In der Drogerie
Beim Gang durch die Stadt kam ich heute an einer Drogerie vorbei. Da fiel mir ein, dass ich neue Ohrstäbchen brauche. Solche Wattestäbchen, auf deren Packungen steht „Bitte nicht in die Ohren stecken!”, und die jedermann als Ohrstäbchen verwendet.
Ich gehe selten in Drogerien, eigentlich nur einmal alle zwei Jahre zum Kaufen neuer Ohrstäbchen. Jedenfalls war ich, vor allem irritiert vom grellen Licht, ziemlich orientierungslos. Sofort hatte ich das Regal mit den Lippenstiften gefunden, daneben eine große Auslage mit Schminken aller Art, auch in allen Farben. Beim Umherstöbern mit den Augen und dem Ablaufen der Gänge entdeckte ich als nächstes tausende Zahnbürsten und -pasten, mehr vermutlich, als es in unserer Stadt Zähne gibt, und Shampoos, Shampoos für trockene oder fettige Haare oder Haut mehr für oben oder eher unten.
Die Ohrstäbchen blieben jedoch vor mir verborgen. Eingeschüchtert durch die Übermacht an Lippenstiften, Zahnbürsten und Shampoos, wagte ich die Flucht nach vorn und beschloss, eine Verkäuferin zu befragen. Die einzige, die ich erblicken konnte, stand auf der ersten Stufe einer Leiter, etwa 10 cm über dem Erdboden, las zugleich konzentriert von einem Zettel ab und strich ab und zu eine Zeile durch. Ich blieb neben ihr stehen. Nach einer Weile fragte sie: „Ja bitte?” Ich antwortete: „Ich suche Ohrstäbchen.” Sie daraufhin: „Sie stehen direkt vor den Wattestäbchen!” und deutete etwa in Kniehöhe. Offensichtlich scheinen Ohrstäbchen ein für eine Drogerie ziemlich belangloser Artikel zu sein, wenn sie derart vor wattestäbchensuchenden Kaufwilligen versteckt werden.
Gebückt musterte ich das Angebot. Ein knappes Euro kosteten Markenwattestäbchen, 44 Cent Stäbchen in einer Plastikschachtel, 33 Cent in einem Nachfüllbeutel. Da ich über ganz gewöhnliche Ohren verfüge, die keine Markenohrstäbchen benötigen und ich die Plastikpackung in meinem Bad seit mehreren Jahren sorgfältig aufgehoben habe, entschloss ich mich zum Kauf der 33-Cent-Verpackung und hatte so 11 Cent gespart.
Zufrieden schlenderte ich zur Kasse. Dabei fiel mein Blick auf ein Regal, in dem Mineralwasserzubereitungsgeräte angeboten wurden, mit Preisen um 30 Euro. „Nie wieder Mineralwasserflaschen schleppen” stand auf einer der Verpackungen. „Das ist ja toll”, dachte ich bei mir und wollte schon zugreifen. Doch in diesem Moment fiel mir ein: „Du musstest doch auch bisher keine Mineralwasserflaschen schleppen, und das ganz kostenlos.” Jetzt war ich noch zufriedener mit meinem Drogeriebesuch, ich hatte nicht bloß 11 Cent gespart, sondern sogar 30 Euro und 11 Cent, und Ohrstäbchen hatte ich zusätzlich noch bekommen.
An der Kasse stand eine lange Schlange. (Viel später an diesem Tag wies mich eine Bekannte darauf hin, dass „lange Schlange” wahrscheinlich doppelt gemoppelt ist, kurze Schlangen sind nämlich wesentlich seltener. Ich revanchierte mich damit, dass ich ihr sagte, dass doppelt gemoppelt unter Experten als Pleonasmus bezeichnet wird, und konnte ihre darauffolgende Ungläubigkeit durch kurzes Nachschlagen im Lexikon beseitigen.)
Jedenfalls stand an der Kasse eine lange Schlange, und ich überlegte, ob ich meine Ohrstäbchen lieber wieder zurückbringen sollte. Vor mir unterhielten sich zwei Frauen. Die eine sagte: „Das ist ja wieder eine lange Schlange.” Die andere antwortete: „Sonnabend Vormittag könnten sie ruhig eine zweite Kasse aufmachen.” Ich beschloss, tapfer durchzuhalten, denn ich hatte nur noch zwei Stäbchen zu Hause, ich würde also in Bälde einen neuen Versuch starten müssen, sicherlich in einer anderen Drogerie, in der sich die Stäbchen an einer anderen Stelle vor mir verstecken, und in der sich ganz bestimmt eine ähnlich lange Schlange befinden würde.
Irgendwann war die Schlange vor mir fast zu Ende, ich legte meine Packung mit den Ohrstäbchen aufs Band. Die Frau vor mir sagte: „Und dann brauche ich noch einen Geschenkgutschein.” Vielleicht hätte ich die Ohrstäbchen wirklich wieder zurückbringen sollen. Gottseidank antwortete die Kassiererin: „Bei mir kriegen Sie keine Gutscheine, da müssen Sie sich an meine Kollegin wenden.” Sie deutete auf die Verkäuferin, die immer noch weiter hinten im Laden auf einer Leiter stand, und die mir das Regal mit den Ohrstäbchen gezeigt hatte.
Zu Hause nahm ich die zwei letzten Stäbchen aus ihrer Schachtel, stopfte die neu gekauften Ohrstäbchen hinein und legte eines der alten wieder obenauf. Mit dem zweiten pulte ich mir zur Feier des Erfolgs ein wenig in den Ohren herum. Im nächsten Jahr, vielleicht sogar den nächsten zwei Jahren muss ich keine Drogerie mehr betreten. Obwohl es ein verdammt tolles Gefühl ist, wenn man sich ein solches Stäbchen ins Ohr steckt, um seine eigene Achse rotieren lässt und dabei ein wenig rubbelt. Aber man sollte sich seine Ohrstäbchen schon gut einteilen, finde ich.
Kategorien: Alltag
Ich gehe selten in Drogerien, eigentlich nur einmal alle zwei Jahre zum Kaufen neuer Ohrstäbchen. Jedenfalls war ich, vor allem irritiert vom grellen Licht, ziemlich orientierungslos. Sofort hatte ich das Regal mit den Lippenstiften gefunden, daneben eine große Auslage mit Schminken aller Art, auch in allen Farben. Beim Umherstöbern mit den Augen und dem Ablaufen der Gänge entdeckte ich als nächstes tausende Zahnbürsten und -pasten, mehr vermutlich, als es in unserer Stadt Zähne gibt, und Shampoos, Shampoos für trockene oder fettige Haare oder Haut mehr für oben oder eher unten.
Die Ohrstäbchen blieben jedoch vor mir verborgen. Eingeschüchtert durch die Übermacht an Lippenstiften, Zahnbürsten und Shampoos, wagte ich die Flucht nach vorn und beschloss, eine Verkäuferin zu befragen. Die einzige, die ich erblicken konnte, stand auf der ersten Stufe einer Leiter, etwa 10 cm über dem Erdboden, las zugleich konzentriert von einem Zettel ab und strich ab und zu eine Zeile durch. Ich blieb neben ihr stehen. Nach einer Weile fragte sie: „Ja bitte?” Ich antwortete: „Ich suche Ohrstäbchen.” Sie daraufhin: „Sie stehen direkt vor den Wattestäbchen!” und deutete etwa in Kniehöhe. Offensichtlich scheinen Ohrstäbchen ein für eine Drogerie ziemlich belangloser Artikel zu sein, wenn sie derart vor wattestäbchensuchenden Kaufwilligen versteckt werden.
Gebückt musterte ich das Angebot. Ein knappes Euro kosteten Markenwattestäbchen, 44 Cent Stäbchen in einer Plastikschachtel, 33 Cent in einem Nachfüllbeutel. Da ich über ganz gewöhnliche Ohren verfüge, die keine Markenohrstäbchen benötigen und ich die Plastikpackung in meinem Bad seit mehreren Jahren sorgfältig aufgehoben habe, entschloss ich mich zum Kauf der 33-Cent-Verpackung und hatte so 11 Cent gespart.
Zufrieden schlenderte ich zur Kasse. Dabei fiel mein Blick auf ein Regal, in dem Mineralwasserzubereitungsgeräte angeboten wurden, mit Preisen um 30 Euro. „Nie wieder Mineralwasserflaschen schleppen” stand auf einer der Verpackungen. „Das ist ja toll”, dachte ich bei mir und wollte schon zugreifen. Doch in diesem Moment fiel mir ein: „Du musstest doch auch bisher keine Mineralwasserflaschen schleppen, und das ganz kostenlos.” Jetzt war ich noch zufriedener mit meinem Drogeriebesuch, ich hatte nicht bloß 11 Cent gespart, sondern sogar 30 Euro und 11 Cent, und Ohrstäbchen hatte ich zusätzlich noch bekommen.
An der Kasse stand eine lange Schlange. (Viel später an diesem Tag wies mich eine Bekannte darauf hin, dass „lange Schlange” wahrscheinlich doppelt gemoppelt ist, kurze Schlangen sind nämlich wesentlich seltener. Ich revanchierte mich damit, dass ich ihr sagte, dass doppelt gemoppelt unter Experten als Pleonasmus bezeichnet wird, und konnte ihre darauffolgende Ungläubigkeit durch kurzes Nachschlagen im Lexikon beseitigen.)
Jedenfalls stand an der Kasse eine lange Schlange, und ich überlegte, ob ich meine Ohrstäbchen lieber wieder zurückbringen sollte. Vor mir unterhielten sich zwei Frauen. Die eine sagte: „Das ist ja wieder eine lange Schlange.” Die andere antwortete: „Sonnabend Vormittag könnten sie ruhig eine zweite Kasse aufmachen.” Ich beschloss, tapfer durchzuhalten, denn ich hatte nur noch zwei Stäbchen zu Hause, ich würde also in Bälde einen neuen Versuch starten müssen, sicherlich in einer anderen Drogerie, in der sich die Stäbchen an einer anderen Stelle vor mir verstecken, und in der sich ganz bestimmt eine ähnlich lange Schlange befinden würde.
Irgendwann war die Schlange vor mir fast zu Ende, ich legte meine Packung mit den Ohrstäbchen aufs Band. Die Frau vor mir sagte: „Und dann brauche ich noch einen Geschenkgutschein.” Vielleicht hätte ich die Ohrstäbchen wirklich wieder zurückbringen sollen. Gottseidank antwortete die Kassiererin: „Bei mir kriegen Sie keine Gutscheine, da müssen Sie sich an meine Kollegin wenden.” Sie deutete auf die Verkäuferin, die immer noch weiter hinten im Laden auf einer Leiter stand, und die mir das Regal mit den Ohrstäbchen gezeigt hatte.
Zu Hause nahm ich die zwei letzten Stäbchen aus ihrer Schachtel, stopfte die neu gekauften Ohrstäbchen hinein und legte eines der alten wieder obenauf. Mit dem zweiten pulte ich mir zur Feier des Erfolgs ein wenig in den Ohren herum. Im nächsten Jahr, vielleicht sogar den nächsten zwei Jahren muss ich keine Drogerie mehr betreten. Obwohl es ein verdammt tolles Gefühl ist, wenn man sich ein solches Stäbchen ins Ohr steckt, um seine eigene Achse rotieren lässt und dabei ein wenig rubbelt. Aber man sollte sich seine Ohrstäbchen schon gut einteilen, finde ich.
Kategorien: Alltag
Samstag, 08.Oktober 2005





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