Wo man keine Atombombe kaufen kann, gibt es keinen freien Markt

Eigentlich wollte ich den Telepolis-Artikel Erfolgreiche Staaten sind selbstgerecht und unbeweglich geworden gleich wieder verlassen, als meine Aufmerksamkeit von einem Kommentar gefesselt wurde. (Der Artikel selbst ist in dem für viele Beiträge über internationale Politik so charakteristischen Gedankenspagatstil verfasst. Für diesen Stil ist typisch, dass sich jeder politisch denkende Mensch nach dem Lesen in seiner Meinung bestätigt fühlt. Ich habe bis jetzt noch nicht hundertprozentig verstanden, wie man so etwas macht, das ist jedoch ein ganz anderes Thema.)

Aber der Kommentar Wo man keine Atombombe kaufen kann, gibt es keinen freien Markt ist wirklich klasse, sodass ich ihn hier in voller Länge wiedergeben möchte. Besonders gelungen finde ich die Wortkreationen "totale Demokratien" und "selbstgedruckte Gewinnerwartungszertifikate".

Das Lesen der Telepolisdiskussionen ist immer etwas mühsam, weil es keine einzige Darstellungsform gibt, die alle Kommentare ausklappt und ein chronologisches Verfolgen ermöglicht.

"yossarian" schrieb:
Wo man keine Atombombe kaufen kann, gibt es keinen freien Markt

Hach, wie ist das lustig. Im Grunde sagt der IWF-Kollege doch nur: "Die VSA nutzen das kapitalistische System in Kombination mit dem Nationalstaat gemeinsam. Dies ist wider die Reine Lehre aus dem BWLer-Handbuch. Böse VSA, böse Möse."

Denn wie wir alle wissen, sind die VSA keineswegs kapitalistisch, sondern national-kapitalistisch organisiert:
  • Sie verweigern Einfuhren wenn es ihnen paßt.
  • Sie erheben Zölle, wenn es ihnen paßt.
  • Sie liefern ihre Güter nicht an jeden: An Kuba, Libyen, Iran, Nordkorea z.B nicht, wo ist sie da, die Freihandelsideologie? Übrigens: Alle diese Staaten wollen gerne mit den VSA handeln. Sogar zu kapitalistischen Bedingungen. Der Iran würde z.B. gerne Nukleartechnologie mit harten Dollars in den VSA einkaufen. Zum Weltmarktpreis, selbstverständlich. Kriegt er aber nicht. Auch an viele andere Staaten werden bestimmte Güter nicht geliefert. Die Blaupausen für die Peacemaker (eine sehr effektive Atomrakete der VSA) gibt es nicht mal für teuer Geld auf dem Schwarzmarkt. Das kann doch gar nicht sein, schließlich predigen sie uns täglich den freien Markt daher....
  • Sie predigen ein System von "Freedom and Democracy", das aber noch in keinem Staat, in dem sie vorgeblich dafür Krieg geführt haben, verwirklicht wurde. Stattdessen wurden dort im Siegesfall immer willfährige Diktatoren installiert. Diktatoren sind allerdings mit einem freien Markt unvereinbar. Das Endziel ist atomistische Konkurrenz, selbstverständlich auch im Politischen. Totale Demokratie eben.
  • Die VSA unterhalten gewaltige Kombinate zum Kriegswaffenbau, daneben umfangreiche Subventionen für die angegliederte Kriegswaffenindustrie. Staatliche Subventionierung solcher Unternehmungen ist wohl eher planwirtschaftlich, als marktwirtschaftlich.
  • Sie unterhalten eine Unmenge an Geheimdiensten und geheimdienstähnlichen Organisationen. Auch das ist wohl kaum mit den Marktgesetzen in Einklang zu bringen.
  • Sie stehlen über ihre Geheimdienste Patente von anderswo, wohingegen sie die eigenen Patente mit Waffengewalt verteidigen. Auch hier haben wir es wohl kaum mit Marktwirtschaft zu tun.
  • Ach ja, wer in den VSA ein bestimmtes Volumen an Gütern absetzen will, der *MUß* dort Produktionsstätten errichten. Auch das ist wohl kaum mit dem Freihandel vereinbar.
  • Die VSA behindern systematisch den freien Handel bestimmter Güter, sowohl intern als auch extern: Pornographische Erzeugnisse, unliebsame Information, Wählerstimmen, Alkohol, Tabak, Drogen und Drogengrundstoffe, Handel mit selbstgedruckten Gewinnerwartungszertifikaten (col. Falschgeld) usw. usw. All das ist dort verboten. In einem freien Markt gibt es derlei künstliche Beschränkungen nicht.
Damit man mich nicht falsch versteht: Die VSA sind ein klassischer Nationalstaat, der seine Interessen wahrt. Der Unterschied zu allen anderen Nationalstaaten ist lediglich der, daß die VSA den Freihandel und den Kapitalismus predigen, während sie sich selbst nun mal gerade gar nicht daran halten.

Der größte Trick des Teufels war immer schon der, daß er es fertig brachte, daß man nicht ihn, sondern einen anderen für den Teufel hielt.

mfG, yossarian (Marx und Adam Smith: Es schlagen, ach, zwei Herzen in meiner Brust...)
Lustig fand ich auch die bisher einzige Antwort auf diesen Kommentar, in dem seine Aussage bzgl. der selbstgedruckten Gewinnerwartungszertifikate (=Falschgeld) in Zweifel gezogen und auf einen Wikipedia-Artikel zum Selbstdrucken eben jener verwiesen wurde.

Kategorien: Politik
Gregor Keuschnig - 22. April, 12:39

Lustig

Der Kommentar kann nur ironisch gemeint sein, zeigt jedoch welch eine Gesellschaft bei freier Auslegung marktlibertärer Ideologie auf uns zukommen würde.

Was der Kommentator für die "VSA" (!) feststellt, gilt im übrigen fast ausnahmslos für alle westlichen Staaten; der Protektionismus ist stärker ausgeprägt, als man denkt. Insofern ist die Fixierung auf die USA falsch - man könnte ähnliches zur Landwirtschaftspolitik der EU formulieren.

Anderes stimmt in der Vereinfachung nicht - etwa wenn er davon spricht, dass immer willfährige Diktatoren implementiert wurden. 1945 war es anders; für die Zeit danach stimmt es allerdings.

Dem Autor ist m. E. schon klar, dass es weder den "freien Markt" in Reinform gibt (aus einem "BWL-Buch" schon mal gar nicht) , noch die "totale Demokratie". Beides wären Alpträume.

Köppnick - 22. April, 12:58

Sicher?

Ironisch war er sicher nicht. Er zeigt meiner Meinung nach, dass der Autor der Meinung ist, dass sich hinter den Forderungen nach Freiheit und Demokratie genauso die Durchsetzung eigener Interessen verbirgt, wie hinter jeder anderen politischen Strategie, und das sie in anderen Fällen genauso opportunistisch durch knallharten Protektionismus ersetzt wird. Gerade so, wie es einem in den Kram passt. Das ist keinesfalls prinzipienlos, weil es ja einem klaren Prinzip folgt: "Erst komme ich, dann kommt eine ganze Weile nichts, und dann vielleicht ..."
Gregor Keuschnig - 22. April, 13:11

Hm

Die Meinung des Autors, die Du herausliest, sehe ich auch. Vielleicht war ironisch tatsächlich falsch und ich hätte lieber "zynisch" oder "sarkastisch" sagen sollen. In keinem Fall glaube ich, dass der Autor ernsthaft den "freien Handel" - Blaupausen für Alle ! - will.

Allerdings komme ich bei diesen Überlegungen immer auf den gleichen Gedanken: Warum schrecken uns Atomwaffen in Händen anderer Länder? Sind die Waffen bei den "regulären" Atommächten besser aufgehoben? Ich glaube, wir täuschen uns: Da bisher "nichts" passiert ist, soll auch alles so bleiben. Nur: Wenn ich dauernd meinen Nachbarn beleidige und im Hintergrund mein Waffenarsenal als Drohung stehen habe, so muss ich mich doch nicht wundern, wenn er auch solches "Spielzeug" haben will.

Bei Nordkorea fällt mir übrigens ein, dass der Disney-Konzern (m. W. grosser Spendengeber der Republikaner der USA) jahrelang etliche Zeichentrickfilme in Nordkorea hat zeichnen lassen - die Leute waren einfach billiger. Der Import der notwendigen Computer stellte kein Problem dar.

Nach 1945 haben die USA nur fehlgegriffen. Selbst die "Befreiung Kuwaits" hat nur das alte, anti-demokratische Regime wieder re-installiert.
gruber - 26. April, 17:15

Geheimdienste

Wieso sind Geheimdienste nach Marktgesetzen nicht erlaubt, solange sie Interessen von Marktteilnehmern vertreten? Im Prinzip geht es doch darum, daß auch die Administration ihren Preis hat und sich kaufen läßt...

Köppnick - 26. April, 19:22

Richtig

Am Ende des Postings wurde ja auch gesagt, dass man den VSA keinen Vorwurf daraus machen kann, dass sie wie ein Nationalstaat handeln. Der Vorwurf ergibt sich nur aus dem Verlangen des Einhaltens des Freihandels durch andere, wenn es für die VSA nützlich ist. Es ging in dem Posting um den Dissens zwischen eigenem Handeln und den Sonntagsreden. Freilich kann man auch da die Schraube noch ein Stück weiter anziehen und konstatieren, dass auch das Lügen eine politische Handlung ist, die im Sinne der Durchsetzung eigener Interessen legitim ist.
gruber - 28. April, 01:13

Lüge

Ja selbstverständlich! Verzicht auf Wahrheit ist ziemlich preiswert.

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Kommentare hier ...

Der Artikel über den Atheismus in der...
Köppnick - 19. August, 19:26
Es ist schon ein großer Unterschied...
Talakallea Thymon - 19. August, 13:09
Also der Satz, dass es irrelevant ist, dass...
steppenhund - 18. August, 14:37
Noch eine Ergänzung
Gregor Keuschnig - 18. August, 14:00
@beide
steppenhund - 18. August, 13:52
Mittelfristig ist Russland keine Grossmacht...
Gregor Keuschnig - 18. August, 10:13
Naja,
Gregor Keuschnig - 18. August, 09:21
Nachtrag
Köppnick - 17. August, 12:26
@Peter Viehrig
Köppnick - 16. August, 08:46
Ein paar Einsprüche
Peter Viehrig - 16. August, 07:41