Frank Schirrmacher: Minimum
Ich gebe zu, ich habe dieses Buch voreingenommen begonnen zu lesen. Immerhin ist Frank Schirrmacher Herausgeber der Frankfurter Allgemeinen, die wegen ihrer politischen Ausrichtung nicht gerade zu meiner bevorzugten Lektüre gehört. Dann fand ich das Buch doch recht gut geschrieben, besonders der abschließende Teil mit der Rolle der Frau in der Zukunft gefiel. Im Abstand von einigen Wochen kamen meine Zweifel zurück. Den Ausschlag, doch noch meinen Senf zu diesem Buch abzugeben, lieferte der Telepolisartikel Die Familie ist tot, es lebe die Familie.
Frank Schirrmacher singt im Buch das Hohelied der Familie, und er macht den Wert der Familie vor allem mit seinem Beispiel vom Überleben einer kleinen Gruppe von Siedlern am Donnerpass 1846 deutlich. Bei anderen Rezensionen seines Buches beschränkt man sich meistens auf dieses eine Beispiel, für mich zählen zum Kernbestand noch zwei weitere:
Dieses Beispiel steht ganz am Anfang und nimmt gewissermaßen die zentrale Botschaft des gesamten Buches vorweg: Blut ist dicker als Wasser, wenn es hart auf hart kommt, kann man sich nur auf seine Verwandten verlassen, weil diese einen ohne Vorbedingungen und Gegenleistungen unterstützen werden, wenn es notwendig wird.
Eigentlich sollte das nicht überraschen, wenn man sich bestimmte Beobachtungsergebnisse der Biologie und der Anthropologie in Erinnerung ruft. Im größten Teil unserer Vergangenheit haben Menschen in kleinen Clans zusammengelebt, deren Mitglieder miteinander versippt und verschwägert waren. Die anderen Primaten leben heute noch so. Zum Überleben waren und sind diese Gruppen darauf angewiesen, dass jeder jedem hilft.
Bereits das zweite Beispiel, der Brand in dem Hotelkomplex, belegt die These von der höheren Überlebenswahrscheinlichkeit der Familien gegenüber Freundesgruppen oder Singles nicht mehr. Man kann dort stattdessen, in Bezug auf das vorige Ergebnis, zwei vollkommen neue Erkenntnisse gewinnen:
Offensichtlich ist es nicht der absolute Grad an Reichtum (oder Armut), der den Kinderwunsch begrenzt, sondern das von der Gesellschaft insgesamt vermittelte Empfinden, im eigenen Leben etwas zu verpassen, wenn man sich Kinder „aufbürdet“. Man kann offensichtlich nicht alles gleichzeitig haben: Erfolg im Beruf, Spaß im Privatleben und gleichzeitig viele Kinder. Deshalb werden wohl beide Ansätze scheitern:
Es ist die Marktwirtschaft selbst, die das „Kinderproblem“ nicht lösen kann. Wer die gesamte Gesellschaft ökonomisch organisiert, also elementare Lebensbestandteile und -probleme wie Krankheit, Rente, Bildung in Produkte zergliedert und Angebot und Nachfrage unterwirft, der bekommt von den in dieser Wirtschaft lebenden Menschen, den „Marktteilnehmern“, den Spiegel vorgehalten: Die Produktion von Menschen (=Kindern) „rechnet sich nicht“, die Gesellschaft betrachtet als Erfolg des Einzelnen zuerst seinen individuellen ökonomischen.
Es gibt meiner Meinung nach nur zwei Lösungen:
Kategorien: Bücher, Frauen
Frank Schirrmacher singt im Buch das Hohelied der Familie, und er macht den Wert der Familie vor allem mit seinem Beispiel vom Überleben einer kleinen Gruppe von Siedlern am Donnerpass 1846 deutlich. Bei anderen Rezensionen seines Buches beschränkt man sich meistens auf dieses eine Beispiel, für mich zählen zum Kernbestand noch zwei weitere:
- Er beschreibt die Ereignisse in einem Hotelkomplex auf der Isle of Man im Jahr 1973, als dort ein großer Brand viele Todesopfer gefordert hat.
- Er schildert die schwierige Situation in Deutschland nach dem 2. Weltkrieg, als viele Männer nicht mehr aus dem Krieg zurückgekehrt sind, das Land wiederaufgebaut und die vielen Vertriebenen integriert werden mussten.
Dieses Beispiel steht ganz am Anfang und nimmt gewissermaßen die zentrale Botschaft des gesamten Buches vorweg: Blut ist dicker als Wasser, wenn es hart auf hart kommt, kann man sich nur auf seine Verwandten verlassen, weil diese einen ohne Vorbedingungen und Gegenleistungen unterstützen werden, wenn es notwendig wird.
Eigentlich sollte das nicht überraschen, wenn man sich bestimmte Beobachtungsergebnisse der Biologie und der Anthropologie in Erinnerung ruft. Im größten Teil unserer Vergangenheit haben Menschen in kleinen Clans zusammengelebt, deren Mitglieder miteinander versippt und verschwägert waren. Die anderen Primaten leben heute noch so. Zum Überleben waren und sind diese Gruppen darauf angewiesen, dass jeder jedem hilft.
Bereits das zweite Beispiel, der Brand in dem Hotelkomplex, belegt die These von der höheren Überlebenswahrscheinlichkeit der Familien gegenüber Freundesgruppen oder Singles nicht mehr. Man kann dort stattdessen, in Bezug auf das vorige Ergebnis, zwei vollkommen neue Erkenntnisse gewinnen:
- Während Familien versucht haben, sich gegenseitig zu helfen und zu retten, zählten Freundschaften bei der einsetzenden Panik nicht mehr. Jeder hat für sich allein versucht zu entkommen. Die Überlebenswahrscheinlichkeit von Familien war aber nicht höher als die der anderen Gruppen oder Einzelpersonen, weil viele Familienmitglieder beim Versuch, ihre Angehörigen zu retten, selbst umgekommen sind.
- Familien und Einzelpersonen haben unterschiedliche Fluchtwege benutzt. Während Familien vor allem durch die normalen Ein- und Ausgängen entkommen wollten, haben Einzelpersonen auch die Ausgänge benutzt, die normalerweise verschlossen und nur als Fluchtwege vorgesehen waren. Das unterschiedliche Verhalten ist verständlich, denn die Familien mussten sich zu einer gemeinsamen Flucht zunächst einmal finden, und da liegt ein Treff an Orten nahe, die man zuvor schon gemeinsam benutzt hat. Einzelpersonen hingegen haben einfach den nächstliegenden gekennzeichneten Fluchtweg benutzt.
Offensichtlich ist es nicht der absolute Grad an Reichtum (oder Armut), der den Kinderwunsch begrenzt, sondern das von der Gesellschaft insgesamt vermittelte Empfinden, im eigenen Leben etwas zu verpassen, wenn man sich Kinder „aufbürdet“. Man kann offensichtlich nicht alles gleichzeitig haben: Erfolg im Beruf, Spaß im Privatleben und gleichzeitig viele Kinder. Deshalb werden wohl beide Ansätze scheitern:
- Der Weg des Appells an die heile Familie (stockkonservativ wie es sich zum Beispiel im Ehegattensplitting äußert oder neokonservativ wie hier bei Schirrmacher).
- Der Weg einer verstärkten Umverteilung von kinderlosen zu kinderreichen Familien, die staatliche Alimentierung auf unterschiedlichste Weise.
Es ist die Marktwirtschaft selbst, die das „Kinderproblem“ nicht lösen kann. Wer die gesamte Gesellschaft ökonomisch organisiert, also elementare Lebensbestandteile und -probleme wie Krankheit, Rente, Bildung in Produkte zergliedert und Angebot und Nachfrage unterwirft, der bekommt von den in dieser Wirtschaft lebenden Menschen, den „Marktteilnehmern“, den Spiegel vorgehalten: Die Produktion von Menschen (=Kindern) „rechnet sich nicht“, die Gesellschaft betrachtet als Erfolg des Einzelnen zuerst seinen individuellen ökonomischen.
Es gibt meiner Meinung nach nur zwei Lösungen:
- Entweder man versucht es marktwirtschaftlich: Man kauft Menschen dort ein, wo sie billiger als bei uns produziert werden können. Dieser Weg führt in die Sackgasse. Wem nicht schon beim Lesen des vorvorigen Satzes eine Gänsehaut den Rücken heruntergelaufen ist, der wird aber doch einsehen, dass die so importierten Menschen, um „wirtschaftskompatibel“ gemacht (oder euphemistisch "integriert") zu werden, sehr schnell unsere Wertvorstellungen übernehmen (müssen).
- Oder man gibt Marktwirtschaft auf allen den Gebieten auf, die unmittelbar menschliches Leben betreffen, d.h., wie oben bereits erwähnt für Krankheit, Rente, Bildung und Kinder. Allerdings vermute ich, dass damit der Marktwirtschaft als Ganzes der Boden entzogen wird, weil eine ausbeutungsfreie Zone für die meisten Menschen attraktiver sein wird als die andere, marktwirtschaftliche, mit ihrem Arbeitszwang.
Kategorien: Bücher, Frauen
Sonntag, 16.Juli 2006




