Ausgesperrt

Mein Bekannter hatte seinen Besuch angekündigt, deshalb war ich nicht überrascht als es klingelte. Trotzdem machte ich das Küchenfenster auf und sah hinunter. Vor dem Haus parkte sein Auto, seine Frau und er luden zwei Koffer aus, die ich in meinem Keller lagern sollte. Ich schnappte mir die Mülltüte und ging in Hauslatschen zur Tür. Ein kurzer Griff in die Tasche, die Schlüssel waren drin, danach zog ich die Wohnungstür hinter mir zu.

Während ich die Treppe hinunter ging, griff ich in die Hosentasche, um den Schlüssel herauszuziehen, die Koffer sollten in den Keller. Doch in der Tasche waren keine Schlüssel. Meine Finger ertasteten nur den MP3-Player, dessen Kabel und Ohrstöpsel ich gerade für das Schlüsselbund gehalten hatte. Vor dem Haus stehend sagte ich zu meinem Bekannten und dessen Frau: "Du, ihr könnt die Koffer gleich wieder einpacken, ich habe mich gerade selbst ausgesperrt. Sie sahen mich an, wie ich da stand, in Hausschuhen, mit einer Mülltüte in der Hand. Hinter mir schlug die Haustür zu, aber das war jetzt auch egal, oben stand mein Küchenfenster noch offen.

„Ihr müsst mich zu meinem Freund in den Nachbarort fahren, der bewahrt einen Ersatzschlüssel für mich auf”, sagte ich. „Hast du seine Nummer?”, fragte mein Bekannter. „Nein, habe ich nicht.” "Wir haben sowieso unser Handy vergessen", mischte sich seine Frau ins Gespräch ein, „steig ein, wir fahren dich hin.” "Zurück auch", bat ich. Auf dem rechten Rücksitz saß ihr etwa siebenjähriger Sohn, der mich keines Blickes würdigte, der Gameboy war ihm tausendmal wichtiger als irgendein Wohnungsschlüssel.

Auf der Fahrt unterhielten wir uns über Schlüsseldienste. „Alles Verbrecher”, sagte mein Bekannter, „wenn die Tür einfach nur zugefallen ist, kriegt die jeder Einbrecher eins fix drei auf, ohne Gewalt. Aber die Schlüsseldienste, die nehmen sich richtig Zeit, bohren es kaputt und schwatzen dir am Schluss noch ein neues Schloss auf. 190 Euro hat ein Kollege letztens bezahlt, hundertneunzig Euro.” Ich hörte nicht mehr richtig zu. Letztes Jahr hatten sie bei mir eine neue Wohnungstür eingebaut, war dabei ein neues Schloss reingekommen? Und wann hatte ich meinem Freund den Schlüssel überlassen? Das hätte mir jetzt noch gefehlt. Erst die Tür zu, dann eine Fahrt umsonst mit Bekannten in den Nachbarort, meinen Freund und dessen Familie beim Abendbrot gestört und letztendlich doch den Schlüsseldienst gerufen.

Die Frau meines Freundes machte mir die Tür auf. „Deinen Schlüssel? Haben wir den noch? Am besten, du schaust selbst mal nach.” Ich fingerte meinen Schlüssel aus dem Kasten, verabschiedete mich hastig, ging zurück auf die Straße und stieg wieder ins Auto ein. Auf dem Rückweg schwieg ich sorgenvoll. Die Frau wollte mich aufmuntern. „Gestern ist mir eine Fangopackung runtergefallen, das gab vielleicht eine Schweinerei. Ich habe geschrubbt und geschrubbt.”

Um nicht unhöflich zu sein, fragte ich nach: „Was ist eigentlich Fango?” "Irgend so eine Vulkanasche, früher kam die aus Italien, aber das ist wohl zu teuer geworden, heute stammt sie meist aus der Eiffel. Es wird Paraffin zugemischt. Wir machen sie in einer Art Ofen warm. Bei 55° hat sie genau die richtige Konsistenz, bei etwa 50° wird sie aufgetragen. Aber meiner Chefin ist das auch schon passiert, ihr ist die Packung direkt neben dem Schreibtisch runtergefallen." Ich musste grinsen bei der Vorstellung, was die Kunden wohl denken, wenn auf der Auslegware neben dem Schreibtisch ein langsam verbleichender bräunlicher Fleck zu sehen ist.

Dann ging das Gespräch auf den Besuch bei der Oma über, die sie eigentlich besuchen wollten. „Da kommen wir jetzt zu spät”, sagte die Frau. „Das ist doch sowieso egal”, antwortete ihr Mann, „wir sind doch bis jetzt immer zu spät gekommen, das macht gar nichts.” Wir waren angekommen. „Pack mal die Koffer noch nicht aus, ich weiß nicht ob der Schlüssel passt”, sagte ich und ging allein mit einem ganz mulmigen Gefühl die Treppe rauf. Mein richtiger Schlüssel hatte definitiv eine ganz andere Farbe, mehr goldfarben, der hier war silbern, und eine andere Form hatte er auch. Aber er passte - und - die Tür ging auf. Juhu! „Und, passt er?”, rief mein Bekannter durchs Treppenhaus. „Ja, hat gepasst, bleib unten, ich komme runter und bringe den Kellerschlüssel mit.”

Wir brachten die beiden Koffer in den Keller, ich verabschiedete mich von ihnen, der Sohn nahm immer noch keine Notiz von mir. Dann fuhren sie ab. Ich ging zurück in die Wohnung, machte das Küchenfenster zu. Dann rief ich bei meinem Freund an. Eine Frauenstimme war zu hören. „Hallo?” "Es hat alles geklappt." „Was hat geklappt?” "Das mit dem Schlüssel." „Mit welchem Schlüssel?” Erst jetzt bemerkte ich, dass ich die Tochter am Apparat hatte. „Ach sag einfach der Mutti, es hat alles geklappt. Tschüssi” "Tschü-üs", sagte sie und legte auf.

Mein Rechner war noch an, jetzt musste ich erst mal diese Geschichte aufschreiben, nur so zur Entspannung. Gut dass mir das nicht im Winter passiert war. Bei 10° minus in Hausschuhen auf der Straße, einen Müllbeutel in der Hand, und oben steht das Küchenfenster noch auf.

Kategorien: Alltag

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Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33