Adam und Eva
Als ich so etwa neun oder zehn Jahre alt war, hatte ich meinen Eltern ein Aquarium abgebettelt. Für die darin lebenden Guppies ging ich einmal in der Woche zum Zoohändler um die Ecke, um lebende Wasserflöhe zu kaufen. Alles in diesem Laden war ungeheuer interessant, es gab verschiedene Aquarien mit bunten Fischen, es gab Vögel und Reptilien und es gab auch Mäuse.
Zu dieser Zeit erhielt ich pro Woche fünzig Pfennig, manchmal eine Mark Taschengeld, eine ungeheuer große Summe, wenn man bedenkt, dass ein Brötchen fünf und eine Kugel Vanilleeis zehn Pfennige kostete. Mäuse gab es im Zooladen zu einer Mark das Stück. Ich weiß gar nicht, wann und warum ich darauf kam, dass es sicher eine gute Idee sein könnte, meinem heimischen Zoo, den Fischen und dem ab und zu auf Besuch bei uns weilenden Zwergpapagei Jacko zwei neue Mitbewohner hinzu zu gesellen.
Eines schönen Tages jedenfalls setzte ich meinen Plan in die Tat um und erstand von meinem Ersparten zwei Mäuse. Der Verkäufer fragte mich, welche ich denn gerne haben wollte, ich entschied mich für ein Männchen und ein Weibchen. Das Weibchen war bedeutend dicker als das Männchen. Im Stillen gab ich den beiden die Namen Adam und Eva. Der Händler packte meine beiden Mäuse in einen kleinen Pappkarton, der üblicherweise zum Transport von kleineren Vögeln verwendet wird, etwas größer als eine Glühbirnenschachtel, mit Löchern wegen der Atmung.
Stolz trug ich meine Neuerwerbungen nach Hause und setzte sie in eine vorbereitete Holzkiste. Dort hatte ich es ihnen schon so richtig gemütlich gemacht, Hobelspäne, ein Wassernapf, ein Stück Käse, ein Wurstzipfel, ein paar Kartoffelschalen vom Wochenende. Nachdem ich den beiden Mäusen eine Weile zugeschaut hatte, schob ich die Kiste unters Bett und ging erstmal mit ein paar Kumpels Fußball spielen. Meine Eltern waren zu dieser Tageszeit noch auf Arbeit.
Als ich abends zurück kam, wurde ich von meiner Mutter bereits erwartet, sie war ziemlich außer sich. Auf der Suche nach dem merkwürdigen Geruch im Kinderzimmer hatte sie die Mäusekiste unter dem Bett entdeckt. "Sofort schaffst Du das Ungeziefer wieder dahin zurück, von wo Du es her hast!", lautete die unmissverständliche Aufforderung.
Glücklicherweise hatte ich einen sehr guten Freund, Andre, etwa ein bis zwei Jahre älter als ich. Der hatte eine einfache Lösung meines Problems. Bei ihm wohnten zwei Schildkröten in einem riesig großen Aquarium, genügend Platz für meine beiden Mäuse war vorhanden. Wir setzten die Mäuse zu den Schildkröten, beide Tierarten nahmen kaum Notiz voneinander und gingen ihren eigenen Geschäften nach. Alles in schönster Ordnung, ich ging nach Hause. Andre gab mir auch zwei Markstücke mit, die ich zu Hause zum Beweis der Rücknahme durch den Zoohändler vorzeigen konnte.
Am nächsten Tag wollte ich meine beiden Mäuse besuchen und erlebte eine böse Überraschung. Auch Andres Mutter wollte offensichtlich nichts mit Adam und Eva zu tun haben und verlangte die sofortige Entfernung. Glücklicherweise hatten wir bei allem Tohuwabohu die Transportschachtel noch nicht weggeworfen, die Mäuse kamen wieder da hinein und wir zogen los, diesmal wirklich Richtung Zooladen. Unterwegs unterhielten wir uns über die ungewisse Zukunft der beiden Tierchen. Es gab ja ganz gewissenlose Menschen, die Nager als Futter ihrer Schlangen missbrauchten. Dieses schreckliche Schicksal wollten wir unseren Mäusen ersparen.
Gegenüber dem Zooladen, auf der anderen Straßenseite lag ein Gemischtwarenladen, in dem wir häufig ein paar Süßigkeiten kauften, in seltenen Fällen auch mal ein Schreibheft oder eine Packung Tintenpatronen. Ich weiß gar nicht, wer von uns beiden die Idee zuerst hatte, Andre oder ich? Jedenfalls stand er in Kassennähe Schmiere, während ich mit der Schachtel ganz in die hinterste Ecke des Ladens ging, mich bückte, die Schachtel aufmachte und Adam und Eva in die Freiheit entließ. In unserer Vorstellung musste ein Lebensmittelladen das Paradies für ein Mäusepärchen sein.
Seit dieser Zeit sind über dreißig Jahre vergangen, diesen Laden gibt es schon lange nicht mehr. In Mäuseleben gerechnet, sind schon über hundert Generationen vergangen. Wenn Du gerade diese Geschichte liest, dann sitzen auch immer irgendwo ein paar Mäuse in einem Lebensmittelladen, versammelt um ein paar zu Boden gefallene Krümel oder eine schlecht aufgewischte Bierlache.
Vieleicht werden auch bei Mäusen Geschichten von Generation zu Generation weiter gegeben. Dann könnte es gut sein, dass unter diesen Erzählungen auch diejenige von Adam und Eva ist, die Gott einst im Paradies ausgesetzt hat. Was sie nicht wissen können: Ihr Gott war nur ein kleiner Junge, dessen Mutter sie nicht mochte und sie nur deshalb die Freiheit geschenkt bekamen.
Kategorien: Natur, Alltag
Zu dieser Zeit erhielt ich pro Woche fünzig Pfennig, manchmal eine Mark Taschengeld, eine ungeheuer große Summe, wenn man bedenkt, dass ein Brötchen fünf und eine Kugel Vanilleeis zehn Pfennige kostete. Mäuse gab es im Zooladen zu einer Mark das Stück. Ich weiß gar nicht, wann und warum ich darauf kam, dass es sicher eine gute Idee sein könnte, meinem heimischen Zoo, den Fischen und dem ab und zu auf Besuch bei uns weilenden Zwergpapagei Jacko zwei neue Mitbewohner hinzu zu gesellen.
Eines schönen Tages jedenfalls setzte ich meinen Plan in die Tat um und erstand von meinem Ersparten zwei Mäuse. Der Verkäufer fragte mich, welche ich denn gerne haben wollte, ich entschied mich für ein Männchen und ein Weibchen. Das Weibchen war bedeutend dicker als das Männchen. Im Stillen gab ich den beiden die Namen Adam und Eva. Der Händler packte meine beiden Mäuse in einen kleinen Pappkarton, der üblicherweise zum Transport von kleineren Vögeln verwendet wird, etwas größer als eine Glühbirnenschachtel, mit Löchern wegen der Atmung.
Stolz trug ich meine Neuerwerbungen nach Hause und setzte sie in eine vorbereitete Holzkiste. Dort hatte ich es ihnen schon so richtig gemütlich gemacht, Hobelspäne, ein Wassernapf, ein Stück Käse, ein Wurstzipfel, ein paar Kartoffelschalen vom Wochenende. Nachdem ich den beiden Mäusen eine Weile zugeschaut hatte, schob ich die Kiste unters Bett und ging erstmal mit ein paar Kumpels Fußball spielen. Meine Eltern waren zu dieser Tageszeit noch auf Arbeit.
Als ich abends zurück kam, wurde ich von meiner Mutter bereits erwartet, sie war ziemlich außer sich. Auf der Suche nach dem merkwürdigen Geruch im Kinderzimmer hatte sie die Mäusekiste unter dem Bett entdeckt. "Sofort schaffst Du das Ungeziefer wieder dahin zurück, von wo Du es her hast!", lautete die unmissverständliche Aufforderung.
Glücklicherweise hatte ich einen sehr guten Freund, Andre, etwa ein bis zwei Jahre älter als ich. Der hatte eine einfache Lösung meines Problems. Bei ihm wohnten zwei Schildkröten in einem riesig großen Aquarium, genügend Platz für meine beiden Mäuse war vorhanden. Wir setzten die Mäuse zu den Schildkröten, beide Tierarten nahmen kaum Notiz voneinander und gingen ihren eigenen Geschäften nach. Alles in schönster Ordnung, ich ging nach Hause. Andre gab mir auch zwei Markstücke mit, die ich zu Hause zum Beweis der Rücknahme durch den Zoohändler vorzeigen konnte.
Am nächsten Tag wollte ich meine beiden Mäuse besuchen und erlebte eine böse Überraschung. Auch Andres Mutter wollte offensichtlich nichts mit Adam und Eva zu tun haben und verlangte die sofortige Entfernung. Glücklicherweise hatten wir bei allem Tohuwabohu die Transportschachtel noch nicht weggeworfen, die Mäuse kamen wieder da hinein und wir zogen los, diesmal wirklich Richtung Zooladen. Unterwegs unterhielten wir uns über die ungewisse Zukunft der beiden Tierchen. Es gab ja ganz gewissenlose Menschen, die Nager als Futter ihrer Schlangen missbrauchten. Dieses schreckliche Schicksal wollten wir unseren Mäusen ersparen.
Gegenüber dem Zooladen, auf der anderen Straßenseite lag ein Gemischtwarenladen, in dem wir häufig ein paar Süßigkeiten kauften, in seltenen Fällen auch mal ein Schreibheft oder eine Packung Tintenpatronen. Ich weiß gar nicht, wer von uns beiden die Idee zuerst hatte, Andre oder ich? Jedenfalls stand er in Kassennähe Schmiere, während ich mit der Schachtel ganz in die hinterste Ecke des Ladens ging, mich bückte, die Schachtel aufmachte und Adam und Eva in die Freiheit entließ. In unserer Vorstellung musste ein Lebensmittelladen das Paradies für ein Mäusepärchen sein.
Seit dieser Zeit sind über dreißig Jahre vergangen, diesen Laden gibt es schon lange nicht mehr. In Mäuseleben gerechnet, sind schon über hundert Generationen vergangen. Wenn Du gerade diese Geschichte liest, dann sitzen auch immer irgendwo ein paar Mäuse in einem Lebensmittelladen, versammelt um ein paar zu Boden gefallene Krümel oder eine schlecht aufgewischte Bierlache.
Vieleicht werden auch bei Mäusen Geschichten von Generation zu Generation weiter gegeben. Dann könnte es gut sein, dass unter diesen Erzählungen auch diejenige von Adam und Eva ist, die Gott einst im Paradies ausgesetzt hat. Was sie nicht wissen können: Ihr Gott war nur ein kleiner Junge, dessen Mutter sie nicht mochte und sie nur deshalb die Freiheit geschenkt bekamen.
Kategorien: Natur, Alltag
Montag, 19.Januar 2004





Trackback URL:
http://kwakuananse.twoday.net/stories/4028079/modTrackback