gruber - 14. September, 02:25

Jenseits von gut und böse

Ob man auf Broder eingehen sollte? - Ich meine, er hat schon derart viele normale Anstandsgrenzen überschritten, dass man seine Äußerungen irgendwie ignorieren muß. Das Publizistikverständnis Broders ist vermutlich ähnlich gelagert wie das der amerikanischen rechten Krawallautoren, z.B. Michelle Malkin (die Guantanamo etc. in ihrem Buch "In defense of internment" lobt) oder Anne Coulter; durch möglichst griffige und flagrante Beleidigungen bestimmter Empfindlichkeiten wird Aufmerksamkeit erzielt.

Ist der Iran "gut"? - Der Amnesty-Record ist ziemlich scheckig; im Iran kann man wegen einer ganzen Reihe von Nichtkonformitätsvergehen umgebracht werden. Aber natürlich läßt sich das Leben im Iran vermutlich ebensowenig durch die Steinigungen charakterisieren wie das Stasigefängnis in Bautzen prototypisch für das Leben in der DDR war. Aus der Sicht der iranischen Bevölkerung scheint Ahmadinedschad wohl ein intelligenter und integrer Politiker, obwohl er innenpolitisch gegen die Säkularisierung auftriit und aus westlicher Sicht außenpolitisch naiv wirkt.
Das Problem ist m.E. nicht, ob der Iran heimlich nach Atomwaffen strebt oder nicht und ob er dabei mit dem Völkerrecht in Konflikt kommt. Der Atomwaffensperrvertrag ist praktisch nicht mehr gültig, denn die wichtigsten Vertragspartner haben ihn mit der Neuentwicklung von Kernwaffen, der Absage an Abrüstung und der Duldung weiterer Atommächte de facto längst aufgekündigt.
Das Problem ist, dass der Iran real von den USA und ihren Verbündeten bedroht wird. Nicht deshalb, weil er eine Atombombe will, sondern weil er zur Regionalmacht zu werden droht, die selbst entscheidet, ob sie ihre Rohstoffe nach Westen oder Osten schickt, und die Erlöse großenteils selbst behält. Das Schicksal des Irak und zahlreiche Drohgebärden gegen Syrien und andere Länder dürften dem Iran sehr deutlich gemacht haben, dass die einzige Möglichlichkeit, militärische Eingriffe zu vermeiden, im Aufbau eines nuklearen Abschreckungspotentials liegt. Dieser Logik entsprechend wäre die einzige Möglichkeit, den Iran vom Versuch der atomaren Bewaffnung abzubringen, die Gewährung wirksamer Sicherheitsgarantien. Solche Garantien kann und mag aber derzeit niemand geben, der dazu in der Lage wäre.

Um trotz Verfolgung eigener ökonomischer Interessen langfristig nicht angegriffen zu werden, braucht der Iran die Atombombe. Und um gegenüber dem Iran die Lufthoheit zu behalten, muß der Westen verhindern, dass er sie bekommt. Ich glaube, das ist die Logik des Spiels; es ist kein Spiel zwischen Guten und Bösen, sondern ein Spiel um Machtverhältnisse im Nahen Osten.

Eine Atombombe würde aber nicht nur einen weiteren irgendwann ins Haus stehenden Krieg ums Erdöl und regionale Macht abwenden, sondern sie würde auch die Atommacht Israel in ihren Handlungsmöglichkeiten beschränken. Indem ein Gleichgewicht des Schreckens entsteht (ein einziger erfolgreicher Treffer auf Tel-Aviv würde Israel zum großen Teil zerstören), verschlechtern sich die Möglichkeiten Israels zur konventiellen Eskalation wie jüngst im Libanon. Der Druck, zu einer Einigung mit den Palästinensern und den arabischen Nachbarn zu kommen, nähme zu, und die Bedingungen, zu denen diese Einigung erfolgte, würden sich verschlechtern.
Ganz unabhängig davon, ob man eine Atombombe für den Iran "gut" oder "schlecht" findet, ist es daher aus israelischer Sicht sinnvoll, den Iran mit militärischen Mitteln daran zu hindern, sich atomar zu bewaffnen.

Vor diesem Hintergrund erscheint der Libanon-Krieg völlig rational: mit der Einrichtung einer international gesicherten Pufferzone im Süden des Landes und einer Reduzierung der Waffenarsenale der Hisbollah beseitigt man die einzige Flanke, auf der Israels Norden während eines möglicherweise geplanten Angriffs auf den Iran verwundbar wäre. Die "Fehler", die der israelischen Führung in diesem Zusammenhang vorgeworfen werden, sind möglicherweise keine: die Schwächung der libanesischen Wirtschaft und die Zerstörung von ziviler Infrastruktur vor allem in der geplanten Pufferzone im Süden Libanons (in vielen Dörfern wurden gezielt nur die Supermärkte zerstört), der massive Einsatz von als Streuminen wirkender Munition, sind rationale und sinnvolle Maßnahmen, um den Libanon am Kriegseintritt im möglicherweise bevorstehenden Irankonflikt zu hindern. Auch das Nicht-Evakuieren von israelischen Zivilisten im Norden, und die fehlende Unterbindung der verhältnismäßig wirkungslosen Raketenangriffe der Hisbollah waren wahrscheinlich militärisch notwendige Kompromisse, um die letztere innen- und außenpolitisch als Rechtfertigung nutzen zu können.
Diese Interpretation der Ereignisse scheint mir viel sinnvoller, als der ziemlich absurde Gedanke, Israel hätte die großangelegte Bombardierung eines ganzen Landes, mit über tausend zivilen Toten und vor den laufenden Kameras, für eine angemessene Reaktion auf die Entführung zweier Soldaten durch einen Freischärler-Trupp gehalten.

Cleos - 15. September, 20:13

Das Spiel um Geld und Macht

Das ist sehr schlüssig erklärt in deiner Erläuterung.
Jeder möchte der Größte sein und jeder droht dem andern mit irgendwas.
Das was Ost und West miteinander tun, finde ich auch auf diversen blogs.
Wildfremde Menschen bekriegen sich verbal auf blogs ob der Polarisierungen
der Medien, seis ein Broder oder wer auch immer.
Dein Algorithmus ,die Zusammenhänge zu erklären und die Machtstruktur Ost gegen die Machtstruktur West abzugrenzen und dass es letztendlich um das dumme dumme Öl und das dumme dumme Geld geht und um die
Dauerkokeleien die Israel mit Anrheinerländern macht, leuchtet mir ein.
Irgendwie hat es mich auch verblüfft ,wie klar mir der Nahostkonflikt plötzlich wurde, wo ich doch auch bei dem Grenzüberschreiter lese und mich bisweilen dort amüsiere.Diesem geht es aber so wie vielen sogenannten Bloggern eher um sein Ego als um Politik.Irgendwann in einem Schreiberleben lebt man vielleicht auch nur noch das Ego.
Mir wurde auch klar, dass das Land Israel gar nichts anderes kann als ständig Kleinkriege zu führen mit irgendwem.Was täten die denn , wenn man ihnen das nähme?Die haben ja nie was andres gelernt....ja was täten die....????
Das hört sich vielleicht dämlich an, aber dieses Krieg spielen wollen um des Krieg spielen willen, das man ja nicht mehr kann, wenn die Atombombe denn auf Jerusalem flöge....ja das ist das Zentrum.Das ist die Rolle.Aus der kommen die nie raus.
Aber lassen wir sie denn da raus?Wir sollten das Drama neu besetzen und den jetzigen Hauptdarstellern eine Nebenrolle geben.
Wäre aber dann Ruhe?
Ich weiß es nicht und ich glaube es nicht.
gruber - 15. September, 21:58

Nicht um des Krieges willen

Nein, ich wollte damit auf keinem Fall sagen, dass ich glaube, Israel würde um des Krieges willen Krieg führen. Israel führt diese Kriege, weil es sich bedroht fühlt, und als beste Antwort auf diese Bedrohung die maximale Ausweitung seines eigenen Einflusses in der Region sieht. (Daneben hat die Position, dass Israel möglichst das ganze oder den größten Teil des Westjordanlandes, Ostjerusalem und den Golan behalten sollte, in Israel einen gewissen Einfluß. Ohne die unbedingte militärische Oberhoheit in der Region geht das aber auf keinem Fall.) Wenn Israel seine Ziele ohne Krieg erreichen könnte, würde es das sicher tun, denn das Land zahlt einen hohen Preis dafür; neue Kriege sind nicht mit neuen Geländegewinnen verbunden, sondern mit Ansehensverlusten und Zunahme des Terrorismus.
Cleos - 16. September, 09:06

Dein Artikel

war so gut und verständlich dass ich das auch nicht rausgelesen habe.
Das war ein Gedanke der sich mir leider aufdrängte.Ihr könnt mich jetzt dafür steinigen.Der Gedanke ist ja auch ganz geschwind wieder weg.Ich dachte mir nur, dass Syrer, Libanesen und Israelis am Tisch ihren Streit beilegen und sich freiwillig Land abtreten ,wie oder wieviel und wo bleibt außen vor.
Und diese Vorstellung paßt nicht in meinen Kopf weil ich dann gerne eine Uhr stellen würde(Stoppuhr mit Sekundenzeiger), bis es wieder kracht.
Diese Interpretation war meine eigene Ironie, man möge sie mir verzeihen.Niemand will Krieg.Allerdings glaub ich auch nicht an Eventualregeln, an die sich irgendeiner hält.
Wer gibt schon gerne Macht ab, wenn er sie haben kann...

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Der Artikel über den Atheismus in der...
Köppnick - 19. August, 19:26
Es ist schon ein großer Unterschied...
Talakallea Thymon - 19. August, 13:09
Also der Satz, dass es irrelevant ist, dass...
steppenhund - 18. August, 14:37
Noch eine Ergänzung
Gregor Keuschnig - 18. August, 14:00
@beide
steppenhund - 18. August, 13:52
Mittelfristig ist Russland keine Grossmacht...
Gregor Keuschnig - 18. August, 10:13
Naja,
Gregor Keuschnig - 18. August, 09:21
Nachtrag
Köppnick - 17. August, 12:26
@Peter Viehrig
Köppnick - 16. August, 08:46
Ein paar Einsprüche
Peter Viehrig - 16. August, 07:41