Reto U. Schneider: Das Buch der verrückten Experimente (Fortsetzung)
Dieser Text ist die Fortsetzung von Reto U. Schneider: Das Buch der verrückten Experimente.
1961, Milgrams Elektroschockexperiment
Der Sozialpsychologe Stanley Milgram führt mit 500 Probanden das folgende Experiment durch, angeblich „um eine wissenschaftliche Untersuchung über Gedächtnisleistung und Lernvermögen“ zu machen, man wolle „den Einfluss von Strafen auf den Lernerfolg messen“: Jeweils ein Versuchsteilnehmer sollte einen zweiten überwachen. Wenn dieser eine Frage falsch beantwortet hatte, sollte ihm der erste einen elektrischen Schlag versetzen, für jede falsche Antwort 15 Volt mehr – bis zu einem Endwert von 450 Volt. Was die erste Versuchsperson nicht wusste, dass der zweite, der die elektrischen Schläge erhielt, ein Schauspieler war, der nur zum Schein jammerte, stöhnte, schrie und manchmal am Schluss verstummte.
Die Versuchsperson wurde in der Ausführung der Stromschläge vom Versuchsleiter bestärkt, wenn leise Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Handlung aufkamen. Zwei Drittel aller Teilnehmer gingen bis zur Endspannung von 450 Volt. Tatsächlich war das Versuchsziel die Untersuchung der Wirksamkeit von „Gruppendruck“, und das Ergebnis hat seinerzeit viele überrascht. Milgram hat es seine Karriere gekostet, weil man solche Experimente nicht durchführen darf. Paradoxerweise waren ihm viele der Teilnehmer hinterher sehr dankbar, weil er ihnen Seiten ihrer Persönlichkeit gezeigt hat, die sie niemals für möglich gehalten hatten.
Dieses Experiment wird heute sehr häufig zitiert, wenn über den Holocaust, den Genozid in Ruanda, Folterungen im Irak oder andere Kriegsverbrechen diskutiert wird.
In diesem Versuch wurde jeweils ein Dollar versteigert und an den Meistbietenden verkauft. Im Unterschied zu normalen Versteigerungen musste jedoch auch der Zweitbietende seine Summe entrichten. Die Wirkung dieser Klausel haben viele der teilnehmenden Studenten erst während des Bietens begriffen: Normalerweise wird man für einen Dollar nur maximal 100 Cent bieten. Was aber passiert, wenn man mit 99 Cent der zweithöchste Bieter ist? Man büßt 99 Cent ein. Deshalb geht das Bieten weiter, denn wenn man z. B. 101 Cent bietet und den Zuschlag erhält, verliert man nur einen Cent. Allerdings hat das zu diesem Zeitpunkt der andere Bieter ebenfalls erkannt, das Bieten geht also weiter. Im extremsten Fall wurde die Dollarnote für 20 Dollar versteigert.
Der Psychologieprofessor Teger war auf die Idee dieses Versuchs zu kommen, weil es so schwer zu verstehen war, warum die US-Regierung den Vietnamkrieg immer weiter und weiter geführt hat, obwohl die Verluste immer größer wurden und den erwarteten Nutzen bei weitem überstiegen. Es war den Amerikanern einfach unmöglich, die bereits entstandenen Verluste zu akzeptieren und schnellstmöglich aufzuhören, obwohl das die beste Entscheidung gewesen wäre. - Vergleichbares gilt für viele Konflikte (aktuell zum Beispiel im Libanon), die immer weiter eskalieren und wo im Verlauf immer größerer Schaden entsteht.
1971, Zimbardos Gefängnisexeriment
Im Jahr 2001 wurde in Deutschland der Film „Das Experiment“ gezeigt, in dem eine Versuchsgruppe in zwei Untergruppen aufgeteilt wurde, die entweder die Wärter oder die Gefangenen unter möglichst realen Bedingungen spielten. Im Verlauf von sehr wenigen Tagen eskalierte im Film die Situation, es gab Tote.
Das Vorbild für den Film war ein 1971 von Philip Zimbardo durchgeführtes Experiment mit einer ebensolchen Aufgabenteilung. Im realen Leben gab es keine Toten, aber auch hier geriet nach wenigen Tagen die Situation vollkommen außer Kontrolle. Zimbardo selbst rutschte im Verlauf des Experiments immer stärker in die Rolle eines echten Gefängnisdirektors. Als es Gerüchte von einem geplanten Ausbruch der Häftlinge gab, überlegte er allen Ernstes die Verlegung der Gefangenen in ein richtiges Gefängnis.
Was mich in dem entsprechenden Abschnitt des Buchs am stärksten beeindruckt hat, und was nach meiner Erinnerung im Film nicht gezeigt wurde: Ein herbeigerufener katholischer Geistlicher empfahl einem Gefangenen, einen Anwalt zu konsultieren um freizukommen, anstelle ihm einfach zu raten, das Experiment zu beenden. Später verhandelte ein Anwalt, den die Eltern eines Gefangenen hinzugezogen hatten, über die Höhe einer Kaution und wie diese zu beschaffen sei. - Das heißt, die unmittelbar Beteiligten hatten ihre Rollen so sehr angenommen, dass auch mittelbar davon Betroffene (Priester, Anwalt, Eltern) von einer realen Situation ausgingen.
Reto Schneider, der Autor der „Verrückten Experimente“, bezeichnet übrigens diesen Versuch am Ende des Kapitels als den Vorläufer aller Reality-TV-Formate, weil Zimbardo seinen „Gefängnishof“ rund um die Uhr mit einer Videokamera überwachen ließ. Wer wollte ihm da widersprechen? Auch bei Big Brother & Co. gingen irgendwann die Beteiligten und die Zuschauer davon aus, sie würden wirklich leben und erleben was da gefilmt wird, es wäre die Realität.
Kategorien: Bücher
1961, Milgrams Elektroschockexperiment
Der Sozialpsychologe Stanley Milgram führt mit 500 Probanden das folgende Experiment durch, angeblich „um eine wissenschaftliche Untersuchung über Gedächtnisleistung und Lernvermögen“ zu machen, man wolle „den Einfluss von Strafen auf den Lernerfolg messen“: Jeweils ein Versuchsteilnehmer sollte einen zweiten überwachen. Wenn dieser eine Frage falsch beantwortet hatte, sollte ihm der erste einen elektrischen Schlag versetzen, für jede falsche Antwort 15 Volt mehr – bis zu einem Endwert von 450 Volt. Was die erste Versuchsperson nicht wusste, dass der zweite, der die elektrischen Schläge erhielt, ein Schauspieler war, der nur zum Schein jammerte, stöhnte, schrie und manchmal am Schluss verstummte.
Die Versuchsperson wurde in der Ausführung der Stromschläge vom Versuchsleiter bestärkt, wenn leise Zweifel an der Richtigkeit der eigenen Handlung aufkamen. Zwei Drittel aller Teilnehmer gingen bis zur Endspannung von 450 Volt. Tatsächlich war das Versuchsziel die Untersuchung der Wirksamkeit von „Gruppendruck“, und das Ergebnis hat seinerzeit viele überrascht. Milgram hat es seine Karriere gekostet, weil man solche Experimente nicht durchführen darf. Paradoxerweise waren ihm viele der Teilnehmer hinterher sehr dankbar, weil er ihnen Seiten ihrer Persönlichkeit gezeigt hat, die sie niemals für möglich gehalten hatten.
Dieses Experiment wird heute sehr häufig zitiert, wenn über den Holocaust, den Genozid in Ruanda, Folterungen im Irak oder andere Kriegsverbrechen diskutiert wird.
Als seine Studie publiziert wurde, hatte die Philosophin Hanna Arendt gerade vom Prozess gegen den Naziverbrecher Adolf Eichmann in Jerusalem berichtet. In ihren berühmt gewordenen Artikeln für die Zeitschrift The New Yorker stellte sie das Konzept der „Banalität des Bösen“ auf. Eichmann sei nicht das sadistische Ungeheuer, als das ihn der Staatsanwalt darzustellen versuche, sondern ein fantasieloser Bürokrat, der einfach seine Pflicht getan habe.1970, Tegers Versteigerung eines Dollars
Das passt genau zu Milgrams Experiment. Seine Versuchsteilnehmer waren weder besonders agressiv, noch empfanden sie Vergnügen, als sie dem Schüler Elektroschocks verabreichten. Ganz im Gegenteil: Viele wurden nervös, begannen zu schwitzen oder stritten sich mit dem Versuchsleiter, doch die Kraft, das Experiment abzubrechen, hatten nur wenige.
In diesem Versuch wurde jeweils ein Dollar versteigert und an den Meistbietenden verkauft. Im Unterschied zu normalen Versteigerungen musste jedoch auch der Zweitbietende seine Summe entrichten. Die Wirkung dieser Klausel haben viele der teilnehmenden Studenten erst während des Bietens begriffen: Normalerweise wird man für einen Dollar nur maximal 100 Cent bieten. Was aber passiert, wenn man mit 99 Cent der zweithöchste Bieter ist? Man büßt 99 Cent ein. Deshalb geht das Bieten weiter, denn wenn man z. B. 101 Cent bietet und den Zuschlag erhält, verliert man nur einen Cent. Allerdings hat das zu diesem Zeitpunkt der andere Bieter ebenfalls erkannt, das Bieten geht also weiter. Im extremsten Fall wurde die Dollarnote für 20 Dollar versteigert.
Der Psychologieprofessor Teger war auf die Idee dieses Versuchs zu kommen, weil es so schwer zu verstehen war, warum die US-Regierung den Vietnamkrieg immer weiter und weiter geführt hat, obwohl die Verluste immer größer wurden und den erwarteten Nutzen bei weitem überstiegen. Es war den Amerikanern einfach unmöglich, die bereits entstandenen Verluste zu akzeptieren und schnellstmöglich aufzuhören, obwohl das die beste Entscheidung gewesen wäre. - Vergleichbares gilt für viele Konflikte (aktuell zum Beispiel im Libanon), die immer weiter eskalieren und wo im Verlauf immer größerer Schaden entsteht.
1971, Zimbardos Gefängnisexeriment
Im Jahr 2001 wurde in Deutschland der Film „Das Experiment“ gezeigt, in dem eine Versuchsgruppe in zwei Untergruppen aufgeteilt wurde, die entweder die Wärter oder die Gefangenen unter möglichst realen Bedingungen spielten. Im Verlauf von sehr wenigen Tagen eskalierte im Film die Situation, es gab Tote.
Das Vorbild für den Film war ein 1971 von Philip Zimbardo durchgeführtes Experiment mit einer ebensolchen Aufgabenteilung. Im realen Leben gab es keine Toten, aber auch hier geriet nach wenigen Tagen die Situation vollkommen außer Kontrolle. Zimbardo selbst rutschte im Verlauf des Experiments immer stärker in die Rolle eines echten Gefängnisdirektors. Als es Gerüchte von einem geplanten Ausbruch der Häftlinge gab, überlegte er allen Ernstes die Verlegung der Gefangenen in ein richtiges Gefängnis.
Was mich in dem entsprechenden Abschnitt des Buchs am stärksten beeindruckt hat, und was nach meiner Erinnerung im Film nicht gezeigt wurde: Ein herbeigerufener katholischer Geistlicher empfahl einem Gefangenen, einen Anwalt zu konsultieren um freizukommen, anstelle ihm einfach zu raten, das Experiment zu beenden. Später verhandelte ein Anwalt, den die Eltern eines Gefangenen hinzugezogen hatten, über die Höhe einer Kaution und wie diese zu beschaffen sei. - Das heißt, die unmittelbar Beteiligten hatten ihre Rollen so sehr angenommen, dass auch mittelbar davon Betroffene (Priester, Anwalt, Eltern) von einer realen Situation ausgingen.
Reto Schneider, der Autor der „Verrückten Experimente“, bezeichnet übrigens diesen Versuch am Ende des Kapitels als den Vorläufer aller Reality-TV-Formate, weil Zimbardo seinen „Gefängnishof“ rund um die Uhr mit einer Videokamera überwachen ließ. Wer wollte ihm da widersprechen? Auch bei Big Brother & Co. gingen irgendwann die Beteiligten und die Zuschauer davon aus, sie würden wirklich leben und erleben was da gefilmt wird, es wäre die Realität.
Kategorien: Bücher
Donnerstag, 24.August 2006




