Ausflug in die Vergangenheit

Dort wo früher das KdL war, befindet sich jetzt ein Parkplatz, 2 Stunden Parken für 2 Euro. Wir stellten das Auto ab und gingen weiter auf das Gelände meiner ehemaligen Kaserne. Ein Jahr hatte ich in Prora auf Rügen verbracht, in der Militärtechnischen Schule „Erich Habersaath”. Bis zur Schließung zu Beginn der 90er Jahre wurden hier Unteroffiziere ausgebildet, vor allem zur Bedienung und Instandsetzung von Funkgeräten, aber auch für die Raketentechnik. Die benachbarten Grundstücke beherbergten auf der einen Seite ein Erholungsheim der NVA, auf der anderen Seite befand sich eine Fallschirmjägerschule. Ab 1981 wurden auch Offiziere befreundeter Staaten und der PLO hier ausgebildet.

Während wir die Straße vor dem etwa 500 Meter langen und siebenstöckigen Gebäude entlang gingen, versuchte ich mich zu erinnern, wo meine Kompanie damals untergebracht war. Es gelang mir nicht. Die einzige Orientierungsmarke wäre das Duschgebäude gewesen. Als ich dort vor über 21 Jahren zum ersten Mal hinein musste, blieb mir fast das Herz stehen, weil ich kurz zuvor während der Schulzeit ein bestimmtes Buch gelesen hatte. Auch dort befand sich vor dem eigentlichen "Dusch"- ein Umkleideraum, man wurde von Uniformierten aufgefordert, seine Sachen ordentlich abzulegen, bevor es hineinging. Ich weiß nicht, ob noch andere dieselbe Assoziation hatten. Jedenfalls ist dieses Gebäude heute nicht mehr da, auch die Kartoffel- und Kohlmieten daneben gibt es nicht mehr. Stattdessen ist die ganze Fläche gegenüber dem Kasernengebäude jetzt asphaltiert, eingezäunt und mit sinnigen Schildern wie „Eingeschränkter Winterdienst” versehen. Außerdem gibt es einen Dönerstand und einige weitere Imbissbuden.

Im Kasernengebäude selbst sind einige Museen untergebracht, doch zunächst gingen wir durch das Gebäude hindurch. Dahinter befinden sich die Dünen, die den Blick auf die Ostsee versperren. Dort wo sich früher die Sturmbahn befunden haben muss, ist alles mit Gestrüpp zugewachsen. Das Meer ist noch da.

Das 500 Meter lange Gebäude wird durch einige Querflügel gegliedert. Um den Standort des NVA-und einiger anderer Museen zu markieren, ist einer dieser Querflügel weiß angestrichen. In den Museen erfährt man auch die ganze Geschichte des Objekts, die lange vor der DDR begann. Ursprünglich sollte zur NS-Zeit ein 4,5 km langer Strandabschnitt mit 8 Gebäuden bebaut werden. Es war ein KdF-, ein Kraft-durch-Freude-Projekt. 20.000 Volksgenossen sollten hier gleichzeitig Urlaub machen können. (Heute beträgt die gesamte Kapazität auf der Insel Rügen 65.000 Betten.) Jeweils 4 Gebäude sollten durch bis an den Strand reichende Restaurants verbunden werden, zwischen den beiden so entstandenen Komplexen war eine Festhalle für 20.000 Besucher geplant, sodass alle Urlauber hätten gleichzeitig dieselbe Veranstaltung besuchen können.

Der Krieg beendete die Bautätigkeit, 6 oder 7 der Gebäude wurden erst nach dem Krieg fertiggestellt, das halbgesprengte letzte Gebäude wurde von den Fallschirmjägern zur Ausbildung im Häuserkampf genutzt. Nach dem Krieg zog die NVA in die Gebäude ein, nach der Wende die Bundesvermögensverwaltung, die sich bis jetzt ziemlich erfolglos um einen Käufer bemüht hat. Ihr einziger Erfolg besteht wohl darin, in vorauseilendem Gehorsam gegenüber möglichen Investoren eine nach der Wende entstandene internationale Jugendbegegnungsstätte geschlossen zu haben.

Im Gebäude selbst, insbesondere im NVA-Museum habe ich versucht, mich an meine eigene Dienstzeit zu erinnern. Es ist schon eigenartig, wenn man Einrichtungsgegenstände, Tische, Stühle, Schränke, Tapeten(!) und Waffen von vor zwanzig Jahren hinter Gittern ausgestellt sieht, eifrig von Fotoapparaten bunt gekleideter junger und älterer Leuten mit westlichem Akzent beknipst. Durch den vollen Parkplatz, die Graffittis an einigen Hauswänden, dem Wiener Cafe in der obersten Etage und einem alternativen Buchladen wird die NVA zu einem Witz der Geschichte. Vermutlich kann man durch bunt gekleidete und fotografierende Touristen jeden militärischen Ernst zur Lachnummer machen. Wo sind doch noch gleich vor ein paar Jahren grimmige GIs gelandet und wurden statt vom Feind von einer Horde knipsender Journalisten empfangen?

Der alternative Buchladen gefiel mir besonders gut, weil dort im Regal einträchtig D'Artagnan und die drei Musketiere von Dumas neben Erich Honeckers „Aus meinem Leben” und den drei Klassikern Marx, Engels und Lenin standen. Dazu ein Angebot zu Mosaikheftchen mit den drei Helden Dig, Dag und Digedag. Auch im Museum musste ich einmal, politisch sicher nicht ganz korrekt, lachen. Aber es entbehrt nicht einer gewissen Komik, wenn der oberste Chef des Museums, ein ehemaliger Oberstleutnant der NVA, an vier aufeinanderfolgenden Tagen eine Revision des fertiggestellten Museums durchführt, den Schlüssel an seinen Nachfolger übergibt, an einer Familienfeier teilnimmt und an einem Herzschlag stirbt. Unten vor dem Gebäude begann ein Touristenführer, bekleidet mit einer Felddienstjacke und dem Barett der DDR-Falschirmjäger, seine Worte mit dem Satz „Da sind wir aber immer noch…”, der aus einem FDJ-Lied stammt, das korrekt fortgesetzt lautet: „… und der Staat ist noch da, den Arbeiter erbau'n …”

Ich hatte die ganze Zeit meinen Fotoapparat in der Hand und doch kein einziges Bild gemacht, es war auf eigenartige Weise ein sehr bekannter und doch vollkommen fremder Ort. Und keine der Erinnerungen, die ich im Kopf hatte, ist jetzt durch eine neue ersetzt. Entweder sind sie zu alt, um noch gelöscht zu werden, oder die neuen Eindrücke sind so sehr verschieden, dass sie nichts mit den alten zu tun haben. Als wir vom Gelände fuhren, waren die Bahnschranken unten. Es donnerte ein ICE vorbei, zuerst nach Saßnitz, dann nach Rostock und vielleicht weiter nach Hamburg. Ich bin gespannt was in nochmals 20 Jahren sein wird. Ich hatte früher bereits die andere meiner Kasernen besucht. Hier war inzwischen ein Landrats- und Finanzamt eingezogen. Und dann kam das Hochwasser. Dem war es völlig egal, ob es eine alte Kaserne oder ein neues Amt überschwemmt. Es hat alles total verfault gestunken, dort im Landrats- und Finanzamt.

Kategorien: Reiseberichte, Alltag

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Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33