Mit Anstand auf die Welt
Im Spiegel Nr. 51 vom 18.12.2006 findet man einen Artikel mit dieser Überschrift. Teaser des Artikels sind folgende beide Gedankenversuche:
Aus diesen und vielen anderen Befragungen und auch vergleichenden Untersuchungen an Hirnkranken kann man schlussfolgern: Es gibt einen angeborenen Moralinstinkt.
Kategorien: Gehirn & Geist
Führerlos rast ein Zug auf die fünf Gleisarbeiter zu. Eine Möglichkeit, ihren sicheren Tod zu verhindern, wäre, den Zug in letzter Minute aufs andere Gleis zu leiten. Doch auch dort arbeitet ein Mensch, wenngleich nur ein einzelner. Ist es richtig, die Weiche umzustellen?Zu diesen und ähnlich gelagerten ethisch-moralischen Problemfällen wurden laut dem Artikel inzwischen über 300.000 Menschen verschiedener Kulturkreise befragt, Kinder und Erwachsene, Atheisten und Gläubige, Arbeiter und Akademiker, Frauen und Männer. Die Antworten waren überwiegend gleich: Die erste Frage wird mit „ja“, die zweite mit „nein“ beantwortet.
Und was, wenn ein dicker Mann auf einer Brücke direkt über dem Bahndamm stünde? Sein schwerer Körper würde den heranrasenden Zug aufhalten, die fünf Gleisarbeiter wären gerettet. Wäre es richtig, den Mann zu schubsen?
Aus diesen und vielen anderen Befragungen und auch vergleichenden Untersuchungen an Hirnkranken kann man schlussfolgern: Es gibt einen angeborenen Moralinstinkt.
Allerdings gibt das moralische Erbe mitnichten vor, was zu tun und was zu lassen ist. Diesen naturalistischen Fehlschluss, beeilen sich Forscher zu versichern, wollten sie auf keinen Fall begehen. Hauser etwa führt das Beispiel der Sterbehilfe an. Dem angeborenen Moralsystem zufolge sind Aktionen schlimmer als Unterlassungen. Also erscheint es akzeptabler, einen unheilbar Kranken an seinen Leiden sterben zu lassen, als ihn mit einer Überdosis Schmerzmittel zu töten.Ergänzen möchte ich hier zweierlei:
...
Ein Moralinstinkt würde die vertrauten Rechtsordnungen in ein völlig anderes Licht tauchen. Diese wären keineswegs nur „artifizielle, zweckrationale Kulturschöpfungen“ (Mahlmann), sondern bauten auf Eingebungen auf, die allen Menschen gemein sind.
- Diese Sicht auf den Moralinstinkt befindet sich in Übereinstimmung mit den Schlussfolgerungen der Evolutionären Erkenntnistheorie, nach der bestimmte „Erkentnisse“ für das Individuum apriori vor seiner Erfahrung liegen, weil sie im Genom seiner Spezies kodiert vorliegen.
- Außerdem erklärt es, warum verschiedene Religionen zu nahezu übereinstimmenden Handlungskatalogen gekommen sind. (Also göttliche Eingebung = Natur des Menschen.)
Kategorien: Gehirn & Geist
Mittwoch, 10.Januar 2007





Universalismus
Die angeführten Beispiele sind mir ehrlich gesagt zu konstruiert. Das erinnert an Gesinnungstests, die man in der BRD in den 70er/80er Jahren machte, um Wehrdienstverweigerer auf ihre gewaltlose Einstellung hin zu "prüfen". Das ging dann etwa so:" Was tun sie, wenn ihre Freundin droht, vergewaltigt zu werden und nur eine Rettung besteht, wenn sie den Täter kampfunfähig machen...?"
Die wirklichen Herausforderungen sind m. E. wesentlich unspektakulärer und damit auch schwieriger zu beurteilen. Dennoch werden täglich beispielsweise in Altenheimen, Krankenhäusern, Pflegestationen oder Unfallaufnahmen weitreichende Entscheidungen getroffen, die ethisch durchaus amivalent beurteilbar sind. Sie werden zum überwiegenden Teil im Konsens beschlossen und ohne erhobene Zeigefinger oder akademische Rekurse auf Paragraphen und/oder allgemeine Deklararationen. Natürlich gibt es dann immer auch immense Grauzonengefahren, aber so lange es die von DHK angestrebten eindeutigen Handlungsmaxime, die quasi "selbsteinleuchtend" daherkommen nicht gibt (ich hoffe, ich habe ihn richtig interpretiert), muss man dies wohl im Kauf nehmen.
Ich habe einen Artikel von Wolfgang Kersting auch auf meinem Blog verlinkt; er passt natürlich auch hier: Plädoyer für einen nüchternen Universalismus.
Kersting versucht, die Menschenrechtsidee zu "retten" und Universalistisches herauszuarbeiten. Ob ihm das gelingt, vermag ich (noch?) nicht zu sagen; ich muss den Artikel vermutlich noch mehrmals lesen.
Unverständlich
Mir ging es nicht um Selbstevidenz, sondern lediglich um "Interpretationsfreiheit". Kurz gesagt: "Der Buchstabe des Gesetzes ist gleich dem Geist des Gesetzes". Dieser mag freilich ein Ungeist sein...