Carsten Schneiders Kritik am Bedingungslosen Bürgereinkommen
Die Idee vom bedingungslosen Bürgereinkommen ist in den Niederungen (den Sümpfen) der Parteipolitik angekommen. Zwar ist mir bereits das Eintreten von Dieter Althaus, CDU, für das Bürgereinkommen äußerst suspekt gewesen, aber was nun Carsten Schneider, der haushaltpolitische Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion im Spiegel schreibt, zieht einem die Schuhe aus. Hier meine ich nicht das übliche parteipolitische Blabla, sondern die eklatanten Rechenfehler.
Fazit: Obwohl ich das Althaus-Modell für das schlechteste aller vorgeschlagenen halte, weil es Arbeitseinkommen und nicht Vermögen und Konsum besteuert, sind dennoch nahezu alle Einwände von Carsten Schneider dagegen sachlich falsch. Interessant wäre zu wissen: Glaubt er sich selbst (dann gute Nacht Haushaltpolitik) oder versucht er uns Wähler zu täuschen?
Allerdings kann auch Althaus nicht richtig rechnen (wenn die von Schneider genannten Eckdaten stimmen sollten), denn die Steuerkurve weist einen Sprung auf. Der kommt durch die falsche Lage des Übergangs vom 50%- auf den 25%-Hebesatz zustande. Diese Grenze muss bei einem 300 Euro-Sprung (von 600 Euro auf 300 Euro Bürgergeld) bei 1200 und nicht bei 1600 Euro liegen. Aber das sind Feinheiten. Und wer wollte schon von einem Ministerpräsidenten und einem haushaltpolitischen Sprecher verlangen, dass sie bei solch kleinen Einkommen von 1200 oder 1600 Euro noch genau hinsehen?
Kategorien: Visionen
Ganz ausdrücklich geht es Althaus darum, mit dem "Bürgergeld" Kernprinzipien des Sozialstaats auszuhebeln. Bisher gilt: Sozialleistungen werden überwiegend zielgenau auf die tatsächlich Bedürftigen zugeschnitten. Starke Schultern sorgen für sich selbst und tragen mehr zur Finanzierung des Sozialstaats bei als schwache. Ginge es nach Althaus, würden auch diejenigen Bürger zu Transferempfängern, die das Geld überhaupt nicht benötigen. Gleichzeitig entfiele mit der progressiven Einkommensteuer ein zentrales Umverteilungsinstrument. Diese Logik widerspricht zu Recht dem Gerechtigkeitsempfinden der meisten Menschen in Deutschland. Das hat nicht zuletzt der Bundestagswahlkampf 2005 gezeigt, als Professor Paul Kirchhof mit seiner Flat Tax scheiterte.Nehmen wir einfach die Zahlen, die Schneider in seinem Beitrag nennt und rechnen selbst nach. Eckdaten: Von den 800 Euro Bürgergeld verbleiben nach Abzug der 200 Euro Gesundheitsprämie 600 Euro, ab 1600 Euro Brutto nur noch 300 Euro. Ab 1600 Euro sinkt der Einkommenssteuersatz von 50% auf 25%. Meine Tabelle mit diesen Zahlen:
| Brutto | Netto | Plus Bürgergeld | Steuer absolut | Steuer in Prozent |
|---|---|---|---|---|
| 0 | 0 | 600 | -600 | |
| 200 | 100 | 700 | -500 | -250 |
| 400 | 200 | 800 | -400 | -100 |
| 600 | 300 | 900 | -300 | -50 |
| 800 | 400 | 1000 | -200 | -25 |
| 1000 | 500 | 1100 | -100 | -10 |
| 1200 | 600 | 1200 | 0 | 0 |
| 1400 | 700 | 1300 | 100 | 7,14 |
| 1600 | 800 | 1400 | 200 | 12,5 |
| 1800 | 1350 | 1650 | 150 | 8,33 |
| 2000 | 1500 | 1800 | 200 | 10 |
| 2200 | 1650 | 1950 | 250 | 11,36 |
| 2400 | 1800 | 2100 | 300 | 12,5 |
| 2600 | 1950 | 2250 | 350 | 13,46 |
| 2800 | 2100 | 2400 | 400 | 14,29 |
| 3000 | 2250 | 2550 | 450 | 15 |
| 3200 | 2400 | 2700 | 500 | 15,63 |
| 3400 | 2550 | 2850 | 550 | 16,18 |
| 3600 | 2700 | 3000 | 600 | 16,67 |
| 3800 | 2850 | 3150 | 650 | 17,11 |
| 4000 | 3000 | 3300 | 700 | 17,5 |
| 4200 | 3150 | 3450 | 750 | 17,86 |
| 4400 | 3300 | 3600 | 800 | 18,18 |
| 4600 | 3450 | 3750 | 850 | 18,48 |
| 4800 | 3600 | 3900 | 900 | 18,75 |
| 5000 | 3750 | 4050 | 950 | 19 |
Fazit: Obwohl ich das Althaus-Modell für das schlechteste aller vorgeschlagenen halte, weil es Arbeitseinkommen und nicht Vermögen und Konsum besteuert, sind dennoch nahezu alle Einwände von Carsten Schneider dagegen sachlich falsch. Interessant wäre zu wissen: Glaubt er sich selbst (dann gute Nacht Haushaltpolitik) oder versucht er uns Wähler zu täuschen?
Allerdings kann auch Althaus nicht richtig rechnen (wenn die von Schneider genannten Eckdaten stimmen sollten), denn die Steuerkurve weist einen Sprung auf. Der kommt durch die falsche Lage des Übergangs vom 50%- auf den 25%-Hebesatz zustande. Diese Grenze muss bei einem 300 Euro-Sprung (von 600 Euro auf 300 Euro Bürgergeld) bei 1200 und nicht bei 1600 Euro liegen. Aber das sind Feinheiten. Und wer wollte schon von einem Ministerpräsidenten und einem haushaltpolitischen Sprecher verlangen, dass sie bei solch kleinen Einkommen von 1200 oder 1600 Euro noch genau hinsehen?
Kategorien: Visionen
Sonntag, 22.April 2007





Ein paar weitere Gedanken zum Bürgergeld
Wieso gibt es in allen politischen Lagern Unterstützer? Weil alle hier Teile ihrer eigenen politischen Ziele verwirklicht sehen und weil jeder den abstrakten Grundgedanken mit Details aus seiner eigenen politischen Weltanschauung ausschmückt:
- Die Linke: Es entfällt der (kapitalistische) Arbeitszwang, jeder Mensch hat das (Menschen)Recht auf Erhalt seiner Existenz. (Tatsächlich bin ich der Meinung, dass wir dadurch eine erhebliche Erosion kapitalistischer Grundstrukturen bekommen würden.) Die bestehende Arbeit und auch die Arbeitseinkommen werden gleichmäßiger verteilt.
- Die Liberalen: Tendenziell sinkt der Einfluss des Staates, weil es nur noch zwei große und nicht mehr viele kleine Stellschrauben gibt: Die Höhe des Grundeinkommens (wobei es hier eine Untergrenze durch das Existenzminimum und eine Obergrenze durch die Lesitungsfähigkeit des Gemeinwesens gibt) und die Höhe der Steuern und Abgaben, die in ihrer Vielfalt aber stark eingeschränkt werden. Außerdem werden alle „gleicher“, weil alle dasselbe Bürgergeld erhalten. Pragmatisch gedacht wäre dieses neue System weder gerechter noch ungerechter, sondern einfach anders, der Personenkreis der Nutznießer und der Draufzahlenden würde sich ändern.
- Die Konservativen (=zum Beispiel Althaus): Ich vermute, er möchte die Staatsausgaben senken. Eine ähnliches Ziel hat er mit dem – gegen den bundesdeutschen Trend erfolgten – Umverteilen von Geld von Kindertagesstätten direkt zu den Eltern bereits erreicht: Der Landeshaushalt von Thüringen hat 20 Millionen Euro gespart, der Bevölkerung wurde es aber als großartige familienpolitische Heldentat verkauft.
- Die Unternehmer (=zum Beispiel Götz): gering qualifizierte Arbeit wird billiger.
Die Vorschläge unterscheiden sich außer in der Höhe des Bürgergeldes vor allem in der Art der vorgeschlagenen Finanzierung:- Götz: Mehrwertsteuer (=Steuern auf den Konsum, nicht auf die Arbeit)
- Althaus: Einkommensteuer (=Steuer auf die Arbeit)
- Linke: Anteilig immer Steuern auf Vermögen und Erbschaften
Die Hauptschwierigkeiten, die ich sehe und die bisher kaum thematisiert worden sind: