Der Goldfisch

Der Goldfisch war schon alt, so alt, dass die schöne goldene Farbe an seinem Bauch zu verblassen begann und einem silbrigen Weiß Platz gemacht hatte. Groß und dick war er auch, der größte Fisch in seinem Aquarium. Bis vor wenigen Wochen hatte es hier einen noch größeren und dickeren Goldfisch gegeben, seinen Bruder. Dieser war aber eines Morgens einfach nicht mehr aufgewacht, tot hatte er auf dem Grund des Beckens gelegen. Dieser Bruder hatte einen völlig anderen Charakter als unser Goldfisch gehabt, er war ein richtiger Draufgänger, Weiberheld und Fresssack gewesen. Dieses ausschweifende Leben hatte ihm wahrscheinlich vorzeitig das Leben gekostet.

Im Gegensatz zu seinem unbekümmerten Bruder war unser Goldfisch ein zurückhaltender Geselle. Zeitlebens blieb er etwas kleiner und dünner als sein Bruder, weil er ständig zu den Mahlzeiten zu spät kam und sich nie von den schweren Problemen lösen konnte, die er unablässig in seinem kleinen Gehirn wälzte. Zum Beispiel hatte er sich neulich darüber gewundert, dass das Aquarium im Laufe seines Lebens immer kleiner zu werden schien. Gestern hatte er es erneut mit seinem Körper ausgemessen: 15 Goldfischlängen mal 8 Goldfischlängen mal 7 Goldfischlängen. Dabei konnte er sich noch gut daran erinnern, dass es in seiner Jugend viel größer gewesen war!



Unser Goldfisch war wirklich sehr sehr grüblerisch veranlagt, vor allem wenn man bedenkt, dass Fische im Allgemeinen und große und dicke Goldfische im Besonderen wenig zum Philosophieren neigen. Jetzt, wo der Bruder des Goldfischs gestorben war, verstärkte sich seine Neigung zu nutzlosen Gedanken weiter. Stundenlang lag der Goldfisch auf dem höchstgelegenen Blatt der rotgrünen Schwertpflanze einfach herum, ließ sich von der über dem Aquarium hängenden Lampe bescheinen und schaukelte im sanften Wasserstrom, den die Pumpe des Filters im Becken erzeugte.



Von diesem höchstgelegenen Blatt der rotgrünen Schwertpflanze hatte der Fisch den besten Blick auf die anderen Bewohner seines Beckens. Meistens sah er den bunten Guppymännchen zu, die sich um die Gunst ihrer zahlreichen Weibchen bemühten, ab und zu beobachtete er verständnislos das Wühlen der Welse im Schlamm. Je älter er wurde, desto mehr nervte ihn das geschäftige Treiben ringsum, kein anderer Fisch schien sich für etwas anderes als Fressen und Sex zu interessieren.



Ganz anders unser Goldfisch. Bereits als er noch klein gewesen war, hatte er sich für das Wesen Gottes interessiert. Jeden Abend, etwa eine Stunde vor Einbruch der Nacht, erschien dieser am Rande des Beckens. Zu diesem Zeitpunkt lohnte es sich auch für den größten und dicksten Fisch, eilig herbeizuschwimmen und ihn zu begrüßen. Im Laufe seines Lebens hatte der Goldfisch gelernt, dass die Futterportionen üppiger ausfielen, wenn die Aquarienbewohner ein stärkeres Interesse an Gott zeigten, eifriger in seine Richtung schwammen und gefälligere Pirouetten im Wasser drehten.

Gott war es auch, der am Abend des Tages, an dem der ältere Bruder unseres Fisches gestorben war, diesen zu sich nahm. Unser Goldfisch konnte jedenfalls deutlich erkennen, wie sein toter Bruder von Gott in den Himmel gehoben wurde. Die anderen Fische hatten sich versteckt, nicht so aber der Goldfisch, der seinen Bruder bis zur Wasseroberfläche begleitete. Seit diesem Tage hatte sich die grüblerische Neigung des Goldfischs und sein Hang zu Schwermut und Depression noch gesteigert. Unablässig sann er über den Sinn des Lebens nach und versuchte zu ergründen, wohin denn nun alle seine Goldfischverwandten gekommen waren, deren Sterben er erlebt und deren Himmelfahrt er beobachtet hatte.

Ab und zu kamen neue Fische ins Becken, die Geschichten von anderen Aquarien erzählten, die manchmal kleiner, manchmal aber auch viel größer waren als das einzige Becken, das unser Goldfisch in seinem Leben kennen gelernt hatte. Er war sich nicht sicher, konnte er diesen Geschichten glauben schenken? Und welche Rolle spielte Gott dabei, der alle neuen Fische persönlich in das Becken des Goldfischs gebracht hatte?



Eine unglaubliche Geschichte hatte er vor einigen Tagen von den Saugschmerlen gehört, die nach dem Tod seines Bruders in das Becken gekommen waren. Sie berichteten, dass sie in einem so großen Wasser zur Welt gekommen waren, dass sie niemals bis an seinen Rand schwimmen konnten. Außerdem gab es dort Fische, die andere Fische fraßen, und sogar außerhalb des Wassers wollten sie Lebewesen beobachtet haben! Immer und immer wieder erzählten die Saugschmerlen von der großen Freiheit, die sie so sehr vermissten und in die sie unbedingt zurückkehren wollten.

Mit der Zeit begann der Goldfisch, den Schmerlen zu glauben. Ab und zu gelang es einer von ihnen, durch ein kleines Loch in der Abdeckung zu springen und so in die Feiheit zu gelangen. Dass niemals eine von ihnen zurückkehrte, überzeugte den Goldfisch allmählich davon, wie herrlich es im Reich Gottes, in der Freiheit sein musste. Seine eigenen Versuche, aus dem Becken zu kommen, scheiterten aber. Denn der dicke Goldfisch passte nicht durch das kleine Loch, dass die Schmerlen zur Flucht benutzten.

Eines Abends, nachdem Gott seinen täglichen Besuch bei den Fischen gemacht hatte, bemerkte unser großer und dicker Goldfisch, dass die Deckscheibe des Beckens weit offen stand. Und hatte nicht gerade eben Gott dem Goldfisch zugeblinzelt? Der Goldfisch war verwirrt. Er lag wieder auf seinem Lieblingsplatz, dem höchstgelegenen Blatt der rotgrünen Schwertpflanze, beschienen von der über dem Becken hängenden Lampe, sanft umströmt vom Wasser aus dem Filter und dachte nach. Was sollte dieses Zeichen bedeuten, was war der Sinn der Prüfung? Wollte Gott sehen, ob der Goldfisch der Verlockung des Paradieses widerstehen konnte oder wollte er ihn im Gegenteil zu sich rufen? Der Goldfisch war ratlos.

Am Abend erlosch die über dem Aquarium scheinende Lampe, die Fische begaben sich zur Nacht. Doch der Goldfisch fand keinen Schlaf. Durch das Mondlicht blieb es hell, ruhelos schwamm der Fisch auf und ab. Mitten in der Nacht fasste er den Entschluss: "Egal was kommt, ich springe jetzt!" Mehrfach probte er den Anlauf, bevor er mit einem gewaltigen Platsch durch die Wasseroberfläche brach.

"Wie schön das ist und wie schwerelos ich bin", dachte der Goldfisch als er in hohem Bogen außen an seinem Becken vorbeisauste. "Ich bin in Freiheit!" Dann schlug er auf dem Teppich auf. Es tat nicht sehr weh, aber es erinnerte den Goldfisch an die bewährte Regel, ab und zu einen kräftigen Kiemenzug zu nehmen. Der Goldfisch probierte es einige Male, immer weiter sein Maul aufreißend, es wollte einfach nicht klappen. Das Wasser Gottes war sehr dünn. Bald bereute der Goldfisch seinen Entschluss, im Aquarium war es vielleicht doch schöner. Er beschloss, ins Becken zurückzukehren. Mit einem kühnen Sprung versuchte er, das Aquarium zu ereichen. Es gelang ihm nicht. Wieder und wieder sprang er empor, doch der Beckenrand lag unerreichbar weit über ihm.

Mit seinen Augen konnte der Goldfisch zwar hier draußen im fast Dunklen nicht so gut sehen, aber die etwas weiter weg liegende Gestalt Gottes war trotzdem gut auszumachen. Gott lag etwas erhöht und lang ausgestreckt. Der Goldfisch sprang ein paar Mal in diese Richtung, in halber Entfernung verließen ihn endgültig die Kräfte. Er blieb erschöpft liegen. Auf einmal sah er den Tunnel mit dem Licht. Aus dem Tunnel überflutete ihn eine Woge klaren Wassers. Aus dem Tunnel sah er seinen Bruder auf sich zuschwimmen, dahinter eine nicht enden wollende Reihe weiterer Fische, die er vor langer Zeit gekannt hatte. Dann starb der Goldfisch.

Am Morgen öffnete die Mutter die Tür des Zimmers, um den Jungen zu wecken, der zur Schule musste. Mitten auf dem Teppich lag ein toter Fisch, der letzte der Goldfische. Die Frau stieß einen Schrei aus, ihr Sohn saß daraufhin erschrocken im Bett. Als der den Fisch erblickte, fiel ihm wieder ein, dass er nachts aufgewacht und ein seltsames, immer wiederkehrendes Patschen gehört hatte. Wie gelähmt hatte er dagelegen, sich gefürchtet und gehofft, dass das Geräusch aufhören möge.

Der Junge heulte. Jeden Tag war er nach der Schule als erstes zum Aquarium geeilt, hatte die Deckscheibe beiseite geschoben und den herbeieilenden Fischen Futter ins Becken gegeben, auf das sie sich gierig gestürzt hatten. Der Goldfisch war sein Liebling gewesen, weil er der schönste Fisch im Becken war. Manchmal hatte der Junge lange vor dem Becken gesessen. Meistens hatte der Goldfisch auf dem Blatt einer Wasserpflanze gelegen, ab und zu war er auch an der Vorderscheibe hin- und hergeschwommen. Manchmal hatte der Junge das Gefühl gehabt, der Goldfisch schaue ihn direkt an und denke dabei über irgendetwas Wichtiges nach.

Die Mutter nahm eine Glühbirne heraus und gab ihrem Sohn die leere Pappschachtel. Dieser wickelte den kleinen Goldfisch vorsichtig in etwas Watte ein, steckte ihn in die Schachtel und trug sie in den Garten. Ein einziger Spatenstich genügte, und die kleine Pappschachtel verschwand in der feucht glänzenden Gartenerde. Die Mutter strich ihrem verheulten Sohn über die Haare. "Heute nachmittag, wenn du aus der Schule kommst, gehen wir in den Zooladen und kaufen einen neuen Goldfisch", sagte sie zu ihm, gab ihm den Ranzen in die Hand und begleitete ihn zum Gartentor.



Als an diesem Tag im Aquarium das Licht anging, bemerkten die andere Fische sofort das Fehlen des Goldfischs. "Hat sich wirklich davongemacht, der alte Trottel", sprachen die Guppys und setzten die tägliche Balzerei um ihre Weibchen fort. "So ein Blödsinn", murmelte ein Wels, "als ob es hier nicht schön genug wäre."

Am Abend, als sich wie jeden Tag die Deckscheibe öffnete, um den Platz für das Futter freizugeben, wurde eine Plastiktüte ins Becken hinabgelassen. Mit einem Schwapp gelangten zwei kleine Goldfische ins Wasser, die sich sofort ängstlich hinter der rotbraunen Schwertpflanze in Sicherheit brachten. Die wenigen verbliebenen Schmerlen grübelten. "Scheint ja doch was dran zu sein an den Gerüchten über die Wiedergeburt. Wo sollten sie sonst herkommen, diese merkwürdigen Fische, die wir noch niemals in freier Wildbahn gesehen haben. Komisch nur, dass bis heute noch keine einzige Schmerle zurückgekehrt ist."

Kategorien: Natur

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Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33