Nationale Volksarmee 1980-83
„Sie sind doch auch für den Weltfrieden!” sagte der Uniformierte freundlich und schob mir das Formular hin. Selbstverständlich war ich für den Weltfrieden und hatte außerdem die Entscheidung, drei Jahre zur Armee zu gehen, schon lange vorher getroffen. Ich unterschrieb, und die Musterung war beendet. Vor der Tür wartete bereits der Nächste, um seine Friedensliebe zu bekräftigen. Für Jungen, die studieren wollten, war ein dreijähriger Wehrdienst eher die Regel als die Ausnahme. Einen Zivildienst gab es nicht, Totalverweigerung bedeutete Gefängnis.
Ich hatte mich vorab darum bemüht, an eine ganz bestimmte Unteroffiziersschule für Nachrichtentechniker zu kommen, weil man dort während der Ausbildung einen auch im Zivilleben gültigen Facharbeiterbrief erwerben konnte. An dieser Schule dauerte die Ausbildung ein ganzes, nicht nur das übliche halbe Jahr. Da sich die Dienstzeit aber dadurch nicht verlängerte, war der zusätzliche Abschluss für einen berufslosen Abiturienten ein großes Plus.
Am Einberufungstag fand ich mich mit noch etwa hundert anderen an der Sammelstelle in der Nähe des Bahnhofs ein. Die zuvor gestreuten Gerüchte, wir würden mit einem Güterzug transportiert, bewahrheiteten sich nicht, unser Sonderzug bestand aus normalen Personenwagen. Die Fahrt dauerte die ganze Nacht, früh kurz nach vier trafen wir übermüdet in Prora, einem kleinen Ort auf der Insel Rügen ein.
Im Dritten Reich waren dort für die Organisation „Kraft durch Freude” eine Reihe Häuser gebaut worden, doch zivil wurden sie nie genutzt, ihre Verwendung als Kasernen wurde von der DDR fortgesetzt. Ein NVA-Erholungsheim, die aus mehreren Gebäuden bestehende Unteroffiziersschule und eine Kaserne der Fallschirmjäger zogen sich, nur durch die Dünen vom Meer getrennt, über mehrere Kilometer am Ufer entlang. Heute gibt es dort ein NVA-Museum, die meisten anderen Häuser sind Ruinen. Man streitet sich über die Abrisskosten, denn keiner will diese Gebäude haben. (Google-Suche Kaserne+Prora+Rügen .)
In einer großen Halle angekommen, wurden wir den verschiedenen Kompanien und Zügen zugeordnet. Kurz nach sechs Uhr war die Aufteilung beendet, wir verließen unter Leitung unserer neuen Vorgesetzten die Halle. Draußen hatte der Frühsport begonnen, johlend wurden wir von den an uns vorbei laufenden Soldaten begrüßt. Auch wir mussten jetzt, in Zivilkleidung, mehrere hundert Meter bis zu unserem Hauseingang rennen. Ich schleppte dabei in jeder Hand noch einen Koffer.
Der Vormittag verging mit der Einkleidung und einem Besuch beim Frisör. Dabei spielte es keine Rolle, wie kurz die Haare bereits waren, es wurde trotzdem noch etwas abgeschnitten. Vor der Einberufung waren wir übrigens darüber informiert worden, dass eventuelle Glatzenträger solange in den Bau wandern würden, bis die Haare nachgewachsen waren und diese Zeit dann nachdienen müssten. Knastzeit wurde nicht als Dienstzeit angerechnet.
Nachmittags begann die bis zum Abendbrot dauernde Ausbildung, danach wurde in den Fernsehraum eingerückt zur „Aktuellen Kamera”. Diese Nachrichtensendung war jeden Tag Pflicht. Später war Stuben-und-Revier-Reinigen. Durch die einjährige Ausbildung und den halbjährlichen Einberufungsmodus gab es außer uns Neulingen ein zweites Diensthalbjahr von Unteroffiziersschülern. Wie überall in der NVA üblich, entwickelte sich in solchen Fällen eine EK-Bewegung (EK=Entlassungskandidaten), bei der die älteren Jahrgänge die jüngeren schikanieren. Vom ersten Tag an durften wir die Reviere der anderen mitreinigen. Die Offiziere waren bereits gegangen und die Diensthabenden unterstützten das.
Normalerweise ist 22 Uhr Nachtruhe, an diesem Tag aber ließ uns um diese Zeit das zweite Diensthalbjahr antreten, vollständiges Sturmgepäck anlegen und begann „mit der Ausbildung”. Immer zwei Treppen hinunter laufen, dann 50 Meter über die Kompaniestraße rennen und zum zweiten Hauseingang wieder zwei Treppen hinauf. Dazwischen mehrfach Einlagen zum Lernen der Dienstgrade: eine Kniebeuge, Liegestütz, Hockstrecksprung für den Soldaten … für den Generalleutnant; das macht jeweils 18 Stück, denn es gibt 18 verschiedene Dienstgrade. Als ich gegen Mitternacht im Bett lag und durch das geöffnete Fenster das Rauschen des Meeres hörte, dachte ich: „Oh Gott, wenn das jetzt drei Jahre so weiter gehen soll.”
Den ersten Urlaub gab es nach 11 oder 12 Wochen. Eine Hälfte durfte über Weihnachten, die andere über den Jahreswechsel nach Hause fahren. In diesem Rhythmus ging es das ganze Ausbildungsjahr hindurch, ich war im ersten Jahr also etwa vier- oder fünfmal zu Hause. Nach der Grundausbildung konnte man Ausgang für einen Abend beantragen, im zweiten Diensthalbjahr waren die eifrigsten Ausgänger einmal die Woche oder alle 14 Tage draußen. Mich reizte das wenig, denn außer sich in einer der Kneipen des nächsten Ortes zu betrinken, gab es kaum Möglichkeiten. Ich verzog mich nach Dienstschluss lieber nach draußen auf die Laufstrecken, die innerhalb des Kasernengeländes lagen und absolvierte wöchentlich so um die hundert Kilometer, immer den Strand hinauf und die Straße wieder hinunter oder auf dem Sportplatz im Kreis herum, Hauptsache raus aus dem Kompanieflur.
In die Zeit von 1980-81 fielen die Arbeiterunruhen in Polen. Als eines Tages das Gerücht umging, dass die Hauptfeldwebel schon die Lkws beladen und wir bald in Polen einmarschieren, wurde das offiziell und sinngemäß mit den Worten dementiert: „Das schaffen die Genossen in Polen schon selbst, zur Not mit der Hilfe ihrer sowjetischen Waffenbrüder.” Ich war sehr erleichtert, denn ich hatte das Bild aus einem Film über die Oktoberrevolution vor Augen, bei der die Offiziersschüler, die das Winterpalais verteidigten, von den anrückenden Bolschewiki zusammengeschossen wurden. (Diese Filmszenen waren übrigens eine geschichtliche Fälschung, wie ich heute weiß.)
Irgendwann war die Grundausbildung zu Ende und genau nach einem halben Jahr waren wir selbst die Alten. Natürlich fanden sich auch unter uns, die wir in der Mehrzahl Abiturienten waren, genügend Kameraden, die nun ihrerseits die „Erziehung” der Neuen übernahmen. Mein Glaube an eine tatsächliche Vernunftbegabung des Menschen ist damals schwer erschüttert worden. Unter den entsprechenden Verhältnissen entpuppen sich in einer beliebig zusammengesetzten Menschengruppe immer einige als Sadisten und Menschenschinder und leben ihre Neigungen aus. Dass in diesem Fall der größte Quäler auch noch zum SED-Parteisekretär des Zuges gewählt wurde, passt zwar zu einem weit verbreiteten Klischee, aber ich selbst habe es später meistens anders erlebt.
Im weiteren nur ein paar kurze Erinnerungen, die sich am deutlichsten in mein Gedächtnis eingebrannt haben:
In jedem der beiden Treppenaufgänge gab es eine Sanitäranlage. In einer der beiden hatten die Toiletten keine Türen. Sie fehlten nicht einfach, sondern dort waren noch nie welche gewesen. Die offizielle Begründung lautete, dass so Selbstmorde oder das Verstecken vor dem Frühsport verhindert werden sollten. Bloß warum gab es dann in der anderen Anlage Türen? Manche brachten es nach gewisser Zeit fertig, diese Toiletten zu benutzen, ich bin niemals dorthin gegangen.
Die Fenster unseres Zimmers gingen in Richtung Meer. Der Mülleimer wurde nicht herunter gebracht, sondern stets zum Fenster hinaus entleert. Der Außenrevierdienst hatte dann die Aufgabe, den unten liegenden Müll zu sammeln und zu entsorgen. Da jederzeit etwas aus dem Fenster fliegen konnte, mussten sie dabei ihren Stahlhelm tragen. Natürlich war diese Art der Müllentsorgung verboten und manchmal legte sich der Offizier vom Dienst (OvD) in den Dünen auf die Lauer, um jemanden dabei zu erwischen. Die übliche Bestrafung bestand darin, dass die Erwischten selbst für die nächste Zeit den Außenrevierdienst übernehmen mussten.
In regelmäßigen Abständen wurde unser Zug zum Küchendienst eingeteilt. Die Hauptaufgabe bestand darin, nach Dienstschluss Kartoffeln und anderes für den nächsten Tag vorzubereiten. Dazu muss man wissen, dass diese Kartoffeln, sowie Kraut, Mohrrüben und anderes in Erdmieten innerhalb des Kasernengeländes gelagert wurden. Im Winter war die Qualität dieser Kartoffeln so schlecht, dass beim Zusammenpressen der fast schwarzen Kartoffeln ein blauschwarzer Saft heraus lief. Wir weigerten uns zunächst, sie weiter zu schälen. Der OvD kam, befand die Kartoffeln für gut und wir machten weiter. An diesem Tag bereiteten wir die Kartoffeln für die Offiziersmesse vor, diesen Fraß bekamen also nicht nur die Mannschaften, sondern auch die Offiziere vorgesetzt.
Die theoretische und praktische Ausbildung in Elektrotechnik, Elektronik und Nachrichtentechnik war dagegen von guter Qualität, sie war mir später während des Studiums von großem Nutzen, weil ich im Gegensatz zu vielen anderen Kommilitonen in den entsprechenden Fächern sofort wusste, um was es geht und wie es funktioniert. Ein großer Teil der praktischen Ausbildung an der Unteroffiziersschule bestand darin, Fehler in Funkgeräten zu finden. Nach kurzer Zeit wurde ich zum Hilfsausbilder ernannt, hatte also die Aufgabe, Fehler in die Geräte einzubauen, welche die anderen dann finden mussten.
Nach einem Jahr war die Ausbildung in Prora beendet und ich wurde nach Eilenburg abkommandiert. Dort verbrachte ich die folgenden zwei Jahre in einer Nachrichtenwerkstatt. Wir hatten sowohl Geräte, um den Nato-Funkverkehr abzuhören, als auch um die Zielsuchgeräte anfliegender Bomber zu stören. Zu den halbjährlich auf westdeutschem Territorium stattfindenden Nato-Manövern rückte unsere Einheit näher an die Grenze heran und vollzog die meisten Truppenbewegungen elektronisch nach. Es war schon eigenartig, wenn sich die Bundeswehrfunker Freitag nachmittags verabschiedeten und der Funkverkehr erst am Montag morgen wieder einsetzte, während auf unserer Seite auch am Wochenende fast volle Gefechtsstärke beibehalten wurde.
Die beiden Jahre verliefen ziemlich ruhig, ernsthafte Sorgen hatte ich erst während des letzten Feldlagers im September 1983, zu dem wir wieder anlässlich eines Nato-Manövers ausgerückt waren. Zum diesem Zeitpunkt wurde durch einen sowjetischen Kampfflieger über Sibirien eine südkoreanische Passagiermaschine abgeschossen. Auf beiden Seiten lief sofort die Militärmaschinerie an. Ich wusste nicht, ob man uns in dieser Situation noch aus der Armee entlassen würde. So richtig froh war ich deshalb erst, als ich im Oktober 1983 zum ersten Mal seit drei Jahren wieder in Zivilkleidung aus der Kaserne gehen durfte.
Da das Semester an den Universitäten stets Anfang September begann, kamen wir ehemaligen Dreijährigen zu spät zum Studienbeginn und mussten den Stoff der ersten sechs Wochen zusätzlich zum normalen Stoff nachholen. Ob es am Altersunterschied zu den Ungedienten oder an den Erfahrungen während der Armeezeit lag, weiß ich nicht, aber jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass die Ehemaligen das Studium von Anfang an ernster nahmen und härter arbeiten wollten und konnten. Die anderen waren im Vergleich zu uns irgendwie noch halbe Kinder.
Die Wende 1989/90 brachte für mich die Armee betreffend, eine vernachlässigbar kleine schlechte und eine große gute Nachricht. Mein Facharbeiterbrief wurde ungültig, was mir nach Studium und Promotion ziemlich egal war und - ich war kein Reservist mehr! Die Bundeswehr wollte Gott sei Dank nichts mit den Ehemaligen der NVA zu tun haben.
Die Bundeswehr kenne ich nur von Erzählungen Bekannter und aus dem Fernsehen. Da es nach der Vereinigung auch meine Armee wurde, habe ich alle Informationen über sie immer mit meinen persönlichen Erinnerungen an die NVA verglichen. Das erste was mir in Interviews mit Offizieren im Fernsehen auffiel, war, dass diese durchaus in der Lage sind, in ganzen Sätzen zu sprechen und sich auch zu nichtmilitärischen Problemen äußern können, z.B. bei Hilfseinsätzen im Kosovo oder beim Hochwasser.
Dann war ich äußerst verblüfft, als ein Bekannter von mir, der an einem Dienstag eingezogen wurde, bereits am Freitag derselben Woche das erste Mal wieder zu Hause war. Wenn man zusätzlich noch berücksichtigt, dass der Wehrdienst nicht einmal ein Jahr dauert und auch nicht alle Männer eines Jahrgangs einberufen werden, dann sollte man diesen Witz eigentlich endlich abschaffen. Militärisch bringt er nichts, und den jungen Männern, die es zufällig trifft, stiehlt es ein Lebensjahr. Besser ist meiner Meinung nach erstens eine ordentlich ausgerüstete Berufsarmee und zweitens anständig bezahlte Arbeitskräfte, die die jetzigen Zivildienstleistenden ersetzen, wegen deren Notwendigkeit ja der ganze Unsinn mit dem Wehrdienst light noch immer veranstaltet wird.
Kategorien: Alltag
Ich hatte mich vorab darum bemüht, an eine ganz bestimmte Unteroffiziersschule für Nachrichtentechniker zu kommen, weil man dort während der Ausbildung einen auch im Zivilleben gültigen Facharbeiterbrief erwerben konnte. An dieser Schule dauerte die Ausbildung ein ganzes, nicht nur das übliche halbe Jahr. Da sich die Dienstzeit aber dadurch nicht verlängerte, war der zusätzliche Abschluss für einen berufslosen Abiturienten ein großes Plus.
Am Einberufungstag fand ich mich mit noch etwa hundert anderen an der Sammelstelle in der Nähe des Bahnhofs ein. Die zuvor gestreuten Gerüchte, wir würden mit einem Güterzug transportiert, bewahrheiteten sich nicht, unser Sonderzug bestand aus normalen Personenwagen. Die Fahrt dauerte die ganze Nacht, früh kurz nach vier trafen wir übermüdet in Prora, einem kleinen Ort auf der Insel Rügen ein.
Im Dritten Reich waren dort für die Organisation „Kraft durch Freude” eine Reihe Häuser gebaut worden, doch zivil wurden sie nie genutzt, ihre Verwendung als Kasernen wurde von der DDR fortgesetzt. Ein NVA-Erholungsheim, die aus mehreren Gebäuden bestehende Unteroffiziersschule und eine Kaserne der Fallschirmjäger zogen sich, nur durch die Dünen vom Meer getrennt, über mehrere Kilometer am Ufer entlang. Heute gibt es dort ein NVA-Museum, die meisten anderen Häuser sind Ruinen. Man streitet sich über die Abrisskosten, denn keiner will diese Gebäude haben. (Google-Suche Kaserne+Prora+Rügen .)
In einer großen Halle angekommen, wurden wir den verschiedenen Kompanien und Zügen zugeordnet. Kurz nach sechs Uhr war die Aufteilung beendet, wir verließen unter Leitung unserer neuen Vorgesetzten die Halle. Draußen hatte der Frühsport begonnen, johlend wurden wir von den an uns vorbei laufenden Soldaten begrüßt. Auch wir mussten jetzt, in Zivilkleidung, mehrere hundert Meter bis zu unserem Hauseingang rennen. Ich schleppte dabei in jeder Hand noch einen Koffer.
Der Vormittag verging mit der Einkleidung und einem Besuch beim Frisör. Dabei spielte es keine Rolle, wie kurz die Haare bereits waren, es wurde trotzdem noch etwas abgeschnitten. Vor der Einberufung waren wir übrigens darüber informiert worden, dass eventuelle Glatzenträger solange in den Bau wandern würden, bis die Haare nachgewachsen waren und diese Zeit dann nachdienen müssten. Knastzeit wurde nicht als Dienstzeit angerechnet.
Nachmittags begann die bis zum Abendbrot dauernde Ausbildung, danach wurde in den Fernsehraum eingerückt zur „Aktuellen Kamera”. Diese Nachrichtensendung war jeden Tag Pflicht. Später war Stuben-und-Revier-Reinigen. Durch die einjährige Ausbildung und den halbjährlichen Einberufungsmodus gab es außer uns Neulingen ein zweites Diensthalbjahr von Unteroffiziersschülern. Wie überall in der NVA üblich, entwickelte sich in solchen Fällen eine EK-Bewegung (EK=Entlassungskandidaten), bei der die älteren Jahrgänge die jüngeren schikanieren. Vom ersten Tag an durften wir die Reviere der anderen mitreinigen. Die Offiziere waren bereits gegangen und die Diensthabenden unterstützten das.
Normalerweise ist 22 Uhr Nachtruhe, an diesem Tag aber ließ uns um diese Zeit das zweite Diensthalbjahr antreten, vollständiges Sturmgepäck anlegen und begann „mit der Ausbildung”. Immer zwei Treppen hinunter laufen, dann 50 Meter über die Kompaniestraße rennen und zum zweiten Hauseingang wieder zwei Treppen hinauf. Dazwischen mehrfach Einlagen zum Lernen der Dienstgrade: eine Kniebeuge, Liegestütz, Hockstrecksprung für den Soldaten … für den Generalleutnant; das macht jeweils 18 Stück, denn es gibt 18 verschiedene Dienstgrade. Als ich gegen Mitternacht im Bett lag und durch das geöffnete Fenster das Rauschen des Meeres hörte, dachte ich: „Oh Gott, wenn das jetzt drei Jahre so weiter gehen soll.”
Den ersten Urlaub gab es nach 11 oder 12 Wochen. Eine Hälfte durfte über Weihnachten, die andere über den Jahreswechsel nach Hause fahren. In diesem Rhythmus ging es das ganze Ausbildungsjahr hindurch, ich war im ersten Jahr also etwa vier- oder fünfmal zu Hause. Nach der Grundausbildung konnte man Ausgang für einen Abend beantragen, im zweiten Diensthalbjahr waren die eifrigsten Ausgänger einmal die Woche oder alle 14 Tage draußen. Mich reizte das wenig, denn außer sich in einer der Kneipen des nächsten Ortes zu betrinken, gab es kaum Möglichkeiten. Ich verzog mich nach Dienstschluss lieber nach draußen auf die Laufstrecken, die innerhalb des Kasernengeländes lagen und absolvierte wöchentlich so um die hundert Kilometer, immer den Strand hinauf und die Straße wieder hinunter oder auf dem Sportplatz im Kreis herum, Hauptsache raus aus dem Kompanieflur.
In die Zeit von 1980-81 fielen die Arbeiterunruhen in Polen. Als eines Tages das Gerücht umging, dass die Hauptfeldwebel schon die Lkws beladen und wir bald in Polen einmarschieren, wurde das offiziell und sinngemäß mit den Worten dementiert: „Das schaffen die Genossen in Polen schon selbst, zur Not mit der Hilfe ihrer sowjetischen Waffenbrüder.” Ich war sehr erleichtert, denn ich hatte das Bild aus einem Film über die Oktoberrevolution vor Augen, bei der die Offiziersschüler, die das Winterpalais verteidigten, von den anrückenden Bolschewiki zusammengeschossen wurden. (Diese Filmszenen waren übrigens eine geschichtliche Fälschung, wie ich heute weiß.)
Irgendwann war die Grundausbildung zu Ende und genau nach einem halben Jahr waren wir selbst die Alten. Natürlich fanden sich auch unter uns, die wir in der Mehrzahl Abiturienten waren, genügend Kameraden, die nun ihrerseits die „Erziehung” der Neuen übernahmen. Mein Glaube an eine tatsächliche Vernunftbegabung des Menschen ist damals schwer erschüttert worden. Unter den entsprechenden Verhältnissen entpuppen sich in einer beliebig zusammengesetzten Menschengruppe immer einige als Sadisten und Menschenschinder und leben ihre Neigungen aus. Dass in diesem Fall der größte Quäler auch noch zum SED-Parteisekretär des Zuges gewählt wurde, passt zwar zu einem weit verbreiteten Klischee, aber ich selbst habe es später meistens anders erlebt.
Im weiteren nur ein paar kurze Erinnerungen, die sich am deutlichsten in mein Gedächtnis eingebrannt haben:
In jedem der beiden Treppenaufgänge gab es eine Sanitäranlage. In einer der beiden hatten die Toiletten keine Türen. Sie fehlten nicht einfach, sondern dort waren noch nie welche gewesen. Die offizielle Begründung lautete, dass so Selbstmorde oder das Verstecken vor dem Frühsport verhindert werden sollten. Bloß warum gab es dann in der anderen Anlage Türen? Manche brachten es nach gewisser Zeit fertig, diese Toiletten zu benutzen, ich bin niemals dorthin gegangen.
Die Fenster unseres Zimmers gingen in Richtung Meer. Der Mülleimer wurde nicht herunter gebracht, sondern stets zum Fenster hinaus entleert. Der Außenrevierdienst hatte dann die Aufgabe, den unten liegenden Müll zu sammeln und zu entsorgen. Da jederzeit etwas aus dem Fenster fliegen konnte, mussten sie dabei ihren Stahlhelm tragen. Natürlich war diese Art der Müllentsorgung verboten und manchmal legte sich der Offizier vom Dienst (OvD) in den Dünen auf die Lauer, um jemanden dabei zu erwischen. Die übliche Bestrafung bestand darin, dass die Erwischten selbst für die nächste Zeit den Außenrevierdienst übernehmen mussten.
In regelmäßigen Abständen wurde unser Zug zum Küchendienst eingeteilt. Die Hauptaufgabe bestand darin, nach Dienstschluss Kartoffeln und anderes für den nächsten Tag vorzubereiten. Dazu muss man wissen, dass diese Kartoffeln, sowie Kraut, Mohrrüben und anderes in Erdmieten innerhalb des Kasernengeländes gelagert wurden. Im Winter war die Qualität dieser Kartoffeln so schlecht, dass beim Zusammenpressen der fast schwarzen Kartoffeln ein blauschwarzer Saft heraus lief. Wir weigerten uns zunächst, sie weiter zu schälen. Der OvD kam, befand die Kartoffeln für gut und wir machten weiter. An diesem Tag bereiteten wir die Kartoffeln für die Offiziersmesse vor, diesen Fraß bekamen also nicht nur die Mannschaften, sondern auch die Offiziere vorgesetzt.
Die theoretische und praktische Ausbildung in Elektrotechnik, Elektronik und Nachrichtentechnik war dagegen von guter Qualität, sie war mir später während des Studiums von großem Nutzen, weil ich im Gegensatz zu vielen anderen Kommilitonen in den entsprechenden Fächern sofort wusste, um was es geht und wie es funktioniert. Ein großer Teil der praktischen Ausbildung an der Unteroffiziersschule bestand darin, Fehler in Funkgeräten zu finden. Nach kurzer Zeit wurde ich zum Hilfsausbilder ernannt, hatte also die Aufgabe, Fehler in die Geräte einzubauen, welche die anderen dann finden mussten.
Nach einem Jahr war die Ausbildung in Prora beendet und ich wurde nach Eilenburg abkommandiert. Dort verbrachte ich die folgenden zwei Jahre in einer Nachrichtenwerkstatt. Wir hatten sowohl Geräte, um den Nato-Funkverkehr abzuhören, als auch um die Zielsuchgeräte anfliegender Bomber zu stören. Zu den halbjährlich auf westdeutschem Territorium stattfindenden Nato-Manövern rückte unsere Einheit näher an die Grenze heran und vollzog die meisten Truppenbewegungen elektronisch nach. Es war schon eigenartig, wenn sich die Bundeswehrfunker Freitag nachmittags verabschiedeten und der Funkverkehr erst am Montag morgen wieder einsetzte, während auf unserer Seite auch am Wochenende fast volle Gefechtsstärke beibehalten wurde.
Die beiden Jahre verliefen ziemlich ruhig, ernsthafte Sorgen hatte ich erst während des letzten Feldlagers im September 1983, zu dem wir wieder anlässlich eines Nato-Manövers ausgerückt waren. Zum diesem Zeitpunkt wurde durch einen sowjetischen Kampfflieger über Sibirien eine südkoreanische Passagiermaschine abgeschossen. Auf beiden Seiten lief sofort die Militärmaschinerie an. Ich wusste nicht, ob man uns in dieser Situation noch aus der Armee entlassen würde. So richtig froh war ich deshalb erst, als ich im Oktober 1983 zum ersten Mal seit drei Jahren wieder in Zivilkleidung aus der Kaserne gehen durfte.
Da das Semester an den Universitäten stets Anfang September begann, kamen wir ehemaligen Dreijährigen zu spät zum Studienbeginn und mussten den Stoff der ersten sechs Wochen zusätzlich zum normalen Stoff nachholen. Ob es am Altersunterschied zu den Ungedienten oder an den Erfahrungen während der Armeezeit lag, weiß ich nicht, aber jedenfalls hatte ich den Eindruck, dass die Ehemaligen das Studium von Anfang an ernster nahmen und härter arbeiten wollten und konnten. Die anderen waren im Vergleich zu uns irgendwie noch halbe Kinder.
Die Wende 1989/90 brachte für mich die Armee betreffend, eine vernachlässigbar kleine schlechte und eine große gute Nachricht. Mein Facharbeiterbrief wurde ungültig, was mir nach Studium und Promotion ziemlich egal war und - ich war kein Reservist mehr! Die Bundeswehr wollte Gott sei Dank nichts mit den Ehemaligen der NVA zu tun haben.
Die Bundeswehr kenne ich nur von Erzählungen Bekannter und aus dem Fernsehen. Da es nach der Vereinigung auch meine Armee wurde, habe ich alle Informationen über sie immer mit meinen persönlichen Erinnerungen an die NVA verglichen. Das erste was mir in Interviews mit Offizieren im Fernsehen auffiel, war, dass diese durchaus in der Lage sind, in ganzen Sätzen zu sprechen und sich auch zu nichtmilitärischen Problemen äußern können, z.B. bei Hilfseinsätzen im Kosovo oder beim Hochwasser.
Dann war ich äußerst verblüfft, als ein Bekannter von mir, der an einem Dienstag eingezogen wurde, bereits am Freitag derselben Woche das erste Mal wieder zu Hause war. Wenn man zusätzlich noch berücksichtigt, dass der Wehrdienst nicht einmal ein Jahr dauert und auch nicht alle Männer eines Jahrgangs einberufen werden, dann sollte man diesen Witz eigentlich endlich abschaffen. Militärisch bringt er nichts, und den jungen Männern, die es zufällig trifft, stiehlt es ein Lebensjahr. Besser ist meiner Meinung nach erstens eine ordentlich ausgerüstete Berufsarmee und zweitens anständig bezahlte Arbeitskräfte, die die jetzigen Zivildienstleistenden ersetzen, wegen deren Notwendigkeit ja der ganze Unsinn mit dem Wehrdienst light noch immer veranstaltet wird.
Kategorien: Alltag
Sonntag, 25.April 2004




