Nobelpreisträger leben länger?

In der Morgenwelt findet man einen Artikel mit der Überschrift Nobelpreisträger leben länger. Dort heißt es:
Wenn ein Wissenschaftler Anfang Oktober einen Anruf aus Stockholm erhält, kann er auf mehr hoffen als auf Ruhm und Geld. Zwei britische Ökonomen haben ermittelt, dass mit dem Nobelpreis ausgezeichnete Forscher im Schnitt 1,4 Jahre länger leben als Fachkollegen, die lediglich auf der Kandidatenliste gestanden haben.

Betrachtet man lediglich Forscher gleicher Nationalität, beträgt der Gewinn an Lebensjahren sogar etwa zwei Jahre, fanden Andrew Oswald von der University of Warwick und sein ehemaliger Doktorand Matthew Rablen. Ihrer Ansicht nach bekräftigt dieses Resultat die Annahme, ein hoher sozialer Status wirke sich günstig auf die Lebenserwartung aus. "Wie es dazu kommt, wissen wir nicht", so Oswald.
Das mit den „sogar etwa zwei Jahre“ begreife ich zwar nicht, aber die Gesamtaussage bleibt trotzdem bemerkenswert. Liegt hier tatsächlich Kausalität vor, d.h. Nobelpreis -> länger leben, oder ist es nicht eher eine einfache Korrelation?

In den letzten Jahren wurden ja eine Menge solcher Zusammenhänge gefunden, z.B. eine Korrelation der Körpergröße mit dem Einkommen und dem Intelligenzgrad. Hier kann man sich leicht überlegen, dass jemand, der größer geworden ist, im statistischen Mittel in der Jugend, der Zeit des Wachstums, bessere Bedingungen hatte, gesünder gelebt und es deshalb weiter gebracht hat.

Unlängst habe ich einen Bericht gelesen, in dem nachgewiesen wurde, dass im statistischen Mittel Chirurgen größer sind als andere Ärzte (zum Beispiel größer als Allgemeinmediziner). Auch hier wurde eine einfache Erklärung angeboten: Chirurgen sind im OP Chefs größerer Arbeitsgruppen, da bietet die Körpergröße eine Form natürlicher Autorität, die Allgemeinmediziner im Berufsalltag nicht benötigen. Unklar blieb allerdings, wie sich Medizinstudenten für welche Fachrichtung entscheiden und damit unbewusst für diese statistisch signifikanten Unterschiede sorgen.

Berücksichtigt man solcherart anthropologische Eigentümlichkeiten aus anderen Beobachtungen, dann ist die Aussage zu den Nobelpreisträgern nicht mehr so klar, wie sie in der Studie dargestellt wird. Die Wahl des Preisträgers aus einer Gruppe von Kandidaten ist ja keinesfalls vollkommen zufällig, sondern es muss außer statistisch sich herausmittelnden persönlichen Präferenzen und Animositäten auch objektive Gründe geben: Die Gewinner müssen im Mittel eine Kleinigkeit besser als der Durchschnitt der Kandidatengruppe gewesen sein, sie waren also bereits vor der Preisverleihung einen Tick erfolgreicher.

Ich würde der Eingangshypothese also zum Beispiel erst zustimmen, wenn nachgewiesen werden kann, dass Nobelpreisträger im statistischen Durchschnitt länger leben, aber gleichzeitig nicht größer als die leer ausgegangenen Kandidaten sind. Dann hat man die Korrelation a priori Erfolg (vor dem Nobelpreis) – Körpergröße – Lebenserwartung herausgerechnet, es verbleibt die Kausalität zwischen der a posteriori Anerkennung (nach dem Nobelpreis) und der Lebenserwartung.

Denn eins kann ja als sicher gelten: Zum Zeitpunkt der Preisverleihung ist das Körperwachstum der Nobelpreisträger bereits abgeschlossen. Zumindest nehme ich das an. Allerdings gibt es auch hier interessante anthropologische Studien: Studentengruppen wurden einzelne Testpersonen einmal als „Student“, dann als „Assistent“ und schließlich als „Professor“ vorgestellt. Danach sollten die Studenten die Körpergröße der Testpersonen schätzen. Der „Assistent“ war im statistischen Mittel 2 cm größer als der „Student“, der „Professor“ nochmals um durchschnittlich 2 cm größer. Erfolg lässt einen in den Augen der Anderen auch körperlich größer erscheinen.

Kategorien: Gehirn & Geist
steppenhund - 18. Januar, 18:09

Ich habe dieses Ergebnis auch gelesen und habe mir überlegt, ob ich es kommentieren soll. Ich halte die Studie für eine der größeren Wichsereien im akademischen Umfeld. (Wichsereien = masturbatorisches Verhalten, allein oder in Gruppe, österr. Slang, oft pejorativ gebraucht, um absolut unsinniges Verhalten zu bezeichnen) Man könnte das Ergebnis allenfalls umdrehen: wenn ein Wissenschafter lang genug lebt, so erhöht sich die Chance, dass er den Nobelpreis erhält.
Wem soll denn diese Statistik nützen? Wieviel Nobelpreisträger gibt es denn im Vergleich zu nicht-Nobelpreisträgern? Lassen sich bei der Vergleichsmenge überhaupt statistische Signifikanzen ablesen.
Der Nobelpreis wird ja in der Regel für Grundlagenforschung verliehen, d.h. erst relativ spät nach der eigentlich Entdeckung, Erfindung oder Tat. Das würde ja bedeuten, dass ein Forscher, der mit 60 den Nobelpreis bekommt, eine Art Turbolebensmotor eingepflanzt bekommt.
Da kenne ich ganz andere, wirkungsvollere Massnahmen. Der Verein Schlaraffia, der sich die Pflege von Kunst, Humor und Freundschaft zum Ziel gemacht hat (1859 in Prag gegründet) zeichnet sich dadurch aus, dass seine Mitglieder überdurchschnittlich alt werden und dabei meistens recht aktiv bleiben. Die dauernde Beschäftigung mit geistigen und humorvollen Gütern, sowie das aktive Schaffen von kleineren Unterhaltungswerken regt offensichtlich auch den Körper an. Vielleicht besteht der statistische Zusammenhang einfach darin, dass Nobelpreisträger noch immer weiter und weiter forschen, weil man das auch von außer her erwartet, während ein "normaler" irgendwann "in Pension" geht. Da es aber bei der Vergleichsmenge um die Kandidaten geht, die leer ausgegangen sind, ist es wahrscheinlich so, dass diese einfach kürzer leben, weil die Enttäuschung zu Buche schlägt. Die Nobelpreisträger gewinnen nichts, sie verlieren nur auch nichts.

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Kommentare hier ...

In einem Binärbaum ist die Suchdauer...
Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
steppenhund - 12. Mai, 21:17
Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29