Neue Ideen in der Malerei?
Seit Februar stellte das Museum of Modern Art (MoMA) in der Neuen Nationalgalerie in Berlin über 200 seiner bedeutendsten Werke aus. An diesem Wochenende endet "das MoMA" in Berlin. Die Ausstellung war möglich geworden, weil in New Yorck Umbauarbeiten stattgefunden haben und die Kunstwerke dazu ausgelagert werden mussten. Über persönliche Beziehungen zwischen den Machern in New Yorck und denen in Berlin gelang es, viele Werke für ein reichliches halbes Jahr nach Deutschland zu holen.
Ich habe einen eher naiven Zugang zur bildenden Kunst, mein Urteil beschränkt sich zumeist auf "gefällt" oder "gefällt nicht". Im MoMA hatte ich das Glück, eine sehr gute Führung zu bekommen. Diese machte deutlich, dass moderne Kunst in immer stärkerem Maße erfordert, dass man sich mit der Kunstrichtung, mit dem Künstler und seiner Zeit selbst beschäftigt, sonst findet man keinen Zugang mehr. Die Leer- oder Nullstellen werden auch in der bildenden Kunst immer größer.
Die Führung war chronologisch geordnet, wie es im übrigen im Katalog des MoMA auch ist. Die gebundene Ausgabe gibt es bei Amazon, die broschierte hat dieselbe ISBN, aber sie war vermutlich nur in der Ausstellung selbst zu kaufen!?

Das erste Bild, das wir gezeigt bekamen, war Van Goghs "Sternennacht" von 1889. Zu seiner Zeit war die Fotografie schon erfunden, die detailgetreue Abbildung der Umwelt damit für die Malerei obsolet. Während die Gebäude noch weitgehend originalgetreu gemalt sind, werden die Sterne und der Mond bereits so dargestellt, wie der Künstler sie in seinem Inneren gesehen haben muss.
Der düstere dunkle Fleck links stellt wohl eine Zypresse dar. Ein Jahr bevor dieses Bild gemalt wurde, hatte sich Van Gogh im Wahn ein halbes Ohr abgeschnitten, jetzt befand er sich in einer psychiatrischen Klinik, ein Jahr später beging er Selbstmord.

Dieses großformatige Bild von Matisse, "Der Tanz I" entstand 1909. Die Ausstellungsmacher der MoMA hatten genau dieses Bild als Titelbild gewählt, es ziert alle Broschüren und die Hülle des Katalogs. Die Unperfektheit verblüfft zunächst. Zum Beispiel kann man links unten ein nur unvollständig übermaltes Bein eines sechsten Tänzers erkennen. Das Weglassen des Sechsten bringt mehr Dynamik ins Bild, weil der Kreis aufgerissen wird. Die Gesichter der beiden oberen Tänzer wirken wie in einer Kinderzeichnung.
Aber dieses Bild war eigentlich nur eine grobe Skizze, die innerhalb zweier Tage entstand, um einem potenziellen Kunden das Grundmotiv zu zeigen. Ein "richtiges" Bild findet man hier. (Wo dieses hängt, weiß ich nicht, ich tippe auf die Eremitage in Petersburg.)

Pablo Picasso hielt seinen "Harlekin", der 19015 entstand, für eines seiner besten Werke. Das Bild ist 1,80 m hoch, der Harlekin hat also Lebensgröße wenn man davor steht. Obwohl eigentlich die Form keinem Menschen entspricht, kann man ihn trotzdem erkennen, er kommt quasi von innen.
Picasso hat sich mehrfach als Harlekin selbst gemalt, hier sind die Farben schmutzig und die Farbpalette fast leer. Picasso ging es um diese Zeit sehr schlecht, seine erste Frau lag im Sterben.

Dieses Bild, "Figur, einen Stein auf einen Vogel werfend" von Miro, 1926, kam in unserer Führung nicht vor, aber es war bereits vorher eines meiner Lieblingsbilder und ich war froh, es mal im Original sehen zu dürfen. Hier würde man auch ohne Erklärung eine Person erkennen, allein anhand des Auges und des Fußes. Mit dem Namen des Bildes kann man auch den Rest entschlüsseln.

An dieses Bild, Reinhardt, "Abstraktes Gemälde", 1963, stellte sich unsere Führerin mit einem breiten Lächeln. Ich war nicht überrascht, denn von diesem Bild hatten mir bereits Bekannte erzählt. Aber einigen anderen war es neu, das Getuschel war groß.
Wenn man vor dem Original steht, dann sieht man nichts weiter als eine schwarze Fläche. Man musste in der Ausstellung schon stark von der Seite auf das Bild schauen, um eine Aufteilung in 3x3 Quadrate zu erkennen. Sie kommen zustande, weil der Maler die Farbschichten der einzelnen Quadrate in unterschiedlicher Reihenfolge aufgetragen hat. Es ist eine Glanzleistung des Fotografen, dass man diese Quadrate im Katalog überhaupt erkennen kann. Bei zwei ähnlich minimalistischen Werken ("Roter Vogel" von Martin, 1964, und "Zwilling" von Ryman, 1966) sieht man im Katalog noch weniger bis nichts. (Die schmale Streifung auf der obigen Abbildung ist übrigens im Katalogbild nicht zu erkennen. Sie wurde vom Scanner erzeugt, der vermutlich auch nicht glauben konnte, dass es hier fast nichts zu sehen gibt.)
In einem Beitrag dürfen nur 5 Bilder vorhanden sein, deshalb habe ich 5 herausgesucht, die in chronologischer Reihenfolge meinen Hauptgedanken illustrieren sollen. Die Malerei hat sich immer weiter von den konkreten Dingen der äußeren Welt abstrahiert, in den Formen, in den Farben, in den Inhalten. Damit einher geht, dass der Betrachter einen immer größeren Teil aus seinem eigenen Verstand ergänzen (die "Leerstellen") und vorher immer mehr wissen muss.
Es scheint mir so, dass die wesentlichen neuen Ideen der Maler des 20. Jahrhunderts vorrangig darin bestanden, unwesentliche Dinge weg- und durch den Betrachter ergänzen zulassen. Aber dieser Prozess kann nicht unendlich so weitergehen. Im letzten Bild kann man nichts mehr weglassen. Wenn es aber keine neuen Ideen gibt, dann ist die Malerei mausetot.
Kategorien: Alltag
Ich habe einen eher naiven Zugang zur bildenden Kunst, mein Urteil beschränkt sich zumeist auf "gefällt" oder "gefällt nicht". Im MoMA hatte ich das Glück, eine sehr gute Führung zu bekommen. Diese machte deutlich, dass moderne Kunst in immer stärkerem Maße erfordert, dass man sich mit der Kunstrichtung, mit dem Künstler und seiner Zeit selbst beschäftigt, sonst findet man keinen Zugang mehr. Die Leer- oder Nullstellen werden auch in der bildenden Kunst immer größer.
Die Führung war chronologisch geordnet, wie es im übrigen im Katalog des MoMA auch ist. Die gebundene Ausgabe gibt es bei Amazon, die broschierte hat dieselbe ISBN, aber sie war vermutlich nur in der Ausstellung selbst zu kaufen!?

Das erste Bild, das wir gezeigt bekamen, war Van Goghs "Sternennacht" von 1889. Zu seiner Zeit war die Fotografie schon erfunden, die detailgetreue Abbildung der Umwelt damit für die Malerei obsolet. Während die Gebäude noch weitgehend originalgetreu gemalt sind, werden die Sterne und der Mond bereits so dargestellt, wie der Künstler sie in seinem Inneren gesehen haben muss.
Der düstere dunkle Fleck links stellt wohl eine Zypresse dar. Ein Jahr bevor dieses Bild gemalt wurde, hatte sich Van Gogh im Wahn ein halbes Ohr abgeschnitten, jetzt befand er sich in einer psychiatrischen Klinik, ein Jahr später beging er Selbstmord.

Dieses großformatige Bild von Matisse, "Der Tanz I" entstand 1909. Die Ausstellungsmacher der MoMA hatten genau dieses Bild als Titelbild gewählt, es ziert alle Broschüren und die Hülle des Katalogs. Die Unperfektheit verblüfft zunächst. Zum Beispiel kann man links unten ein nur unvollständig übermaltes Bein eines sechsten Tänzers erkennen. Das Weglassen des Sechsten bringt mehr Dynamik ins Bild, weil der Kreis aufgerissen wird. Die Gesichter der beiden oberen Tänzer wirken wie in einer Kinderzeichnung.
Aber dieses Bild war eigentlich nur eine grobe Skizze, die innerhalb zweier Tage entstand, um einem potenziellen Kunden das Grundmotiv zu zeigen. Ein "richtiges" Bild findet man hier. (Wo dieses hängt, weiß ich nicht, ich tippe auf die Eremitage in Petersburg.)

Pablo Picasso hielt seinen "Harlekin", der 19015 entstand, für eines seiner besten Werke. Das Bild ist 1,80 m hoch, der Harlekin hat also Lebensgröße wenn man davor steht. Obwohl eigentlich die Form keinem Menschen entspricht, kann man ihn trotzdem erkennen, er kommt quasi von innen.
Picasso hat sich mehrfach als Harlekin selbst gemalt, hier sind die Farben schmutzig und die Farbpalette fast leer. Picasso ging es um diese Zeit sehr schlecht, seine erste Frau lag im Sterben.

Dieses Bild, "Figur, einen Stein auf einen Vogel werfend" von Miro, 1926, kam in unserer Führung nicht vor, aber es war bereits vorher eines meiner Lieblingsbilder und ich war froh, es mal im Original sehen zu dürfen. Hier würde man auch ohne Erklärung eine Person erkennen, allein anhand des Auges und des Fußes. Mit dem Namen des Bildes kann man auch den Rest entschlüsseln.

An dieses Bild, Reinhardt, "Abstraktes Gemälde", 1963, stellte sich unsere Führerin mit einem breiten Lächeln. Ich war nicht überrascht, denn von diesem Bild hatten mir bereits Bekannte erzählt. Aber einigen anderen war es neu, das Getuschel war groß.
Wenn man vor dem Original steht, dann sieht man nichts weiter als eine schwarze Fläche. Man musste in der Ausstellung schon stark von der Seite auf das Bild schauen, um eine Aufteilung in 3x3 Quadrate zu erkennen. Sie kommen zustande, weil der Maler die Farbschichten der einzelnen Quadrate in unterschiedlicher Reihenfolge aufgetragen hat. Es ist eine Glanzleistung des Fotografen, dass man diese Quadrate im Katalog überhaupt erkennen kann. Bei zwei ähnlich minimalistischen Werken ("Roter Vogel" von Martin, 1964, und "Zwilling" von Ryman, 1966) sieht man im Katalog noch weniger bis nichts. (Die schmale Streifung auf der obigen Abbildung ist übrigens im Katalogbild nicht zu erkennen. Sie wurde vom Scanner erzeugt, der vermutlich auch nicht glauben konnte, dass es hier fast nichts zu sehen gibt.)
In einem Beitrag dürfen nur 5 Bilder vorhanden sein, deshalb habe ich 5 herausgesucht, die in chronologischer Reihenfolge meinen Hauptgedanken illustrieren sollen. Die Malerei hat sich immer weiter von den konkreten Dingen der äußeren Welt abstrahiert, in den Formen, in den Farben, in den Inhalten. Damit einher geht, dass der Betrachter einen immer größeren Teil aus seinem eigenen Verstand ergänzen (die "Leerstellen") und vorher immer mehr wissen muss.
Es scheint mir so, dass die wesentlichen neuen Ideen der Maler des 20. Jahrhunderts vorrangig darin bestanden, unwesentliche Dinge weg- und durch den Betrachter ergänzen zulassen. Aber dieser Prozess kann nicht unendlich so weitergehen. Im letzten Bild kann man nichts mehr weglassen. Wenn es aber keine neuen Ideen gibt, dann ist die Malerei mausetot.
Kategorien: Alltag
Samstag, 18.September 2004




