Ecuador 2/3: Hohe Berge

In der Vorbereitung auf Ecuador hatten wir überlegt, welchen wirklich hohen Berg wir besteigen wollen. Der höchste Gipfel des Landes ist mit über 6300 m der Chimborazo. Obwohl er bergsteigerisch als recht einfach gilt, hatten wir doch mächtigen Respekt vor seiner Höhe und einen Versuch für uns ausgeschlossen. (Als Kuriosität sei hier noch vermerkt, dass der Chimborazo der höchste Berg der Erde ist, wenn man die Berghöhen nicht vom Meeresspiegel, sondern vom Erdmittelpunkt aus messen würde. Ursache ist die Abplattung der Erde an den Polen und die Ausbuchtung in Äquatornähe aufgrund der Erdrotation.)

Die beiden nächsthöchsten Berge sind mit rund 5800 m der Cayambe und der Cotopaxi. Auch der Cayambe kam für uns nicht in Frage, gilt er doch mit seinen vielen Gletscherspalten als schwieriger Berg. Hingegen wurde der Cotopaxi von allen unseren bergsteigenden Bekannten als „Latschberg” klassifiziert. Man könne also bei ausreichender Kondition einfach hinfahren und „rauflatschen”. Recherchiert man heute im Netz, dann bestätigt sich diese Meinung, von allen Bergagenturen wird der Cotopaxi mit Abstand am häufigsten angeboten.

Der übliche Ablauf solcher organisierten Touren besteht darin, dass man in Begleitung eines Bergführers zunächst einen niedrigeren Vorbereitungsberg, der um die 5000 m hoch ist, besteigt und erst danach zum eigentlichen Ziel fährt. Der kleinere Berg wird genutzt, den Klienten die notwendige Technik beizubringen, außerdem kann sich der Bergführer einen Eindruck vom körperlichen Zustand seiner Mannschaft verschaffen. Offiziell soll diese Vorbereitungstour auch der Akklimatisierung dienen. Man ist also insgesamt 3-4 Tage unterwegs.

Bergmedizinisch gesehen, ist eine optimale Vorbereitung in so kurzer Zeit nicht möglich, es gelten vielmehr folgende Faustregeln: Anpassungsdauer auf 2000 m: 0 Tage, 3000 m: 1 Tag, 4000 m: 1 Woche, 5000 m: 4 Wochen. Auf Höhen oberhalb ca. 5500 m kann der Mensch nicht dauerhaft leben, das höchstgelegene Basislager für Bergbesteigungen liegt am Everest auf ca. 5400 m. In dieser Höhe ist der Sauerstoffpartialdruck nur noch halb so groß wie am Meer. Die Höhenanpassung ist individuell sehr unterschiedlich, bei einigen geht es schneller, andere schaffen es unter Umständen überhaupt nicht. Es gibt auch keinen deutlich nachgewiesenen Zusammenhang zwischen körperlicher Ausdauerleistungsfähigkeit und Höhentauglichkeit.

Deshalb muss man als Bergneuling bei einer solchen geführten Dreitagestour einplanen, dass man sich in dieser Zeit sehr schlecht fühlen und mordsmäßige Kopfschmerzen haben wird. Den Urlaubsbildern des „Berghelden” wird man das später nicht mehr ansehen. Wenigstens sollte man sich zuvor über die üblichen Merkmale einer Höhenkrankheit informieren, die dann auftritt, wenn man sich ungenügend akklimatisiert zu lange in großen Höhen aufhält. Die beiden bekanntesten Symptome sind Lungen- und Hirnödeme, die unbehandelt sehr schnell zum Tode führen können. Normalerweise sind die Bergführer aber sehr vorsichtig und brechen bei den geringsten Anzeichen, dass ihre Klienten die Besteigung physisch nicht bewältigen, die Tour ab.

Als letzten Testberg hatten Ingo und ich den Illiniza Norte mit etwa 5100 m Höhe ausersehen. Die dortige Schutzhütte liegt zwischen den beiden Gipfeln Illiniza Norte und Illinza Sur. Während der Nordgipfel „Norte” als leichter Berg gilt, ist sein südlicher und etwas höherer Bruder „Sur” von einem ganz anderen Kaliber, ohne Erfahrungen im Eis geht hier nichts.

Wir kamen am frühen Nachmittag in der gut gefüllten Hütte an. Deutlich konnte man zwei unterschiedliche Gruppen unterscheiden: Die Touristen, die den Nordgipfel besteigen und die Eismänner, die ihr Glück am Südgipfel versuchen wollten. Wir hatten vor, in der Hütte zu übernachten und am nächsten Tag zum Gipfel aufzusteigen. Da bis zum Abendbrot noch eine Menge Zeit war, brachen wir zu einem kleinen Spaziergang ohne Gepäck in die für morgen geplante Route auf. Wie üblich verstiegen wir uns und blieben an einer unüberwindbaren Wand stecken. Bei unserem Spaziergang trafen wir einen Sachsen, mit dem wir unsere bisherigen Erlebnisse austauschten.

Am Illiniza Norte


Als wir in die Hütte zurückkehrten, war einige Aufregung zu bemerken. Die anwesenden Bergführer rüsteten sich für eine Rettungstour. Ein junges, englisch sprechendes Pärchen war am morgen zum Illiniza Sur aufgebrochen und noch nicht zurückgekehrt. Jetzt waren ein paar schwarze Pünktchen auf dem Gletscher ausgemacht worden, die sich zielstrebig der Eisabbruchkante am Gletscherende näherten. In der einsetzenden Dunkelheit hatten sie dort alleine keine Chance. Letztendlich gelang es den Bergführern am Abend, die beiden vom Berg zu holen.

Der Illiniza Sur an diesem Abend


Am nächsten Morgen brachen wir zu unserer Tour auf. Doch auch dieses Mal erreichten wir den Gipfel nicht. Im Tourenführer war der Illiniza Norte als eisfrei beschrieben, wir waren deshalb naiv ohne Steigeisen angereist. Vor dem Gipfel lag jedoch eine vereiste Passage, die wir ohne Material nicht riskieren wollten, also drehten wir wieder um. Am frühen Nachmittag waren wir in der Hütte zurück, die beiden gestern geretteten Engländer lagen immer noch vollkommen fertig in ihren Schlafsäcken.

In der Hütte hatten wir uns mit einem der Bergführer angefreundet. Benno stammte aus der Schweiz und arbeitete seit einigen Jahren als Führer in Ecuador. Ursprünglich war er genau wie wir als Tourist ins Land gekommen. Er hatte sich in eine Ecuadorianerin verliebt und sie geheiratet. Ein Jahr versuchten sie zusammen, in der Schweiz zu leben, aber seine Frau wurde dort nicht „warm”. Also siedelten sie nach Ecuador um, Benno machte dort seine Bergführerausbildung. Er überredete uns, ihn bei seiner Agentur als Führer auf den Cotopaxi anzuheuern. Nach unseren bisherigen Pleiten und seiner angenehmen Art bedurfte es nicht mehr sehr viel Überzeugungsarbeit.

Ein paar Tage später trafen wir uns in Quito wieder. Benno hatte inzwischen eine andere Tour zum Cotopaxi gemacht, die wegen starkem Neuschnee nicht bis nach oben gekommen war. Eine Anfrage beim Chimborazo ergab dieselbe Auskunft, Schneefall seit vierzehn Tagen, jede Menge Lawinen, Gipfelbesteigung unmöglich. So kam es, dass wir zum Cayambe fuhren, dem Berg, den wir eigentlich nicht besteigen wollten.

Wir waren zu viert im Jeep, weil sich unserer Dreiergruppe noch ein Amerikaner angeschlossen hatte, der als Solist den Cayambe besteigen wollte. Auf dem Weg zur Hütte kam unser Wagen in einem Schmelzbach vom Weg ab und begann, den Abhang hinab zu rutschen. „Raus, raus” brüllte Benno, „Out, Out” der Amerikaner. Weil unsere Türen klemmten, blieben Benno und ich im Auto stecken, Ingo und der Ami sprangen ab. Gott sei Dank knallte der Jeep gegen einen Stein und blieb hängen. Die Heckklappe sprang auf und unsere Ausrüstung verteilte sich über den Berg.

Am Abgrund


Auf dem Bild sieht der Hang ziemlich kurz aus, es ging aber ca. 50 m hinunter. Im Nachhinein wundert man sich selbst, wie wenig einem dieser Unfall nahe gegangen ist. Wir sammelten unsere Sachen ein und gingen die letzte Stunde zur Hütte zu Fuß. Vorn dort bestellten wir für den nächsten Tag per Funk einen neuen Jeep. Viel später erfuhren wir, dass zur Bergung des Wagens 25 Mann notwendig gewesen waren, weil es wegen der einsetzenden Schneefälle ziemlich schwierig wurde. Bis zur nächsten richtigen Straße sind es von der Unfallstelle über 20 Kilometer.

In der Hütte angekommen, wurde Abendbrot gekocht und wir gingen zeitig schlafen. Nachts halb zwölf war Wecken und kurz vor Mitternacht gingen wir los. Dieser zeitige Aufbruch ist üblich, um den Gipfel am frühen Vormittag zu erreichen. Man kann dann noch am Vormittag wieder absteigen. Nachmittags wird das Eis immer weicher, viele Schneebrücken über den Gletscherspalten können nicht mehr gefahrlos benutzt werden.

Im Schein der Stirnlampen ging es aufwärts. Ohne Benno hätten wir vollkommen die Orientierung verloren. Ich verfluchte den Agenturchef in Quito, der mir die Plasteschuhe aufgeschwatzt hatte, die ich jetzt anstelle meiner eigenen Bergschuhe trug. Binnen kurzem waren meine Hacken vollkommen aufgerieben. Die Nacht war zwar sternenklar, aber weniger als 10 Grad minus waren es sicher nicht. Irgendwann später wurden wir von dem Amerikaner eingeholt, der nach uns aufgebrochen war. Er schien nur wenig Probleme mit der Höhe zu haben und gab mir, bevor er davonzog, noch ein paar Tipps zur Atemtechnik.

Kurz bevor es zu schneien begann


Gegen 6 Uhr wurde es langsam hell - und es fing an zu schneien. Wir hatten den Vorgipfel in etwa 5400 m Höhe erreicht. Vor uns lag eine Senke mit der breitesten Gletscherspalte des ganzen Aufstiegs. Über sie führte eine große Schneebrücke. Auf der gegenüberliegenden Seite saß der Amerikaner auf seinem Rucksack und wartete auf uns. Benno ließ Rast machen, der Schneefall wurde immer stärker. Eine Stunde später entschlossen wir uns zum Rückzug. Es war einfach zu gefährlich, bei diesem Wetter weiter aufzusteigen. Vielleicht wären wir bis zum Gipfel gekommen, herunter aber wahrscheinlich nur noch innerhalb einer Lawine.

Während ich auf dem Hinweg als Letzter am Seil gegangen war, sollte ich jetzt als Erster marschieren. Benno war der Meinung, dass es im Fall eines Sturzes in eine Gletscherspalte so für ihn leichter werden würde, den Sturz zu halten und die Bergung vorzunehmen. Im dichten Schneetreiben waren die Spalten nicht mehr so gut zu erkennen. Psychisch gab mir das den Rest. Wegen dem Sauerstoffmangel konnte mein Gehirn sowieso kaum noch vernünftige Gedanken fassen, jetzt lief ununterbrochen der Film ab, wie ich schreiend in eine Gletscherspalte sausen würde.

Am späten Vormittag erreichten wir die Hütte und wurden bald von dem neu geschickten Jeep abgeholt. Auf dem Rückweg fuhren wir an unserem abgestürzten Auto vorbei. Der Amerikaner erzählte uns, dass er in der Nacht dreimal in eine Spalte eingebrochen war, aber jedes Mal „höchstens bis zur Brust”. Später fragte mich Ingo, ob ich auch gesehen habe, wie viele bunte Pillen er eingeworfen hätte.

Eigentlich sollte damit das Kapitel „Berge” abgeschlossen werden, aber so richtig zufrieden waren Ingo und ich nicht. Kurzentschlossen fuhren wir nach Baños. Dieser Ort ist berühmt für seine heißen Quellen. Diese erhalten ihre Wärme vom Tungurahua, einem aktiven Vulkan von etwas über 5000 m Höhe. Technisch ist er unschwierig, aber man steigt von einer Höhe von 1800 m auf 5000 m und wieder zurück. Auf 3800 m Höhe liegt die Schutzhütte, in der man vor der Gipfelbesteigung übernachten kann.

Am ersten Tag stiegen wir bis zur Hütte auf. Diese war gut gefüllt, viele Besucher beschränken sich auf den Ausblick von dort, übernachten und steigen am nächsten Tag wieder ab. In der Hütte traf mich fast der Schlag, glaubte ich doch, eine ehemalige Freundin wiederzuerkennen. Sie war es nicht. Die Deutsche hieß Monika, arbeitete seit einiger Zeit als Ergotherapeutin in Quito und wohnte dort mit ihrem ecuadorianischen Freund zusammen. Da das verdiente Geld nicht zum Leben ausreichte, verbrauchte sie nach und nach ihre Ersparnisse aus Deutschland. Wie es später weitergehen sollte, wusste sie noch nicht.

Da es von der Hütte nur noch 1200 m bis zum Gipfel waren, brachen wie erst nachts um zwei auf. Kurz nach uns machte sich eine israelische Gruppe auf den Weg. Wir wurden von einem Schäferhund begleitet, der offensichtlich dem Hüttenwirt gehörte. An einer Stelle waren der Hund und wir anderer Meinung über den einzuschlagenden Weg. Wir entschlossen uns, besser auf den Hund als auf uns zu hören und taten bestimmt gut daran. Kurz nach dem Hellwerden erreichten wir endlich, endlich, endlich mal den Gipfel eines Fünftausenders, die Sicht betrug ungefähr null Meter. Oben angekommen, belohnten wir unseren Bergführer mit ein paar Keksen, danach machten wir uns auf den Rückweg. Beim Abstieg trafen wir die Israeli wieder, die noch auf dem Weg nach oben waren. Zusammen mit ihnen kam der zweite Hund gelaufen. Diese beiden Hunde waren vermutlich die am besten akklimatisierten und genügsamsten Bergführer, die man sich vorstellen kann.

Der Bergführer wird mit Keksen belohnt


In Baños legten wir einen Ruhetag ein, 3200 Höhenmeter in 24 Stunden rauf und wieder runter, das war auch für unseren damaligen guten Trainingszustand eine ordentliche Leistung. Außerdem hatten wir „unseren” Fünftausender endlich geschafft. In der Stadt kaufte ich mir noch eine „garantiert originale” Calvin-Klein-Jeans für 7 Dollar, dann fuhren wir nach Quito zurück, um Silvester zu feiern. Am 1. Januar wollten wir auf die Galapagosinseln fliegen.

Kategorien: Reiseberichte

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Kommentare hier ...

In einem Binärbaum ist die Suchdauer...
Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
steppenhund - 12. Mai, 21:17
Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29