Reto U. Schneider: Das Buch der verrückten Experimente

Reto Schneider ist Wissenschaftsjournalist, in seinem Buch hat er diejenigen Studien verarbeitet, die er eigentlich wegwerfen wollte, weil er sie noch nirgends nutzbringend in seiner Arbeit verwenden konnte – sagt er. Ich glaube ihm das nicht, zu interessant sind dazu die von ihm zusammengetragenen Experimente. Einige davon waren mir schon bekannt, aber die biografischen Details über die Experimentatoren, über ihr Leben davor und wie die geschilderten Experimente ihr Leben verändert haben, machen das Buch auch bei diesen zu einem echten Gewinn.

Es ist mir aufgefallen, dass die ungewöhnlichsten Experimente entweder menschliches Verhalten untersuchen oder etwas über menschliches Verhalten aussagen, so als ob alle anderen Wissenschaftsgebiete nichts Groteskes zu bieten haben.

Im Folgenden ein paar der Experimente aus dem Buch. Ich habe mich dabei an die chronologische Reihenfolge gehalten, in der alle Experimente auch im Buch geordnet sind.

1883, Ringelmanns „Tauziehen“-Experiment
In diesem Experiment wurde die Kraft gemessen, die eine verschieden große Zahl von Menschen beim Tauziehen aufbringt. Eigentlich vermutet man, dass die Kraft proportional zur Anzahl der Beteiligten ansteigt. Tut sie aber nicht. Je mehr Leute am Tau ziehen, desto weniger strengt sich der Einzelne an.

Zunächst hat man an einen Designfehler geglaubt, zum Beispiel dass die Beteiligten zu unterschiedlichen Zeiten am stärksten ziehen, sodass die Kraftsumme stets unterhalb der Summe der Maximalkräfte liegt. Diese Vermutung konnte inzwischen aber widerlegt werden. Das Experimentalergebnis finde ich so bemerkenswert, weil hier vielleicht eine psychologische Ursache dafür liegt, warum Privateigentum bis jetzt besser als gesellschaftliches Eigentum funktioniert hat: Wenn der Einzelne nur für sich arbeitet, strengt er sich womöglich mehr an.

1914, Köhlers Affen-Bananen-Turm-Experiment
Dass Affen Werkzeuge verwenden, ist schon lange bekannt. Der deutsche Psychologe Köhler hat Affen vor die Aufgabe gestellt, sich eine Banane von der Decke zu hangeln. Kommen sie springend an die Banane heran, ist das kein Problem. Schwieriger ist es, wenn die Banane zu hoch dafür hängt. Sie brauchen sehr lange, um eine herumstehende Kiste unter die Banane zu schieben, darauf zu klettern und so die Banane zu angeln.

Wenn sie das geschafft haben und die Banane noch höher hängt, sie also zwei Kisten benötigen würden, scheitern sie fast ausnahmslos. Hier liegt ein entscheidender Unterschied zum Menschen. Wenn er die erste Aufgabe mit einer Kiste gemeistert hat, ist die Erweiterung auf zwei überhaupt kein Problem mehr. Dieses Experiment hat mich an Chomsky erinnert. Menschliche Sprache ist rekursiv. Durch Schachtelung immer neuer Satzbestandteile kann man aus einer endlichen Anzahl von Wörtern Sätze bzw. Texte von beliebiger Komplexität erzeugen. Denken und Sprache hängen zusammen, die Lösung der Bananenaufgabe ist rekursiv.

1951, Hebbs Experiment mit dem absoluten Nichtstun
Der Psychologe Donald Hebb hat Versuchspersonen die Arme in Röhren eingebunden, über die Hände dicke Handschuhe gezogen, sie in einen schallisolierten Raum mit ganz wenig diffusem Licht gesteckt und dort mehrere Tage verbringen lassen. Das sollte die Theorie prüfen, dass für ein normales Funktionieren des Gehirns ständige Sinnesreize unverzichtbar sind. Keiner der Probanden hielt es länger als drei Tage aus.
Die Studenten gaben sich schließlich Tagträumen hin, ließen ihre Gedanken wandern. Psychotests zeigten, dass die Isolation ihre Denkfunktionen stark beeinträchtigte. Das wichtigste war jedoch ein unerwarteter Effekt: Alle Versuchspersonen hatten Halluzinationen. Sie sahen plötzliche Farbwechsel, tapetenartige Muster, aber auch komplexe Szenen: prähistorische Tiere im Dschungel oder eine Prozession aus Eichhörnchen mit geschulterten Säcken, die durch den Schnee gingen.
Fortsetzung: Das Milgram- und das Zimbardo-Experiment, Tegers Versteigerung eines Dollars.

Kategorien: Bücher

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Kommentare hier ...

Der Artikel über den Atheismus in der...
Köppnick - 19. August, 19:26
Es ist schon ein großer Unterschied...
Talakallea Thymon - 19. August, 13:09
Also der Satz, dass es irrelevant ist, dass...
steppenhund - 18. August, 14:37
Noch eine Ergänzung
Gregor Keuschnig - 18. August, 14:00
@beide
steppenhund - 18. August, 13:52
Mittelfristig ist Russland keine Grossmacht...
Gregor Keuschnig - 18. August, 10:13
Naja,
Gregor Keuschnig - 18. August, 09:21
Nachtrag
Köppnick - 17. August, 12:26
@Peter Viehrig
Köppnick - 16. August, 08:46
Ein paar Einsprüche
Peter Viehrig - 16. August, 07:41