Sex- und Genderforschung
Ein längerer Artikel über die Ergebnisse der Erforschung der Unterschiede und Gemeinsamkeiten von Männern und Frauen findet sich bei Spiegel Online: Typisch Frau? Von wegen!
Kategorien: Frauen
Es war eines der größten Verdienste der Geschlechterforschung, die Kategorien Sex (= biologisches Geschlecht) und Gender (= soziales Geschlecht) zu trennen. So konnte gezeigt werden, dass Weiblichkeit und Männlichkeit eben keine rein natürlichen Bestimmungen sind. Geschlechterzuschreibungen und Geschlechterrollen, ihre Bewertungen und Hierarchien werden in der Gesellschaft ausgehandelt und durch ihre Strukturen verfestigt. Jede und jeder einzelne wächst gewissermaßen in diese Geschlechterrollen - mehr oder weniger - hinein. Das ›Mehr oder weniger‹ ist dabei wichtig, denn glücklicherweise ist dieses Doing Gender, dieses tagtägliche Herstellen von Geschlecht, eben nicht biologisch festgelegt. Mädchen müssen nicht nur mit Puppen spielen, Jungen müssen nicht immer nur raufen. Frauen können sehr wohl die angeblich männlichen Berufe ergreifen und als Managerin, Informatikerin oder Baggerfahrerin erfolgreich sein; Männer sind genauso gute Lehrer, Erzieher oder Krankenpfleger. Und so können wir zumindest für unseren Kulturkreis sagen, dass die angeblich so getrennten Geschlechterrollen zunehmend durchbrochen werden. Auf der Genderebene verschwimmen die Unterschiede zwischen Frauen und Männern immer mehr.Im Artikel wird gezeigt, wie tendenziös die Darstellung aktueller Ergebnisse der Sex- und Genderforschung ist. Unterschiede zwischen den Geschlechtern werden in populärwissenschaftlichen Darstellungen betont, Gemeinsamkeiten ignoriert oder verschwiegen. So halten offenbar viele Studien, die eine unterschiedliche Sprachverarbeitung der beiden Geschlechter bzw. eine unterschiedliche Begabung bei einer Standardtestaufgabe, der „mentalen Rotation“, feststellen, einer genaueren Prüfung nicht stand.
Wenn es um die sprachlichen und räumlichen Fähigkeiten von Frauen und Männern geht, steht immer wieder die Frage im Mittelpunkt, wie die beiden Hirnhälften zusammenarbeiten. Seit den 1970er Jahren ist dabei eine Theorie leitend für die Forschung: Frauengehirne würden stärker mit beiden Hirnhälften gleichzeitig arbeiten und das führe zu besseren Sprachleistungen. Männergehirne seien asymmetrisch organisiert, sie würden vorwiegend die eine oder die andere Hirnhälfte nutzen und könnten deshalb besser räumliche Aufgaben lösen.Diese Argumentation ist in sich schlüssig. Da die meisten derartigen Untersuchungen an erwachsenen Testpersonen erfolgen und das Gehirn eine enorme Plastizität aufweist, kann man nicht genau sagen, ob die gemessenen Unterschiede ererbt (Sex) oder erworben (Gender) sind. Aber eine Aussage im Artikel reizt mich dann doch zum Widerspruch:
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Seitdem sind mehr als zehn Jahre ins Land gegangen und eine Reise durch die aktuelle Forschungslage widerlegt einfache Zuschreibungen. Die Befunde sind enorm widersprüchlich. Publikationen, die bei Frauen beidseitige und bei Männern einseitige Sprachverarbeitung im Gehirn präsentieren, stehen Arbeiten gegenüber, die keine Unterschiede in der Verteilung der Aktivierungsmuster finden.
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Die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen ist insgesamt weitaus höher als die Unterschiede zwischen Frauen und Männern. Es gibt also bei der Sprachverarbeitung weder das typische Frauengehirn noch das typische Männergehirn.
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Ähnliches gilt für Geschlechterunterschiede bei der räumlichen Orientierung. Beim Drehen von geometrischen Figuren im Kopf, der so genannten "Mentalen Rotation", sind beispielsweise Zentren im rechten Schläfenlappen beteiligt. Bei der Richtungsnavigation spielt der rechte Hippocampus (eine Region am Innenrand der Hirnrinde) eine wichtige Rolle. Und wieder finden wir widersprüchliche Ergebnisse dahingehend, ob bei Männern die Hirnhälften häufiger asymmetrisch arbeiten als bei Frauen oder nicht.
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Die unterschiedlichen Ergebnisse kommen auch daher, dass sich die Raumorientierung aus einer Vielzahl von Strategien zusammensetzt, die erlernt werden. Die individuelle Erfahrung in Kindheit und Jugend spielt für die Ausbildung von räumlichen Strategien ebenso eine Rolle wie die Verbindung mit Sicherheits- und Angstgefühlen.
Auch hier wiesen Katherine Bishop und Douglas Wahlsten schon 1997 in einer Metaanalyse von über 40 Studien mit mehr als 1000 Versuchspersonen nach, dass auch im Corpus Callosum die Variabilität innerhalb der Geschlechtergruppen weitaus größer ist als die Differenzen zwischen Frauen und Männern.
Diese Aussage gilt für jedes beliebige messbare Merkmal, auch für Körpergröße, Gewicht oder Kraft. Die Unterschiede innerhalb eines Geschlechts sind weit größer als der durchschnittliche Unterschied zwischen Männern und Frauen. Trotzdem sind die Unterschiede zwischen Männern und Frauen statistisch signifikant. Die eigentlich interessante Frage hinter all dem ist deshalb doch: Warum hat niemand ein Problem damit, dass es Unterschiede in Körpergröße, Gewicht oder Kraft gibt, beginnt aber sofort dafür oder dagegen Partei zu ergreifen, wenn geschlechtsabhängige Unterschiede in der Hirnanatomie und -funktion, in speziellen Bereichen des Fühlens und Denkens gemessen werden (oder aber nicht zu finden sind)? Ich zum Beispiel habe als Kleinstädter einen ausreichend großen Mietparkplatz hinter meinem Haus und einen Stammplatz vor der Firma, zudem fahre ich überhaupt nur mit dem Auto, wenn es unbedingt sein muss (oder in Strömen regnet). Meine Schwester hingegen fädelt als Großstadtbewohnerin ihr Fahrzeug mindestens viermal am Tag in eine enge Parklücke ein. Liebend gern überlasse ich ihr auf Besuch das Fahren inclusive Parken. Bin ich deshalb weniger wert und wäre es anders, wenn es umgekehrt wäre? Die ganze Diskussion ist ziemlich merkwürdig. |
Kategorien: Frauen
Donnerstag, 10.Mai 2007






Gähn...
auch das das Universum per se nicht existiert und wir alle in der Matrix leben.
Mal eine Frage in den nicht existierenden Raum gestellt : Wieso zur Hölle ist die Evolution auf die verdammt komplizierte Idee verfallen 2 Geschlechter zu schaffen wenn es a.) keine signifikanten Unterschiede und b.) keine signifikaten Vorteile hat ?
Diese FemiBefreiungsweisderGeierEmanzen Debatte ist obsolet weil einfach u.a. dekadent.
IMHO.
Mfg
Otaku
Mit „Der Matrix“ ist es wieder ein ganz anderes Ding. Die Matrix ist ja ein Menschenprodukt, die gibt es außerhalb des Films mit Sicherheit nicht. Aber die dahinter stehende Frage, ob wir in einer Simulation leben, ist schlicht ebenfalls unbantwortbar. Zum einen aus demselben Grund wie beim Begriff des Universums, weil die Existenz von etwas außerhalb nicht beweisbar ist. Zum zweiten, weil die Simulation von Informationsverarbeitung (alle Menschen leben in einer Simulation bzw. werden selbst simuliert) selbst wieder Informationsverarbeitung ist. Informationsverarbeitung kann man nicht simulieren. Die beiden Fragen nach den Unterschieden und den Vorteilen muss man getrennt betrachten, sie haben wenig miteinander zu tun. Die Aufteilung in zwei Geschlechter war biologisch offenbar vorteilhaft, weil in jeder Generation eine stärkere Durchmischung des Genoms erfolgt und damit eine schnellere Anpassung an eine sich verändernde Umwelt erfolgen konnte. Es gibt aber zahlreiche Belege dafür, dass Spezies zu einer eingeschlechtlichen Fortpflanzung zurückgekehrt sind (mir sofort einfallendes Beispiel: Löwenzahn). Die höheren Säugetiere sind vielleicht ebenfalls auf dem Weg dahin, das Y-Chromosom degeneriert bei vielen von ihnen. Das können wir bei dem kurzen Zeitabschnitt, den wir mit Mitteln der Genetik überblicken, nicht sagen.
Es ist aber nicht a priori so, dass Unterschiede im Genotyp der Geschlechter sicht- und messbare Unterschiede im Phänotyp verursachen müssen. Meistens ist das so, aber eine logisch wasserdichte Begründung dafür sehe ich nicht. Für die Situation zwischen Mann und Frau ist das gar nicht der Punkt, hier dürfen wir nicht eine biologische Betrachtung zugrunde legen, sondern brauchen eine gesellschaftliche.
Viele Jahrhunderte war es so, dass sich aus der körperlichen Überlegenheit der Männer eine bevorzugte Stellung in der Gesellschaft ergab: Sie erbten die Höfe der Väter und teilten die Machtpositionen in der Gesellschaft unter sich auf. Unsere heutige Gesellschaft ändert sich aber gerade, es zählt nicht mehr Kraft, sondern Intelligenz. Völlig unabhängig davon, wie man diesen Begriff definiert und wie man ihn misst, es ist eine unbestreitbare Tatsache, dass Mädchen die besseren Schulnoten haben, zu einem größeren Prozentsatz studieren und im statistischen Durchschnitt im Studium ebenfalls besser abschneiden. Im Berufsleben kehrt sich das Verhältnis dann aber um, je höher und einflussreicher bestimmte Positionen sind, desto weniger Frauen findet man da. Hier liegt ein offensichtlicher Widerspruch vor, den die Politik lösen und von dem die Wissenschaft die Ursachen finden muss.
Die beiden Lösungsansätze sind grundverschieden, obwohl beide eine gleich hohe Intelligenz von Männern und Frauen voraussetzen (etwas anderes wäre politisch sowieso nicht „korrekt“). Die erste Position besagt, Männer und Frauen und Frauen denken in nahezu allen Bereichen gleich. Diese wissenschaftliche Position führt direkt zu der Schlussfolgerungen, dass unsere Gesellschaft ungerecht ist, weil sie gleich begabte Frauen mit einer biologistischen Begründung von der Macht und vom Geld fernhält. Eine der charakteristischen Forderungen aufgrund dieser Denkrichtung ist die Frauenquote, den Rest der Gesellschaft müsse man nicht ändern. Wenn überall 50% Frauen sind, ist alles ok.
Die zweite Position geht davon aus, dass Männer und Frauen bei gleicher Gesamtintelligenz andere Stärken und Schwächen haben. Es ist dabei relativ unerheblich, ob diese Unterschiede aus dem Genom oder aus der Erziehung herrühren. Diese Unterschiede führen dazu, dass mehr Männer Ingenieure werden, mehr Frauen Lehrerinnen. Aus dieser Position heraus muss man nicht eine Frauenquote (bei den Ingenieuren) oder, gern vergessen in der Diskussion, eine Männerquote (bei den LehrerInnen) erzwingen. Man muss nur dafür sorgen, dass im statistischen Mittel Frauen- und Männertätigkeiten gleich angesehen - und gleich bezahlt – werden. Nebeneffekt dieser Strategie würde sein, dass sich im Verlauf mehrerer Generationen die Unterschiede in der Berufsaufteilung zwischen den Geschlechtern auf das tatsächliche Maß ihrer genetischen Unterschiedlichkeit reduzieren würde, weil der Erziehungsbias (unterschiedliche Bewertung und Bezahlung verschiedener Tätigkeiten) entfiele.
Ich neige (aus dem Bauch heraus) mehr dieser zweiten Position zu, weil ich glaube, dass die unterschiedliche körperliche Ausstattung der beiden Geschlechter immer auch auf ihr Denken durchschlagen muss, unabhängig von dem Einfluss der Erziehung. Aber die zweite Position erfordert insgesamt stärkere Veränderungen in der Gesellschaft, um zu realer Gleichberechtigung zu kommen, als die einfache Durchsetzung der Frauen/Männerquote querbeet durch alle Lebensbereiche.