Ecuador 3/3: Galapagos
Ein Grund für die Wahl unseres Reiseziels war die Zugehörigkeit des Galapagos-Archipels zu Ecuador. Bald nach unserer Ankunft in Quito gingen wir zur Vertretung der Fluggesellschaft TAME, um einen Hin- und Rückflug zu buchen. Auf Galapagos gibt es zwei Flughäfen, die täglich mit jeweils einem Flieger von zwei verschiedenen Gesellschaften angesteuert werden. Über diese Limitierung wird die Anzahl der Touristen auf den Inseln in für die Natur erträglichen Grenzen gehalten. Wenn man nur kurze Zeit im Land weilt, dann ist es bestimmt besser, die Buchung bereits in Deutschland vorzunehmen. Wir bekamen Ende November mit etwas Glück noch einen Flug für den ersten Januar vormittags. Vermutlich hatten viele Flugwillige beim dem Gedanken, mit einer vielleicht alkoholisierten Crew unterwegs zu sein, einen anderen Termin vorgezogen.
Vor unserem Abflug verbrachten wir Silvester in Quito. Ginge es bei solchen Feiern auf unseren Straßen ähnlich zu, Grundgesetzänderungen zum Einsatz der Bundeswehr im Innern wären schon lange beschlossene Sache. Zum üblichen Ritual der Festivitäten gehörte die Verbrennung von Politikerpuppen. Ich möchte nicht wissen wie die deutsche Polizei reagiert, wenn bei uns Attrappen mit den Konterfeis von Schröder, Merkel oder Stoiber angezündet würden. Zum Zeitpunkt unseres Urlaubs war der endlose Konflikt zwischen Peru und Ecuador wieder aufgeflammt, was die Uniformierung der Puppen erklären könnte. Beide Länder streiten sich seit Ewigkeiten um ein wirtschaftlich bedeutungsloses Stück des tropischen Regenwaldes. Der größte Teil der Ausfälle beider Armeen entsteht dort nicht durch Feindeinwirkung, sondern durch Schlangen, Spinnen, schlechtes Trinkwasser und verdorbene Lebensmittel.

Zu Neujahr, am frühen Vormittag flogen wir los und bereits am Nachmittag saßen wir in dem Autobus, der uns vom Flugplatz nach Puerto Ayora bringen sollte. Nach dem Verlassen des Flugzeugs und vor dem Einsteigen in den Bus wurden wir dreimal abkassiert: Flughafengebühr, Nationalparkgebühr, Busfahrschein.
Galapagos selbst ist eine Gruppe mehrerer, unterschiedlich großer Inseln, einen Kurzüberblick kann man sich bei Wikipedia verschaffen. Überhaupt gibt es inzwischen eine Unmenge guter Internetseiten mit Texten und Bildern über diese Gegend. Der Archipel liegt unter einem Hotspot der Erdkruste, zu verschiedenen Zeiten sind die Inseln durch Vulkanausbrüche aus dem Meer herausgehoben worden. Durch diese Entstehungsgeschichte sind Fauna und Flora zwar überall ähnlich, aber nirgendwo gleich und machen sie zu einem einzigartigen Studienobjekt der Evolutionsforscher. Charles Darwin hat einen Teil seiner Erkenntnisse durch das Studium kleiner Finkenvögel gewonnen, die heute ihm zu Ehren Darwinfinken genannt werden. Sie sehen in etwa wie eine Kreuzung unserer Spatzen mit Kanarienvögeln aus. Die Galapagosinseln werden vom Lorentzstrom getroffen, er trägt vergleichsweise kühles Wasser heran, sodass es nicht so heiß ist wie man es aus der Äquatorlage schließen könnte.
In Puerto Ayora liegt die Darwinstation, die sowohl eine Art Zoo ist, in dem die verschiedenen Unterarten der für Galapagos typischen Riesenschildkröten gezeigt werden, als auch Ausgangsbasis und Zentrale der Wissenschaftler, die die dortige Pflanzen- und Tierwelt untersuchen. Einige der Schildkrötenunterarten sind vom Aussterben bedroht und man bemüht sich auf der Station um ihre Nachzucht und Wiederansiedelung. An einem der ersten Tage fuhren wir mit dem Bus zu einem anderen Teil der Insel, machten eine Wanderung und konnten uns Riesenschildkröten in freier Natur ansehen.

Da auf Galapagos nicht gejagt wird und es keine Raubtiere gibt, haben die meisten Tiere keine Scheu vor Menschen. Die Riesenschildkröten bilden hier eine kleine Ausnahme. Man kann nur bis auf etwa 5 Meter herangehen, danach beginnen sie unter großem Schnaufen ihren Kopf und die Beine in den Panzer einzuziehen. Das Zischen ist nicht Ausdruck ihrer Entrüstung, sondern notwendig, um durch Ausblasen der Lungen Platz für Kopf und Gliedmaßen unter dem Panzer zu schaffen. Zum Fliehen sind sie zu langsam. Man kann sich problemlos auf eine Schildkröte draufsetzen, das gibt aber kein schönes Fotomotiv, weil man außer dem Panzer nichts mehr von ihr sieht.
Ich habe es trotzdem probiert und bin eine Weile sitzen geblieben, die Schildkröte war letztendlich ausdauernder als ich, wir gingen weiter. Da wir bereits vorher kleine Schildkröten gesehen hatten, von denen bekannt war, dass sie 30 bzw. 70 Jahre alt waren, mussten die auf der Wanderung angetroffenen Exemplare weit über hundert Jahre sein. Man kann sich leicht ausrechnen, dass sie irgendwann in der Zeit, in der in Europa der Deutsch-Französische Krieg (1870/71) tobte oder vielleicht noch eher geboren sein müssen. Und auch als sich Menschen im ersten und zweiten Weltkrieg die Köpfe eingeschlagen haben, schien diesen Schildkröten in Galapagos die Sonne auf den Panzer, sie haben Gras gefressen und sich um nichts anderes als ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert.
Eine zweite Gruppe von Tieren, für die Galapagos weltberühmt ist, sind die Meeresechsen. Viele andere Reptilien sind wasserscheue Wüstenbewohner, diese Echsen bilden eine absolute Ausnahme. Sie sind dem Nahrungsmangel auf dem Festland dadurch ausgewichen, dass sie den Aufwuchs der Felsen im Meer abweiden. Als wechselwarme Tiere kühlen sie dabei aus und schleppen sich satt an Land, um sich in der Sonne aufzuwärmen. Später sind sie wieder bereit für eine neue Mahlzeit. Man trifft sie ziemlich häufig, an einigen Stellen am Ufer findet man Hunderte von ihnen bis zu etwa einem Meter Länge.
Wir hatten eigentlich vorgehabt, mit Postschiffen oder ähnlichem von Insel zu Insel zu fahren. Nach ein paar Tagen stellten wir fest, dass unser ursprünglicher Plan nicht funktionieren würde, einige der Inseln werden sogar nur alle 14 Tage angesteuert. Wir unternahmen trotzdem einen Versuch, der uns endgültig entmutigte. Rechtzeitig zum angekündigten Abfahrttermin fanden wir uns mit noch ein paar anderen am Kai ein, um auf das Übersetzen zum Schiff zu warten, das weiter draußen vor Anker lag. Ein oder zwei Stunden nach dem Termin kam ein kleines Boot in den Hafen. Uns wurde lakonisch mitgeteilt, dass die Maschine kaputt sei, vielleicht morgen oder übermorgen sollten wir noch mal vorbei schauen. Achselzuckend gingen die Einheimischen ihrer Wege.
In einem Straßenrestaurant lernten wir ein junges Pärchen aus Deutschland kennen, die sich ein ganzes Jahr frei genommen hatten und, nach einem halben Jahr in Asien, in Galapagos gelandet waren. Sie überzeugten uns davon, zusammen mit ihnen auf einem Touristenschiff eine längere Exkursion zu unternehmen.
Solche Bootstouren sind in Galapagos üblich und werden auch behördlich unterstützt. Häufig wird man bereits auf der Straße von Touristenjägern angesprochen, die im Auftrag der Schiffsbesitzer werben. Haben sie eine genügend große Zahl von Klienten eingesammelt und sich mit ihnen auf ein Programm geeinigt, dann kommt zusätzlich ein offizieller Führer dazu und es wird eine mehrtägige Reise über den Archipel gestartet. Nachts und meistens auch über Mittag wird mit dem Schiff ein neuer Ort angesteuert, vor- und nachmittags findet eine Wanderung statt. Gegessen und geschlafen wird an Bord. Der Guide ist amtlich zugelassen, zeigt einem bei den Exkursionen die interessantesten Stellen und passt gleichzeitig auf, dass an Land nur die genehmigten Pfade benutzt werden. Damals erschienen uns 300 US-$ für 5 Tage, also 60 pro Tag für Vollpension, Schifffahrt und Exkursionen viel Geld. Im Vergleich jedoch zu den Summen, die man heute in Deutschland allein für ein einfaches Hotelzimmer ausgeben muss, eine eher mickrige Summe.
Wir waren eine multinationale Gruppe, 6 Deutsche, 1 Israeli, ein oder zwei Franzosen, eine Schwedin mit ihrem ecuadorianischen Mann und einem Baby. Dazu kamen als Besatzung der Kapitän, ein Schiffsjunge, ein Koch und der bereits erwähnte Guide. An den Kochkünsten hatte ich wenig Freude, mit dem vielen und reichlichen Essen verdarb ich mir in kürzester Zeit den Magen, konnte die Standardgewürze nicht mehr ertragen, mit denen jedweder Reis zubereitet wurde und kehrte zum üblichen Bergessen zurück: Vollkornkekse mit Leberwurst, ein Wasser-Colagemisch und Vitamintabletten.

Die kleineren Inseln sind unbewohnt, was den Tieren noch mehr die Scheu vor Menschen nimmt. Häufig begegnet man den Tölpeln. Bei ihnen handelt es sich um Vögel, die in Ermanglung von ausreichenden Schutz- und Nistmöglichkeiten auf dem blanken Boden brüten. Eier und Junge werden, so gut es geht, mit dem eigenen Körper geschützt. Ist so ein Vogelpärchen zufällig auf den Gedanken gekommen, seine Eier mitten auf den Weg zu legen, wo ein- oder mehrmals am Tag eine Touristengruppe entlang läuft, dann werden sie stur auf ihrem Wohnrecht beharren, sich keinen Millimeter vom Platz bewegen und nach allem hacken, was in die Reichweite ihrer Schnäbel kommt.
Überall auf den Inseln begegnet man verschiedenen Echsenarten, die sich auf das jeweils vorhandene Nahrungsangebot eingestellt haben. Man findet nicht nur die bereits erwähnten Meeresechsen, sondern auch jede Menge echte Landbewohner in allen Farben. An einigen Plätzen scheint das Nahrungsgebot so knapp zu sein, dass die Tiere wirklich jede Zurückhaltung fahren lassen. Eine der Echsenarten hat sich auf das Fressen der Früchte von Kakteen spezialisiert. Hören sie von weitem, dass wieder eine heruntergefallen ist, dann entbrennt ein Wettlauf um den ersten Platz an der Futterstelle. Auf dem Bild ist der mutigste Bursche zu sehen, der sich mitten in unserer Gruppe auf seine Hinterbeine stellte, um uns die Früchte aus der Hand zu reißen.

Auch Pflanzenliebhaber kommen auf den Inseln auf ihre Kosten. Auf den größeren mit einer üppigen Vegetation findet man eine Menge Grün, das einem in kleinerem Format sehr bekannt vorkommt. Doch während man zu Hause auf der Fensterbank mit dem Aufpäppeln alle Mühe hat und manchmal auch mit bestem Dünger, abgekochtem Wasser oder klassischer Musik nur mäßige Erfolge erzielt, wachsen sie in ihrer Heimat zu haushohen Monsterpflanzen heran. Am stärksten beeindruckt haben mich die Kakteenbäume, die, der Gliederform nach zu urteilen, Opuntien sein müssen, mit einem verholzten Stamm, manchmal über zehn Meter hoch.

Während wir von Insel zu Insel schifferten, musste die Besatzung von Zeit zu Zeit die Ölpumpe des Dieselmotors von Hand bedienen, weil die Automatik ausgefallen war. Irgendwann blieben wir mit einem Motorschaden mitten auf dem Ozean liegen. Per Funk wurde ein zweites Schiff gerufen, dass uns abschleppen sollte. Während des Abschleppens steuerte der Koch das Schiff, weil Kapitän und Schiffsjunge ihren Rausch ausschliefen. Sie hatten mit Liebeskummer zu kämpfen. Beide hatten sich jeweils in eine andere Deutsche verliebt. Den Schiffsjungen hatte es so schwer erwischt, dass er außen am Schiff herumturnte, um seiner Angebeteten durch das Bullauge beim Duschen zuzusehen. Die beiden Mädchen verhielten sich genauso unlogisch. Einerseits waren sie geschmeichelt wegen der Aufmerksamkeit, andererseits genervt wegen der ständigen Anbaggerei.
Nach fünf Tagen war unsere Exkursion zu Ende. Während der letzten Tage auf Galapagos erfuhren wir noch die Vorgeschichte unseres Schiffs. Der Defekt der Ölpumpe rührte von einer anderen Tour her. Bei dieser war das Boot auf ein Riff gelaufen, vermutlich war auch damals die Besatzung gerade indisponiert. Jedenfalls brach unter den Passagieren eine Panik aus, weil niemand Schwimmwesten an Bord finden konnte. Es ging aber alles gut, und der nächste oder übernächste Ausflug fand dann mit uns statt.
Nach diesem Urlaub hatte ich abgesehen von einem einwöchigen Jetlag erstaunlich wenig Probleme, mich wieder in Deutschland zurecht zu finden. Sieben Wochen waren eine lange Zeit gewesen, nach fünf Wochen Ecuador begann in mir langsam das Heimweh zu nagen. In einem fremden Land hat man immer das Problem, dass man viele Gepflogenheiten nicht kennt. Man fällt als Ausländer auf, tritt, ohne es zu wollen, in manches Fettnäpfchen und wird häufig, wenn alles gut gegangen ist, gar nicht bemerken in welcher Gefahr man manchmal geschwebt hat. Alles in allem war es eine tolle Zeit, an die ich mich auch heute, acht Jahre danach, noch sehr gut erinnern kann.
Kategorien: Reiseberichte
Vor unserem Abflug verbrachten wir Silvester in Quito. Ginge es bei solchen Feiern auf unseren Straßen ähnlich zu, Grundgesetzänderungen zum Einsatz der Bundeswehr im Innern wären schon lange beschlossene Sache. Zum üblichen Ritual der Festivitäten gehörte die Verbrennung von Politikerpuppen. Ich möchte nicht wissen wie die deutsche Polizei reagiert, wenn bei uns Attrappen mit den Konterfeis von Schröder, Merkel oder Stoiber angezündet würden. Zum Zeitpunkt unseres Urlaubs war der endlose Konflikt zwischen Peru und Ecuador wieder aufgeflammt, was die Uniformierung der Puppen erklären könnte. Beide Länder streiten sich seit Ewigkeiten um ein wirtschaftlich bedeutungsloses Stück des tropischen Regenwaldes. Der größte Teil der Ausfälle beider Armeen entsteht dort nicht durch Feindeinwirkung, sondern durch Schlangen, Spinnen, schlechtes Trinkwasser und verdorbene Lebensmittel.

Zu Neujahr, am frühen Vormittag flogen wir los und bereits am Nachmittag saßen wir in dem Autobus, der uns vom Flugplatz nach Puerto Ayora bringen sollte. Nach dem Verlassen des Flugzeugs und vor dem Einsteigen in den Bus wurden wir dreimal abkassiert: Flughafengebühr, Nationalparkgebühr, Busfahrschein.
Galapagos selbst ist eine Gruppe mehrerer, unterschiedlich großer Inseln, einen Kurzüberblick kann man sich bei Wikipedia verschaffen. Überhaupt gibt es inzwischen eine Unmenge guter Internetseiten mit Texten und Bildern über diese Gegend. Der Archipel liegt unter einem Hotspot der Erdkruste, zu verschiedenen Zeiten sind die Inseln durch Vulkanausbrüche aus dem Meer herausgehoben worden. Durch diese Entstehungsgeschichte sind Fauna und Flora zwar überall ähnlich, aber nirgendwo gleich und machen sie zu einem einzigartigen Studienobjekt der Evolutionsforscher. Charles Darwin hat einen Teil seiner Erkenntnisse durch das Studium kleiner Finkenvögel gewonnen, die heute ihm zu Ehren Darwinfinken genannt werden. Sie sehen in etwa wie eine Kreuzung unserer Spatzen mit Kanarienvögeln aus. Die Galapagosinseln werden vom Lorentzstrom getroffen, er trägt vergleichsweise kühles Wasser heran, sodass es nicht so heiß ist wie man es aus der Äquatorlage schließen könnte.
In Puerto Ayora liegt die Darwinstation, die sowohl eine Art Zoo ist, in dem die verschiedenen Unterarten der für Galapagos typischen Riesenschildkröten gezeigt werden, als auch Ausgangsbasis und Zentrale der Wissenschaftler, die die dortige Pflanzen- und Tierwelt untersuchen. Einige der Schildkrötenunterarten sind vom Aussterben bedroht und man bemüht sich auf der Station um ihre Nachzucht und Wiederansiedelung. An einem der ersten Tage fuhren wir mit dem Bus zu einem anderen Teil der Insel, machten eine Wanderung und konnten uns Riesenschildkröten in freier Natur ansehen.

Da auf Galapagos nicht gejagt wird und es keine Raubtiere gibt, haben die meisten Tiere keine Scheu vor Menschen. Die Riesenschildkröten bilden hier eine kleine Ausnahme. Man kann nur bis auf etwa 5 Meter herangehen, danach beginnen sie unter großem Schnaufen ihren Kopf und die Beine in den Panzer einzuziehen. Das Zischen ist nicht Ausdruck ihrer Entrüstung, sondern notwendig, um durch Ausblasen der Lungen Platz für Kopf und Gliedmaßen unter dem Panzer zu schaffen. Zum Fliehen sind sie zu langsam. Man kann sich problemlos auf eine Schildkröte draufsetzen, das gibt aber kein schönes Fotomotiv, weil man außer dem Panzer nichts mehr von ihr sieht.
Ich habe es trotzdem probiert und bin eine Weile sitzen geblieben, die Schildkröte war letztendlich ausdauernder als ich, wir gingen weiter. Da wir bereits vorher kleine Schildkröten gesehen hatten, von denen bekannt war, dass sie 30 bzw. 70 Jahre alt waren, mussten die auf der Wanderung angetroffenen Exemplare weit über hundert Jahre sein. Man kann sich leicht ausrechnen, dass sie irgendwann in der Zeit, in der in Europa der Deutsch-Französische Krieg (1870/71) tobte oder vielleicht noch eher geboren sein müssen. Und auch als sich Menschen im ersten und zweiten Weltkrieg die Köpfe eingeschlagen haben, schien diesen Schildkröten in Galapagos die Sonne auf den Panzer, sie haben Gras gefressen und sich um nichts anderes als ihre eigenen Angelegenheiten gekümmert.
Eine zweite Gruppe von Tieren, für die Galapagos weltberühmt ist, sind die Meeresechsen. Viele andere Reptilien sind wasserscheue Wüstenbewohner, diese Echsen bilden eine absolute Ausnahme. Sie sind dem Nahrungsmangel auf dem Festland dadurch ausgewichen, dass sie den Aufwuchs der Felsen im Meer abweiden. Als wechselwarme Tiere kühlen sie dabei aus und schleppen sich satt an Land, um sich in der Sonne aufzuwärmen. Später sind sie wieder bereit für eine neue Mahlzeit. Man trifft sie ziemlich häufig, an einigen Stellen am Ufer findet man Hunderte von ihnen bis zu etwa einem Meter Länge.
Wir hatten eigentlich vorgehabt, mit Postschiffen oder ähnlichem von Insel zu Insel zu fahren. Nach ein paar Tagen stellten wir fest, dass unser ursprünglicher Plan nicht funktionieren würde, einige der Inseln werden sogar nur alle 14 Tage angesteuert. Wir unternahmen trotzdem einen Versuch, der uns endgültig entmutigte. Rechtzeitig zum angekündigten Abfahrttermin fanden wir uns mit noch ein paar anderen am Kai ein, um auf das Übersetzen zum Schiff zu warten, das weiter draußen vor Anker lag. Ein oder zwei Stunden nach dem Termin kam ein kleines Boot in den Hafen. Uns wurde lakonisch mitgeteilt, dass die Maschine kaputt sei, vielleicht morgen oder übermorgen sollten wir noch mal vorbei schauen. Achselzuckend gingen die Einheimischen ihrer Wege.
In einem Straßenrestaurant lernten wir ein junges Pärchen aus Deutschland kennen, die sich ein ganzes Jahr frei genommen hatten und, nach einem halben Jahr in Asien, in Galapagos gelandet waren. Sie überzeugten uns davon, zusammen mit ihnen auf einem Touristenschiff eine längere Exkursion zu unternehmen.
Solche Bootstouren sind in Galapagos üblich und werden auch behördlich unterstützt. Häufig wird man bereits auf der Straße von Touristenjägern angesprochen, die im Auftrag der Schiffsbesitzer werben. Haben sie eine genügend große Zahl von Klienten eingesammelt und sich mit ihnen auf ein Programm geeinigt, dann kommt zusätzlich ein offizieller Führer dazu und es wird eine mehrtägige Reise über den Archipel gestartet. Nachts und meistens auch über Mittag wird mit dem Schiff ein neuer Ort angesteuert, vor- und nachmittags findet eine Wanderung statt. Gegessen und geschlafen wird an Bord. Der Guide ist amtlich zugelassen, zeigt einem bei den Exkursionen die interessantesten Stellen und passt gleichzeitig auf, dass an Land nur die genehmigten Pfade benutzt werden. Damals erschienen uns 300 US-$ für 5 Tage, also 60 pro Tag für Vollpension, Schifffahrt und Exkursionen viel Geld. Im Vergleich jedoch zu den Summen, die man heute in Deutschland allein für ein einfaches Hotelzimmer ausgeben muss, eine eher mickrige Summe.
Wir waren eine multinationale Gruppe, 6 Deutsche, 1 Israeli, ein oder zwei Franzosen, eine Schwedin mit ihrem ecuadorianischen Mann und einem Baby. Dazu kamen als Besatzung der Kapitän, ein Schiffsjunge, ein Koch und der bereits erwähnte Guide. An den Kochkünsten hatte ich wenig Freude, mit dem vielen und reichlichen Essen verdarb ich mir in kürzester Zeit den Magen, konnte die Standardgewürze nicht mehr ertragen, mit denen jedweder Reis zubereitet wurde und kehrte zum üblichen Bergessen zurück: Vollkornkekse mit Leberwurst, ein Wasser-Colagemisch und Vitamintabletten.

Die kleineren Inseln sind unbewohnt, was den Tieren noch mehr die Scheu vor Menschen nimmt. Häufig begegnet man den Tölpeln. Bei ihnen handelt es sich um Vögel, die in Ermanglung von ausreichenden Schutz- und Nistmöglichkeiten auf dem blanken Boden brüten. Eier und Junge werden, so gut es geht, mit dem eigenen Körper geschützt. Ist so ein Vogelpärchen zufällig auf den Gedanken gekommen, seine Eier mitten auf den Weg zu legen, wo ein- oder mehrmals am Tag eine Touristengruppe entlang läuft, dann werden sie stur auf ihrem Wohnrecht beharren, sich keinen Millimeter vom Platz bewegen und nach allem hacken, was in die Reichweite ihrer Schnäbel kommt.
Überall auf den Inseln begegnet man verschiedenen Echsenarten, die sich auf das jeweils vorhandene Nahrungsangebot eingestellt haben. Man findet nicht nur die bereits erwähnten Meeresechsen, sondern auch jede Menge echte Landbewohner in allen Farben. An einigen Plätzen scheint das Nahrungsgebot so knapp zu sein, dass die Tiere wirklich jede Zurückhaltung fahren lassen. Eine der Echsenarten hat sich auf das Fressen der Früchte von Kakteen spezialisiert. Hören sie von weitem, dass wieder eine heruntergefallen ist, dann entbrennt ein Wettlauf um den ersten Platz an der Futterstelle. Auf dem Bild ist der mutigste Bursche zu sehen, der sich mitten in unserer Gruppe auf seine Hinterbeine stellte, um uns die Früchte aus der Hand zu reißen.

Auch Pflanzenliebhaber kommen auf den Inseln auf ihre Kosten. Auf den größeren mit einer üppigen Vegetation findet man eine Menge Grün, das einem in kleinerem Format sehr bekannt vorkommt. Doch während man zu Hause auf der Fensterbank mit dem Aufpäppeln alle Mühe hat und manchmal auch mit bestem Dünger, abgekochtem Wasser oder klassischer Musik nur mäßige Erfolge erzielt, wachsen sie in ihrer Heimat zu haushohen Monsterpflanzen heran. Am stärksten beeindruckt haben mich die Kakteenbäume, die, der Gliederform nach zu urteilen, Opuntien sein müssen, mit einem verholzten Stamm, manchmal über zehn Meter hoch.

Während wir von Insel zu Insel schifferten, musste die Besatzung von Zeit zu Zeit die Ölpumpe des Dieselmotors von Hand bedienen, weil die Automatik ausgefallen war. Irgendwann blieben wir mit einem Motorschaden mitten auf dem Ozean liegen. Per Funk wurde ein zweites Schiff gerufen, dass uns abschleppen sollte. Während des Abschleppens steuerte der Koch das Schiff, weil Kapitän und Schiffsjunge ihren Rausch ausschliefen. Sie hatten mit Liebeskummer zu kämpfen. Beide hatten sich jeweils in eine andere Deutsche verliebt. Den Schiffsjungen hatte es so schwer erwischt, dass er außen am Schiff herumturnte, um seiner Angebeteten durch das Bullauge beim Duschen zuzusehen. Die beiden Mädchen verhielten sich genauso unlogisch. Einerseits waren sie geschmeichelt wegen der Aufmerksamkeit, andererseits genervt wegen der ständigen Anbaggerei.
Nach fünf Tagen war unsere Exkursion zu Ende. Während der letzten Tage auf Galapagos erfuhren wir noch die Vorgeschichte unseres Schiffs. Der Defekt der Ölpumpe rührte von einer anderen Tour her. Bei dieser war das Boot auf ein Riff gelaufen, vermutlich war auch damals die Besatzung gerade indisponiert. Jedenfalls brach unter den Passagieren eine Panik aus, weil niemand Schwimmwesten an Bord finden konnte. Es ging aber alles gut, und der nächste oder übernächste Ausflug fand dann mit uns statt.
Nach diesem Urlaub hatte ich abgesehen von einem einwöchigen Jetlag erstaunlich wenig Probleme, mich wieder in Deutschland zurecht zu finden. Sieben Wochen waren eine lange Zeit gewesen, nach fünf Wochen Ecuador begann in mir langsam das Heimweh zu nagen. In einem fremden Land hat man immer das Problem, dass man viele Gepflogenheiten nicht kennt. Man fällt als Ausländer auf, tritt, ohne es zu wollen, in manches Fettnäpfchen und wird häufig, wenn alles gut gegangen ist, gar nicht bemerken in welcher Gefahr man manchmal geschwebt hat. Alles in allem war es eine tolle Zeit, an die ich mich auch heute, acht Jahre danach, noch sehr gut erinnern kann.
Kategorien: Reiseberichte
Donnerstag, 18.März 2004





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