Einbürgerungstest für den Stammtisch

In der Telepolis gibt es den interessanten Artikel Kein Blatt vorm Mund, in dem es um populistische Äußerungen deutscher Politiker geht. Im Artikel ist ein Link angegeben, der einige besonders drastische Beispiele enthält. In vielen Fällen ist es aber nicht so leicht, den Populismus einer Äußerung und die Nähe zum Stammtisch zu entdecken, weil die Sprache ein sehr vielfältiges Instrument darstellt, das Denken auch unbewusst zu steuern. In vielen Fällen kann man vielleicht sogar davon ausgehen, dass der Sprecher selbst nicht merkt, wie sein eigenes Denken seine Sprache beeinflusst und wie seine Formulierungen wiederum auf sein Denken zurückwirken. Ein Beispielsatz eines bekannten deutschen Politikers aus den letzten Tagen, um für die Notwendigkeit eines Einbürgerungstests zu werben:
Es müsse für jeden neuen Deutschen klar sein, "dass bei uns das Gewaltmonopol des Staates gilt und nicht etwa das Gewaltmonopol des türkischen Mannes".
Welche impliziten Teilaussagen enthält dieser Satz?
  • für jeden neuen Deutschen = alle Einbürgerungswilligen
  • des türkischen Mannes = alle türkischen Männer
  • Gewaltmonopol des Mannes = keine Gleichberechtigung
  • Gewaltmonopol des Staates ←→ des Mannes = Nichtanerkennung staatlicher Autorität
Die ersten beiden Punkte stellen induktive Schlüsse dar, d.h. von einigen (meinetwegen vielleicht sogar häufigen) Einzelfällen wird ein Generalverdacht für die Gesamtheit abgeleitet. Nach dieser doppelten Induktion wird dem Leser suggeriert, dass das, was Einzelne tun, von allen vermutet werden muss. Damit wird die Beweislast herumgedreht. Nicht den Schuldigen muss ihre Tat nachgewiesen werden, sondern alle müssen ihre Unschuld beweisen. Der betreffende Politiker würde sicher heftig abstreiten, dass er Sinn-gemäß gesagt hat:
Alle Einbürgerungswilligen könnten sich wie türkische Männer verhalten, die ihre Frauen prügeln und dabei auf den Staat pfeifen. Wenn sie rein wollen, müssen sie uns erst mal vom Gegenteil überzeugen.
In dieser Form wird der Satz am Stammtisch verstanden, ohne dass der betreffende Politiker es selbst so sagen muss.

Kategorien: Politik
anaximander - 25. März, 17:55

Der türkische Mann

Es müsse für jeden neuen Deutschen klar sein, "dass bei uns das Gewaltmonopol des Staates gilt und nicht etwa das Gewaltmonopol des türkischen Mannes".
Ich verzichte darauf, die Stammtischfolgerung aus dem Zitierten zu zitieren. Man kann auch folgern (du sagst es mit andern Worten): jedem Türken sein Gewaltmonopol. Das Zitierte impliziert auch: nur Türken haben Probleme mit dem staatlichen Gewaltmonopol.

Gregor Keuschnig - 27. März, 10:51

Diese Äusserungen...

sind natürlich vollkommen kontraproduktiv für eine - wie ich finde - notwendige Debatte. "Merkwürdig" ist natürlich, dass diese Diskussionen immer vor Wahlen auftreten (meistens vor Kommunal- oder Landtagswahlen). Herr Böhr, seines Zeichens CDU-Spitzenkandidat in Rheinland Pfalz meinte vor einigen Tagen noch, das Thema "brenne den Leuten unter den Nägeln". Immerhin hat der Wähler diesen Kerl entsprechend hinweggefegt. Möge uns sein bescheidener Geist zukünftig erspart bleiben.

Gegen eine Befragung des Einbürgerungswilligen spricht m. E. nichts; angelsächsische Länder praktizieren das immer schon und zwar mit Erfolg. Das auch viele Deutsche bestimmte Fragen nicht beantworten könnten, spricht auch nicht dagegen, sondern spricht höchstens gegen das Schul-, Bildungs- und Erziehungssystem in Deutschland.

Im übrigen stehe ich noch unter Schock des gestern auf 3sat gezeigten Dokumentarfilms "Mit 16 auf Wolke Null". Am Beispiel von drei Jugendlichen wurde im O-Ton dieser Leute und deren Familie das ganze Elend dieses Systems deutlich. Besonders an die Nieren gingen die Ausschnitte aus dem Unterricht - falls man so etwas noch Unterricht nennen kann. Hier machten auch die Lehrer mit ihrem kumpelhaften Gehabe eine sehr schlechte Figur. Am Ende hatten zwei der drei Jugendlichen ihren Hauptschulabschluss geschafft. Ich hatte bis dahin nicht gewusst, wie gering die Anforderungen in Wirklichkeit sind. Erschreckend.

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Kommentare hier ...

Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16
Deine beiden Sätze sind grammatisch...
Köppnick - 14. Juli, 07:30
Und genau diese Innovation verlieren wir...
steppenhund - 13. Juli, 21:05
@isv_rp
Metepsilonema - 11. Juli, 23:53
Ich halte es für einen fatalen Irrtum...
Köppnick - 11. Juli, 20:06
Splitter
Gregor Keuschnig - 11. Juli, 18:23