Jared Diamond: Kollaps
Jared Diamond hat in den letzten 25 Jahren auf dem Gebiet der Evolutionsbiologie gearbeitet. In seinem Buch stellt er die Erkenntnisse zusammen, die er bei der Untersuchung über das Überleben oder Untergehen vergangener und gegenwärtiger Kulturen gewonnen hat. Das Werk ist gleichzeitig Geschichtsbuch, weil es über viele vergangene Kulturen berichtet, Geografiebuch, weil sehr viele verschiedene Regionen der Erde darin vorkommen, es ist ein ökologisches Lehrbuch, weil in ihm nachgewiesen wird, dass auch heute viele scheinbar politische oder ethnische Konflikte in Wirklichkeit auf ungelösten ökonomisch-ökologischen Problemen beruhen, und es ist natürlich ein Buch über heutige Ökonomie und Politik.Obwohl Jared Diamond für viele verschiedene Umweltschutzorganisationen und die Unesco gearbeitet hat, sollte man ihn nicht als Kulturpessimisten bezeichnen, denn er war andererseits auch für Mineralölkonzerne tätig und äußert am Schluss seines Buchs die Überzeugung, dass wir unsere heutigen ökologischen und Klimaprobleme lösen können.
Sein Buch ist in vier Teile gegliedert. Den Einstieg in das Thema bildet ein Kapitel über Montana, seinen Heimatbundesstaat in den USA. Hier gibt es heute Probleme durch den Bergbau, die nicht nachhaltige Bewirtschaftung der Wälder und die Landwirtschaft.
Im zweiten Teil des Buches, gewissermaßen dem Geschichtslehrbuch, werden verschiedene historische Kulturen analysiert, die sich über kürzere oder längere Zeiträume in ihrem Lebensraum gehalten haben. Im Einzelnen schreibt er die Osterinseln, die Inseln Pitcairn und Henderson (die in den Geschichten um die Meuterer von der Bounty eine Rolle spielen), die Anasazi (ein prähistorisches Volk in New Mexico), die Maya und die Wikinger, die Island und Grönland längerfristig besiedelt gehalten und in „Vinland“ auch den ersten Versuch einer Besiedelung von Nordamerika unternommen haben.
Im Gegensatz zu der häufig geäußerten Meinung, dass das Schicksal der Bewohner der Osterinsel noch mysteriös wäre, hält Diamond dieses Rätsel für gelöst. Aus der Analyse von Pollenablagerungen der Pflanzen der Insel und Datierungen der Statuen lässt sich ablesen, dass die Insel vor dem Eintreffen der Menschen eine vollständig bewaldete Insel war. Die Zeitpunkte des Verschwindens der letzten Bäume (keine Baumpollen mehr), die Einstellung der Arbeiten an den Statuen und das Verschwinden weiterer menschlicher Zeugnisse fallen praktisch zusammen. Es ist auch schwerlich einleuchtend, wie eine Gesellschaft überleben sollte, die für den Bau von Häusern, für das Feuermachen, für die Landwirtschaft, für Schifffahrt, Fischfang und für den Transport ihrer Statuen auf Holz angewiesen ist, das Abholzen des letzten Baumes lange überleben sollte.
Am ausführlichsten analysiert er das Schicksal der Wikinger, weil diese bei derselben Kultur ihrer Heimat, die sie zu den verschiedenen Orten mitgenommen haben, sich je nach den vorgefundenen Bedingungen unterschiedlich gut akklimatisiert haben. Island ist noch heute von ihren Nachfahren besiedelt, auf Grönland konnten sie sich mehrere Jahrhunderte halten, bis sie von den Inuit verdrängt wurden, ihre Besiedelung von Nordamerika scheiterte praktisch sofort.
Im dritten Teil hat er für die heutige Zeit die Beispiele des Völkermords in Ruanda, einen Vergleich der Gesellschaften in der Dominikanischen Republik und Haiti, natürlich China mit seinen gewaltigen ökologischen Schwierigkeiten und die Probleme Australiens gewählt. Im Vergleich zu den historischen Kulturen, die mit den 8 Kategorien von Schädigungen wie Entwaldung und Lebensraumzerstörung, Problemen mit dem Boden (Erosion, Versalzung, nachlassende Fruchtbarkeit), Probleme mit der Wasserbewirtschaftung, übermäßige Jagd, Überfischung, Auswirkungen eingeschleppter Tiere und Pflanzen auf einheimische Arten, Bevölkerungswachstum und steigender Pro-Kopf-Verbrauch zu kämpfen hatten, kommen in unserer Zeit vier weitere hinzu: Vom Menschen verursachter Klimawandel, Anhäufung von Umweltgiften, Energieknappheit und die vollständige Nutzung der weltweiten Photosynthesekapazität. Nur letzteres war mir neu und wird von ihm so erklärt:
Die Versorgung mit Sonnenlicht scheint auf den ersten Blick keinen Begrenzungen zu unterliegen, und deshalb könnte man zu dem Schluss gelangen, dass die Erde auch über unendliche Fähigkeiten verfügt, Nutz- und Wildpflanzen hervorzubringen. ... Allgemeiner betrachtet, hängt es von Temperatur und Niederschlag ab, wie viel Sonnenenergie die Pflanzen auf einem Hektar durch Photosynthese fixieren können und wie viel Pflanzenwachstum demnach auf einer solchen Fläche stattfinden kann.Zum Beginn des vierten Teils seines Buches, der sich mit den praktischen Lehren aus dem Überleben oder Zusammenbrechen historischer und heutiger Kulturen beschäftigt, kehrt er nochmals zur Osterinsel zurück:
Nachdem ich mit meiner Darstellung fertig war, kam in der Diskussion eine scheinbar einfache Frage auf, die meine Studenten von ein Rätsel stellte und in Wirklichkeit viel schwieriger war, als ich es mir bis dahin klargemacht hatte: Wie um alles in der Welt konnte eine Gesellschaft die so offenkundig katastrophale Entscheidung treffen, alle Bäume zu fällen, auf die sie angewiesen war?“Zur Beantwortung dieser Frage und zu den Schlussfolgerungen für die heutige Wirtschaft und Politik nimmt er sich dann nochmals 150 Seiten Zeit. Auch hier geht er sehr ins Detail und zeigt zum Beispiel, dass die Ausgangssituation und daraus folgend die möglichen Lösungen in der Mineralölwirtschaft, im Bergbau, in der Holz- und in der Fischereiindustrie vollkommen unterschiedlich sind. Der letzte Abschnitt des überaus interessanten und lesenswerten Buchs trägt die Überschrift „Anlässe zur Hoffnung“.
Kategorien: Bücher, Evolution
Sonntag, 27.Mai 2007




