glaube auch kaum, dass man ein Buch so enden lassen würde wie er, wenn man dem Ich und seinem eigenen Tod gleichgültig gegenüber stehen würde:
"Wir haben also", sagte ich, „nur das eine Leben?” "Ich fürchte ja", antwortete sie. "Mach lieber das Beste draus."Kategorien: Bücher, Gehirn & Geist
Montag, 30.August 2004




