Freiheit zur Muße

"Freiheit zur Muße", so war ein Artikel in der Thüringer Allgemeinen vom 14.1.2006 überschrieben. Weil mein Kollege durch dieses Interview offenbar so entschleunigt war, dass er mir erst jetzt davon berichtet hat, kann ich den Text erst heute ins Netz stellen. Enjoy!

Freiheit zur Muße

Selbst das Bundespräsidialamt kann sich eine Art Grundsicherung für jedermann vorstellen - kommt er nun also doch, der Freizeitpark Deutschland?

Viel Freizeit haben diejenigen schon jetzt, für die es keine Arbeit mehr gibt. Nur können sie nicht viel damit anfangen, weil sie stigmatisiert werden und weil es ihnen oft am Nötigsten fehlt. Das weiß wohl auch der Bundespräsident. Ich bin allerdings nicht sicher, ob er gemeint hat, was wir meinen: ein bedingungsloses Grundeinkommen ohne jede Gegenleistung. Auch einige Grundeigentumsbefürworter halten an der Verpflichtung zur Gegenleistung fest.

An welche Summe dachten Sie denn so?

Das wäre politisch zu entscheiden, aber erst dann real zu bemessen, wenn man sich auch wirklich zur Umsetzung entschließt. Unter anderem müssten Größen wie das Preisniveau, Geldwert oder die Kaufkraft einfließen. Prinzipiell gilt: so hoch wie möglich.

Götz W. Werner, Gründer der Drogeriemarktkette DM und einer Ihrer namhaftesten Fürsprecher aus dem Unternehmerlager, spricht von monatlich 1500 Euro?

Es gibt eine Berechnung für 1998, sprich ein Modell für den Fall, dass man das Grundeinkommen unter den damaligen Bedingungen eingeführt hätte. Danach würde es mit 600 € für Erwachsene bzw. 300 Euro für Kinder funktionieren. Einer Familie mit zwei Kindern brächte das eine monatliche Grundsicherung von 1800 € ein, und die Eltern könnten frei entscheiden, ob sie zusätzlich einer Erwerbstätigkeit nachgehen wollen. Die Rückprojektion zeigt: es wäre finanzierbar gewesen.

Wo käme das Geld her?

Beim oben erwähnten Berechnungsmodell funktioniert es noch mit der derzeit geltenden Einkommenssteuererhebung. Günstiger und effektiver wäre allerdings die auch von Götz W. Werner favorisierte Umstellung auf eine Verbrauchs- bzw. Konsumsteuer, die im Inland erhoben würde. Nicht der nominale Geldbesitz würde dabei besteuert, sondern seine Nutzung.

Konsumsteuer gleich Mehrwehrtsteuer - wieviel?

Auch das wäre eine politische Entscheidung. Götz W. Werner spricht manchmal von 48 Prozent - das wäre ungefähr die gegenwärtige Staatsquote.

Auch wer nicht arbeitet, soll gut essen - ist das schon Kommunismus oder kommt es noch besser?

Es ist eine Möglichkeit, die den Menschen - insbesondere unter den derzeitigen Bedingungen des Arbeitsmarktes - die Freiheit der Entscheidung über ihr Leben zurückgibt. Diese Freiheit der Bürger, wie wir sie meinen, ist mehr als nur Existenzsicherung oder Armutsschutz.

Das klingt aber dann doch nach bezahlter Faulheit.

Dass sich dann alle auf die faule Haut legen werden, ist ein gängiges Totschlag-Argument, aber aus unserer Sicht unbegründet. Die meisten Menschen, die einen Beruf ausüben, tun dies auch heute vorrangig nicht des Geldes wegen, sondern weil sie ihren Beruf als Herausforderung empfinden und dabei ihren Interessen und Neigungen nachgehen. Was wenn sie es nicht tun? Jeder darf faul sein, wenn er es sein will. Es bedarf dazu keines Rechtes auf Faulheit. Ohnehin ist Müßiggang nicht gleich Faulheit. Nur weil sich jemand mit etwas beschäftige, was nicht den heutigen Leistungsvorstellungen am Arbeitsmarkt entspricht, muss er deswegen nicht faul sein. Mein Vertrag als Wissenschaftler bei der Uni läuft bald aus, die Stellenlage an Uni's ist miserabel. Mit einem Grundeinkommen könnte ich weiterforschen und bräuchte keine Uni als Arbeitgeber. Mit einem Grundeinkommen müsste sich niemand mehr Sorgen machen. Das Misstrauen gegen den Einzelnen in unserem Land ist das größte Hindernis für Reformen.

Wie kapitalistisch wäre eine solche Gesellschaft noch?

Die Frage ist eigentlich obsolet. Das Kapital, die großen Unternehmen haben gar nicht die Macht, die wir ihnen gelegentlich zusprechen - es sei denn, wir geben sie ihnen. Sowieso wäre es - käme die Konsumbesteuerung - egal, wo Firmen ihren Hauptsitz hätten. Sobald ihre Güter in Deutschland verkauft werden, gibt es eine Abschöpfungsmöglichkeit. Diskutiert wird über Grundeinkommen seit gut einem Vierteljahrhundert - Arbeitsloseninitiativen argumentierten damals für ein Existenzgeld, nur so könne man etwas gegen das leidige Image der Sozialschmarozzerei tun.

Warum sollte, was damals schon nicht realisierbar war, heute funktionieren?

Weil man nach 20 Jahren ständig steigender Arbeitslosigkeit trotz immer neuer Rezepte weiß, dass all die Beschäftigungsprogramme folgenlos blieben. Weil man weiß, dass auch die Subventionierung von Arbeit nichts gebracht hat. Wenn man es mit der Demokratie und den Bürgern als ihrem Fundament wirklich ernst meint, gibt es zum bedingungslosen Einkommen keine Alternative. Sowieso benötigen freie Bürger keine Volkspädagogen.

Immerhin setzt auch die neue Bundesregierung einiges daran, mehr Menschen in Beschäftigung zu bringen, gerade wurde ein Investitionsprogramm beschlossen ...

Die Erfahrung zeigt, dass es zu nichts führt. Vollbeschäftigung ist kein Selbstzweck. Entscheidend ist, dass wir Werte schaffen, wenn wir dazu weniger Arbeitskraft benötigen, um so besser - auch wenn Politiker dies nicht eingestehen. Wir können nicht einerseits Rationalisierung und modernere Produktionsmethoden wollen, andererseits aber darüber klagen, dass Innovationen Arbeitsplätze abbauen. Das uns Maschinen die Arbeit abnehmen, ist ja gerade ein Zeichen unseres Fortschritts und Wohlstandes. „Neue" Jobs wie Tütenpacken oder Türaufhalten, die zudem noch subventioniert werden, sind keine Alternative.

Nochmal in die 80-er: Frauenbewegungen sahen selbst akzeptable Mindesteinkommen mit Skepsis, weil sie denen den Rücken stärken würden, die sagen, mit eigenem Geld könnten Frauen ja wieder daheim bei Kindern und Herd bleiben.

Die Frauenbewegung muss sich meines Erachtens den Vorwurf gefallen lassen, zu sehr dem von ihr eigentlich kritisierten Ideal angehangen zu haben, der Mensch könne nur durch Arbeit seelig werden. Damit hat sie keinen Schritt in die Zukunft; sondern einen in die Vergangenheit gemacht. Sie hätte damals schon das bedingungslose Grundeinkommen fordern sollen.

Immerhin stritten Frauen lange dafür, in der Gesellschaft mittun zu können.

Aber um den hohen Preis der Arbeit um des Erwerbs wegen. Mit einem Grundeinkommen hätten sie die völlig freie Entscheidung, ob sie arbeiten gehen oder bei den Kindern bleiben wollen. Die Väter übrigens ebenso. Jedenfalls könnten sie sich der Verantwortung für die Familie nicht mehr mit dem Argument entziehen; sie müssten ja das Geld verdienen.

Es gibt auch Stimmen, die in Hartz IV so etwas wie eine Grundsicherung sehen...

... was angesichts der Art und Weise, wie man da die Hosen runter lassen muss, der größte Hohn ist. Nochmal DM-Chef Werner: er hat mal gesagt, Hartz IV sei wie offener Strafvollzug - zu Recht, wie ich finde.

Hartz IV ohne Bedingungen - wäre das ein Anfang?

Wenn es denn um den bloßen Geldwert ginge. Es geht aber um Freiheit. Eine Möglichkeit frei zu entscheiden hat man mit dieser Form von Hartz IV nicht.

Alle reden von der Notwendigkeit, den Sozial- und Wohlfahrtsstaat zurückzufahren - mit Ihrem Grundeinkommen bekämen wir soviel Wohlfahrt wie noch nie.

Viel Wohlfahrt, aber dafür so wenig Staat wie nie zuvor. Einerseits schafft das bedingungslose Grundeinkommen ein hohes Maß an Absicherung für jedermann. Andererseits erlaubt es die Abschaffung aller bevormundenden Institutionen - Kontrollapparate, die dann nicht mehr gebraucht werden. Weil der Einzelne grundsätzlich abgesichert ist, kann er viele Aufgaben des Staates selbst in die Hand nehmen.

Hand aufs Herz: Wann haben wir das Grundeinkommen in der Tasche?

Brasilien hat es schon, wenn auch sehr niedrig - dort ist es ein Anfang der sozialen Sicherung. Wir bräuchten zunächst eine öffentliche Diskussion, dann könnte es schnell gehen.

Wie schnell?

Von heute auf morgen geht es natürlich nicht, dazu sind die erforderlichen institutionellen Umstellungen, die ja zudem mit einer grundlegenden Steuerreform verbunden sein sollten, zu gewaltig.

Wer putzt dann die Klos?

Die, die es wollen, auch heute wird dazu niemand gezwungen. Vielleicht würde es besser bezahlt werden müssen. Ordentlich dazu zu verdienen, wäre auch mit einem Grundeinkommen keinesfalls verboten.

Erfragt von Hanno MÜLLER

ZUR PERSON: Unser Gesprächspartner Dr. Sascha Liebermann (Jg. 1967) studierte Philosophie, Soziologie und Psychoanalyse in Frankfurt und promovierte zur Krise der Arbeitsgesellschaft aus Unternehmenssicht. 2003 war er Mitgründer der Inititative „Freiheit statt Vollbeschäftigung". Sascha Liebermann ist wissenschaftlicher Assistent an der Fakultät für Wirtschaftsund Sozialwissenschaften der Universität Dortmund.
Nachtrag, 9.4.2006: Ich bin auf diesen Beitrag gestoßen: Grundeinkommen für alle - und schon geht's bergauf?. Dort hat auch Herr Liebermann einen Kommentar geschrieben, dem man einen Link auf seine Homepage und die seiner Kollegen entnehmen kann: Freiheit statt Vollbeschäftigung.

Kategorien: Visionen
Reh Volution - 28. März, 21:22

Atzung

Mit Adleraugen beobachtet , geschnappt und mundgerecht verabreicht.
Ein Genuß !

Köppnick - 28. März, 21:24

2 Anmerkungen

Unter dem Titel Komplexitätsfalle Soziale Gerechtigkeit wird ein ähnliches Modell diskutiert. Die 50%ige Besteuerung wird dort auf die Einkommen erhoben und nicht wie bei Liebermann eine 48%ige auf den Verbrauch.

Auch wenn Liebermann es abstreitet, natürlich ist sein Ansatz ein Frontalangriff auf den Kapitalismus. Dessen Grundprinzip ist nunmal der Arbeitszwang, um sich seitens der Kapitalbesitzer den Mehrwert aneignen zu können. Jegliche alternativen Ansätze gehen aber stets vom Primat der Bedürfnisbefriedigung aus. Außerdem vergisst Liebermann, dass die Steuererhebung in seinem Modell eine genügend hohe Produktion im Inland voraussetzt. Wenn aber über das Modell der Anreiz fürs Kapital zur Produktion im Inland nicht mehr vorhanden ist, ergreift es die Flucht. In der Konsequenz daraus erfordert das Modell die Änderung der Besitzverhältnisse. Auch das ist mit den kapitalistischen Verhältnissen nicht kompatibel.

Schlussfolgerung: Es scheitert nicht an der Nichtfinanzierbarkeit, sondern daran, dass das heutige System Profiteure hat, die über großen Einfluss in der Politik und Wirtschaft verfügen und kein Interesse daran haben, dass sich die bestehenden Verhältnisse zu ihren Ungunsten ändern.

gruber - 29. März, 23:28

Mögliches Problem

Werner möchte praktisch nur die Mehrwertsteuer behalten. Damit gibt man zweierlei auf:

1. Den Gedanken der Umverteilung. Die "Gründerväter" des Kapitalismus waren sich einig, daß zum Zwecke der Stabilisierung des Systems eine Triebkraft existieren muß, die die Einkommensschere entgegen der dem Kapitalismus immanenten Dynamik wieder zusammenzwingt, damit sie nicht aus dem Ruder läuft. Verbrauchssteuern können nicht umverteilen.

2. Die Steuerungswirkung von Steuern. Da an vielen Stellen die Gestehungspreise von Gütern nicht deren reale Kosten abbilden (sozial, ökologisch, ressourcenverbrauchsmäßig), können Steuern korrigierend wirken, indem sie z.B. Emissionen verteuern und Arbeit verbilligen, und dergleichen.

Gregor Keuschnig - 30. März, 17:10

Bananenblätter

Der Vorschlag, der ja so neu nicht ist, klingt als komme er von Dittsche...

Liebermann verschweigt, wo das Geld für die Grundversorgung herkommen soll. Wenn man den Konsum mit 48% besteuern will, gibt es keine Nachfrage am Markt mehr (alles wäre zu teuer) und etabliert die Tauschwirtschaft neu. Das muss natürlich europa-, besser weltweit geschehen. Demnach wäre es fast besser, das Geld generell abzuschaffen. Jeder nimmt sich einfach, was er braucht, denn mehr als sattessen kann man sich ja nicht.

Gestern habe ich einen Bericht über Bewohner von Vanuatu gesehen. Ein Mann sagte dort, er habe das schon mit den Hemden und Hosen probiert, aber das sei sehr unpraktisch, da man diese immer wieder waschen müsse. Er bedeckte seine Scham wie eh und je mit Bananenblättern. Diese seien immer verfügbar. Recht hat der Mann.

Hoffentlich wird mein Kommentar wegen evtl. Unernst nicht gelöscht.

Quasimotte (anonym) - 30. März, 19:45

"Recht hat der Mann"?

Finden Sie mal in Deutschland ein Bananenblatt.
gruber - 3. April, 01:41

So schweigsam ist er nicht.

Werner äußert sich natürlich zur Frage der Finanzierung: er weist darauf hin, daß die derzeitigen Sozialausgaben (wenn man Arbeitslosenversicherung etc. mit einrechnet) bereits nahezu in der Höhe der Grundsicherung liegen.
Nebenbei würde man sich einen großen Teil der Verwaltung der Sozialsysteme sparen können.
Gregor Keuschnig - 3. April, 08:27

@gruber

Ja, so schweigsam ist er nicht. Aber substantiell sehr schweigsam. Gute Idee, das mit dem Einsparen der Verwaltung. Mit diesem "Programm" hat es Herr Rüttgers zum MP in NRW geschafft. Noch mehr Arbeitslose. Wirklich gute Idee.

Und wenn die Transferleistungen im Moment "nahezu in der Höhe der Grundsicherung liegen"...

Wenn man den Kapitalismus abschaffen will - bitte schön. Aber bitte auch mit etwas mehr Niveau als einfach locker-flockig vom Hocker ein Interview geben und allen die neue "Freiheit" anzudienen.

Lustig zu lesen. Mehr nicht.

Köppnick - 3. April, 18:53

Gar nicht abwegig

Liebermann verschweigt, wo das Geld für die Grundversorgung herkommen soll. Wenn man den Konsum mit 48% besteuern will, gibt es keine Nachfrage am Markt mehr (alles wäre zu teuer) und etabliert die Tauschwirtschaft neu.

Wenn die Staatsquote bereits heute in dieser Größenordnung liegt, dann wird alles im Durchschnitt nicht teurer als jetzt, die Verteilung ist nur eine andere. Allerdings hat Gruber recht, wenn er darauf hinweist, dass eine Änderung in der Aufteilung der Abgaben natürlich eine Änderung des Verhaltens bewirkt. Verzichtet der Staat auf seine Möglichkeit, gezielt Steuern zu erheben und an anderer Stelle zu subventionieren, dann entfallen seine Lenkungsmöglichkeiten.

Noch mehr Arbeitslose.

Das stimmt nicht. Nach Einführung der Grundsicherung gibt es theoretisch weder Arbeitslose noch Rentner mehr. Meiner Meinung nach wäre es ein logischer Schritt, da als sicher gelten kann, dass es keine Vollbeschäftigung mehr geben wird. Was bedeutet diese überhaupt? - Die Teilnahme aller, die das wünschen und können, an bezahlter Lohnarbeit. Eines der Ergebnisse des Kapitalismus war genau das - die Trennung in bezahlte Arbeit, die für den Kapitalbesitzer von Bedeutung ist, und alle sonstige Arbeit (Haushalt, Kinderaufzucht, soziales und kulturelles Engagement), die dieser nicht bezahlen will.

Wenn man den Kapitalismus abschaffen will - bitte schön. Aber bitte auch mit etwas mehr Niveau als einfach locker-flockig vom Hocker ein Interview geben und allen die neue "Freiheit" anzudienen.

Das ist der einzige Vorwurf, den man dem Autor wirklich machen kann, sein Vorschlag bedeutet quasi die Abschaffung des Kapitalismus. Grundprinzip des Kapitalismus ist nämlich der Zwang für alle, die über kein Kapital verfügen, ihre Arbeitskraft an den Kapitalisten zu verkaufen. Es hat in der Vergangenheit viel Kampf gekostet, für diejenigen, die nicht arbeiten können, menschenwürdige Bedingungen herauszuschlagen. Schon Marx hatte nämlich erkannt, dass die einzige Profitquelle die lebendige Arbeit ist.

Wenn die für die produzierten Güter benötigte Arbeitszeit immer kleiner wird, dann wird der "Vertrag", den das Kapital mit dem Rest der Gesellschaft geschlossen hat, obsolet. Menschliche Arbeit rückt damit wieder mehr an ihren eigentlichen Zweck heran, nämlich Quelle der Bedürfnisbefriedigung zu sein. In diesem Zusammenhang gesehen, finde ich auch den Vorwurf der Tauschwirtschaft nicht schlimm. Denn diese ist ja nicht primär durch das Fehlen von Geld, sondern vor allem durch das Fehlen eines profitierenden dritten Vermittlers gekennzeichnet.
bloggnjus (anonym) - 7. April, 17:08

Unfähigkeit zur Organisation

Diese Idee Geld ohne Arbeit zu verteilen ist natürlich Unsinn. Das Problem ist ja vor allem das eine breite Mehrheit gar nicht mehr was Produktivität ist. Warum gibt es den "Arbeitslosigkeit" trotz Hartz-IV? Wenn der Staat nicht mehr in der Lage ist den Menschen eine Tätigkeit anzubieten in der ihre Produktiivtät > 1 Euro ist, zeigt es doch vor allem die Unfähigkeit Produktion oder produktives Handeln zu organisieren. Wäre es ausserdem nicht erstmal besser ein Recht auf Wohraum zu definieren bevor man über Grundeinkommen redet? Die Diskussion ist da meiner Ansicht nach absurd, denn was soll ein Obdachloser mit 30 Euro monatlich? Die Gesellschaft hat davon gar nichts, der Obdachlose auch nicht, denn ohne feste Anschrift und ohne Girokonto wird er kaum Arbeit finden, die soziale Ausgrenzung und auch die Ausgrenzung aus dem Arbeitsmarkt wird bleibt bestehen.

Köppnick - 7. April, 18:45

Mehrere Einwände

Das Argument Diese Idee Geld ohne Arbeit zu verteilen ist natürlich Unsinn ist selbst ohne Sinn, weil es keine Gründe liefert, warum es Unsinn sein soll.

Für mich hat das bedingungslose Verteilen des Geldes seine moralische Legitimierung darin, dass menschliches Leben an sich einen Wert hat, der sich nicht an der Produktivität oder der gesellschaftlichen Stellung des Einzelnen bemisst.

Geld ist in der menschlichen Gesellschaft das allgemeine Äquivalent für die Möglichkeit, Produkte und Dienstleistungen zu erwerben. Deshalb bietet Geld zum Beispiel auch die Möglichkeit, Wohnraum zu mieten oder zu kaufen. Im Unterschied zum direkten Angebot von Wohnraum lässt es dem Einzelnen jedoch die Wahl, wofür er sein Geld einsetzen möchte. (Ob der Obdachlose tatsächlich immer in der Lage ist, etwas Vernünftiges mit dieser Freiheit anzufangen, ist eine ganz andere Sache.)

Das Produktivitätsargument führt meiner Meinung nach sowieso in die Irre, weil die Menge der Arbeit in einer Gesellschaft keine feste Größe ist, weder nach oben noch nach unten, sondern von den Wertvorstellungen und den Zielen der Gesellschaft abhängt. Was aber durch unser Wirtschaftssystem begrenzt wird, das ist die Menge der Arbeit, für die die Geld Besitzenden etwas bezahlen wollen.

Da die Produktivität ständig steigt, die Konsumtion aber nicht im selben Maß steigen kann, weil Zeit und Ressourcen der Menschen und der Erde begrenzt sind, ergibt sich zwangsläufig, dass die Menge an bezahlter Arbeit tendenziell ständig abnehmen muss. Die klassische Vollbeschäftigung ist aber schlicht überflüssig, weil die Bedürfnisse mit dem heute zur Verfügung Stehenden gedeckt werden können. Und die dafür notwendige Produktionszeit wird immer geringer. Das bedeutet aber nicht, dass es einem deshalb langweilig werden muss. Im Gegenteil, man gewinnt Zeit für das eigentlich Interessante, z.B. Kunst, Kultur, Wissenschaft und Freizeit. Es ist genug da, es wird genug produziert, nur ist es sehr ungleich verteilt.
Gregor Keuschnig - 7. April, 18:56

Ja, ja.

Dieses "eigentlich Interessante", also beispielsweise kluge (oder weniger kluge) Artikel zu schreiben, wird jedoch nicht geldlich sanktioniert. Die Gründe liegen in der Organisation (da hat er schon recht): Ein Journalist gilt per se als kompetent, wenn er einen Artikel schreibt - ein "Laie" muss das beweisen.

Wenn (klassische) Arbeit ausgeht, geht langfristig der Kapitalismus kaputt. Ein "Bürgergeld" hält das nur auf. Sehr polemisch gesagt: Die arbeitende Bevölkerung wird dann diejenigen, die keine Arbeit haben, "am Leben erhalten".

Irgendwann wäre es aus optischen Gründen besser, nicht mehr die Arbeitslosenquote anzugeben, sondern die Arbeitsquote. Klingt einfach besser.

Köppnick - 8. April, 10:01

Man muss sich vielleicht mal darauf verständigen, was man unter Kapitalismus überhaupt versteht. Ironischerweise fordert nicht mal die antikapitalistische Linke die Abschaffung des Kapitalismus, so wie er formal definiert ist.

Beispiel: Von meinem Geld kaufe ich Pinsel und Farbe. Dann organisiere ich mir einen Malerauftrag. Ich malere aber nicht nur selbst, sondern gehe mit einen Angestellten hin. Von dem Geld, das ich für den Auftrag erhalte, bezahle ich meinen eigenen und den Lohn meines Angestellten, spare Geld für einen neuen Pinsel, und – erst das ist Kapitalismus – behalte einen Zins für mein Geld zurück.

Aus Gerechtigkeitsaspekten ist dagegen überhaupt nichts einzuwenden, weil ich ja durch Investition meines Geldes auf Konsum verzichte, selbst tätig bin und von irgendetwas leben muss. Zum Problem wird das erst, wenn die Zinsen auf Dauer meine vernünftigen Konsumtionsmöglichkeiten übersteigen. Dann zieht mein Geld über den Zinsenszinseffekt immer mehr Geld an, wie ein schwarzes Loch Materie, ohne dass ich dafür noch irgendeine Gegenleistung erbringe. Erst hier setzt die Notwendigkeit politischer Regulation ein: Vermögens-, Erbschafts-, Gewinnsteuern.

Auch der Begriff „klassische Arbeit“ ist unscharf. Bezahlte Arbeit stellt immer nur einen Teil der in einer Gesellschaft geleisteten Arbeit dar. Hinzu kommen aber noch die Arbeit innerhalb der Familie, in der Freizeit, Gefälligkeiten unter Freunden und Bekannten, etc. pp. Deine sogenannte klassische Arbeit geht solange nicht aus, wie Waren und Dienstleistungen über Kauf und Verkauf gehandelt werden. Hier sehe ich nicht, wie die Alternative (zum Kapitalismus) aussehen sollte. Die sozialistischen Staaten hatten wirtschaftlich auch bloß eine Art Staatskapitalismus, der mit feudalen politischen Mitteln regiert wurde.

Die arbeitende Bevölkerung hat zu allen Zeiten Nichtarbeitende erhalten, zum Beispiel Alte, Kranke und Kinder. Eine Arbeitslosenquote spielt nur in einer Gesellschaft eine Rolle, die einen Unterschied zwischen Menschen macht, die einer bezahlten und solchen, die einer nichtbezahlten Tätigkeit nachgehen, und daraus Werteunterschiede ableitet (z.B. Arbeitsloser = Sozialschmarotzer).

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Kommentare hier ...

Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33