Berlin am 11.9.2004
Seit Februar stellte das Museum of Modern Art (MoMA) in der Neuen Nationalgalerie in Berlin über 200 seiner bedeutendsten Werke aus. An diesem Wochenende endet „das MoMA” in Berlin. Ich wollte von Anfang an dorthin, hatte meinen Besuch aber immer wieder aufgeschoben. Zuletzt schreckten mich die Erzählungen von Bekannten ab, die bis zu 11 Stunden nach einer Eintrittskarte angestanden hatten. Die im Internet täglich veröffentlichten Wartezeiten (in letzter Zeit war dort von 6 Stunden die Rede) haben nie gestimmt.
Mitte August rief mich eine Bekannte an: „Die Volkshochschule macht eine Busexkursion zum MoMA, willst du nicht mitfahren?”
Begeistert stimmte ich zu, aber unsere Anmeldung kam viel zu spät, die Plätze waren längst vergeben. Zwei Wochen später rutschten wir doch noch auf die Teilnehmerliste, vielleicht war es einigen anderen beim Blick auf den Reisetermin mulmig geworden, immerhin ist der 11.9. der Jahrestag des Anschlags von New Yorck und die MoMA-Ausstellung ist das amerikanische Kunstereignis dieses Jahres in Deutschland, wenn nicht sogar in ganz Europa. Jedenfalls trafen sich die glücklichen Teilnehmer am 11.9. früh um 5 Uhr, stiegen in den bereitgestellten Reisebus und fuhren nach Berlin.
Wir trafen gegen halb zehn dort ein und wurden vom Busfahrer am Sony-Center abgesetzt. Weil es zu regnen begann und unsere Führung im MoMA erst für 13 Uhr angemeldet war, setzten wir uns im teilweise überdachten Innenhof des Sony-Centers in ein Restaurant, um erst mal einen Kaffee zu trinken. Große Lust herumzulaufen hatten wir nicht, der Nachmittag würde ja noch stressig genug werden. Ich hatte vor Jahren die Diskussionen um die Neubebauung des Potsdamer Platz verfolgt und mir fest vorgenommen, die Architektur des Sony-Centers scheußlich zu finden, aber es gelang mir nicht. Eigentlich passt es doch an diese Stelle Berlins, muss ich einräumen.
Irgendwann hörte der leichte Regen auf, und bei den Preisen im Restaurant war uns die Lust auf einen zweiten Kaffee oder Capuccino auch vergangen, wir beschlossen einen kurzen Abstecher zum Brandenburger Tor zu machen.
Dort angekommen, wollten meine beiden Begleiterinnen völlig stillos zwischen den ersten beiden Säulen hindurchgehen, ich bestand auf dem Weg zwischen den beiden zentralen Säulen. Das letzte Mal war ich Mitte der achtziger Jahre am Brandenburger Tor gewesen. Damals hatte ich mich, vom Alexanderplatz kommend, nur vielleicht bis auf 100 Meter an die Grenzbefestigungen herangetraut und war dann wieder umgedreht. Jetzt konnte man also einfach so hindurchgehen. Ich versuchte mich zu erinnern, wie die Bebauung damals ausgesehen hat, aber es fiel mir nicht mehr ein. Das Hotel Adlon hatte es damals jedenfalls nicht gegeben, es wurde ja vor einiger Zeit erst neu gebaut. Mit seinem respektvollen Abstand zum Brandenburger Tor stört es auch nicht so sehr.
Aber die beiden links und rechts neben dem Tor stehenden und offenbar kommerziell genutzten Gebäude trüben meiner Meinung nach den Gesamteindruck. Wenn ich Diktator von Berlin wäre, hätte ich sie schon lange einreißen lassen, um dem Brandenburger Tor mehr Größe zu geben. Der Schriftzug „Commerzbank” am linken der beiden Gebäude störte mich am meisten.
Vom Ostteil aus gesehen hinter dem Tor war eine große Bühne aufgebaut. Dort wurde irgendein kirchliches Konzert vorbereitet, es saßen schon eine Reihe Besucher herum, man versuchte uns einen Flyer in die Hand zu drücken mit „Jesus lebt” oder Ähnlichem. Das Positive an kirchlichen Veranstaltungen ist immer, dass die Teilnehmer einen so friedlichen Eindruck machen, im Unterschied zu anderen Open-Air-Veranstaltungen muss man nicht befürchten, bereits am Nachmittag von irgendwelchen Bierdosenhaltern angepöbelt zu werden.
Wir gingen langsam durch einen Park Richtung MoMA. Die eine meiner Begleiterinnen biss in ein Wurstbrot, die andere aß eine soeben gekaufte Käsebrezel. Hinter einem Gebüsch schreckten wir einen Kircheneventbesucher auf, der dort seine Notdurft verrichtete. Es ist immer wieder interessant zu beobachten, dass unabhängig von den höchsten geistigen Genüssen (Kunst, Kirche) die Körpermaschine unbeirrt weiterarbeiten will.
Vor der Nationalgalerie kamen wir am Tickethäuschen vorbei, wo diejenigen, die stundenlang angestanden hatten, endlich an der Reihe waren. Sie sahen nicht sehr begeistert, sondern eher ziemlich müde und geschafft aus. Ich frage mich, ob es organisationstechnisch nicht eine bessere Lösung gegeben hätte, zum Beispiel den Vorverkauf zeitgebundener Eintrittskarten oder etwas Ähnliches.
Auch für uns stand endlich der Hauptteil des Tages, der Besuch der Ausstellung auf dem Programm. Durch die Anmeldung als Gruppe mussten wir überhaupt nicht anstehen, sondern konnten sofort hinein und wurden drinnen bereits von einer Führerin erwartet. Sie trug ein Headset mit Mikrofon, jeder von uns wurde mit einem Paar Kopfhörer und einem Empfänger ausgestattet. Das ist wirklich eine großartige Idee, die die Macher anderer Ausstellungen übernehmen sollten. Durch die Verbindung per Funk ist man nicht mehr auf einen optischen und akustischen Kontakt zur Führerin angewiesen, kann sich vor den einzelnen Gemälden einen guten Platz suchen und kommt trotzdem in den Genuss aller Erklärungen.
Unsere Führerin machte auf mich einen ausgezeichneten Eindruck. Sie hatte ein klares Programm und führte uns weitgehend chronologisch vorgehend von Gemälden des Postimpressionismus bis zu Werken in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Man merkte ihr die eigene Freude an, da war nichts auswendig Gelerntes und mechanisch Heruntergeleiertes. Einige Male verwies sie auch auf Ausstellungen an anderen Orten auf der Welt, wo sie offensichtlich selbst schon gewesen war. Ein paar meiner Bildeindrücke stehen in einem anderen Beitrag.
Die Führung dauerte eine reichliche Stunde, danach hatten wir noch 3 Stunden für eigene Beobachtungen. In dieser freien Zeit habe ich bemerkt, dass jede der Führerinnen ihr eigenes Programm hatte, die Ausstellungsleitung muss jeder von ihnen einigen Freiraum gegeben haben.
Kurz nach 17 Uhr fuhren wir zurück. Auf der Fahrt fiel mir auf, dass der größte Teil der TeilnehmerInnen Frauen waren, Männer ohne Begleitung gab es dagegen nur einen einzigen. Offensichtlich ist die klassische Aufgabenteilung nicht auszurotten. Männer sind zeitlebens für Autowäsche und Hausreparatur, junge Frauen für die Kinder, Frauen des "Mittel"alters für Kunst und Kultur zuständig. Der einzige anwesende Mann ohne Begleitung fiel bereits in der Ausstellung durch eine leichte Fahne und merkwürdige Fragen auf. Während einer Pause an einer Autobahnraststätte ging er dann zeitweilig verloren, wahrscheinlich war es ihm allein nicht mehr möglich, allein den einzigen Reisebus auf dem Parkplatz wiederzufinden.
Kategorien: Reiseberichte
Mitte August rief mich eine Bekannte an: „Die Volkshochschule macht eine Busexkursion zum MoMA, willst du nicht mitfahren?”
Begeistert stimmte ich zu, aber unsere Anmeldung kam viel zu spät, die Plätze waren längst vergeben. Zwei Wochen später rutschten wir doch noch auf die Teilnehmerliste, vielleicht war es einigen anderen beim Blick auf den Reisetermin mulmig geworden, immerhin ist der 11.9. der Jahrestag des Anschlags von New Yorck und die MoMA-Ausstellung ist das amerikanische Kunstereignis dieses Jahres in Deutschland, wenn nicht sogar in ganz Europa. Jedenfalls trafen sich die glücklichen Teilnehmer am 11.9. früh um 5 Uhr, stiegen in den bereitgestellten Reisebus und fuhren nach Berlin.
Wir trafen gegen halb zehn dort ein und wurden vom Busfahrer am Sony-Center abgesetzt. Weil es zu regnen begann und unsere Führung im MoMA erst für 13 Uhr angemeldet war, setzten wir uns im teilweise überdachten Innenhof des Sony-Centers in ein Restaurant, um erst mal einen Kaffee zu trinken. Große Lust herumzulaufen hatten wir nicht, der Nachmittag würde ja noch stressig genug werden. Ich hatte vor Jahren die Diskussionen um die Neubebauung des Potsdamer Platz verfolgt und mir fest vorgenommen, die Architektur des Sony-Centers scheußlich zu finden, aber es gelang mir nicht. Eigentlich passt es doch an diese Stelle Berlins, muss ich einräumen.
Irgendwann hörte der leichte Regen auf, und bei den Preisen im Restaurant war uns die Lust auf einen zweiten Kaffee oder Capuccino auch vergangen, wir beschlossen einen kurzen Abstecher zum Brandenburger Tor zu machen.
Dort angekommen, wollten meine beiden Begleiterinnen völlig stillos zwischen den ersten beiden Säulen hindurchgehen, ich bestand auf dem Weg zwischen den beiden zentralen Säulen. Das letzte Mal war ich Mitte der achtziger Jahre am Brandenburger Tor gewesen. Damals hatte ich mich, vom Alexanderplatz kommend, nur vielleicht bis auf 100 Meter an die Grenzbefestigungen herangetraut und war dann wieder umgedreht. Jetzt konnte man also einfach so hindurchgehen. Ich versuchte mich zu erinnern, wie die Bebauung damals ausgesehen hat, aber es fiel mir nicht mehr ein. Das Hotel Adlon hatte es damals jedenfalls nicht gegeben, es wurde ja vor einiger Zeit erst neu gebaut. Mit seinem respektvollen Abstand zum Brandenburger Tor stört es auch nicht so sehr.
Aber die beiden links und rechts neben dem Tor stehenden und offenbar kommerziell genutzten Gebäude trüben meiner Meinung nach den Gesamteindruck. Wenn ich Diktator von Berlin wäre, hätte ich sie schon lange einreißen lassen, um dem Brandenburger Tor mehr Größe zu geben. Der Schriftzug „Commerzbank” am linken der beiden Gebäude störte mich am meisten.
Vom Ostteil aus gesehen hinter dem Tor war eine große Bühne aufgebaut. Dort wurde irgendein kirchliches Konzert vorbereitet, es saßen schon eine Reihe Besucher herum, man versuchte uns einen Flyer in die Hand zu drücken mit „Jesus lebt” oder Ähnlichem. Das Positive an kirchlichen Veranstaltungen ist immer, dass die Teilnehmer einen so friedlichen Eindruck machen, im Unterschied zu anderen Open-Air-Veranstaltungen muss man nicht befürchten, bereits am Nachmittag von irgendwelchen Bierdosenhaltern angepöbelt zu werden.
Wir gingen langsam durch einen Park Richtung MoMA. Die eine meiner Begleiterinnen biss in ein Wurstbrot, die andere aß eine soeben gekaufte Käsebrezel. Hinter einem Gebüsch schreckten wir einen Kircheneventbesucher auf, der dort seine Notdurft verrichtete. Es ist immer wieder interessant zu beobachten, dass unabhängig von den höchsten geistigen Genüssen (Kunst, Kirche) die Körpermaschine unbeirrt weiterarbeiten will.
Vor der Nationalgalerie kamen wir am Tickethäuschen vorbei, wo diejenigen, die stundenlang angestanden hatten, endlich an der Reihe waren. Sie sahen nicht sehr begeistert, sondern eher ziemlich müde und geschafft aus. Ich frage mich, ob es organisationstechnisch nicht eine bessere Lösung gegeben hätte, zum Beispiel den Vorverkauf zeitgebundener Eintrittskarten oder etwas Ähnliches.
Auch für uns stand endlich der Hauptteil des Tages, der Besuch der Ausstellung auf dem Programm. Durch die Anmeldung als Gruppe mussten wir überhaupt nicht anstehen, sondern konnten sofort hinein und wurden drinnen bereits von einer Führerin erwartet. Sie trug ein Headset mit Mikrofon, jeder von uns wurde mit einem Paar Kopfhörer und einem Empfänger ausgestattet. Das ist wirklich eine großartige Idee, die die Macher anderer Ausstellungen übernehmen sollten. Durch die Verbindung per Funk ist man nicht mehr auf einen optischen und akustischen Kontakt zur Führerin angewiesen, kann sich vor den einzelnen Gemälden einen guten Platz suchen und kommt trotzdem in den Genuss aller Erklärungen.
Unsere Führerin machte auf mich einen ausgezeichneten Eindruck. Sie hatte ein klares Programm und führte uns weitgehend chronologisch vorgehend von Gemälden des Postimpressionismus bis zu Werken in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts. Man merkte ihr die eigene Freude an, da war nichts auswendig Gelerntes und mechanisch Heruntergeleiertes. Einige Male verwies sie auch auf Ausstellungen an anderen Orten auf der Welt, wo sie offensichtlich selbst schon gewesen war. Ein paar meiner Bildeindrücke stehen in einem anderen Beitrag.
Die Führung dauerte eine reichliche Stunde, danach hatten wir noch 3 Stunden für eigene Beobachtungen. In dieser freien Zeit habe ich bemerkt, dass jede der Führerinnen ihr eigenes Programm hatte, die Ausstellungsleitung muss jeder von ihnen einigen Freiraum gegeben haben.
Kurz nach 17 Uhr fuhren wir zurück. Auf der Fahrt fiel mir auf, dass der größte Teil der TeilnehmerInnen Frauen waren, Männer ohne Begleitung gab es dagegen nur einen einzigen. Offensichtlich ist die klassische Aufgabenteilung nicht auszurotten. Männer sind zeitlebens für Autowäsche und Hausreparatur, junge Frauen für die Kinder, Frauen des "Mittel"alters für Kunst und Kultur zuständig. Der einzige anwesende Mann ohne Begleitung fiel bereits in der Ausstellung durch eine leichte Fahne und merkwürdige Fragen auf. Während einer Pause an einer Autobahnraststätte ging er dann zeitweilig verloren, wahrscheinlich war es ihm allein nicht mehr möglich, allein den einzigen Reisebus auf dem Parkplatz wiederzufinden.
Kategorien: Reiseberichte
Samstag, 18.September 2004




