Zu spät gekommen

Köpnick erwachte mit dem unklaren Gefühl, dass etwas nicht stimmen konnte. Wieso war es so hell im Zimmer? Nach einem Blick auf den Radiowecker wurde ihm klar: Verdammt, verschlafen! Warum hatte ihn diese blöde Kiste nicht geweckt? Er sprang aus dem Bett, entledigte sich seines Pyjamas und schaltete, bevor er ins Bad ging, die Kaffeemaschine ein. Das Wasser der Dusche blieb eiskalt. Er hatte keine Zeit, sich darum zu kümmern, zog seine Sachen an, trank einen Schluck Kaffee, eilte die Treppe hinunter, setzte sich ins Auto und fuhr los.

Während der Fahrt begann er langsam, zu sich zu kommen. Er versuchte, im Büro anzurufen, aber das Handy funktionierte nicht. Ärgerlich warf er es auf den Beifahrersitz. Unvermittelt begann auf dem Armaturenbrett die Airbag-Lampe zu blinken. Köpnick trat erschrocken auf die Bremse und hatte dann Mühe, den Wagen unter Kontrolle zu halten. Doch es passierte nichts. Nachdem er einige Zeit vorsichtig gefahren war und immer auf das Zünden des Airbags gewartet hatte, begann er die Lampe zu ignorieren und fuhr wieder schneller.

Der ganze Arbeitstag verlief weitgehend ereignislos. Ein paar Mal stürzte der Rechner ab, aber das war kein wirkliches Problem. Köpnick saß heute sowieso die meiste Zeit nur herum und tat so, als ob er intensiv nachdenken würde. Am Nachmittag rief er in der Autowerkstatt an und vereinbarte einen Termin, um den Wagen in Ordnung bringen zu lassen.

Abends fuhr er wieder nach Hause. Die Kaffeemaschine war noch an. Er rüttelte am Stromkabel des Warmwasserboilers und knipste den Schalter an und aus, es war absolut kein Fehler zu finden. Weshalb er heute früh gestreikt hatte, blieb ein Rätsel. Den defekten Radiowecker stellte er in den Flur, eine Reparatur lohnte sicher nicht. Nach dem Abendbrot schaltete er den Computer ein, er wollte noch etwas für morgen ausdrucken. Zuerst druckte er die ungeraden Seiten, danach legte er den Papierstapel umgekehrt herum wieder in den Papierschacht, um die geraden Seiten auf die Rückseite zu bekommen. Beim Lesen konnte Köpnick seinen Augen kaum trauen, während die ungeraden Seiten von vorn nach hinten gedruckt vorlagen, hatte der Drucker die geraden Seiten in umgekehrter Reihenfolge ausgegeben, nichts passte zusammen.

Frustriert legte er den Papierstapel zur Seite und griff zur Fernbedienung. Rauschen. Einige Fernsehprogramme brachten überhaupt nichts, auf den übrigen Kanälen kam nur Müll. Er schaltete ab und beschloss, an diesem Tag zeitig ins Bett zu gehen. Vorher suchte Köpnick noch den mechanischen Wecker, den er von seinen Großeltern geerbt hatte und stellte ihn auf den Nachttisch. Er konnte lange nicht einschlafen, er hörte dem lauten Ticken der Uhr zu, irgendwann döste er weg und träumte von diesem seltsamen Tag.

Am nächsten Morgen wurde er vom rasselnden Geräusch des Weckers aus dem Schlaf gerissen. Das Licht ließ sich nicht einschalten, im Dunkeln tastete er sich ins Bad und stolperte dabei über den im Flur auf dem Boden stehenden Radiowecker. Ärgerlich trat er nach dem Gerät und verspürte einen stechenden Schmerz im Fuß. Er hatte vollkommen vergessen, dass er gestern abend neben dem Wecker seinen großen und schweren Drucker abgestellt hatte. Vielleicht habe ich mir jetzt ein paar Zehen gebrochen, dachte er resignierend. Das fehlte gerade noch. Wenigstens leuchtete das Kontrollämpchen des Warmwasserboilers im Dunkeln. Das Wasser blieb aber trotzdem eiskalt, obwohl er es eine ganze Weile in den Ausguss laufen ließ. Das muss ich mir kein zweites Mal antun, sagte er zu sich und verzichtete auf die Dusche. Die Kaffemaschine funktionierte auch nicht mehr. Vielleicht hatte sie gestern doch Schaden genommen. Da sich das Licht immer noch nicht einschalten ließ, musste er sich im Halbdunkeln anziehen und stolperte nochmals über den Drucker. Der Schmerz im rechten Fuß wurde stärker.

Köpnick ging hinunter zum Wagen. Sein Versuch, ihn zu starten, endete mit einem jämmerlichen Aufjaulen des Anlassers. Stille. Langsam stieg Panik in ihm auf, nicht auszumalen, wenn er heute schon wieder zu spät kommen würde. Sein Fahrrad fiel ihm ein, und im Halbdunkel des Kellers pumpte er die Reifen auf. „Ich kann es noch schaffen, halbwegs pünktlich zu sein”, dachte er und fuhr los. Nach einer Weile bemerkte er, dass seine Tasche noch im Auto stand, aber zum Umkehren war es zu spät. Es gab nur wenig Verkehr auf den Straßen, eigentlich ziemlich merkwürdig um diese Zeit. Einem unvermittelt vor ihm auftauchenden Geländewagen konnte er nur mit Mühe ausweichen, schlingerte ein Stück und stürzte dann doch. Nachdem er sich wieder aufgerappelt hatte, wunderte er sich, dass er den Fahrer des Wagens überhaupt nicht gesehen hatte, obwohl dieser so dicht an ihm vorbei gefahren war, dass er ihn in jedem Fall hätte erkennen müssen. Als ob das Auto ohne Fahrer unterwegs gewesen war.

Sein Rad hatte jetzt vorn eine richtige Acht. Nach ein paar Schritten gab Köpnick das Schieben auf. An dieser Stelle verlief die Straße durch einen ziemlich dichten Wald, er trug das kaputte Ding ein Stück von der Straße weg und bedeckte es mit ein paar Zweigen. Er versuchte, sich die Stelle genau einzuprägen. Sein Fahrrad war noch ziemlich neu, keinesfalls wollte er es für immer im Wald entsorgen. Danach stellte er sich an den Straßenrand, um von einem vorbeifahrenden Auto mitgenommen zu werden. Kein einziges Fahrzeug hielt auf sein Winken hin, kein Wunder, sah er doch nach seinem Sturz ziemlich ramponiert aus. Humpelnd und mit seinem Schicksal hadernd machte er sich zu Fuß auf den Weg. Es war wirklich saukalt. Köpnick verfluchte seinen Einfall, mit dem Rad zur Arbeit zu fahren, er hätte besser ein Taxi rufen sollen. Nach ein paar Metern überlegte er sich, dass er vielleicht schneller ankommen würde, wenn er nicht der kurvenreichen Straße folgte, sondern geradeaus durch den Wald ging.



Der Arzt hatte es eilig. Nachdem er mehrere Male versucht hatte, die Schwester telefonisch zu erreichen, gab er auf. Er suchte den Ordner heraus, der alle Aufzeichnungen über den Mann enthielt, den Passanten vor ein paar Tagen verwirrt und ohne Papiere im Wald gefunden hatten. Wegen starker Unterkühlung war er sofort auf die Intensivstation gebracht worden. Er war kaum mehr bei Bewußtsein, aber als er, im Bett liegend, an die Kabel und Schläuche angeschlossen werden sollte, begann er sich heftig zu wehren und musste ruhig gestellt werden.

Der Doktor klemmte sich den Ordner mit den Unterlagen unter den Arm und eilte in Richtung Konferenzzimmer. Dort tagte bereits die Kommision, die den unerwarteten Geräteausfall auf der Station klären sollte. Bevor er die Tür öffnete, dachte er verärgert, „Wo bleibt die Schwester nur? Sie weiß doch, dass heute ihre Aussage erwartet wird.” Als er vor zwei Tagen, durch den Pieper alarmiert, auf die Station eilte, fand er die Schwester allein mit dem Patienten vor. Er konnte nur noch den Tod des Mannes feststellen. Im Gedächtnis war ihm dessen seltsamer Blick geblieben, mit zur Seite gefallenem Kopf schien er die vermutlich defekten Geräte anzustarren. Nach dem Öffnen der Tür des Zimmers wandte sich der Arzt zu den anwesenden Untersuchungsbeamten und sagte: „Meine Herren, entschuldigen Sie meine Verspätung. Ich habe noch auf die Schwester gewartet. Schließlich war sie die letzte, die den Mann lebend gesehen hat. Sonst so gewissenhaft, kam sie gestern zu spät zum Dienst und heute ist sie immer noch nicht da!

Kategorien: Köppnicks Welt

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Kommentare hier ...

Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16
Deine beiden Sätze sind grammatisch...
Köppnick - 14. Juli, 07:30
Und genau diese Innovation verlieren wir...
steppenhund - 13. Juli, 21:05
@isv_rp
Metepsilonema - 11. Juli, 23:53
Ich halte es für einen fatalen Irrtum...
Köppnick - 11. Juli, 20:06
Splitter
Gregor Keuschnig - 11. Juli, 18:23