Die Plejaden
Müde ging Köppnick in der Dämmerung den Weg hinunter. Die ganze Nacht hatte er auf dem Berg verbracht und mit seinem Teleskop den Meteoritenschwarm aus Richtung der Plejaden beobachtet, der fantastische Lichteffekte in der Atmosphäre hervorrief. Meistens stellte er das Fernrohr im Garten auf, aber die Beobachtungsbedingungen, etwas weiter von der Stadt und ihrem Licht entfernt, waren einfach besser. Er hatte sich die aufgenommenen Bilder noch nicht anschauen können, aber er war sich sicher, dass ihm einige spektakuläre Fotografien gelungen waren, mit denen er die Freunde im Astroclub beeindrucken konnte. Der Plejadenschwarm war in diesem Jahr das Gesprächsthema Nummer eins, ein so heftiges Bombardement kleinerer und größerer Gesteinsbrocken hatte die Erde seit langem nicht mehr erlebt.
Plötzlich versperrte ihm im Schnee ein riesiger knurrender und die Zähne fletschender Hund den Weg. Der völlig in Gedanken versunkene Köppnick erschrak furchtbar. Ein so großes Tier hatte er hier noch nie gesehen. Der Hund gehörte keiner Rasse an, die Köppnick kannte. Der ganze Körper war vollkommen haarlos, fleckig und sah wie eine einzige große vernarbte Brandwunde aus. In Kontrast zu diesem fürchterlichen Aussehen und dem martialischen Auftreten standen die großen blauen Augen des Hundes, von denen sich der Mann durchleuchtet fühlte.
Später konnte Köppnick nicht sagen, woher die Frau so plötzlich gekommen war, die vor ihm auf dem Weg stand. Er hatte auch vollkommen vergessen, ob sie den Hund zur Ordnung rief oder an die Leine nahm. Ja er konnte sich nicht einmal daran erinnern, ob der Hund danach noch da oder überhaupt verschwunden war.
Mit den ersten Worten der Unbekannten wusste Köppnick, dass er seine Traumfrau gefunden hatte. Sie bewegte die Lippen beim Sprechen kaum, es schien ihm, als ob ihre Stimme direkt in seinem Kopf erklingen würde. Es war immer noch etwas dämmrig, sodass er nicht alle Einzelheiten erkennen konnte, ihre Gestalt hob sich nur unscharf vom Hintergrund ab und schien an einigen Stellen mit der Dunkelheit des Waldes zu verschmelzen. Er war so von der Erscheinung überwältigt, dass er sich später nur an ihren ersten Satz erinnern konnte, „Hab keine Angst, es passiert dir nichts”. Den Rest des Gesprächs vergaß er vollkommen.
Wenige Tage später kam sie ihn zum ersten Mal besuchen, im nachhinein wunderte sich Köppnick über seinen plötzlichen Mut sie einzuladen. Er lebte seit Jahren allein in einem alten Haus, dass seine Mutter ihm hinterlassen hatte. Als alter Junggeselle bekam er nur selten Besuch. Er galt bei seinen Kollegen als zwar zuverlässiger, aber etwas versponnener Einzelgänger, den außer seinen Hobbys wie Astronomie, alte Bücher und ab und zu eine Partie Schach, die er mit irgendeinem Gegner im Internet spielte, kaum etwas anderes zu interessieren schien.
In den Tagen zuvor hatte er versucht, die Spuren der jahrelangen Vernachlässigung seines Hauses und des Mobiliars zu beseitigen, es war ihm aber nicht besonders gut gelungen. In realistischer Einschätzung seiner Fähigkeiten hatte er gar nicht erst versucht, etwas zu kochen, sondern hatte gleich einen entsprechenden Service bestellt. Die Frau schien seine Unsicherheit kaum wahrzunehmen, auf ihn wirkte sie so überwältigend wie bei ihrer ersten Begegnung. In der Helligkeit der im Haus brennenden Lampen konnte Köppnick sie zum ersten Mal genauer betrachten. Ihr Aussehen und ihr gesamtes Wesen entsprachen genau dem, was er sich in seinen langen einsamen Nächten immer herbeigeträumt hatte, ihm jedoch in seinem eintönigen und regelmäßigen Leben niemals begegnet war. Wenige Tage später zog sie bei ihm ein.
Für Köppnick bedeutete es eine große Umstellung. Wenn er früh aufwachte, war sie da, umsorgte ihn liebevoll, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kam, erwartete sie ihn, die Abende vergingen mit interessanten Gesprächen sehr schnell. Im Laufe der Zeit erzählte er ihr alles aus seinem Leben. Nach und nach verwandelte er sich in einen charmanten Plauderer, der selbst die unwichtigsten Kleinigkeiten seines ereignisarmen Lebens zu interessanten Geschichten aufblasen konnte. Niemals unterbrach oder verspottete sie ihn, immer hörte sie ihm aufmerksam zu, nickte ab und an und stellte Fragen, wenn sein Redefluss abzubrechen drohte. Köppnick war so verliebt, dass er nicht wahrnahm, dass er andererseits aus ihrem Leben überhaupt nichts erfuhr. Auf die Frage, woher seine Frau gekommen war und womit sie ihre Tage verbrachte, hätte er keine Antwort gewusst. Aber sein Glücksgefühl war in dieser Zeit so vollkommen, dass ihm diese Frage niemals in den Sinn kam.
Auf Außenstehende hätte das Paar einen seltsamen Eindruck gemacht, ein immer etwas hilflos und verlegen dreinschauender Mann und eine Frau von beinahe überirdischer Schönheit und Transparenz, die stets zu schweben schien. Bei ihrem Anblick hätte man sich unwillkürlich gefragt, was die beiden so unterschiedlichen Wesen aneinander band. Der eifersüchtige Köppnick vermied es aber sorgfältig, seinen Bekannten und Kollegen von seiner neuen, ja eigentlich ersten Eroberung seines Lebens zu erzählen. Auch die Veränderungen in seinem Verhalten und seinem gesamten Wesen entgingen ihnen völlig, da jeder von ihnen mit seinen eigenen Angelegenheiten und dem hektischen Alltag ausgefüllt war. Auch die Freunde im Astroclub bemerkten nicht, dass Köppnick immer seltener zu den Clubabenden kam.
Die größten Veränderungen geschahen in Köppnicks Träumen. Bereits in seiner Jugend hatte er von Zeit zu Zeit die Empfindung des Fliegens gehabt. Aus diesen Träumen war er jedes Mal mit einem entsetzten Schrei erwacht, weil jeder mit einem erst durch das Aufwachen unterbrochenen Sturz zur Erde geendet hatte. Das wurde jetzt vollkommen anders. Seine neuen Träume begannen immer gleich. Köppnick hatte das Gefühl aufzuwachen und es schien ihm, als ob die neben ihm liegende Frau, ihn unverwandt ansehend immer durchsichtiger und zugleich größer wurde. Am Schluss nahm sie den ganzen Raum um ihn herum ein, das schwache blaue Leuchten ihrer Augen verblasste, an den Wänden oszillierten Lichtreflexe. Köppnicks Körper löste sich in ihrem Nebel wie Zucker in einer Flüssigkeit auf, er fühlte sich sanft von ihr empor gehoben. Die Wände und Decken des Hauses setzten beiden keinen Widerstand entgegen, zusammen glitten sie hinaus und gewannen mit zunehmender Höhe an Geschwindigkeit.
Köppnick wunderte sich über die völlige Lautlosigkeit ihrer Flüge, er sah Bilder, die er bisher nur von den Luft- oder Satellitenaufnahmen kannte, mit denen die Wände des Astroclubs geschmückt waren. Von Nacht zu Nacht dauerten seine Träume länger und wurden immer intensiver. Gemeinsam verließen sie die Erde, die unter ihnen zu einer kleinen Kugel zusammenschrumpfte. Er hatte auch das Gefühl, dass sich sein Raum- und Zeitempfinden änderte, Sonne und Planeten bewegten sich manchmal wie im Zeitraffer, manchmal erstarrten sie in ihrer Bewegung. Einige Sternbilder sah er so, wie sie sich vor Jahrmillionen dargestellt oder wie sie erst in Jahrmillionen am Himmel zu sehen sein würden.
Äußerlich änderte sich sein Leben kaum. Tag für Tag erschien er im Büro und stellte sein altes Fahrrad unabgeschlossen in der Einfahrt des Gebäudes ab. Zwar machte er einen abwesenderen Eindruck als sonst, und manchmal schrak er auch wie aus tiefer Versunkenheit auf, wenn eine Frage an ihn gestellt wurde, aber im Großen und Ganzen erschien allen sein Verhalten nicht besonders ungewöhnlich.
Im Astroclub diskutierten sie die letzte Ausgabe der Physikalischen Rundschau mit einem ausführlichen Bericht über den diesjährigen Plejadenschwarm. Ein junger Physiker hatte dort anhand der neuesten Beobachtungsdaten Berechnungen angestellt und glaubte beweisen zu können, dass der Schwarm nicht aus unserem Sonnensystem stammte, sondern lediglich auf seinem Weg durchs All vom Schwerfeld der Sonne eingefangen worden war.
Köppnick erfuhr davon nichts, er war seit langer Zeit nicht mehr im Club gewesen, die langweiligen Gespräche mit den Sternenfreunden interessierten ihn nicht mehr. Ab und zu verschwand seine Frau für ein paar Tage, ohne ihm vorher Bescheid zu geben. Köppnick war davon wenig beunruhigt, wusste er doch, dass sie zu ihm zurückkehren würde. In diesem Winter gab es besonders viele klare und wolkenlose Nächte. Allein zu Hause, stellte er sein Teleskop im Garten vor dem Haus auf. Dick eingemummelt beobachte er sein Lieblingssternbild, das Siebengestirn, und bewunderte das blaue Leuchten der Nebel, die in der Nähe dieses Sternbilds zu finden sind. Lange nach Mitternacht baute er sein Fernrohr ab und schlief den Rest der Nacht fest und traumlos.
Irgendwann im Frühjahr erschien Köppnick nicht mehr zur Arbeit. Ein paar Tage fiel das nicht weiter auf, sodass sich später nicht rekonstruieren ließ, ab wann er genau gefehlt hatte. Die Polizei brach sein Haus auf. Sie konnte jedoch keine Hinweise auf einen Selbstmord oder ein Verbrechen finden. Alle Fenster und Türen des Hauses waren verschlossen, im Schuppen stand sein gegen die Wand gelehntes Fahrrad. Daneben sein Fernrohr, mit einer leichten Schmutzkruste am Stativ, so als wäre es hastig aus dem Garten in den Schuppen geschleppt worden, ohne die anhaftenden Erdklumpen zu entfernen.
Das Bettlaken auf seiner Seite des Doppelbetts im Schlafzimmer war zerwühlt, Köppnick könnte sich eine Zeitlang schlaflos darauf gewälzt haben und war dann vielleicht nur kurz in die Küche gegangen, um ein Glas Wasser zu trinken. Nach einiger Zeit legte die Polizei den Fall ohne neue Erkenntnisse zu den Akten. Köppnick hatte keine Kinder gehabt, keine Erben, und seine Eltern waren schon vor langer Zeit verstorben. Das Haus fiel an die Stadt, die es an ein junges Ehepaar mit zwei Kindern verkaufte. Köppnicks Firma stellte einen neuen Mitarbeiter ein. Ein Jahr später funkelte das Sternbild der Plejaden schön wie eh und je vom Winterhimmel. Nur einen so starken Meteoritenschauer, wie in dem Jahr, in dem Köppnick verschwand, hat es seitdem nicht mehr gegeben.
Kategorien: Köppnicks Welt
Plötzlich versperrte ihm im Schnee ein riesiger knurrender und die Zähne fletschender Hund den Weg. Der völlig in Gedanken versunkene Köppnick erschrak furchtbar. Ein so großes Tier hatte er hier noch nie gesehen. Der Hund gehörte keiner Rasse an, die Köppnick kannte. Der ganze Körper war vollkommen haarlos, fleckig und sah wie eine einzige große vernarbte Brandwunde aus. In Kontrast zu diesem fürchterlichen Aussehen und dem martialischen Auftreten standen die großen blauen Augen des Hundes, von denen sich der Mann durchleuchtet fühlte.
Später konnte Köppnick nicht sagen, woher die Frau so plötzlich gekommen war, die vor ihm auf dem Weg stand. Er hatte auch vollkommen vergessen, ob sie den Hund zur Ordnung rief oder an die Leine nahm. Ja er konnte sich nicht einmal daran erinnern, ob der Hund danach noch da oder überhaupt verschwunden war.
Mit den ersten Worten der Unbekannten wusste Köppnick, dass er seine Traumfrau gefunden hatte. Sie bewegte die Lippen beim Sprechen kaum, es schien ihm, als ob ihre Stimme direkt in seinem Kopf erklingen würde. Es war immer noch etwas dämmrig, sodass er nicht alle Einzelheiten erkennen konnte, ihre Gestalt hob sich nur unscharf vom Hintergrund ab und schien an einigen Stellen mit der Dunkelheit des Waldes zu verschmelzen. Er war so von der Erscheinung überwältigt, dass er sich später nur an ihren ersten Satz erinnern konnte, „Hab keine Angst, es passiert dir nichts”. Den Rest des Gesprächs vergaß er vollkommen.
Wenige Tage später kam sie ihn zum ersten Mal besuchen, im nachhinein wunderte sich Köppnick über seinen plötzlichen Mut sie einzuladen. Er lebte seit Jahren allein in einem alten Haus, dass seine Mutter ihm hinterlassen hatte. Als alter Junggeselle bekam er nur selten Besuch. Er galt bei seinen Kollegen als zwar zuverlässiger, aber etwas versponnener Einzelgänger, den außer seinen Hobbys wie Astronomie, alte Bücher und ab und zu eine Partie Schach, die er mit irgendeinem Gegner im Internet spielte, kaum etwas anderes zu interessieren schien.
In den Tagen zuvor hatte er versucht, die Spuren der jahrelangen Vernachlässigung seines Hauses und des Mobiliars zu beseitigen, es war ihm aber nicht besonders gut gelungen. In realistischer Einschätzung seiner Fähigkeiten hatte er gar nicht erst versucht, etwas zu kochen, sondern hatte gleich einen entsprechenden Service bestellt. Die Frau schien seine Unsicherheit kaum wahrzunehmen, auf ihn wirkte sie so überwältigend wie bei ihrer ersten Begegnung. In der Helligkeit der im Haus brennenden Lampen konnte Köppnick sie zum ersten Mal genauer betrachten. Ihr Aussehen und ihr gesamtes Wesen entsprachen genau dem, was er sich in seinen langen einsamen Nächten immer herbeigeträumt hatte, ihm jedoch in seinem eintönigen und regelmäßigen Leben niemals begegnet war. Wenige Tage später zog sie bei ihm ein.
Für Köppnick bedeutete es eine große Umstellung. Wenn er früh aufwachte, war sie da, umsorgte ihn liebevoll, wenn er abends von der Arbeit nach Hause kam, erwartete sie ihn, die Abende vergingen mit interessanten Gesprächen sehr schnell. Im Laufe der Zeit erzählte er ihr alles aus seinem Leben. Nach und nach verwandelte er sich in einen charmanten Plauderer, der selbst die unwichtigsten Kleinigkeiten seines ereignisarmen Lebens zu interessanten Geschichten aufblasen konnte. Niemals unterbrach oder verspottete sie ihn, immer hörte sie ihm aufmerksam zu, nickte ab und an und stellte Fragen, wenn sein Redefluss abzubrechen drohte. Köppnick war so verliebt, dass er nicht wahrnahm, dass er andererseits aus ihrem Leben überhaupt nichts erfuhr. Auf die Frage, woher seine Frau gekommen war und womit sie ihre Tage verbrachte, hätte er keine Antwort gewusst. Aber sein Glücksgefühl war in dieser Zeit so vollkommen, dass ihm diese Frage niemals in den Sinn kam.
Auf Außenstehende hätte das Paar einen seltsamen Eindruck gemacht, ein immer etwas hilflos und verlegen dreinschauender Mann und eine Frau von beinahe überirdischer Schönheit und Transparenz, die stets zu schweben schien. Bei ihrem Anblick hätte man sich unwillkürlich gefragt, was die beiden so unterschiedlichen Wesen aneinander band. Der eifersüchtige Köppnick vermied es aber sorgfältig, seinen Bekannten und Kollegen von seiner neuen, ja eigentlich ersten Eroberung seines Lebens zu erzählen. Auch die Veränderungen in seinem Verhalten und seinem gesamten Wesen entgingen ihnen völlig, da jeder von ihnen mit seinen eigenen Angelegenheiten und dem hektischen Alltag ausgefüllt war. Auch die Freunde im Astroclub bemerkten nicht, dass Köppnick immer seltener zu den Clubabenden kam.
Die größten Veränderungen geschahen in Köppnicks Träumen. Bereits in seiner Jugend hatte er von Zeit zu Zeit die Empfindung des Fliegens gehabt. Aus diesen Träumen war er jedes Mal mit einem entsetzten Schrei erwacht, weil jeder mit einem erst durch das Aufwachen unterbrochenen Sturz zur Erde geendet hatte. Das wurde jetzt vollkommen anders. Seine neuen Träume begannen immer gleich. Köppnick hatte das Gefühl aufzuwachen und es schien ihm, als ob die neben ihm liegende Frau, ihn unverwandt ansehend immer durchsichtiger und zugleich größer wurde. Am Schluss nahm sie den ganzen Raum um ihn herum ein, das schwache blaue Leuchten ihrer Augen verblasste, an den Wänden oszillierten Lichtreflexe. Köppnicks Körper löste sich in ihrem Nebel wie Zucker in einer Flüssigkeit auf, er fühlte sich sanft von ihr empor gehoben. Die Wände und Decken des Hauses setzten beiden keinen Widerstand entgegen, zusammen glitten sie hinaus und gewannen mit zunehmender Höhe an Geschwindigkeit.
Köppnick wunderte sich über die völlige Lautlosigkeit ihrer Flüge, er sah Bilder, die er bisher nur von den Luft- oder Satellitenaufnahmen kannte, mit denen die Wände des Astroclubs geschmückt waren. Von Nacht zu Nacht dauerten seine Träume länger und wurden immer intensiver. Gemeinsam verließen sie die Erde, die unter ihnen zu einer kleinen Kugel zusammenschrumpfte. Er hatte auch das Gefühl, dass sich sein Raum- und Zeitempfinden änderte, Sonne und Planeten bewegten sich manchmal wie im Zeitraffer, manchmal erstarrten sie in ihrer Bewegung. Einige Sternbilder sah er so, wie sie sich vor Jahrmillionen dargestellt oder wie sie erst in Jahrmillionen am Himmel zu sehen sein würden.
Äußerlich änderte sich sein Leben kaum. Tag für Tag erschien er im Büro und stellte sein altes Fahrrad unabgeschlossen in der Einfahrt des Gebäudes ab. Zwar machte er einen abwesenderen Eindruck als sonst, und manchmal schrak er auch wie aus tiefer Versunkenheit auf, wenn eine Frage an ihn gestellt wurde, aber im Großen und Ganzen erschien allen sein Verhalten nicht besonders ungewöhnlich.
Im Astroclub diskutierten sie die letzte Ausgabe der Physikalischen Rundschau mit einem ausführlichen Bericht über den diesjährigen Plejadenschwarm. Ein junger Physiker hatte dort anhand der neuesten Beobachtungsdaten Berechnungen angestellt und glaubte beweisen zu können, dass der Schwarm nicht aus unserem Sonnensystem stammte, sondern lediglich auf seinem Weg durchs All vom Schwerfeld der Sonne eingefangen worden war.
Köppnick erfuhr davon nichts, er war seit langer Zeit nicht mehr im Club gewesen, die langweiligen Gespräche mit den Sternenfreunden interessierten ihn nicht mehr. Ab und zu verschwand seine Frau für ein paar Tage, ohne ihm vorher Bescheid zu geben. Köppnick war davon wenig beunruhigt, wusste er doch, dass sie zu ihm zurückkehren würde. In diesem Winter gab es besonders viele klare und wolkenlose Nächte. Allein zu Hause, stellte er sein Teleskop im Garten vor dem Haus auf. Dick eingemummelt beobachte er sein Lieblingssternbild, das Siebengestirn, und bewunderte das blaue Leuchten der Nebel, die in der Nähe dieses Sternbilds zu finden sind. Lange nach Mitternacht baute er sein Fernrohr ab und schlief den Rest der Nacht fest und traumlos.
Irgendwann im Frühjahr erschien Köppnick nicht mehr zur Arbeit. Ein paar Tage fiel das nicht weiter auf, sodass sich später nicht rekonstruieren ließ, ab wann er genau gefehlt hatte. Die Polizei brach sein Haus auf. Sie konnte jedoch keine Hinweise auf einen Selbstmord oder ein Verbrechen finden. Alle Fenster und Türen des Hauses waren verschlossen, im Schuppen stand sein gegen die Wand gelehntes Fahrrad. Daneben sein Fernrohr, mit einer leichten Schmutzkruste am Stativ, so als wäre es hastig aus dem Garten in den Schuppen geschleppt worden, ohne die anhaftenden Erdklumpen zu entfernen.
Das Bettlaken auf seiner Seite des Doppelbetts im Schlafzimmer war zerwühlt, Köppnick könnte sich eine Zeitlang schlaflos darauf gewälzt haben und war dann vielleicht nur kurz in die Küche gegangen, um ein Glas Wasser zu trinken. Nach einiger Zeit legte die Polizei den Fall ohne neue Erkenntnisse zu den Akten. Köppnick hatte keine Kinder gehabt, keine Erben, und seine Eltern waren schon vor langer Zeit verstorben. Das Haus fiel an die Stadt, die es an ein junges Ehepaar mit zwei Kindern verkaufte. Köppnicks Firma stellte einen neuen Mitarbeiter ein. Ein Jahr später funkelte das Sternbild der Plejaden schön wie eh und je vom Winterhimmel. Nur einen so starken Meteoritenschauer, wie in dem Jahr, in dem Köppnick verschwand, hat es seitdem nicht mehr gegeben.
Kategorien: Köppnicks Welt
Dienstag, 29.Juni 2004





Trackback URL:
http://kwakuananse.twoday.net/stories/4028211/modTrackback