Heiligendamm

Es gibt verschiedene Argumente gegen Heiligendamm und Methoden um zu protestieren. Befürwortet wird das Ereignis nur von wenigen, die Kritiker unterscheiden sich je nach politischem Spektrum lediglich darin, ob sie das Verhältnis zwischen Aufwand und Nutzen als unverhältnismäßig betrachten oder sogar die zu beschließenden Ergebnisse als falsch. Die mich bisher am meisten ansprechende Kritik stammt von Hans Magnus Enzensberger: Vorschlag zur Güte. Zwei Zitate:
Es liegt mir ferne, Ihnen diese kleine Freude zu missgönnen. Dennoch erlaube ich mir, Sie auf einige Details hinzuweisen, die Ihnen vielleicht entgangen sind. Ihre häufigen Spitzengespräche bringen nämlich einige unerwünschte Nebeneffekte mit sich. Damit meine ich in erster Linie die Vertreibung der Zivilbevölkerung. Es schmerzt mich, dies zu sagen, aber Sie treten, sicher ohne dass Sie es bemerken, wie eine Besatzungsmacht auf. Während Sie endlose Sitzungen, Ansprachen und Galadiners über sich ergehen lassen müssen, wird vor der Tür ein Ausnahmezustand verhängt, der sich nur schwer mit den Garantien unserer Verfassung vereinbaren lässt. Zehntausende von Bewaffneten stehen vor Ihnen stramm. Es werden Straßensperren errichtet und Ausgangsverbote erlassen. Der öffentliche Raum ist enteignet. Weiträumige Demonstrationsverbote, lückenlose Überwachung, vorbeugende Verhaftungen sind, schon lange bevor Ihre Hubschrauber eintreffen, nicht die Ausnahme, sondern die Norm. Nicht nur legen derartige Veranstaltungen ganze Millionenstädte lahm; auch friedliche Dörfer werden routinemäßig in den Belagerungszustand versetzt. Erinnerungen an Krieg und Diktatur werden wach, was bei Zartfühlenden zu allerlei Missverständnissen führen kann.
Jedoch möchte ich Ihnen zu bedenken geben, dass Sie die Sicherheitsrisiken, mit denen Sie zu kämpfen haben, selber herbeiführen. Nicht nur Sie nämlich fühlen sich bedroht, sondern auch diejenigen, deren Bestes Sie wollen. Ich meine damit die restliche Bevölkerung, eine, wie ich meine, nicht unerhebliche Majorität. Sie können sich gar nicht vorstellen, welchen Missmut, welche Abneigung Sie durch Ihren beschwerlichen Gang auf den Gipfel bei diesen Menschen erzeugen.

Und was die von Ihnen zu Recht gefürchtete "gewaltbereite Minderheit" betrifft, so sind es Sie selber, die sie anlocken und ihr für ihre Auftritte eine unwiderstehliche Bühne verschaffen - so geschehen in Genua, Göteborg, Seattle und an vielen anderen Orten. Straßenschlachten, Molotow-Cocktails, Brandanschläge und Übergriffe der Polizei, bei denen es gelegentlich auch zu Todesfällen kommt, sorgen für unwillkommene Schlagzeilen und Fernsehbilder, die ganz dazu angetan sind, Ihren guten Ruf zu beeinträchtigen.
Enzensbergers Vorschlag allerdings ist nicht neu: Die Einrichtung einer eigenen Insel für derartige Gipfeltreffen. Ich möchte seinen Vorschlag durch die Nennung eines Namens präzisieren: Die Osterinsel. Diese Insel ist durch folgende Eigenschaften gekennzeichnet:
  • Sie ist unbewohnt.
  • Für den Normaldemonstranten ist sie nahezu unerreichbar.
  • Auf ihr wurden bereits eine ganze Reihe Götzenstatuen errichtet, die allesamt nicht in Richtung des Meeres, d.h. der Welt, sondern in Richtung Inselmitte, also auf die anderen Götzen starren.
Für die Nachdenklicheren unter den Gipfelteilnehmern böte diese Insel auch einige Denkanstöße: Die früheren Bewohner der Osterinsel haben sich selbst ausgerottet. Das gelang ihnen durch den ökologischen Ruin ihrer Insel, u.a. indem sie alle Bäume abholzten. Diese benötigten sie sowohl als Baumaterial, als Brennholz und zum Bau und Transport neuer Götzenstatuen, deren Herstellung zur Schaffung neuer Arbeitsplätze diente. Als sich dann zusätzlich das Klima veränderte und die verbliebene Landwirtschaft nicht mehr genügend Ertrag abwarf, mussten sie völlig verblüfft feststellen, dass sie wegen dem Holzmangel auch nicht mehr in der Lage waren, die Schiffe zu bauen, mit denen sie ihre Insel hätten verlassen können. Die Herrscher der Insel sind sicherlich als letzte zugrunde gegangen, aber ohne die Unterstützung ihrer Untertanen blieben letztlich auch sie nicht am Leben.

Kategorien: Politik
Gregor Keuschnig - 27. Mai, 15:01

Die Osterinsel ist nicht unbewohnt; es leben dort rd. 3.500 Menschen. Aber es gibt sicherlich noch orgendwo unbewohnte Atolle im Südpazifik, die offziell zu Frankreich gehören. Man müsste dort nur einen Flughafen bauen.

Ernsthaft: Die Treffen wie dieser G8-Gipfel sind vollkommen überflüssig geworden. Das hat sogar Helmut Schmidt neulich zugegeben, der damit in den 80er Jahren begonnen hatte, Damals traf man sich auf halbprivater Ebene; es war auch nicht immer unbedingt klar, wo genau das war.

Heute ist dies vollkommen überinstitutionalisiert. Seit Wochen wird bereits am Schlusskommunique bearbeitet (man kann sich nicht über die Formulierungen und Aktionen zum Klimaschutz einigen; die USA schiessen quer).

Das sich demokratisch gewählte Staats- und Regierungsschefs von der Bevölkerung derart abgrenzen (weil sie glauben, dies zu müssen), wirft ein Licht auf das, was gemeinhin Demokratie genannt wird. Auch wenn ich nicht mit allen Thesen der (sogenannten) Globalisierungsgegner (alleine das Wort in Unsinn) übereinstimme, so ist das gesamte Vorgehen reichlich grotesk. Wie man anhand dieser Massnahmen jemals anderen Ländern Pluralismus "verkaufen" will, ist mir schleierhaft.

Köppnick - 11. Juli, 12:01

Irgendwo als Vorschlag gelesen:

Guantanamo. Für den normalen Demonstranten sehr schwer zu erreichen und bereits mit ausreichender Sicherheitstechnik wie Drahtzäunen u.ä. ausgerüstet.
Gregor Keuschnig - 11. Juli, 12:21

...aber nur, wenn die Damen und Herren dann auch die schönen orangen Anzüge tragen.

Trackback URL:
http://kwakuananse.twoday.net/stories/3772516/modTrackback

Kommentare hier ...

Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33