Wissenschaftsfeindlichkeit von ID und Kreationismus

Einen interessanten Artikel über Intelligent Design und Evolutionstheorie findet man hier: Sind Kreationismus und Intelligent Design „science stopper“? Danke für den Hinweis auf diesen Artikel an Gregor Keuschnig. Zentraler Gedanke des Intelligent Design ist es, in der Entstehung und Entwicklung biologischen und menschlichen Lebens das Vorhandensein eines Planes nachzuweisen. Logischerweise impliziert das Vorhandensein eines Planes einen zum Zeitpunkt der Ausführung desselben bereits existierenden Planenden (=Gott). Die Anhänger des ID sind deshalb Anhänger der (in diesem Fall christlichen) Schöpfungslehre.

Was ist die Aufgabe von Biologie und Evolutionstheorie? Primär die Beantwortung von Fragen, die sich auf die Funktionsweise von Organismen und ihren Organen beziehen, und der ihnen zugrundeliegenden Mechanismen der Konstanz und der Veränderung. Konstanz ist dabei notwendig, um zu erklären, warum die Nachkommen eines Lebewesen diesem weitgehend ähnlich sind. Veränderung ist notwendig, weil es nachweislich im Laufe der gesamten Entwicklung des Lebens auf der Erde Entstehung und Aussterben von Arten gegeben hat. Darwin hat seinerzeit aus empirischen Beobachtungen folgendes Grundprinzip postuliert: Es gibt innerartliche Variationen, durch die Umweltbedingungen pflanzen sich einige der Varianten besser, andere schlechter fort. Im Laufe vieler Generationen können sich so bestehende Arten verändern und neue entstehen.

Die Evolutionstheorie ist heute eine Rahmentheorie, die Erkenntnisse vieler Wissenschaftsgebiete heranzieht.
  • Die Paläontologie kann anhand von Fossilienfunden zeigen, wie sich Arten entwickelt haben und versucht damit, Stammbäume der Verwandtschaftsbeziehungen zwischen (ausgestorbenen) Arten aufzustellen.
  • Die klassische Biologie sucht nach neuen Tier- und Pflanzenarten, katalogisiert diese und versucht ebenfalls, anhand von äußeren Gemeinsamkeiten und Unterschieden, die Verwandtschaftsbeziehungen zwischen ihnen zu finden.
  • Die Molekulargenetik beschäftigt sich mit dem Erbmaterial und den auf dieser Ebene ablaufenden Vorgängen (z.B. Mutationen, Duplizierung von DNA, Eiweißsynthese, etc.).
Heute gibt es zwischen diesen drei Gebieten Wissenslücken, von denen einige noch sehr lange Zeit, vielleicht für immer, bestehen werden. Unter anderem ist die DNA prähistorischer Arten für immer zerstört, sie kann auch prinzipiell nicht aus der DNA heute lebender Arten rekonstruiert werden! (Das ist genaugenommen eine Konsequenz des Zweiten Hauptsatzes der Thermodynamik, das soll hier aber nicht weiter vertieft werden.)

Zurück zum verlinkten Artikel: Dort wird richtig angemerkt, dass alle Naturwissenschaften sich mit dem „Wie“ beschäftigen, wie funktioniert etwas im Detail? Im Fall der Evolution, weil es sich hier um einen Verlauf in der Zeit handelt, treten zusätzlich Fragen nach dem „Warum“ (im Artikel „Woher“), also nach Ursache und Wirkung.

Kriterien der Wissenschaftlichkeit sind nach Popper die prinzipielle Möglichkeit der Falsifikation einer Theorie, nach Kuhn die Wiederholbarkeit eines Experiments durch andere Wissenschaftler und, nach Ockham und seinem berühmten Rasiermesser, im Fall von zwei Theorien mit unterschiedlichen Erklärungen die größere Einfachheit der besseren Erklärung.

Nehmen wir als Beispiel der Untersuchung der Wissenschaftlichkeit der ET und des ID das häufig von Vertretern des ID benutzte Augenbeispiel.

Was sagt ID:
  • Das Auge kann sich nicht mit dem Mechanismus von Mutation und Selektion entwickelt haben, weil es einer ganzen Reihe von Zwischenstufen bedarf, die evolutionär für die sie tragenden Organismen keinen Vorteil geboten hätte. Ein Schöpfer ist deshalb notwendig.
Was sagt die ET:
  • Das Auge ist für ein Lebewesen von Vorteil (es gibt also einen Anpassungsdruck in Richtung seiner Entwicklung).
  • Der Bauplan des Auges ist in der DNA kodiert.
  • Es gibt unterschiedlich weit entwickelte Augen bei verschiedenen Tierarten.
  • Es gibt Mutationen im Erbgut, Veränderungen im Genotyp können sich in Veränderungen im Phänotyp äußern.
Jede der Aussagen der ET in dieser Frage ist prinzipiell falsifizierbar, aber praktisch (empirisch) bereits bewährt. Die ID hingegen führt (außer der Behauptung, dass Zwischenstufen wertlos sind, was sicher nicht stimmt, schließlich gibt es ja unterschiedlich komplexe Augen, von einfachen lichtempfindlichen Zellen bis zu den komplexen Augen der Säugetiere) eine Entität ein, die vorher nicht Untersuchungsgegenstand der Biologie war: einen Schöpfer. Und sie kritisiert im Gegenteil stattdessen die Biologie dafür, dass diese bisher nicht versucht hat, sich an einer Theodizee zu beteiligen.

Ganz sicher ist die ET kompatibel mit dem Glauben an einen Schöpfer, weil dieser weder in positiver noch negativer Hinsicht ihr Untersuchungsgegenstand ist. Insofern schießt auch Dawkins als prominenter Verfechter der ET über das Ziel hinaus. Aber selbst die katholische Kirche hat zum Beispiel die ET als Theorie anerkannt, mehr kann sie nicht tun und mehr kann man von ihr auch nicht verlangen wegen der steten Vorläufigkeit des aktuellen Standes menschlichen Wissens.

Ebenfalls ganz sicher ist ID unwissenschaftlich in dem Versuch, Metaphysisches mit Hife der Naturwissenschaften zu begründen. Wissenschaftsfeindlich wird ID genau dort, wo sie versucht, ID als eine Art Gegenentwurf zur ET im Lehrplan von Schulen und Lehrbüchern zu verankern und damit naturwissenschaftlichen Unterricht durch theologischen zu ersetzen, wie das z.B. von einer Organisation wie „Wort und Bild“ versucht wird.

Kategorien: Evolution
Poldi (anonym) - 23. Januar, 12:18

ID = Kreationismus?

Hallo Köppnick!

Ich fürchte Du wirfst da etwas durcheinander.
Das Auge wurde von ID-Vertretern niemals als Beispiel angeführt. Vielleicht von Kreationisten, aber ID argumentiert anders. Interessant in diesem Zusammenhang ist auch die Diskussion hier: http://de.wikipedia.org/wiki/Diskussion:Nichtreduzierbare_Komplexit%C3%A4t

Köppnick - 23. Januar, 18:56

W.-E. Lönnig

Die Grenzen zwischen beiden sind sicherlich fließend, einige werden auch sagen, alter Wein in neuen Schläuchen. Auf das Augenbeispiel bin ich über einen Link auf die HP von W.-E. Lönnig gestoßen. Dieser gilt als ID-Vertreter und hat das Buch AUGE WIDERLEGT ZUFALLS-EVOLUTION geschrieben.

Heute versteht man viele der scheinbaren Merkmalsexplosionen (z.B. im Kambrium) viel besser als noch vor einigen Jahren. Die Mutationsrate ist über die Zeit ziemlich konstant, die meisten werden aber sofort wieder ausgemerzt, weil sie Schaden anrichten. In aktuell bedeutungslosen DNA-Abschnitten bzw. nicht angeschalteten Genen können sich aber über lange Zeiten Veränderungen anhäufen. Es benötigt dann einer einschneidenden Veränderung der Umweltbedingungen und bislang bedeutungslose Genabschnitte werden eingeschaltet.

Der Mechanismus der Schaltergene passt sehr gut zu dieser Hypothese. Damit hat man eine wissenschaftliche Gegenthese zu den "nutzlosen Zwischenstufen" - es gab einfach keine solchen, sondern ein größeres Paket wurde zu einem einzigen Zeitpunkt nur aktiviert. Die vielen erfolglosen Varianten bekommt man aposteriori sowieso nicht mehr zu sehen, weil sie nicht überlebt haben.

Es spricht nichts gegen die Existenz eines Schöpfers - aber man kann seine Wirkung nicht mit wissenschaftlichen Methoden beweisen.

Falls du den Artikel noch nicht gesehen hast, ich war im vorigen Jahr beim Erfurter Dialog zum Thema ET und ID: Erfurter Dialog
Poldi (anonym) - 12. Februar, 15:09



Auf Lönnigs Seite war ich auch schon unterwegs. Grundsätzlich kann man allerdings sagen, dass keiner der bekannten ID-Vertreter das ganze Auge als IC-Struktur ansieht.



Die Frage die sich an dieser Stelle ergibt (und die auch von IDlern und Kreationisten angemerkt wird) ist, warum gerade im richtigen Moment die Genabschnitte wieder eigeschaltet werden und warum in der Zwischenzeit auf diesen Abschnitt überhaupt etwas gescheites zustandekommen kann (da die Selektion in diesen Moment ja nicht greift). Mit anderen Worten: Ist es plausibel und einleuchtend zu sagen, dass sich ein Genabschnitt verdoppelt, einer abschaltet, auf diesem Abschnitt z. B. der Bauplan für den Rotationsmotor samt Steuerung u. s. w. entsteht und wenn er fertig ist wieder einschaltet?

Der Mechanismus der Schaltergene passt sehr gut zu dieser Hypothese. Damit hat man eine wissenschaftliche Gegenthese zu den "nutzlosen Zwischenstufen" - es gab einfach keine solchen, sondern ein größeres Paket wurde zu einem einzigen Zeitpunkt nur aktiviert. Die vielen erfolglosen Varianten bekommt man aposteriori sowieso nicht mehr zu sehen, weil sie nicht überlebt haben.



Und da setzt (im weitesten Sinne) ID an. Die Frage ist doch: Kann echtes Design erkannt werden? Und wenn ja, wie?



Danke für den Tipp! Ich hab auch einen für dich: Kennst Du schon die HP von Markus Rammerstorfer? Du solltest dir seine Artikel unbedingt mal durchlesen. http://rammerstorfer-markus.batcave.net/

PS: Die Organisation heißt Studiengemeinschaft Wort und Wissen (nicht Bild ;-). Und ganz richtig mit dem Ersetzen des Unterrichts ist das auch nicht, siehe hier: http://www.wort-und-wissen.de/presse/main.php?n=Presse.P05-2

Poldi (anonym) - 12. Februar, 19:37

Ups, da ist beim Zitieren etwas durcheinander geraten. Ich hoffe Du kommst trotzdem klar...
Bioskop (anonym) - 13. März, 18:18

Interessanter ID-Blog

Hallo,

einen sehr interessanten ID-Blog mit vielen Autoren findet man unter

http://evolution-schoepfung.blogspot.com/index.html

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Kommentare hier ...

In einem Binärbaum ist die Suchdauer...
Köppnick - 13. Mai, 12:19
Ein wesentlicher Vorteil ist da noch gar...
steppenhund - 12. Mai, 21:17
Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29