Korsika: GR20

gr20Der GR20, der vom Nordwesten bis zum Südosten quer durch Korsika führt, gilt als der schwerste Wanderweg Europas. Kriterium für diese Einstufung ist die aus Befragung von Wanderern ermittelte Quote von Abbrechern. Man benötigt etwa 2 Wochen für die Durchquerung Korsikas, wobei der Nord- und der Südteil unterschiedlichen Charakter haben. Der Nordteil ist felsiger und technisch anspruchsvoller, kurze Passagen erfordern Klettern im zweiten Schwierigkeitsgrad. Im Südteil geht es mehr durch Wälder, aber dafür sind die Etappen länger und dadurch konditionell anspruchsvoller.

Es ist mir unbegreiflich, wieso der Weg in allen Büchern in Etappen von Norden nach Süden beschrieben wird, obwohl es doch besser ist, im Süden beginnend, sich allmählich auf die schwersten Abschnitte im Norden vorzubereiten. Vor etwa 15 Jahren habe ich ihn schon einmal probiert, nach etwa einer Woche und Absolvierung des Südteils musste ich wegen kaputter Füße aufgeben. Ein zweiter Versuch vor 4 Jahren scheiterte bereits zu Beginn, weil mein Begleiter krank wurde. Dieses Jahr fand nun mein dritter Anlauf statt.

Zunächst hatte ich geplant, es allein zu probieren. Aber dann stieß ich bei der Vorbereitung auf Abenteuer Korsika und meldete mich dort für zwei Wanderwochen an, die erste Woche Süd-, dann eine Woche Nordteil. Geführt wird das Unternehmen von zwei Korsika-Kennern, Eric und Katarina. Bei den Touren war noch ein dritter Bergführer dabei, Oliver, mit einer mich beeindruckenden Fitneß. In der Anmeldemail hatte ich meine bisherige Wandererfahrung aufgelistet: Mehrere Wanderungen in den rumänischen Karpaten, zwei Wochen E5 (ein Fernwanderweg von Oberstdorf nach Bozen), 5 Wochen Trekking in Ecuador, jeweils eine Woche im Karwendel und der Brenta, usw. In Korsika erfuhr ich, dass erst diese Bergerfahrung die „Eintrittskarte“ für die Aufnahme in die Gruppe war, denn für Neulinge ist der GR20 ungeeignet.

In der Woche vor meiner Abreise gab es drei Tote auf dem GR20. Da es die Meldung bis in die Tagesschau geschafft hatte, musste ich einige besorgte Anfragen von Freunden und Bekannten beantworten, die wissen wollten, ob ich denn wirklich so etwas Gefährliches unternehmen wolle!? In Korsika erzählten unsere Guides Näheres: Es hatte ziemlich heftige Gewitter, Regenfälle und Hagel gegeben, zusammen mit den dabei aufgetretenen heftigen Stürmen ging dabei die gefühlte Temperatur auf -30°C zurück (Wind-Chill-Faktor!), sodass die drei Opfer Ende Mai erfroren waren. Jedem der drei Opfer ist eine Teilschuld zu geben, zwei gingen entgegen der Warnungen der Hüttenwirte los, der dritte entfernte sich von seiner Gruppe. Weitere ca. 40 Wanderer konnte man mit dem Hubschrauber retten, sonst hätte es vielleicht noch mehr Tote gegeben. Der GR20 war danach eine Zeitlang gesperrt.

Da Nord- und Südtour bei Abenteuer Korsika auch einzeln gebucht werden können, war ich in den beiden Wochen mit zwei unterschiedlichen Gruppen unterwegs. In der ersten Woche bestand die Gruppe aus 13, in der zweiten aus 9 Personen, dazu jeweils die drei Guides. Zusammen mit mir liefen in beiden Wochen insgesamt 4 Teilnehmer den ganzen Weg, nur 2 davon hielten auch bis zum Schluss durch. Die beiden Gruppen waren jeweils sehr heterogen zusammengesetzt, fast gleichviel Männer und Frauen, Pärchen und Einzelpersonen, im Alter von knapp 30 bis Mitte 50. Diese Mischung war nicht dem Zufall geschuldet, sondern von Eric und Katarina bewusst angestrebt. Neben den Hauptgesprächsthemen „aktuelle Tour“ und „bisherige Wanderungen“ war durch die unterschiedliche Lebenserfahrung der Einzelnen für viel Gesprächsstoff und Abwechslung gesorgt. Ich habe mich in beiden Gruppen sehr wohl gefühlt.

Am Tage des Abmarschs die Forderung unserer Führer: Rucksack wiegen, maximal 8 kg Individualgepäck waren erlaubt. Da Rucksack, Therm-a-Rest-Matte und Schlafsack zusammen bereits knapp 5 kg wogen, enthielt mein Rucksack nach der notwendigen Entschlackung praktisch nur noch einmal Wechselwäsche, eine Ersatzbrille, ein Handtuch, eine Zahnbürste, Teller, Löffel, Messer und die Regenbekleidung. Vor der zweiten Tourenwoche habe ich sogar noch das Handtuch halbiert, ein kleineres reicht auch, und das Messer weggelassen. Auch mein Fotoapparat (326 g) fiel der Ausdünnung des Gepäcks zum Opfer. In jeder Gruppe gab es zwei bis drei Fotoapparate, sodass ich von den Bildern der anderen profitieren werde. Katarina wird aus den Bildern eine Foto-CD erstellen und allen Teilnehmern zusenden.

Zu den 8 kg Individualgepäck kamen 2 Liter Trinkwasser und das sogenannte „Gruppengut“: Zelte, Verpflegung, einmal Zahnpasta und Seife, die bereits erwähnten zwei bis drei Fotoapparate. Damit kam jeder auf knapp 14 kg Rucksackgewicht. Zu meiner Rumänientour 1989 bin ich noch mit 28 kg aufgebrochen, welch ein Unterschied!

Bereits die zweite Etappe war ein absoluter Hammer: 9 Stunden reine Gehzeit, dabei 1600 Höhenmeter Abstieg und längere Zeit Regen. Danach „pfiffen“ meine Knie so, dass ich allerschlimmste Befürchtungen für die Fortsetzung der Tour hatte. Aber die beiden folgenden Tage waren mit jeweils ca. 6 Stunden und weniger Abstiegsmetern deutlich leichter und meine Beine erholten sich wieder. Auf mehrwöchigen Wanderungen laufen zwei gegensätzliche Vorgänge ab: Auf der einen Seite verbessert sich die Kondition täglich, da Kreislauf und Muskeln sehr kurze Erholungszeiten haben, auf der anderen Seite verschleißen Gelenke, Bänder und Sehnen von Tag zu Tag mehr, ihre Regeneration dauert länger. Nur wenn man ausreichend trainiert ist, kann man seine Belastungsgrenzen zeitlich so weit nach hinten schieben, dass man die gesamte Tour durchhält und auch Spaß am Wandern hat.

Eric, Katarina und Oliver hielten sich bei der Routenplanung nicht strikt an die Originalroute des GR20. Natürlich gibt es einige Stellen auf dem Weg, die ein absolutes Muss darstellen, dazu zählt zum Beispiel der „Cirque de la Solitude“, ein Felsenkessel mit den schwierigsten Kletterabschnitten der ganzen Tour. An vielen Stellen gibt es aber ähnliche oder bessere und parallel verlaufende Hirten- und Wanderwege. Häufig folgt der Verlauf des GR20 nämlich eher wirtschaftlichen Gesichtspunkten, führt zu Berghütten und Bergerien. Auf der Hauptstrecke hat man viel „Verkehr“ und manchmal sogar „Staus“, nur etwas ab liegende Wege sind viel weniger begangen.

Viele Hütten entlang des GR20 gibt es bereits seit langem, bewirtschaftet werden sie aber erst seit wenigen Jahren. Diese Bewirtschaftung hat zur Folge, dass man dort noch mehr „Touristen“ trifft, die, schlecht ausgerüstet, eigentlich nichts im Hochgebirge zu suchen haben. „Bonjour-Wege“ werden die betreffenden Routenabschnitte genannt. Das ist ähnlich lästig wie in den Alpen. Hat man sich dort manchmal 1500 Höhenmeter auf einen Berg gekämpft, wird man bereits von Tagestouristen begrüßt, die, in Turnschuhen herumlaufend, mit der Seilbahn hochgefahren sind.

Wenn man mit Korsika-Kundigen wie unseren Führern unterwegs ist, hat man die Möglichkeit, diese ausgelatschten Pfade zu meiden. Zudem hat man so den Vorteil, dass flexibel auf Wetterverschlechterungen oder auf konditionell unterschiedlich leistungsfähige Teilnehmer reagiert werden kann, in dem die Etappen schwerer oder leichter gemacht werden. Ist man als Einzelner oder in einer Gruppe unterwegs und kennt Korsika nicht so gut, muss man sich an den Originalweg halten, denn nur wenige andere Pfade sind ausreichend gut markiert.

Überhaupt war das Wandern in einer solchen Gruppe in vielen Belangen anders. Bei den Picknicks und zum Abendbrot wurde nicht irgendein Kunstfraß serviert, sondern es gab original korsische Produkte: Brot, Käse, Wurst. Abends wurde gekocht, und keine Tütensuppen, sondern „in echt“. Und Korsikas Landschaft, die Picknick- und Biwakplätze – bleibende Erinnerungen. Egal, ob man nach einer schwierigen Flußüberquerung an einem umgestürzten Baum rastet und dabei anderen Wanderern beim Hineinfallen ins Wasser zusieht, oder ob man an einem Wasserfall gesättigt im Halbschatten ein Nickerchen macht – traumhaft.

So zu wandern passt auch sehr gut in das Konzept eines nachhaltigen und naturverträglichen Tourismus, der zusätzlich den in der Region ansässigen Korsen ihr Auskommen gibt, und an dem Eric und Katarina seit ihrem Diplom theoretisch und praktisch arbeiten. Also Eric, Katarina, Oliver und alle anderen Teilnehmer: Danke für einen tollen Bergurlaub, für neue Eindrücke, Anregungen und Gespräche – gerne wieder. Vielleicht trifft man sich in zwei bis drei Jahren bei Durchs wilde Korsika oder bei der „Von Kueb“-Tour wieder?

Ein paar Bilder von der Tour.

Kategorien: Reiseberichte
MMarheinecke - 24. Juni, 17:22

Huh, ich bekomme Fernweh

auch wenn ich erst mal (wieder) Bergerfahrung sammeln müsste, ehe ich mich an den GR20 machen würde.
Meine "wildesten" Wandererfahrungen machte ich auf den norwegischen Fjells und in Lappland - wobei wir nur selten mit Kletterstrecken, dafür aber um so mehr mit den überaus hartnäckigen Mücken und schwer passierbaren Sumpfgelände zu kämpfen hatten. (Einmal waren sogar die Markierugen des Wanderweges buchstäblich im Morast versunken.)

Also, Lust auf eine Trekking-Tour hätte ich schon. Wenn auch erstmal einer leichteren, zum Eingewöhnen.

Matthias Gerhards - 24. Juni, 22:58

Tolle Tour

Ein schöner Beitrag. Und eine tolle Tour. Ich beneide dich.

ytnfinger - 25. Juni, 10:19

gut gelaufen

Salute
hier einer deiner "guides" erste Fotos findest Du schon mal unter http://www.abenteuer-corsica.de/2007/2007.html
auf den rest warten wir noch.
sehr guter erlebnisericht mit ein paar treffenden aussagen.

z.b. das 14 kilo besser sind als 28!
bis denne eric

kranich05 (anonym) - 30. Juni, 11:01

Ich bin auch gerade gewandert.
Mit dem Fahrrad von Berlin nach Jena.
Und denke, während ich Deinen Beitrag von Deiner imponierenden Wanderung lese:
Toll, was alles Wandern ist.
Wirklich ein ganzer Kosmos.

Wolfgang (anonym) - 30. Juni, 23:16

Tolle Beschreibung

Hallo Ralf,

viele Grüße von einem "Mitläufer". Danke für die Beschreibung der Tour, sie ist sehr gelungen. Ich hoffe, deinem Knie geht es wieder besser...

Wolfgang

Chinaski - 7. Juli, 13:14

Das ist schon ein anspruchsvoller Weg und dazu noch ist er wunderschön, am schönsten ist es im Frühling

ugo (anonym) - 14. November, 10:53

Danke für die Wörter und die Bilder Ralf!
sehr schön die schöne Wanderung so erinnern zu können.... ich beneide ein bischen euch die beiden gr 20 Touren mitgemacht habt!
mach's gut, Ugo

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Kommentare hier ...

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Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
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