Eine total langweilige Geschichte
Warnung: Testleser berichteten von ihrer Verstörung, als sie bis zum Ende der Geschichte die Pointe nicht entdecken konnten. Vermutlich enthält die Geschichte gar keine. Geschildert werden vier Stunden aus dem gewöhnlichen Leben eines durchschnittlichen Büroangestellten in einer kleinen Provinzstadt irgendwo in Deutschland. Er setzte sich in sein Auto, fuhr mit Bekannten in die benachbarte Kreisstadt, trank dort einen Bananensaft, sah sich ein Theaterstück an und fuhr anschließend mit demselben Auto, auf demselben Weg, mit denselben Bekannten in seine eigene Stadt zurück, wo er wenig später in seinem Bett friedlich einschlief (nein, nicht für immer). Im Text sind keine Kochrezepte und auch keine Antwort nach dem Sinn des Lebens versteckt. Vielleicht sollte man die Viertelstunde, die das Lesen dieser Geschichte beansprucht, tatsächlich mit etwas Sinnvollerem füllen.
Jetzt kann keiner mehr sagen, er wurde nicht gewarnt.
Köppnick zu Besuch bei Egmont
Eines Freitag Nachmittag, als Köppnick gerade schläfrig vor seinem Computer saß, ging die Tür auf und sein neuer Kollege trat ins Zimmer. „Hast du Lust, nächste Woche mit ins Theater zu fahren, es wird Egmont gegeben.” Er hielt Köppnick einen Zettel hin. Egmont kannte dieser nicht, aber die beiden anderen Namen auf dem Stück Papier, Goethe und Beethoven sagten ihm doch noch etwas, darum willigte er ein. Anfang der darauffolgenden Woche war es dann soweit, gemeinsam mit der Frau des Kollegen fuhren sie ins Theater ihrer Kreisstadt.
Auf dem Weg dahin, Köppnick hatte sich erboten zu fahren, erwies sich die Frau des Kollegen als ziemlich redselig. In den ersten Minuten der Fahrt versuchte Köppnick noch, einer interessanten Reportage im Radio zu lauschen. Aber nachdem ihn die ununterbrochen plappernde Frau in einem ihrer Sätze fragte, worum es denn in der Sendung gehe, um danach ebenso unvermittelt ihr Gespräch fortzusetzen, ergab er sich in sein Schicksal, brummelte irgendwas und schaltete wenig später das Radio aus. Köppnick war überhaupt nicht dafür geschaffen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, und hier musste er immerhin noch zusätzlich das Lenkrad halten und auf die Straße achten.
Sie betraten eine volle Stunde vor Beginn das Theater, die Kasse hatte schon geöffnet. Die Frau, die offensichtlich einige Schauspieler kannte, machte sich gleich auf den Weg in deren Garderobe. Die Kassiererin fragte Köppnicks Kollegen: „Student?” "Student!", antwortete der. Die nächste Frage war an Köppnick selbst gerichtet: „Auch Student?” Köppnick war so verblüfft über diese Frage, seit langem hatte ihn niemand mehr für so jung gehalten, dass er spontan antwortete: „Nein, ich bin reich.” Eigentlich war er ja gar nicht reich, ihm fiel nur so schnell nichts anderes ein, um sich vom Berufsstudententum zu distanzieren, und glücklicherweise brauchte er die Frau auch nicht zu enttäuschen und konnte den um einen Euro und fünfzig Cent höheren vollen Eintrittspreis auch tatsächlich allein bezahlen.
Sein Kollege musste dann noch mal schnell weg, auch er kannte die Schauspieler näher. Köppnick setzte sich derweil ins Theaterrestaurant, bestellte sein Lieblingsgetränk, frischen Bananensaft, und sah aus dem Fenster in den Stadtpark, wo eine Horde Kinder in der zunehmenden Dämmerung mitten auf der Wiese einfach so herumlungerte. Später stieß sein Kollege wieder zu ihm, sie plauderten über Themen, über die man im Theater eben so spricht, zum Beispiel über die Papstwahl, den Kinderkreuzzug im 13. Jahrhundert, und über die Gebeine von Goethe und Schiller, die in Weimar aufbewahrt werden. Bekanntlich hatte man die beiden in hermetisch verschlossene Särge gebettet. Nun war Köppnick in seinem Element, alles was mit Mumien, Moor- und Wasserleichen zu tun hatte, interessierte ihn brennend. Neugierige Wissenschaftler hatten die Särge Goethes und Schillers vor einiger Zeit geöffnet, was den bis dahin guterhaltenen Dichterkörpern gar nicht wohl getan hatte. Deshalb waren heute nur noch die blank geputzten und getrockneten Skelette übrig. Späteren Generationen würde es so außerordentlich schwer fallen, brauchbare Goethe- und Schillerklone herzustellen, befand Köppnick.
Während dieser so vor sich hin plätschernden Plauderei blätterte er gleichzeitig zerstreut im Programmheft. Mit dem rechten Ohr hörte er seinem Kollegen zu, mit dem linken Auge las er im Heft. Plötzlich stutzte er. „Sag mal”, fragte er verblüfft, „der Regisseur des Stücks heißt ja genauso wie du, bist du das etwa selbst?” Der Kollege sah verlegen aus dem Fenster, ehe er antwortete, dabei bemüht, dass die Leute am Nachbartisch nichts mitbekamen. „Na ja, die Theatertruppe ist zur Zeit ziemlich klamm an Leuten, und da ich vor einiger Zeit bei ihnen mitgespielt habe, wurde ich gebeten, ihnen bei den Proben zu helfen. Ich war mehr der Co-Regisseur, und das auch nur in den letzten paar Wochen. So wild war das gar nicht”, wiegelte er ab. Köppnick lauschte ihm gebannt, von der heimlichen Theaterleidenschaft seines Kollegen hatte er bis zu diesem Tag nichts geahnt.
Der fuhr mit seinem Bericht fort. Zur Zeit beklagte die Theatertruppe einen außerordentlichen Personalmangel. Das heutige Stück war deshalb auf vier Rollen plus einen Souffleur zusammengestrichen worden, was für die drei Laienspieler trotzdem eine außerordentliche Herausforderung darstellte. Einzig der Darsteller des Egmont konnte sich auf nur eine Rolle konzentrieren, während sich jeweils der Herzog von Alba und Wilhelm von Oranien einerseits und Ferdinand, Albas Sohn und Souffleur andererseits, einen Schauspieler teilen mussten. Außerdem, so gestand sein Kollege, der Regisseur, war nur einer der drei ein professioneller Amateur, die beiden anderen würden heute mehr oder weniger das erste Mal auf einer richtigen Bühne stehen.
Einige Zeit später mussten sich die beiden Freunde sputen, die Glocke läutete wiederholt, sie stiegen die Treppe zu ihren Plätzen hinauf. Sie hatten sich Karten für die Empore geben lassen und konnten so das Geschehen von oben herab verfolgen. Die Frau des Kollegen hingegen setzte sich ins Parkett, sie hatte Blumen mitgebracht und beabsichtigte wohl, gleich nach dem Ende des Stückes auf die Bühne zu eilen, um den Akteuren zu gratulieren.
Bevor das Stück begann, hatte Köppnick noch Zeit, sich etwas umzusehen. Die schwierigste Rolle schien ihm die des Souffleurs zu sein, bereits vor Beginn der Vorstellung saß der in der ersten Reihe des Saals und las in seinem Text. Verglichen mit der etwas mickrigen Zahl von drei Schauspielern, war das Kammerorchester dagegen über alle Maßen groß, es waren so viele Musiker, dass sie nicht in den bescheidenen Orchestergraben des Provinztheaters passten. Sie hatten deshalb auf der Bühne Platz genommen. Kein schlechter Einfall, fand Köppnick, so würde der Mangel an Schauspielern nicht so stark auffallen, es wäre eh kein Platz für viel mehr von ihnen gewesen. Der Dirigent betrat die Bühne, alles klatschte, dann nahm das Stück seinen Lauf.
Die Musik der Ouvertüre kam Köppnick bekannt vor, der Rest eher nicht. Nach der Vorstellung las er dann im Programmheft: „In der Tat lässt Beethoven die inneren und äußeren Vorgänge des Dramas voraus- bzw. nachklingen. In der Ouvertüre, heute leider das einzige allgemein bekannte Stück dieses Projekts …” Da war er beruhigt, er befand sich in guter und ahnungsloser Gesellschaft.
Als ihm sein Kollege von der Besetzung erzählt hatte, vor allem von der Personalunion des Souffleurs mit einem der Mitspieler, war Köppnick sofort die interessante Frage eingefallen, wer denn soufflieren würde, wenn der Souffleur selbst gerade nicht den Souffleur, sondern den Ferdinand spielen würde? Aber gerade in dieser Hinsicht ging alles glatt. Der Ferdinand-Souffleur blieb niemals stecken, nur Graf Egmont, Prinz von Gaure, hatte an einigen Stellen so seine Probleme mit dem Text, wobei ihm der Souffleur auf das Trefflichste aushelfen konnte.
Normalerweise hätte Köppnick davon genauso wenig mitbekommen, wie vom kleinen Verbläserchen eines Klarinettisten, während sich die Geiger seinem Gehör nach nirgends verstrichen, der Trommler nicht verschlug. Köppnick konnte sich noch deutlich an einen Ballettbesuch erinnern, bei dem er irgendwann friedlich eingeschlummert war, um sich später unsäglich über die genommene Auszeit zu ärgern. Auf der Rückfahrt stritten seine Bekannten nämlich heftig darüber, auf welchem Bein die eine Tänzerin den Rest der Vorstellung zu Ende humpeln musste, nachdem sie mit einer anderen Frau zusammengestoßen und zu Boden gefallen war. Er konnte ob seines vorherigen Nickerchens rein gar nichts zu diesem Gespräch beitragen.
Jetzt jedoch war er hellwach, links neben ihm saß sein Kollege, der Regisseur. Rechts hatte der Theaterdirektor Platz genommen, später stieß auch die Kassiererin zu ihnen, diejenige, die ihn noch als Reichen in Erinnerung haben musste. Nach dem Stück erzählte sie den anderen, dass sie eine knappe halbe Stunde nach Beginn vier Leuten eine Karte zum halben Preis verkauft hatte, weil die einen schwarzweiß gedruckten Programmzettel vorwiesen, auf dem eine, um eine halbe Stunde versetzte Spielzeit aufgedruckt war. Weder Köppnicks Kollege, der Regisseur, noch seine Frau, der Direktor oder die Kassiererin konnten sich erklären, wer für diese Programmzettel verantwortlich gewesen sein sollte, niemand hatte sie gedruckt.
An einigen Stellen des Stücks flüsterte Köppnicks Kollege diesem zu: „Aufgepasst, diese Stelle hat er noch nie fehlerfrei hinbekommen!” Aber jedes Mal ging alles glatt. An einer anderen Stelle jedoch, der Dirigent hatte soeben das Orchester in einen furiosen Spielrausch hineingetrieben, währenddessen Köppnick die Musiker nach ihm bekannten Gesichtern absuchte, bedeckte sein Kollege das Gesicht mit den Händen und stöhnte: „Das Licht muss aus, das Licht muss aus!” Jetzt sollte auf dem Tisch ein Schwert platziert werden, natürlich im Dunkeln, aber der Techniker hatte versäumt abzublenden. Als er es dann doch noch tat, waren es nur Sekunden bis zur nächsten Szene, zu spät für das Schwert auf dem Tisch. So stürmte Ferdinand, der Sohn Albas, alias der Souffleur, auf die Bühne, mit der Scheide in der Hand, hielt kurz am Tisch inne, riss mutig das Schwert aus der Scheide, und rannte auf der anderen Seite durch den Gang davon. Das muss die viel beschworene künstlerische Freiheit sein, von der so viel erzählt wird, dachte Köppnick bei sich.
Irgendwann war das Stück zu Ende, die Frau des Kollegen und einige andere eilten, um ihre Blumensträuße abzugeben, auf die Bühne, wo sich die Schauspieler vor dem Publikum verneigten. Die Spieler waren, ihren Mienen nach zu urteilen, nicht sehr zufrieden mit sich selbst, ihrer Leistung und der Welt. Trotzdem bekamen sie ordentlichen Applaus. In dem Theater waren zur Premiere etwa genauso viel Zuschauer anwesend, wie das Laienkammerorchester und die Amateurschauspielertruppe Mitwirkende hatten.
Während sein Kollege und dessen Frau nochmals kurz hinter der Bühne verschwanden, konnte Köppnick endlich ausführlicher im Programm blättern, um sich darüber zu informieren, worum es in dem Stück eigentlich gegangen war. Auf der Rückfahrt erzählte die Frau des Kollegen, dass sie neben dem Kritiker von der Lokalzeitung gesessen hatte. Der trug ein riesiges blaues Veilchen auf einem Auge. Irgendeinen Zusammenhang mit seinen Kritiken stritt er ihr gegenüber natürlich energisch ab. Vielmehr wollte er am Wochenende bei einer Familienfeier unglücklich gestürzt sein und war dabei mit einem Auge an der Tischkante hängen geblieben. Auch seine grimmig dreinschauende Kollegin, eine bekannte Kritikerin des Konkurrenzblattes, hatte die Frau des Kollegen im Publikum sitzen gesehen.
Für Köppnick war es ein toller Abend gewesen. Er hatte über Mumien und Skelette schwadronieren dürfen, einen Regisseur kennengelernt, der im Nebenberuf sein Kollege war, sowie dessen schwatzhafte Frau, einen Theaterdirektor, eine Kassiererin, die ihn für reich halten musste, einen Kritiker mit einem blauen Veilchen auf einem seiner Augen. Er durfte einem Orchester lauschen, das sich fast nicht verspielt hatte, und sah Schauspieler, die zu dritt vier Rollen ausfüllten und sich dabei selbst soufflierten. Spät in der Nacht in seinem Bett liegend nahm er sich vor, an den nächsten Tagen den Zeitungskiosk nicht aus den Augen zu lassen, um die Lokalzeitungen mit den Kommentaren des blauäugigen Kritikers und dessen grimmig dreinschauender Kollegin nicht zu verpassen.
Kategorien: Köppnicks Welt
Jetzt kann keiner mehr sagen, er wurde nicht gewarnt.
Köppnick zu Besuch bei Egmont
Eines Freitag Nachmittag, als Köppnick gerade schläfrig vor seinem Computer saß, ging die Tür auf und sein neuer Kollege trat ins Zimmer. „Hast du Lust, nächste Woche mit ins Theater zu fahren, es wird Egmont gegeben.” Er hielt Köppnick einen Zettel hin. Egmont kannte dieser nicht, aber die beiden anderen Namen auf dem Stück Papier, Goethe und Beethoven sagten ihm doch noch etwas, darum willigte er ein. Anfang der darauffolgenden Woche war es dann soweit, gemeinsam mit der Frau des Kollegen fuhren sie ins Theater ihrer Kreisstadt.
Auf dem Weg dahin, Köppnick hatte sich erboten zu fahren, erwies sich die Frau des Kollegen als ziemlich redselig. In den ersten Minuten der Fahrt versuchte Köppnick noch, einer interessanten Reportage im Radio zu lauschen. Aber nachdem ihn die ununterbrochen plappernde Frau in einem ihrer Sätze fragte, worum es denn in der Sendung gehe, um danach ebenso unvermittelt ihr Gespräch fortzusetzen, ergab er sich in sein Schicksal, brummelte irgendwas und schaltete wenig später das Radio aus. Köppnick war überhaupt nicht dafür geschaffen, mehrere Dinge gleichzeitig zu tun, und hier musste er immerhin noch zusätzlich das Lenkrad halten und auf die Straße achten.
Sie betraten eine volle Stunde vor Beginn das Theater, die Kasse hatte schon geöffnet. Die Frau, die offensichtlich einige Schauspieler kannte, machte sich gleich auf den Weg in deren Garderobe. Die Kassiererin fragte Köppnicks Kollegen: „Student?” "Student!", antwortete der. Die nächste Frage war an Köppnick selbst gerichtet: „Auch Student?” Köppnick war so verblüfft über diese Frage, seit langem hatte ihn niemand mehr für so jung gehalten, dass er spontan antwortete: „Nein, ich bin reich.” Eigentlich war er ja gar nicht reich, ihm fiel nur so schnell nichts anderes ein, um sich vom Berufsstudententum zu distanzieren, und glücklicherweise brauchte er die Frau auch nicht zu enttäuschen und konnte den um einen Euro und fünfzig Cent höheren vollen Eintrittspreis auch tatsächlich allein bezahlen.
Sein Kollege musste dann noch mal schnell weg, auch er kannte die Schauspieler näher. Köppnick setzte sich derweil ins Theaterrestaurant, bestellte sein Lieblingsgetränk, frischen Bananensaft, und sah aus dem Fenster in den Stadtpark, wo eine Horde Kinder in der zunehmenden Dämmerung mitten auf der Wiese einfach so herumlungerte. Später stieß sein Kollege wieder zu ihm, sie plauderten über Themen, über die man im Theater eben so spricht, zum Beispiel über die Papstwahl, den Kinderkreuzzug im 13. Jahrhundert, und über die Gebeine von Goethe und Schiller, die in Weimar aufbewahrt werden. Bekanntlich hatte man die beiden in hermetisch verschlossene Särge gebettet. Nun war Köppnick in seinem Element, alles was mit Mumien, Moor- und Wasserleichen zu tun hatte, interessierte ihn brennend. Neugierige Wissenschaftler hatten die Särge Goethes und Schillers vor einiger Zeit geöffnet, was den bis dahin guterhaltenen Dichterkörpern gar nicht wohl getan hatte. Deshalb waren heute nur noch die blank geputzten und getrockneten Skelette übrig. Späteren Generationen würde es so außerordentlich schwer fallen, brauchbare Goethe- und Schillerklone herzustellen, befand Köppnick.
Während dieser so vor sich hin plätschernden Plauderei blätterte er gleichzeitig zerstreut im Programmheft. Mit dem rechten Ohr hörte er seinem Kollegen zu, mit dem linken Auge las er im Heft. Plötzlich stutzte er. „Sag mal”, fragte er verblüfft, „der Regisseur des Stücks heißt ja genauso wie du, bist du das etwa selbst?” Der Kollege sah verlegen aus dem Fenster, ehe er antwortete, dabei bemüht, dass die Leute am Nachbartisch nichts mitbekamen. „Na ja, die Theatertruppe ist zur Zeit ziemlich klamm an Leuten, und da ich vor einiger Zeit bei ihnen mitgespielt habe, wurde ich gebeten, ihnen bei den Proben zu helfen. Ich war mehr der Co-Regisseur, und das auch nur in den letzten paar Wochen. So wild war das gar nicht”, wiegelte er ab. Köppnick lauschte ihm gebannt, von der heimlichen Theaterleidenschaft seines Kollegen hatte er bis zu diesem Tag nichts geahnt.
Der fuhr mit seinem Bericht fort. Zur Zeit beklagte die Theatertruppe einen außerordentlichen Personalmangel. Das heutige Stück war deshalb auf vier Rollen plus einen Souffleur zusammengestrichen worden, was für die drei Laienspieler trotzdem eine außerordentliche Herausforderung darstellte. Einzig der Darsteller des Egmont konnte sich auf nur eine Rolle konzentrieren, während sich jeweils der Herzog von Alba und Wilhelm von Oranien einerseits und Ferdinand, Albas Sohn und Souffleur andererseits, einen Schauspieler teilen mussten. Außerdem, so gestand sein Kollege, der Regisseur, war nur einer der drei ein professioneller Amateur, die beiden anderen würden heute mehr oder weniger das erste Mal auf einer richtigen Bühne stehen.
Einige Zeit später mussten sich die beiden Freunde sputen, die Glocke läutete wiederholt, sie stiegen die Treppe zu ihren Plätzen hinauf. Sie hatten sich Karten für die Empore geben lassen und konnten so das Geschehen von oben herab verfolgen. Die Frau des Kollegen hingegen setzte sich ins Parkett, sie hatte Blumen mitgebracht und beabsichtigte wohl, gleich nach dem Ende des Stückes auf die Bühne zu eilen, um den Akteuren zu gratulieren.
Bevor das Stück begann, hatte Köppnick noch Zeit, sich etwas umzusehen. Die schwierigste Rolle schien ihm die des Souffleurs zu sein, bereits vor Beginn der Vorstellung saß der in der ersten Reihe des Saals und las in seinem Text. Verglichen mit der etwas mickrigen Zahl von drei Schauspielern, war das Kammerorchester dagegen über alle Maßen groß, es waren so viele Musiker, dass sie nicht in den bescheidenen Orchestergraben des Provinztheaters passten. Sie hatten deshalb auf der Bühne Platz genommen. Kein schlechter Einfall, fand Köppnick, so würde der Mangel an Schauspielern nicht so stark auffallen, es wäre eh kein Platz für viel mehr von ihnen gewesen. Der Dirigent betrat die Bühne, alles klatschte, dann nahm das Stück seinen Lauf.
Die Musik der Ouvertüre kam Köppnick bekannt vor, der Rest eher nicht. Nach der Vorstellung las er dann im Programmheft: „In der Tat lässt Beethoven die inneren und äußeren Vorgänge des Dramas voraus- bzw. nachklingen. In der Ouvertüre, heute leider das einzige allgemein bekannte Stück dieses Projekts …” Da war er beruhigt, er befand sich in guter und ahnungsloser Gesellschaft.
Als ihm sein Kollege von der Besetzung erzählt hatte, vor allem von der Personalunion des Souffleurs mit einem der Mitspieler, war Köppnick sofort die interessante Frage eingefallen, wer denn soufflieren würde, wenn der Souffleur selbst gerade nicht den Souffleur, sondern den Ferdinand spielen würde? Aber gerade in dieser Hinsicht ging alles glatt. Der Ferdinand-Souffleur blieb niemals stecken, nur Graf Egmont, Prinz von Gaure, hatte an einigen Stellen so seine Probleme mit dem Text, wobei ihm der Souffleur auf das Trefflichste aushelfen konnte.
Normalerweise hätte Köppnick davon genauso wenig mitbekommen, wie vom kleinen Verbläserchen eines Klarinettisten, während sich die Geiger seinem Gehör nach nirgends verstrichen, der Trommler nicht verschlug. Köppnick konnte sich noch deutlich an einen Ballettbesuch erinnern, bei dem er irgendwann friedlich eingeschlummert war, um sich später unsäglich über die genommene Auszeit zu ärgern. Auf der Rückfahrt stritten seine Bekannten nämlich heftig darüber, auf welchem Bein die eine Tänzerin den Rest der Vorstellung zu Ende humpeln musste, nachdem sie mit einer anderen Frau zusammengestoßen und zu Boden gefallen war. Er konnte ob seines vorherigen Nickerchens rein gar nichts zu diesem Gespräch beitragen.
Jetzt jedoch war er hellwach, links neben ihm saß sein Kollege, der Regisseur. Rechts hatte der Theaterdirektor Platz genommen, später stieß auch die Kassiererin zu ihnen, diejenige, die ihn noch als Reichen in Erinnerung haben musste. Nach dem Stück erzählte sie den anderen, dass sie eine knappe halbe Stunde nach Beginn vier Leuten eine Karte zum halben Preis verkauft hatte, weil die einen schwarzweiß gedruckten Programmzettel vorwiesen, auf dem eine, um eine halbe Stunde versetzte Spielzeit aufgedruckt war. Weder Köppnicks Kollege, der Regisseur, noch seine Frau, der Direktor oder die Kassiererin konnten sich erklären, wer für diese Programmzettel verantwortlich gewesen sein sollte, niemand hatte sie gedruckt.
An einigen Stellen des Stücks flüsterte Köppnicks Kollege diesem zu: „Aufgepasst, diese Stelle hat er noch nie fehlerfrei hinbekommen!” Aber jedes Mal ging alles glatt. An einer anderen Stelle jedoch, der Dirigent hatte soeben das Orchester in einen furiosen Spielrausch hineingetrieben, währenddessen Köppnick die Musiker nach ihm bekannten Gesichtern absuchte, bedeckte sein Kollege das Gesicht mit den Händen und stöhnte: „Das Licht muss aus, das Licht muss aus!” Jetzt sollte auf dem Tisch ein Schwert platziert werden, natürlich im Dunkeln, aber der Techniker hatte versäumt abzublenden. Als er es dann doch noch tat, waren es nur Sekunden bis zur nächsten Szene, zu spät für das Schwert auf dem Tisch. So stürmte Ferdinand, der Sohn Albas, alias der Souffleur, auf die Bühne, mit der Scheide in der Hand, hielt kurz am Tisch inne, riss mutig das Schwert aus der Scheide, und rannte auf der anderen Seite durch den Gang davon. Das muss die viel beschworene künstlerische Freiheit sein, von der so viel erzählt wird, dachte Köppnick bei sich.
Irgendwann war das Stück zu Ende, die Frau des Kollegen und einige andere eilten, um ihre Blumensträuße abzugeben, auf die Bühne, wo sich die Schauspieler vor dem Publikum verneigten. Die Spieler waren, ihren Mienen nach zu urteilen, nicht sehr zufrieden mit sich selbst, ihrer Leistung und der Welt. Trotzdem bekamen sie ordentlichen Applaus. In dem Theater waren zur Premiere etwa genauso viel Zuschauer anwesend, wie das Laienkammerorchester und die Amateurschauspielertruppe Mitwirkende hatten.
Während sein Kollege und dessen Frau nochmals kurz hinter der Bühne verschwanden, konnte Köppnick endlich ausführlicher im Programm blättern, um sich darüber zu informieren, worum es in dem Stück eigentlich gegangen war. Auf der Rückfahrt erzählte die Frau des Kollegen, dass sie neben dem Kritiker von der Lokalzeitung gesessen hatte. Der trug ein riesiges blaues Veilchen auf einem Auge. Irgendeinen Zusammenhang mit seinen Kritiken stritt er ihr gegenüber natürlich energisch ab. Vielmehr wollte er am Wochenende bei einer Familienfeier unglücklich gestürzt sein und war dabei mit einem Auge an der Tischkante hängen geblieben. Auch seine grimmig dreinschauende Kollegin, eine bekannte Kritikerin des Konkurrenzblattes, hatte die Frau des Kollegen im Publikum sitzen gesehen.
Für Köppnick war es ein toller Abend gewesen. Er hatte über Mumien und Skelette schwadronieren dürfen, einen Regisseur kennengelernt, der im Nebenberuf sein Kollege war, sowie dessen schwatzhafte Frau, einen Theaterdirektor, eine Kassiererin, die ihn für reich halten musste, einen Kritiker mit einem blauen Veilchen auf einem seiner Augen. Er durfte einem Orchester lauschen, das sich fast nicht verspielt hatte, und sah Schauspieler, die zu dritt vier Rollen ausfüllten und sich dabei selbst soufflierten. Spät in der Nacht in seinem Bett liegend nahm er sich vor, an den nächsten Tagen den Zeitungskiosk nicht aus den Augen zu lassen, um die Lokalzeitungen mit den Kommentaren des blauäugigen Kritikers und dessen grimmig dreinschauender Kollegin nicht zu verpassen.
Kategorien: Köppnicks Welt
Donnerstag, 14.April 2005




