Argumente pro Doping

Derzeit werden immer mehr Dopingfälle im Radsport aufgedeckt und die Medien sind sich in der Verurteilung des Dopings weitgehend einig. Es stellt sich die Frage, ob die Situation wirklich so eindeutig ist und ob alle Dopingbasher für jedes mögliche Proargument ein plausibles Kontra geben können. In der Geo Wissen 39/2007 findet man ein Streitgespräch zwischen drei Professoren, die früher selbst aktive Sportler waren und heute durch ihr Fachgebiet mit dem Sport zu tun haben (Soziologie des Sports, Sportpädagogik, Sportwissenschaften). Einige Gedanken aus diesem Artikel:

Der Hauptanreiz zum Doping kommt von staatlicher Stelle, weil der Staat (und, so möchte man ergänzen, auch jeder Sportzuschauer und das Telekommanagement) Geld gegen Leistung vergibt. Zitat:
Die Funktionäre stecken in einem fürchterlichen Dilemma. Wenn sie effektiv gegen Doping vorgehen, sinken die Leistungen, und es fließt weniger Geld. Gleichzeitig verkünden sie, dass alle Leistungsanforderungen, um an Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften teilzunehmen, ohne Doping zu erreichen seien. Aber allen ist klar, dass das manchmal nicht geht.
Interessant auch das folgende Argument:
Leistungssport hat mit Gesundheit generell nicht viel zu tun. Unzählige Turnerinnen haben nach Ende der Karriere eine kaputte Wirbelsäule. Wenn es um das Wohl der Sportler gehen würde, müssten erst einmal Ski alpin und Boxen verboten werden. ... Boxen ist aber schon sehr früh eine olympische Disziplin gewesen. Die meisten Medikamente auf der Dopingliste sind viel ungefährlicher als der Sport selbst.
Verblüffend auch der Gedanke, dass die Antibabypille ein leistungssteigerndes Präparat ist, weil sie die Regeneration des Körpers nach dem Training beschleunigt und außerdem massiv in den natürlichen Hormonhaushalt der Frauen eingreift. Wenn das Kriterium „unzulässige Leistungssteigerung“ gelten soll, dürften Frauen, die an Wettkämpfen teilnehmen, keine Pille nehmen. Ein weiteres Thema sind Asthmamedikamente. Diese wirken ebenfalls leistungssteigernd – aus diesem Grund sind viele Weltklasseschwimmer Asthmatiker. Als Beispiel wird hier die Schwimm-WM von 1998 in Australien genannt: 100% der Briten, 50% der Amerikaner. Was ist hier Wirkung, was Ursache?

In einer längeren Passage im Artikel wird über Profifußball und Tennis diskutiert. Hier ist Doping offenbar an der Tagesordnung, weil die Kontrollen laxer als in der Leichtathletik und beim Radsport gehandhabt werden. Zwei Zitate:
Weißt du, warum die französischen Fußballer in der zweiten Halbzeit immer besser spielen als in der ersten? Die Dopingkontrollen finden in der Pause statt, und direkt danach werden die Stimulanzien eingeworfen.
Die früheren Regeln der ATP, der Spielergewerkschaft der Tennisprofis: Kein Heroin, kein Kokain, kein Marihuana, keine Amphetamine. ... Man wollte keine Drogenszene auf den Turnieren und keine Hitzetoten nach einem Fünfstunden-Match. ... Das hieße, alles andere wäre erlaubt, Anabolika, Testosteron, Wachstumshormone, Steroide.
Im Übrigen zieht auch das Argument der fehlenden Chancengleichheit bei einer Freigabe des Dopings nicht: Genauso wie beim Doping die reicheren Sportler (heute heimlich) einen leichteren Zugang zu neuen Präparaten haben, die noch kaum nachweisbar sind, haben sie (ganz offiziell) Zugang zu besseren Trainingsbedingungen und besserem Material in den technischen Disziplinen.

In dem Streitgespräch standen die Fronten 1:2. Einer der Beteiligten gab diese Pro-Argumente zu bedenken. Ob man nicht besser das Thema leistungsfördernder Medikamente entteufeln und ernsthafte Forschung zu den Langzeitfolgen des Dopings durchführen sollte. Die beiden anderen waren dagegen.

Das einzige mich wirklich überzeugende Argument gegen Doping ist die falsche Signalwirkung auf Jugendliche. Erwachsene sollten selbst entscheiden, was sie tun und was sie lassen, wie sie sich ernähren und wie sie Sport treiben. Aber auch hier kann man einwenden, dass Jugendlich noch ganz anderen Einflüssen ausgesetzt sind: Alkohol, Nikotin, Drogen, „körperverschönernde“ Maßnahmen wie Piercing, Branding, etc. Im Drogenbereich hat man dieselben Zufälligkeiten wie bei den Mitteln auf der Dopingliste: Alkohol und Nikotin sind erlaubt, dadurch weit verbreitet und billig, Heroin & Co. sind verboten, schwerer zu beschaffen und teuer. Die Antibabypille ist erlaubt, andere leistungsfördernde Präparate sind verboten.

Es gibt eine viel einfachere Lösung des Dopingproblems: Keine unterschiedliche Bezahlung verschieden guter sportlicher Leistungen oder, noch besser, überhaupt keine Sportwettkämpfe mehr. Damit entfällt jeglicher Anreiz, besser sein zu wollen als andere. Und im Fernsehen ist mehr Platz für Reich-Ranitzki und Co. ... Und dann noch alle Muckibuden dichtgemacht, in denen sich junge Männer ihre Muskeln medikamentenunterstützt aufblasen, weil sie damit ihren Chicksen imponieren wollen.

Die Deutschen wollen jetzt ihre Begeisterung anlässlich des Tour-de-France-Sieges von Jan Ullrich gern vergessen. Ich bin gespannt, was sie in ein paar Jahren über die Profifußballer denken werden, die letztes Jahr bei der WM solche Jubelstürme ausgelöst haben. Und Bobele soll endlich auspacken, was außerhalb der Besenkammer noch so gelaufen ist.
Gregor Keuschnig - 26. Mai, 22:00

Unzureichend

Deine Lösungsmöglichkeiten für die Lösung des Dopingproblems sind unzureichend.

Sportwettkämpfe zu verbieten dürfte nicht erfolgreich sein; sobald in einem Dorf drei Leute gegeneinander über 1000 m antreten, beginnt wieder alles von vorne.

Eine Bezahlung des Profisports von oben abzuwürgen ist ebenfalls eines freien Gemeinwesens unwürdig - ein nicht unerheblicher Anteil derjenigen, die diesen Sport schauen, wollen an das "Gute" glauben.

Es wäre einfacher, wenn jetzt nicht alle Sportler, die jemals gedopt haben, sich äussern - sondern nur diejenigen, die bisher nicht gedopt haben.

Es gibt nur eine Möglichkeit, Doping irgendwann loszuwerden: Man muss es freigeben. Dann weiss jeder, dass die Leistungen mit einem gewissen Hautgout belegt sind. In der Konsequenz bedeutet das, dass erst Schluss gemacht wird, wenn beispielsweise die Radfahrer tot aus dem Sattel fallen.

Repressionen haben oft keinen Sinn, sondern treiben Gesellschaften erst ins Gegenteil - man sieht das an der Prohibition während in den USA in den 20er Jahren. Es gibt glaubwürdige Quellen, die sagen, es sei nie mehr getrunken worden, als in dieser Zeit.

Chris (anonym) - 26. Mai, 22:10

Eine Freigabe von Doping ist nicht zielführend. Zu sagen, das erwachsene Sportler selbst für ihr Tun und Lassen verantwortlich sind, lässt einen wichtigen Punkt ausser acht: Sportler werden nicht plötzlich solche, wenn sie volljährig sind. Im Erwachsenenspitzensport erfolgreiche Sporter haben eine lange Karriere hinter sich, die teilweise bereits im Kindesalter begonnen hat. Und dort sind Sportler weder mündig noch handeln sie selbstverantwortlich. Sie haben einen Trainer als Vertrauen- und Integrationsperson und wenn der sagt, "nimm das mal, das ist gut für dich und macht dich schnell" wird die Mehrzahl der Sportler das tun. Einfach aus dem Vertrauen dem Trainer gegenüber. Und der handelt keineswegs selbstlos sondern um mit Erfolgen seinen Arbeitsplatz zu erhalten. Mir sind derartige Fälle aus Brandenburg bekannt, wo mit dem Alter der Sportler "geschummelt" wurde, also ältere Sportler in einer Kategorie mit Jüngeren gemeldet wurden. Zum Doping ist der Schritt da nicht mehr weit. Ausserdem sind Kinder und Jugendliche am Erfolg interessiert, wenn da ein Hilfsmittel kommt, dann werden sie mitspielen.
Über die Spätfolgen ist wenig bis nichts bekannt, bis auf die Tatsache, das eine Reihe von ehemaligen Spitzensportlern in relativ geringem Alter verstorben sind.
Wie Doping bei sich entwickelnden Körpern wirkt und welche Spätfolgen daraus erwachsen, weiss niemand. Und anzunehmen, das nur Erwachsene dopen würden, wenn es erlaubt wäre, halte ich für weltfremd.
Von daher kann die Schlussfolgerung nur lauten Doping komplett abzulehnen und konsequent zu bekämpfen. Das Problem dabei ist nur: Es geht um viel Geld.

Gregor Keuschnig - 26. Mai, 22:28

Das was Sie dort beschreiben...

nämlich das ein Trainer dem (Nachwuchs)Sportler ein Mittelchen gibt, mit den altväterlichen Worten - das entspricht mir - sorry! - zu sehr einem Klischee der 70er Jahre. So mag das ja bspw. in der DDR oder auch un den USA damals abgelaufen sein. Inzwischen sind auch Jugendliche sehr viel informierter und nicht mehr derart "unschuldig".

Meine wirkliche Meinung: Ich will nicht weiterhin bei Leichtathletik, Radsport, Biathlon, Skilanglauf oder Gewichtheben (letzteres interessiert mich allerdings eher nicht) nicht mehr belogen werden - und zwar als Zuschauer. Das geht nur, wenn man diese rosa Brille ablegt. Dadurch, dass Leistungen dann legal gedopt sein können, würde mittelfristig das Interesse der Zuschauer sinken.
DHK - 27. Mai, 08:51

Halbgar

Sorry, als Provokation und Anregung mag das ja dienen, aber es führt leider zu nichts. Die Gegenargumente sind zu gravierend. Vielleicht am überzeugendsten folgendes, ein "slippery-slope Argument:
Es gibt keinen prinzipiellen und möglicherweise in nicht allzu ferner Zukunft auch keinen medizinisch-technischen Grund zwischen der "Einnahme leistungsfördernder Mittel" und leistungsfördernden "Medizinischen Maßnahmen" allgemein zu unterscheiden. Wer das eine befürwortet, darf das andere nicht aus logischen Gründen ablehnen. Damit sind aber eine Fülle von Horrorvorstellungen sehr realisierungsnah: Schwimmhäute implantieren für Leistungsschwimmer, Muskeltransplantationen für Gewichtheber, Beinlängenstreckung für Hürdenläufer, dasselbe nebst Armverlängerung für Basketballer etc.
Einem gezielten Sportlerbasteln steht nichts mehr im Wege. Das kann nun ernstlich keiner akzeptieren. Und, wie gesagt, wer kann ausschließen, dass es übermorgen eine Schwimmhauttablette gibt?

Darüber hinaus sind einige der obigen Argumente äußerst löcherig: Es ist ja unbezweifelbar, dass "reiche" Umgebungsbedingungen bessere Chancen bieten über besseres Material, bessere Trainer und Betreuer. Aber das kann doch nicht heißen, dass es akzeptabel ist, diese Ungleichheit nun auch noch bewusst zu vergrößern! Mit derselben Kurzschlusslogik kann ich meinen Privatmüll auch im Wald entsorgen, weil es ja längst keine saubere Natur mehr gebe...

Nun, und die "einfachere Lösung" des Dopingproblems, die nun wirklich nur als sarkastisch-resignativ verstanden werden kann, enthält dennoch einen wahren Kern: Die "Bezahlung" der Sportler leisten nämlich wir, wir Verbraucher von Sportsendungen und -meldungen. Und genau so, wie wir uns bewusst entscheiden können, keine Erdbeeren zu kaufen, die aus Hinterturkmenistan nach Deutschland geflogen werden müssen, so können wir uns auch entscheiden, Sportarten, -veranstaltungen oder auch Sportler zu boykottieren, die notorisch dopingbelastet sind. Das ist natürlich ein langer Weg und mühsam, aber er ist gehbar.
Dass die offizielle Sportförderung einiges tun kann, dass auch der Gesetzgeber einiges tun müsste (z.B. Doping verbieten, wie viele andere Länder auch), ist ja ohnehin selbstverständlich.

Köppnick - 27. Mai, 09:49

@Gregor & DHK

In der Tat bin ich am Ende etwas ins Sarkastische abgedriftet. Das sollte deutlich machen, dass ich das Problem insgesamt für unlösbar halte, weil die gesellschaftlichen Mechanismen, die im Sport zum Doping führen, nicht geändert werden werden. Siehe auch den Nensch-Artikel, der einen Tag später entstanden ist ;-)

Ich bin mir nicht sicher, ob ich DHKs Extrapolation einer möglichen Zukunft so zustimme und ob das Doping wirklich die treibende Kraft für eine genetische Aufsplittung der Menschheit sein würde oder wird, wenn man es offiziell zuließe. Oder ob diese Entwicklung nicht auch mit ganz anderen Methoden (Stichwort: Gentechnische Tier- und Pflanzenzucht, gentechnische Heilverfahren) vorangetrieben wird, auch diese unseren gesellschaftlichen Rahmenbedingungen geschuldet.

Der Pro-Vertreter in dem von mir zitierten Interview war übrigens Prof. Arndt Krüger, Direktor des Göttinger Instituts für Sportwissenschaften, der vor zwei Tagen auch in der Tagesschau oder den Tagesthemen zu Wort gekommen ist. Er hat keinesfalls eine unkontrollierte Freigabe von Doping gefordert, sondern eine "Entteufelung" der Dopingsubstanzen und vor allem eine Forschung zu den Langzeitfolgen des Dopings. Offenbar sieht es derzeit so aus, dass die Indizierung dieser Substanzen dazu führt, dass für Forschungen keine Gelder bewilligt werden und man dadurch über die Risiken aber auch die Chancen zu wenig weiß.

Was auch problematisch ist: Es gibt keine exakt definierbare Grenze zwischen Nahrungsergänzungs-, medizinisch notwendigen und "Doping"substanzen. Es sei denn, man ist mit der juristischen Konstruktion zufrieden: Dopingsubstanzen sind das, was auf der Dopingliste (für die entsprechende Sportart!) steht.
DHK - 27. Mai, 11:41

@Köppnik

Das sollte deutlich machen, dass ich das Problem insgesamt für unlösbar halte, weil die gesellschaftlichen Mechanismen, die im Sport zum Doping führen, nicht geändert werden werden.

Klingt irgendwie ebenfalls halbgar. So klingt es besser:
Das sollte deutlich machen, dass ich das Problem insgesamt für unlösbar halte, solange die gesellschaftlichen Mechanismen, die im Sport zum Doping führen, nicht geändert werden.
Was ja nicht heißt, dass es wahrscheinlich oder gar sicher ist, aber Fatalismus führt auch nicht weiter.

Ich bin mir nicht sicher, ob ich DHKs Extrapolation einer möglichen Zukunft so zustimme und ob das Doping wirklich die treibende Kraft für eine genetische Aufsplittung der Menschheit sein würde oder wird, wenn man es offiziell zuließe.

Von "genetisch" im Sinner von Keimbahneingriffen (und nur das würde ja zu einer Aufsplittung führen!) habe ich ja gar nicht gesprochen, sondern von "Tabletten", "Transplantationen" und "Knochenverlängerung". Die beiden letzteren heute ohne Gentechnik machbar, ersteres ggf. ja über somatische Gen-"Therapie"?
Wie Du selbst unten sagst: Die Übergange sind fließend, und das Problem wird nicht dadurch geringer, dass man es ignoriert.
Die Schlussfolgerung, dass man hier mehr offiziell forschen muss, kann ich unterschreiben: Nur dadurch kann man irgendwann Richtlinien aufstellen, die etwas weniger arbiträr sind als "Doping ist, was auf der Liste steht"

Habe mir den Nenschartikel angeschaut: Ist argumentativ unter dem Niveau, das ich von Dir kenne. Das Betrugsargument widerlegst Du nicht: Im Hinblick auf das Publikum belässt Du es beim schwammigen Hinweis auf den Unterhaltungswert, was m.E. gar nichts sagt.

Aber das Szenario, dass von zwei Sportlern, von denen eine (A) leicht besser ist (als B), einer gewinnen kann (B), indem er dopt, wodurch er möglicherweise die sportliche und berufliche Karriere von A gefährdet (oder ihn unter Druck setzt ebenfalls zu dopen, was seine körperliche Gefährdung - über das sportartinhärente Gefährdungspotenzial hinaus - erhöht, erwähnst Du gar nicht.
Nu ja...
Köppnick - 27. Mai, 14:40

@DHK

Gesellschaftliche Mechanismen: Früher hätte ich spontan gesagt, "der Profisport ist schuld, mit Amateuren wird alles besser". Aber es stimmt weder praktisch (siehe das Geständnis von Professor Huber, der Doping an Amateursportlern durchgeführt hat und pikanterweise auch noch Antidopingbeauftragter war), noch theoretisch: In den meisten Sportarten ist der Trainingsaufwand so groß, dass man die Sportler bezahlen muss für ihre Teilnahme an Training und Wettkampf.

Der heutige Spitzensport hat ein gewaltiges prinzipielles Problem: Die Leistungsfähigkeit des menschlichen Körpers ist nahezu ausgereizt, d.h. Weltrekorde wird es immer seltener geben und die Weltspitze rückt immer weiter zusammen. Mit Doping schiebt man den Zeitpunkt, bei der eine prinzipiell andere Einstellung zum Spitzensport notwendig wird, ein Stück weit in die Zukunft, für den einzelnen heute dopenden Sportler auf eine Zeit nach seiner eigenen aktiven Karriere. Der Breitensport kennt dieses Problem so nicht: Hier richtet sich der Ehrgeiz des Sportlers mehr auf sich selbst, da ist die Motivation für leistungssteigernde Mittelchen deutlich geringer. Durch die Motivation "ich mache es aus Spaß und wegen meiner Gesundheit", ist "echtes" Doping außen vor.

Zu einer Ablösung von "Doping ist, was auf der Liste steht": Wenn du es juristisch fassen willst, kannst du nicht anders, als eine Liste aufzustellen, auf der die verbotenen Substanzen stehen. Es zählt die Unschuldsvermutung und der Grad der Leistungssteigerung von Nahrungsergänzungsmitteln bis zu gespritzten Hormonen ist fließend. Oder nimm Eigenblutdoping. Mit welchem juristischen Passus willst du so etwas fassen, wenn du nicht genau dieses Procedere verbietest?

Zum Nensch-Artikel: Mich hat geärgert, dass jeder seinen Senf dazu abgeben musste und natürlich alle Doping verurteilen: "Wie können die bösen Sportler nur!?" Als ich gelesen hatte, dass sich auch noch die Bundeskanzlerin dazu geäußert hat, ist mir der Kragen geplatzt. Da habe ich in einer knappen Stunde einfach die Vergleiche aufgeschrieben, dass sämtliche Dopingpraktiken in anderem Zusammenhang in der Gesellschaft keinen Anstoß erregen.
Gregor Keuschnig - 27. Mai, 14:45

Dein Beispiel...

mit Sportler A und B stimmt ja kaum noch. In Wirklichkeit dopen nämlich sowohl Sportler A als auch Sportler B; das unterschiedliche Niveau setzt sich überall fort, wobei es verblüffend ist, dass viele osteuropäische Länder, die in sehr vielem dem "Westen" unterlegen waren (sind), dies in Sachen Doping nicht waren (sind).

Aber statt mit dem Finger auf andere zu zeigen, sollte ich mich lieber den drei Fingern widmen, die auf mich - den Konsumenten des Sportes bzw. dessen Leistungen - zeigen. Da hat DHK natürlich recht: Ohne diesen inzwischen infernalischen Hype, jedes simple Pokalendpiel zur Fortsetzung der WM hochzupuschen - und dessen reflexionslosem Konsum wäre eine solche Entwicklung nicht denkbar. Ich bin daher uneingeschränkt dafür, dass ARD/ZDF und auch die Privaten bspw. die Berichterstattung der Tour de France nicht in dem üblichen Maße vornehmen. Aber während ich dies bei den öffentlich-rechtlichen Medien noch irgendwie "fordern" kann ("meine Gebühren"), ist das bei den Privaten schon wieder Essig. Der Konsens könnte nur in der konsequenten Verweigerung des Konsums liegen (was ich übrigens bei der TdF schon immer gemacht habe - die hat mich nur bei Asterix interessiert).

Das Argument, dass eine Freigabe von Doping die Horrorvorstellkungen von DHK zur Folge hätten ist alt, aber m. E. nicht treffend. Der Reiz des Sports liegt in der Illusion der gleichen Voraussetzungen. Ein Schwimmer, der sichtbar einen Vorteil generieren würde (wie bspw. die Schwimmhäute) würde vom Publikum abgelehnt werden - der Sport würde an Zugkraft verlieren, weil hier dann irgendwann Mutanten sozusagen ihren Privatkampf austragen würden. Im übrigen habe ich irgendwo schon gehört, dass bei Schwimmern im Körper irgendwie Luft angesammelt wird, um einen besseren Strömungswert zu erzielen - auch das ist nicht nachprüfbar bzw. nur sehr schwer.

Am Rande (aber nicht ganz unwichtig): Warum wird die Zugabe von "Eigenblut" als Doping bezeichnet? Mir scheint der Begriff des Dopings viel zu weit gefasst.
DHK - 27. Mai, 15:43

@Köppnick

Zu einer Ablösung von "Doping ist, was auf der Liste steht": Wenn du es juristisch fassen willst, kannst du nicht anders, als eine Liste aufzustellen, auf der die verbotenen Substanzen stehen. Es zählt die Unschuldsvermutung und der Grad der Leistungssteigerung von Nahrungsergänzungsmitteln bis zu gespritzten Hormonen ist fließend. Oder nimm Eigenblutdoping. Mit welchem juristischen Passus willst du so etwas fassen, wenn du nicht genau dieses Procedere verbietest?
Sorry, war etwas ungünstig formuliert. Natürlich muss es so etwas wie "schwarze Listen" geben. Aber die (und einige andere Dinge, z.B. die je nach Sportart unterschiedliche Grenze für den Hämatokritwert) sollten etwas weniger beliebig sein. Eben durch Unterfütterung mit wissenschaftlichen Daten
DHK - 27. Mai, 15:51

@Gregor

Dein Beispiel mit Sportler A und B stimmt ja kaum noch. In Wirklichkeit dopen nämlich sowohl Sportler A als auch Sportler B; das unterschiedliche Niveau setzt sich überall fort, wobei es verblüffend ist, dass viele osteuropäische Länder, die in sehr vielem dem "Westen" unterlegen waren (sind), dies in Sachen Doping nicht waren (sind).
Hier liegt ein Denkfehler vor (tut mir leid): Wenn ich prinzipiell argumentiere, dann ist die in meinem Beispiel beschrieben Situation sozusagen die Ursituation. Dass, um just diese Situation zu vermeiden, mittlerweile viele Sportler (so weit zu sagen, dass es fast alle sind, würde ich nun doch nicht gehen wollen) die Alternative, ebenfalls zu dopen, gewählt haben, ändert nichts an der Situation. Und auch nicht daran, dass nachwachsende Sportler natürlich immer ebenfalls vor diese Wahl gestellt werden, was zu vermeiden ist.
Also auch hier wieder: Aus dem "...stimmt ja kaum noch" spricht ein zynisch-affirmativer Fatalismus, der mir wenig zusagt.

@Schwimmhäute: Ich wollte hier einen Gradienten aufzeigen. Ein Zentimeter längere Arme und Beine, macht sicher in vielen Sportarten etwas aus, dürfte die Attraktivität aber kaum vermindern. Etwas plattere Füße beim Schwimmen sicher auch nicht.
Und überhaupt: Dein Mutanten-Gegenargument kommt mir nicht so richtig zugkräftig daher. Wie kommt es, dass Du und ich beim Wort "DDR-Schwimmerin" sofort einen extrem maskulinisierten Typus von Schwimmmaschine vor uns sehen, der aber der Popularität der Wettkämpfe offenbar wenig abträglich war?
Köppnick - 27. Mai, 16:31

@DHK Hämatokritwert

Der Hämatokritwert ist ein sehr gutes Beispiel für das Problem. Einige Afrikaner haben immer Werte von über 60, europäische Sportler von unter 50. Darauf aufbauend:
  1. Legt man die Schwelle auf über 60, verbietet den Europäern, sich, wie auch immer, in diese Region zu pushen, brauchen sie in bestimmten Disziplinen nicht mehr anzutreten. Macht man das im Radsport so, ist der praktisch tot, denn kein deutscher Zuschauer sieht sich ein Rennen an, in dem für die Telekom 10 Afrikaner fahren.
  2. Legt man den Schwellwert auf unter 50, kann kein Afrikaner mitfahren.
  3. Gestattet man individuelle Schwellwerte, gelangt man wieder zum Punkt 1.
Ich sehe keine Möglichkeit einer ordentlichen Lösung (wobei ich Doping natürlich auch nicht als Lösung ansehe). Oder man führt im Profisport folgende Kategorien ein: Ostafrikaner (gewinnen alle Ausdauerdisziplinen), Westafrikaner (gewinnen alle Schnellkraftsportarten), Männer, Frauen, Behinderte, nach Geschlecht und Behinderung getrennt. Was will ich damit sagen: Der Einzug der Wissenschaft (mit oder ohne Doping) in den Sport nimmt diesem seinen Zauber, nämlich die Unvorhersagbarkeit des Ergebnisses seitens des Zuschauers.
Gregor Keuschnig - 27. Mai, 20:03

@DHK - Denkfehler und so

Mag sein, dass Deine prinzipiellen Überlegungen durch meine arg vereinfachende Art und Weise der Argumentation (wenn Du magst in ") nicht gerecht werden. Sorry dafür.

Und: Ja, ich bin da in Gottes Namen "fatalistisch": Ich behaupte, dass der Radprofisport, wie er derzeit betrieben wird (bspw. Giro d'Italia oder Tour de France) ohne Doping in diesem Ausmass vom einem nicht-gedopten Menschen nicht durchzustehen sind. Mal eine Etappe gewinnen mag noch gehen, aber drei Wochen mit insgesamt zwei oder drei Tagen Pause und insgesamt ca. 3.800 km mit einem Stundendurchschnitt von rd. 40 km/h (Lance Armstrong schaffte glaube ich mal über 41 km/h) zu bestehen - wer das glaubt, dem ist auch noch der Glaube an den Weihnachtsmann zu vermitteln (nochmals sorry). Das ist physiologisch schlichtweg unmöglich.

Als in den 80er-Jahren einige Weltrekorde in der Frauenleichtathletik denen der Männer verdächtig nahekamen, da hatte man mal verstärkte Dopingproben durchgeführt - mit dem Ergebnis, dass es in einzelnen Disziplinen Weltrekorde gibt, die seit 20 oder mehr Jahren noch heute existent sind. Um das zu kaschieren, hat man in technischen Disziplinen das Gerät verändert (bspw. beim Speerwerfen). Somit konnte man wieder bei Null anfangen.

Mein Plädoyer der Dopingfreigabe ist natürlich nihilistisch, aber (dafür müsstest Du mich inzwischen kennen) ernst gemeint! Ich kann dieses Herumgelüge einfach nicht mehr ertragen. Jeder gibt jetzt Dopingeinnahmen bis 1997 zu - weil es bis dahin straffrei ist. Und was ist danach? Ehrlich gesagt: Ich spucke vor dieser Art "Sportler" nur noch aus. Sie sind erbärmliche Wichte und elende Betrüger.

Wenn a priori klar ist, dass ein Ergebnis mit Spritzen, Eigenblut oder sonst irgendwas manipuliert sein könnte, dann würde dies der Attraktivität der entsprechenden mittelfristig durchaus schaden.
Köppnick - 27. Mai, 20:48

@Gregor

Tour de France: Ein Kollege von mir, der über eine Nebentätigkeit mit den Potsdamer Ruderern verbunden ist (er macht für sie Software), hat mir mal erzählt, dass es in den 90er Jahren einen Sportmedizinischen Kongress gegeben hat, auf dem vorgerechnet wurde, dass man nicht 3 Wochen lang in der Geschwindigkeit und den Streckenlängen radfahren kann - u.a. weil man die Kalorien gar nicht in seinen Körper hinein bekommt. Die Mediziner ermittelten einen Kalorienbedarf von 10.000 kcal / Tag, während das Verdauungssystem nur 7.000 schafft. Pro Renntag klafft hier eine Lücke von 3.000 kcal oder umgerechnet 500 g Körperfett.

If the slope weren't slippery, would we get anywhere?

Nur mal ein kleiner Zwischenruf aus Schaanwald, Liechtenstein... Was genau ist am Argument der Schwimmhäute die "Horrorvorstellung"? Ich habe in meiner Jugend stets gern "Der Mann aus Atlantis" geschaut und mich allerhöchstens über die vergnügliche Fortbewegungstechnik des aquatischen Herrn mokiert.

Mal abgesehen davon, dass es selbstredend Gründe gibt, das menschenmögliche ethischen Begrenzungen zu unterwerfen, so wird doch aber auf chemischem Wege bereits ein Weg beschritten, dessen logische Fortführung uns nach hinreichender Zeit bei einem speziesinternen Kastensystem sehen dürfte. Kampfpiloten der US-Streitkräfte bombardieren unter dem Einfluss aufputschender Medikamente beim fünften Sortie zwar auch gern mal die eigenen Truppen und mancher Marineinfanterist erscheint mir eher als Plakatwerbung für Proteindrinks und Bodybuilderpräparate, aber diese Probleme wird man über kurz oder lang sicherlich in den Griff bekommen.

Man stelle sich das vor: Kein Fussek mehr über 2500m über Normalnull! Die Vorherrschaft des Kenianers im Ausdauersport endgültig gebrochen! Und das alles nur, weil sich der menschliche Körper an Umweltbedingungen (und das, was man ihm dafür vorgaukeln kann) anzupassen pflegt?

Mit derselben Berechtigung könnten sich Kegelrobben über Orcas beschweren, weil diese sich durch bessere Anpassung an das Wasser einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft haben.
dhk (anonym) - 30. Mai, 20:59

@Prinz Albert

Was genau ist am Argument der Schwimmhäute die "Horrorvorstellung"?
Nun, ganz einfach: Wenn man nicht eine Schwelle (und diese ist immer künstlich und arbiträr) für die Fischähnlichkeit einbaut, dann werden bei Schwimmwettberben unterschiedlich ichtyoide Organismen wettstreiten. Sowohl die Vorstellung von Athleten, die bei technischen Fehlern auf dem Startblock ersticken (Kiemenatmung), als auch von Athleten, die während des Rennens Kombattanten anknabbern (Hecht vs. Karpfen) sind für mich Horrorvorstellungen. Ich gebe aber zu, dass das nicht für jeden so sein muss.

Mit derselben Berechtigung könnten sich Kegelrobben über Orcas beschweren, weil diese sich durch bessere Anpassung an das Wasser einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft haben.
Ich bin sicher, dass sich man eine Kegelrobbe auch über ORcas beschweren dürfte. Zugegebenrmaßen aber just die, die am meisten Grund dazu hätten nicht mehr, weil es sich aus Orcamägen nur beschwerlich beschweren lässt.
DHK - 6. August, 01:39

Nachtrag

Oben schrob ich: "Die beiden letzteren heute ohne Gentechnik machbar, ersteres ggf. ja über somatische Gen-"Therapie"?"

Von der Realität überholt:
http://www.spiegel.de/wissenschaft/mensch/0,1518,496456,00.html
DHK - 28. Mai, 22:09

@Köppnik: kCal und HK

Je nun, sicher hateine Grenze für den HK etwas Beliebiges, aber zunächst einmal wäre es ja schon schick, wenn für alle Sportarten die Gleiche gelten würde, rite?
Darüber hinaus ist der Hämatokrit ja nur ein Indikator: Bei zu hohem Hämatokrit unterstellt man unlautere Maßnahmen. Wären die Maßnamen primär nachweisbar (siehe Forschung), könnte auf die problematische Begrenzung des HK verzichtet werden. Also auch hier: Kein Grund für Fatalismus.

Überkalorische Ernährung: Dass bei manchen Events mehr Kalorien verbraucht werden, als physiologisch zuführbar sind, hat ja mit Doping nichts zu tun, oder?

Sicher sind Radsportler, die im Ziel an den Tropf mit hochkalorischer Lösung gehängt werden, unschön. Und für mich auch schon Grund, den Sport unattraktiv zu finden. Aber "Doping" ist das nicht.

Köppnick - 28. Mai, 22:50

Ich hatte den Bericht mit dem kalorischen Vergleich so interpretiert, dass man die Sportler mit Medikamenten so gepusht hat, dass sie die zusätzlichen Kalorien in sich hinein bekommen. Damit ist die Definition eines Dopingmittels schon erfüllt: Aus dem Körper eine Leistung herausholen, die er mit Training und normaler Physiologie nicht zu leisten imstande wäre. "An den Tropf hängen" ist auch Doping, die von dir postulierten (allerdings temporären) Schwimmhäute quasi.
Gregor Keuschnig - 29. Mai, 16:54

@DHK

Frage: Ist für Dich die Zugabe von Eigenblut, welches in einem Höhentraining "gewonnen" wurde, Doping?
DHK - 29. Mai, 21:18

@Gregor

Frage: Ist für Dich die Zugabe von Eigenblut, welches in einem Höhentraining "gewonnen" wurde, Doping?

Gute Frage, was heißt "für mich"?

Wenn ich mir als Definition nehme "Doping ist, was auf der Dopingliste steht", dann natürlich. Aber Du meinst wahrscheinlich, ob ich Eigenbluttransfusion für ein
1. verwerfliches,
2. anderen (oder dem Sportler selbst) schadendes Vorgehen halte, welches dem Zweck dient,
3. sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.


Antwort zu 3: Logisch
Antwort zu 2: Eigenbluttransfusion ist nicht ungefährlich und schadet, da sie verboten ist, anderen, insofern sie einen unerlaubt erlangten Wettbewerbsvorteil verschafft.

Antwort zu 1: Die spannendste Frage. Ist das Verbot der Eigenbluttransfusion logisch, ethisch oder sonstwie außermedizinisch zu begründen? Ich denke ja. Zum einen vergrößert jede derartige Maßnahme die ohnehin bestehende Chancenungleichheit zwischen reichen/gut subventionierten/gesponsorten Sportlen und solchen, die das nicht sind. Soweit Grund 1.
Grund 2, das slippery slope Argument: Wer EB-Transfusion erlaubt, hat keinen (logischen) Grund, andere Verfahren, die auf der Gewinnung körpereigener Substanzen nebst Rückgabe zu einem späteren Zeitpunkt beruhen, zu verbieten. Also etwa Wachstumshormone, Streßhormone zum Aufputschen etc. Dann geht es aber weiter, ungefähr in der Richtung "naturidentischer Aromastoffe". Man kann ja mit Substanzen, die man einem Organismus entnimmt, eine Menge machen: Z.B. vermehren (über PCR). Das sind dann bauplanidentische Kopien der Originalmoleküle. Kein logischer Grund, die nicht "zurück"-zutransfundieren, oder? Und so geht es weiter...
DHK - 30. Mai, 10:57

@Köppnick

Ich hatte den Bericht mit dem kalorischen Vergleich so interpretiert, dass man die Sportler mit Medikamenten so gepusht hat, dass sie die zusätzlichen Kalorien in sich hinein bekommen.
Glaube ich nicht (falls doch, bitte um Link auf den Originalartikel).
Auch wenn es theoretisch möglich sein mag, die Aufnahmefähigkeit für z.B. Kohlehydrate unerlaubt zu erhöhen: Warum sollte man das tun, wenn man doch ganz legal nachher zur Infusion greifen darf?
Der einzige Grund, der mir einfällt, wäre, dass damit die Energieaufnahme während der Belastung verbessert werden kann. Das ist ja schon lange bekannt, dass man während des Fahrens (dto. atwa für Marathon) gar nicht so viel essen kann, wie man verbraucht. Aber von solchen Dingen habe ich noch nie gehört (was nicht heißt, dass es das nicht gibt).
Gregor Keuschnig - 30. Mai, 11:35

Gedanken

Eigenbluttransfusion ist nicht ungefährlich und schadet, da sie verboten ist, anderen, insofern sie einen unerlaubt erlangten Wettbewerbsvorteil verschafft.
Die Eigenbluttransfusion schadet doch auch anderen, wenn sie nicht verboten wäre, oder schadet sie nur, weil sie verboten ist? Das wäre ziemlich unlogisch.

Deine Argumentation, dass EBT sozusagen ein Schleusentor für andere "Zugaben" öffnen würde, ist zwar nachvollziehbar, aber man kann sehr wohl die Zugabe fremder Substanzen (bspw. synthetisch produzierte Wachstumshormone) verbieten, und EBT dennoch davon ausnehmen...

Für mich sind nicht alle Massnahmen, mit denen sich Sportler Wettbewerbsvorteile verschaffen, verwerflich. Insofern würde ich Punkt 3 aus Deiner Aufzählung nicht gelten lassen. Dieses Kriterium konsequent angewendet, würde auch auf andere Bereiche ausstrahlen, wie z. B. Trainingsbedingungen oder (legale) ärztliche Betreuung. Ich glaube sogar, dass durch die aktuellen Dopingregularien die Gleichheit stärker verletzt werden, als durch eine Freigabe: Der Ehrliche ist wohl oft genug der Dumme. Nimmt man einmal theoretisch an, die Dopingkontrollen in Deutschland seien optimal (was sie nicht sind, wie ein ZDF-Beitrag Anfang des Jahres sehr schön herausarbeitete), dann möchte ich mindestens die gleichen Massstäbe in Ländern wie Russland, den USA oder China umgesetzt sehen. Davon ist man jedoch meilenwert entfernt. Das Ergebnis ist, dass Sportler bei Grossereignissen wie Olympischen Spielen oder Weltmeisterschaften nur unmittelbar vor und nach dem Wettkampf umfassend kontrolliert werden (können). Dass es dann immer mal wieder gedopte Sportler gibt, ist dann nur die Blödheit einzelner Individuen zu "verdanken".

Das Chancengleichheitsargument ist nicht unbedingt zielführend - Unterschiede wird es immer geben. Die Erfahrung zeigt im übrigen, dass auch Länder mit ansonsten eher bescheidenen Budgets gerade wenn es um den Prestigewert des Sports geht, schon mal besser "aufgestellt" sind (bestes Beispiel sind die osteuropäischen Länder während des "Kalten Krieges").

Die Entwicklung von Dopingmitteln wird übrigens immer der Entwicklung der Erkennung dieser Dopingmittel hinterherhinken. Irgendwann dürfte der Aufwand, der betrieben werden muss, um diese Lücke zu schliessen in keinem Verhältnis mehr zum "Ertrag" dieses "Sportes" stehen. Bereits jetzt sind einige Vorschläge, wie man Doping verbannen will, reichlich abstrus. - Ich erinnere nochmals an die Zeit der Alkoholprohibition in den USA. Im gesamtgesellschaftlichen Zusammenhang haben wir die Problematik ja heute mit dem Konsum bzw. Verbot bestimmter Drogen - während bestimmte andere Drogen (Nikotin; Alkohol) nicht nur legalisiert sind, sondern der Staat noch von ihnen profitiert.

Wenn man sich nicht auf die Freigabe von Dopingmitteln verständigen kann, so wäre als einzige durchgreifende Massnahme die Konservierung von regelmässigen Dopingproben (wer Termine nicht einhält, wird sofort gesperrt) auf einen Zeitraum von vielleicht 10 Jahren denkbar. Wer innerhalb dieser Zeit erwischt wird, ein Mittel genommen zu haben, dass zum Zeitpunkt der Probenentnahme verboten war, verliert nicht nur automatisch den Titel, sondern muss auch die erhaltenen finanziellen Zuwendungen, die mit der Leistung in unmittelbarem Zusammenhang stehen, zurückzahlen. Man müsste schlichtweg eine Art Haftung des Sportlers für seine eigene Leistung einrichten.

Auch diese Lösung wäre nicht unkorrumpierbar: Missgünstige Konkurrenten könnten ihren "Kollegen" unerlaubte Substanzen in Getränke oder Mahlzeiten einflössen.
DHK - 30. Mai, 15:29

@Gregor

Die Eigenbluttransfusion schadet doch auch anderen, wenn sie nicht verboten wäre, oder schadet sie nur, weil sie verboten ist? Das wäre ziemlich unlogisch.
1. Sie schadet potentiell dem Sportler.
2. Solange sie verboten ist, schadet sie qua "Vorteilserschleichung". Ganz logisch, schließlich wurde ich ja gefragt, ob ich denke, dass ETB Doping ist, rite?
aber man kann sehr wohl die Zugabe fremder Substanzen (bspw. synthetisch produzierte Wachstumshormone) verbieten, und EBT dennoch davon ausnehmen...
So einfach ist es nicht. Zum einen ist die Zugabe fremder Substanzen ja prinzipiell erlaubt (Kaffee, Bananen, Glucose...). Zum anderen ist aber EB keine "fremde Substanz". Und Adrenalin, welches aus EB gewonnen wurde, auch nicht. Um es noch komplizierter zu machen: Stell Dir vor, Du pumpst einen Sportler mit verbotenem Zeug voll, entnimmst EB und wartest zwei Monate. Vor dem Wettkampf gibt Du dem Athleten sein "Eigenblut" inkl. Dopingsubstanzen zurück. Soll das erlaubt sein? Kaum!

Und schließlich: Ich habe nicht behauptet, dass Chancengleichheit herrsch, sondern dass die herrschende Chancenungleicheit durch derartige Maßnahmen unnötig vergrößert wird. Dieses Argument widerlegst Du nirgendwo. Also bleibt es gültig.

Und schließlich: Ich habe nicht gesagt, dass Maßnahmen, die Wettbewerbsvorteile verschaffen, verwerflich sind. Sonst dürfte ich ja kein Lauftraining machen. Bitte genau lesen!

Ich habe eine ad hoc Definition gegeben, was mit "xyz ist für mich Doping" gemeint sein könnte. Nämlich ein
1. verwerfliches UND
2. anderen (oder dem Sportler selbst) schadendes Vorgehen, welches mindestens auch dem Zweck dient,
3. sich Wettbewerbsvorteile zu verschaffen.
Gregor Keuschnig - 30. Mai, 22:21

Naja,

das mit dem Lesen klappt schon noch, keine Sorge.

Ich habe übrigens nirgendwo geschrieben, dass ich Eigenblut inklusive Dopingmittel thematisiere - ich frug (?) nur danach, ob Deiner Meinung nach ("für Dich") Eigenblut, welches nach einem Höhentraining entnommen wurde und zu gegebener Zeit wieder zugeführt wird, Doping ist oder nicht.

Deine Aussage, dass EBT bzw. Doping, solange es verboten ist, qua "Vorteilserschleichung" schadet (ich vermute, Du meinst ethisch/moralisch), habe ich nie bestritten. Aber wenn die Kontrolle so lückenhaft und kompliziert ist, wie es sich darstellt, dann ist es für mich ja gerade die Frage, ob man es beim Verbot belässt.

Ich habe im übrigen dargelegt, dass die Art und Weise der ungenügenden weltweiten Dopingtests gerade erst zur Chancenungleichheit beitragen. Es ist eindeutig belegt, dass in Ländern wie den USA, Russland, oder Russland sehr viel weniger kontinuierlich Sportler auf Doping überprüft werden als bspw. in Deutschland oder anderen europäischen Ländern.

Man kann nun dahingehend versuchen, die weltweiten Kontrollen zu optimieren (das versucht man aber halbherzig und ziemlich erfolglos seit rd. 20 Jahren schon) - oder man könnte die Angelegenheit schlichtweg seinlassen und das Geld in andere, wichtigere Projekte stecken. Damit würde man den Sport übrigens auch entmythisieren und mittelfristig für mediale (und kommerzielle) Vermarktung uninteressanter machen.

Die theoretische Freigabe aller Dopingmittel würde vielleicht eine theoretische Annäherung der Chancengleichheit bedeuten. Dass der Sportler aus Samoa oder Somalia auch weiterhin hinterlaufen wird, ist klar.

Das bedeutet ja nicht, dass dadurch der Sport ansehnlicher oder besser würde und das es nicht zu den von Dir angedeuten Exzessen kommen würde. Aber als deutscher 100m-Läufer würde ich mich schon fragen, warum ich hinter perfekt "eingestellten" US-Athleten, die irgendwann 2-3 x im Jahr angemeldet kontrolliert werden, hinterherlaufen muss, obwohl ich genau so viel und lange trainiere. Was, wenn ich nun die Wahl hätte, ähnliche Mittel zu nehmen, um mithalten zu können?

Bevor ich aufhöre, noch zwei Bemerkungen:

Ich glaube, dass der Spruch von Jan Ullrich, er habe niemanden betrogen und niemandem geschadet mehr Wahrheit enthält als man denkt. Ullrich geht vermutlich davon aus, dass alle Spitzenfahrer (in seiner Zeit) Mittel genommen haben. In diesem Sinne wäre es dann nicht verwerflich, wenn er auch gedopt gewesen wäre. Was ich ungemein lustig finde, ist diese gespielte Entrüstung auf der einen Seite und die dann sofort wieder zur Tagesordnung übergehenden Medien auf der anderen Seite.

Die Diskussion in der Öffentlichkeit nimmt übrigens abstruse Folgen an. Es werden von der Politik ernsthaft Massnahmen diskutiert, dass der dopingnehmende Sportler strafbefreit bleibt, während Trainer und Betreuer bestraft werden.
Köppnick - 31. Mai, 07:40

@Gregor

Es werden von der Politik ernsthaft Massnahmen diskutiert, dass der dopingnehmende Sportler strafbefreit bleibt, während Trainer und Betreuer bestraft werden.
Das ist nicht abstrus, sondern juristisch vollkommen logisch. Doping ist gesundheitsschädlich und potenziell tödlich. Deshalb müssen die Gesetze sich in etwa an der Sterbehilfe orientieren. Und da gilt: Sich selbst umzubringen, ist nicht strafbar. Aber anderen die Mittel dafür zu verabreichen schon.

Deshalb im Gegenteil - es stellt sich außer der Tatsache der Wettbewerbsverzerrung, die aber eine innere Angelegenheit der Sportorganisationen ist, die Frage, wo der Staat juristisch ansetzen will. Man sollte es vielleicht bei der uralten Regel belassen: "Wer das Geld gibt, stellt die Regeln auf." Das galt sicher schon im Kollosseum in Rom. Letztendlich wird damit der Zuschauer entscheiden dürfen, wieviel Doping und Lügen er im Sport ertragen mag.

Denn nichts anderes ist Leistungssport ja - die gesellschaftlich organisierte Umverteilung von Geld vom Zuschauer zum Sportler, über viele Zwischenstationen wie Medien, Sportorganisationen und werbende Unternehmen.
Gregor Keuschnig - 31. Mai, 13:50

Doping mit Sterbehilfe zu vergleichen

ist weit hergeholt.

Die Todesfallquote bei Doping ist zwar gegeben, aber dürfte eher gering sein (das ist eine Mutmassung, denn es gibt sehr wohl prominente Sportler, die ziemlich früh und "schnell" verstarben). Es gibt allerdings inzwischen mysteriöse Sterbefälle von italienischen Fussballern, die in den 70er Jahren aktiv waren - und in dieser Zeit abgeblich (ohne ihr Wissen?) gedopt wurden.

Normalerweise ist aber davon auszugehen, dass Sportler nicht fremdbestimmt sind. Sie wissen, was sie tun (es zeigt sich ja auch darin, dass jetzt einige zugeben nicht gedopt zu haben). Insofern liegt die letzte Entscheidung immer beim Sportler selber - der Betrug also bei ihm.

Der Sachverhalt, dass der gedopte Sportler straffrei ausgeht, entspräche in der Rechtssprechung auf anderen Gebieten, dass bspw. ein Auftragskiller ebenfalls straffrei ausgeht, und nur die Auftraggeber bestraft werden. Oder die ominösen "Mauerschützen"-Prozesse: Der Schütze selber ginge straffrei aus (hier käme dann noch die Begründung des "Befehlsnotstands" dazu) - die Befehlsgeber würden alleine bestraft. Ohne die Ausführung wäre jedoch der Befehlsgeber (theoretisch) "machtlos".

Dass ab einer gewissen Stufe ein immenser auch ökonomischer Druck auf die Sportler selber lastet, ist unbestritten. Die Qualifikationsnormen bspw. deustcher Sportverbände bei Grossentscheidungen ist immer sahingehend angelegt, dass der jeweilige Athlet "Endkampfchancen" hat. Bei Sportarten, die per se einer starken Durchdringung des Dopings verdächtigt sind und über die gleichzeitig medial ausführlich berichtet wird, ist es natürlich "verlockend", sich dem unvermeindlichen (?) zu fügen.

Sport hat in unserer Gesellschaft eine nicht zu unterschätzende Ventilfunktion für die jeweiligen Zuschauer. Ich würde nicht soweit gehen und Sportereignisee wie die Fussball-WM als Ersatzkriege zu betrachten (das wäre zu verkürzend und auch polemisch), aber sie bestimmen bei nicht wenigen Menschen Freizeitgewohnheiten. Hieraus entsteht dann das von Dir angesprochene kommerzielle Element.
Gregor Keuschnig - 3. Juni, 17:38

Nachtrag

Ich habe in einem Gespräch im "Sportstudio" gelernt, dass die Strafbefreiung für den Sportler, der gedopt hat, nicht für die (sogenannte) Sportgerichtsbarkeit gelten soll. D. h. die jeweiligen Sportverbände verurteilen den Dopingsportler sehr wohl - in der Spitze bis zu zwei Jahren "Berufsverbot" (das hat m. W. viele Sportler in der Vergangenheit allerdings nicht abgeschreckt). Daneben gibt es dann immer noch "Bewährungsstrafen" für Ersttäter, usw. Die Straffreiheit für den Sportler bezog sich auf die strafrechtliche Verfolgung. Hier sollen dann die "Hintermänner" und "Drahtzieher" bestraft werden. Was m. E. erst einmal bedeuten würde, Doping als Straftatbestand sanktionsfähig zu machen.

In der Sendung wurde übrigens auch ein kurzer Abriss der Behandlung des Themas Doping gegeben - seit mehr als 30 Jahren kommt dieses Thema immer wieder auf die Agenda - ohne, dass sich grundlegend an den Beschwörungsritualen etwas geändert hat - die Praxis, so habe ich das Gefühl, will gar keiner wissen.

Letzter Einwurd: DieAussage eines (aktiven) Radprofis während des "Giro d'Italia". Danilo de Luca (kein Nobody) wird zitiert: "Ich verstehe nicht, warum die Radrennfahrer gerade jetzt auspacken..." Ich finde, dieser Satz (vorausgesetzt, er ist korrekt zitiert) sagt eine Menge über diesen "Sport" aus.

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Kommentare hier ...

Der Artikel über den Atheismus in der...
Köppnick - 19. August, 19:26
Es ist schon ein großer Unterschied...
Talakallea Thymon - 19. August, 13:09
Also der Satz, dass es irrelevant ist, dass...
steppenhund - 18. August, 14:37
Noch eine Ergänzung
Gregor Keuschnig - 18. August, 14:00
@beide
steppenhund - 18. August, 13:52
Mittelfristig ist Russland keine Grossmacht...
Gregor Keuschnig - 18. August, 10:13
Naja,
Gregor Keuschnig - 18. August, 09:21
Nachtrag
Köppnick - 17. August, 12:26
@Peter Viehrig
Köppnick - 16. August, 08:46
Ein paar Einsprüche
Peter Viehrig - 16. August, 07:41