Erselbst

Erselbst hatte eine Beobachtung in einem Tagebucheintrag festgehalten und einige teils heftige Antworten darauf erhalten. Plötzlich bemerkte er, wie sich tief in ihm etwas abspaltete und Ihn zu beobachten begann; das Andere sah Ihm dabei zu, wie Er sorgfältig Antworten formulierte, niederschrieb, Flüchtigkeitsfehler korrigierte. Was macht Er da eigentlich, dachte das Andere, was will Er denn da, das Ganze ist doch vollkommen nutzlos, Zeitverschwendung, Meta!

Kurze Zeit später war die Abnablung beendet. Das Andere, sich seiner gewahr geworden, wollte die Frage beantwortet wissen, was es denn sei, und wo, und wann es denn sei. In früheren Zeiten war es dem Anderen häufig nicht so klar gewesen, aber dank Ihm, der viel darüber gelesen hatte, wusste es nun, dass es das Selbst war, das Ihm, dem Autopiloten, dem auf dem Pilotensitz des Körperflugzeugs Sitzenden, beim Fliegen zusah, meist ohne in die Steuerung eingreifen zu wollen. Der Pilot formulierte derweil an seinem nächsten Kommentar herum, während das Selbst vollkommen auf Abwege geriet. Wegen der von Ihm vor kurzem studierten Artikel kam dem Selbst ein neuer Gedanke: Vielleicht sollte ich mal meinen Aufenthaltsort wechseln, dachte es, während Er fleißig weiterschrieb. Denk dir einen aus, gab sich das Selbst einen Auftrag. Hm, wie wäre es, wenn du in den Körper einer derjenigen Personen schlüpfen würdest, die hier auf diesen Tagebucheintrag oder einen Seiner Kommentare antworten? Es funktionierte tatsächlich.

Wenn das Selbst zuvor durch Seine Augen den Absender erkannt hatte, konnte es ziemlich leicht und sehr authentisch den Text voraussehen, den Er kurze Zeit später las. Eine verrückte Sache das, völlig losgelöst von räumlichen und zeitlichen Begrenzungen in die Gedanken eines anderen Menschen zu springen. Ermutigt durch diese Übung wagte es sich an eine weitere Aufgabe. Ich prognostiziere, sagte das Selbst zu sich, dass in diesem anderen Thread, in dem sich gerade ein Kleiner und ein Großer streiten, der Kleine schon ziemlich ausfällig geworden, in Kürze auch der Große zu pöbeln beginnt! Nachdem das Selbst eine Weile gewartet, Ihn den Thread hatte zu Ende lesen lassen und seine Hypothese bestätigt fand, sagte es sich: Das war doch viel zu leicht und vorhersehbar, such dir eine schwerere Übung!

Aber das Selbst hatte die Lust an diesem Spiel bereits wieder verloren, eigentlich hatte es die Lust an so ziemlich allem hier eingebüßt, was so vorhersehbar, langweilig und abstoßend war, weil es mittlerweile von einer neuen Frage gefesselt wurde. Wenn das alles so einfach, das Verhalten anderer Menschen so leicht auszurechnen ist, wie erkenne ich dann, ob sich in ihnen ein eigenes Selbst befindet, etwas mir Ebenbürtiges; oder bin ich etwa als Einziger für immer in einem Körper gefangen, der wiederum seinerseits dazu verurteilt ist, sich wie ein seelenloser Roboter in einer Welt voller Zombies zu bewegen?

Schwierige Frage das, vieles in seiner Umwelt schien tatsächlich vollständig nach den Pawlowschen Reiz-Reaktions-Schemata erklärbar zu sein. Völlig egal ob er sich glücklicher oder unglücklicher Menschen erinnerte, die meisten schienen sich ihrer Selbst gar nicht bewusst zu sein, sie funktionierten automatisch auch ohne zur vollsten Zufriedenheit. Sind sie nun glücklicher als ich, oder aber nicht, oder ist es egal, fragte sich das Selbst. Nach langem Nachdenken gab es sich eine vorläufige Antwort. Besser geht es ihnen vielleicht nur, wenn sie glücklich sind, aber mit Sicherheit fühlen sie sich schlechter, wenn sie unglücklich sind. Denn es ist wahrscheinlich eine seltene Gabe, in unglücklichen Momenten den Piloten einfach allein weiterfliegen zu lassen. Soll Er sich doch ärgern, streiten, leiden oder wenigstens dem Selbst die lästige Routine abnehmen, während sich dieses ganz woanders aufhält!

Es war Zeit zurückzukehren. Das Selbst öffnete die Tür zum Cockpit. Dort saß Er noch immer, völlig empfindungslos, ohne Gefühle, ohne Vorstellung von Raum und Zeit, so wie Er nun mal war. Mach Platz, sagte das Selbst zu Ihm und umarmte Ihn dabei innig, irgendwie mochte es Ihn doch, so wie er war, sodass Er wieder ganz Erselbst wurde. Bevor beide aber zum Steuerknüppel greifen konnten, nahm sich das Selbst vor, die aufgeworfenen Fragen nicht zu vergessen und bald weiter nach einer eigenen Antwort zu suchen.

Der Text war fertig. Verwundert betrachtete Erselbst seine Hände. Ja wer hatte ihn eigentlich geschrieben, Er, das Selbst oder Erselbst? Im Nachhinein würde das wohl nicht mehr herauszukriegen sein.

Kategorien: Gehirn & Geist

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Kommentare hier ...

Die Grünen sind links.
Metepsilonema - 22. Juli, 22:34
Aufgrund der Komplexität des Themas...
Köppnick - 22. Juli, 07:50
Irgendetwas mit der url stimmte nicht. Wie...
Metepsilonema - 22. Juli, 01:07
Deine Links funktionieren nicht,
Köppnick - 21. Juli, 12:05
Hier findet man die beiden Artikel:
Metepsilonema - 21. Juli, 01:40
Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16