Gerhard Vollmer: "Was können wir wissen?", Bd. I
Gerhard Vollmers „Was können wir wissen“ ist eine zweibändige Zusammenstellung von Einzelartikeln des Autors zur Erkenntnistheorie und benachbarten Wissenschaftsgebieten. Gegenüber einer geschlossenen Darstellung, bei der man sich als Leser an der Gliederung des Inhaltsverzeichnisses entlanghangeln kann, muss man hier den roten Faden selbst herausfinden. Eine geschlossene Darstellung wäre sicher kürzer, aber so ist man als Leser nicht gezwungen, alles zu lesen. Die Einzelbeiträge setzen unterschiedlich gute Vorkenntnisse der Philosophie voraus. Professor Gerhard Vollmer ist an der Universität in Braunschweig tätig. Außerdem ist er Mitglied der GWUP, der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften, kürzer vielleicht als „Die Skeptiker“ bekannt.
Mit Ausnahme der Kapitel über Kants Transzendentalphilosophie und über die Kritik an der Evolutionären Erkenntnistheorie habe ich alle Abschnitte des ersten Bandes vollständig gelesen, diese beiden nur überflogen. (Für die Auseinandersetzung mit Kant reichen meine derzeitigen Kenntnisse nicht aus. Im „Kritik“-Artikel werden Gegenargumente zu den im Buch dargestellten Theorien analysiert. Auch hier sind meine Kenntnisse ungenügend, da man sie offensichtlich nur verstehen kann, wenn man sich ausführlicher mit den Auffassungen der Kritiker a.a.O. auseinandersetzt.)
Ein paar Stichpunkte zum Buchinhalt:
Rationalismus und Empirismus
In der Geschichte der Philosophie haben sich die Rationalisten und die Empiristen viele (Wort)Gefechte geliefert. Im Buch gibt es dazu einen sehr schönen Übersichtsartikel. Empirismus ist die Haltung: „Alles was ich weiß, habe ich gelernt.“ Rationalismus sagt aus: „Alles was ich weiß, entstammt meinem Denken.“ Beide Standpunkte führen für sich allein zu logischen Widersprüchen:
- Wie kann ich etwas wissen, wenn ich nichts gelernt habe?
- Wie kann ich etwas lernen, wenn ich noch nichts weiß? (U.a. wenn ich nicht weiß, wie man lernt.)
Evolutionäre Erkenntnistheorie (EE)
Naturwissenschaftliche Erkenntnisse legen nahe, dass beide philosophischen Richtungen, Rationalismus und Empirismus, in Teilen eine richtige Beschreibung unserer Erkenntnisfähigkeiten geben. Eine neuzeitliche naturwissenschaftliche Theorie, die Evolutionstheorie, löst ein uraltes philosophisches Problem, den scheinbaren Widerspruch zwischen ihnen. Die Grundidee dieser Evolutionären Erkenntnistheorie ist:
Viele unserer Erkenntnisstrukturen (unserer „notwendigen Ideen“) sind genetisch bedingt, also ontogenetisch a priori, sie sind jedoch stammesgeschichtlich erworben, also phylogenetisch a posteriori.Oder kürzer: Dem Individuum angeborene (Erkenntnis-)Fähigkeiten verdankt es dem "Lernen" der Evolution mit seinen Vorfahren.
Hypothetischer Realismus
Eine sichere Erkenntnis über die Welt ist: Sicheres Wissen über die Welt kann es nicht geben.
Man kann die Ungültigkeit eines naiven Realismus an Beispielen zeigen. Das in den Genen der Lebewesen kodierte Wissen über die Welt ist erstens an die Lebensumstände dieser in der Vergangenheit gebunden und zweitens nur so gut, wie evolutionär nötig. Ähnliches gilt für menschliches Wissen. Das Newtonsche Weltbild war lange Zeit zur Beschreibung kosmologischer Probleme ausreichend, erwies sich jedoch im Lichte der Einsteinschen Relativitätstheorie als Sonderfall. Neuere Erkenntnisse (Unvereinbarkeit mit der Quantentheorie) verlangen nach einer neuen allgemeineren Beschreibung.
Man kann sich die Unmöglichkeit sicheren Wissens auch theoretisch überlegen. Zur Gewinnung von Wissen stehen der deduktive und der induktive Weg zur Verfügung. Deduktion ist das Verfahren, bei dem, ausgehend von allgemeinen Gesetzmäßigkeiten, Erkenntnisse über Spezialfälle abgeleitet werden. Daraus folgt aber, dass man keine neuen Erkenntnisse gewinnen kann, die nicht schon vollständig in den Voraussetzungen gesteckt haben.
Außerdem kann die Gültigkeit der Voraussetzungen innerhalb einer Theorie nicht bewiesen werden. Hier findet man charakteristische Beispiele in der Mathematik. Die euklidsche und die nichteuklidsche Geometrie gehen von einander ausschließenden Axiomen aus. In sich selbst sind beide jeweils widerspruchsfrei. Es gibt Bereiche der Natur, in denen die eine, und andere, in denen die andere Geometrie eine hinreichend gute Beschreibung liefern können.
Induktion ist das Schließen von Sonderfällen auf das Allgemeine. Hier kann man sich niemals sicher sein, dass es nicht in der Zukunft weitere Sonderfälle geben wird, die die Verallgemeinerung widerlegen werden. Deshalb kann unser Wissen immer nur vorläufig, oder „hypothetisch“ sein. Das weiter oben bereits erwähnte Newtonsche Weltbild ist dafür ein charakteristisches Beispiel.
Projektiv-evolutionäre Erkenntnistheorie
Wie alle Theorien muß auch die projektive Erkenntnistheorie von gewissen Annahmen ausgehen, die ihrerseits zwar vielleicht plausibel sind, aber doch nicht bewiesen werden können. Solche Postulate sind: Existenz einer bewußtseinsunabhängigen, gesetzlich strukturierten und zusammenhängenden Welt, teilweise Erkennbarkeit und Verstehbarkeit dieser Welt durch Wahrnehmung, Erfahrung und eine intersubjektive Wissenschaft. Der Kürze halber werden wir diese Annahmen unter der Bezeichnung „hypothetischer Realismus" zusammenfassen. Dieses Etikett macht einerseits deutlich, daß es sich um eine realistische Position handelt; es betont andererseits den hypothetischen Charakter unseres Wissens.Wir erfassen die Objekte der Welt mit unseren Sinnen (und in den höheren Stufen der Erkenntnis) mit wissenschaftlichen Messgeräten. Diese Sinneserfahrung ist aber auf den uns zugänglichen Bereich beschränkt. Vollmer führt das zum Beispiel am zweidimensionalen Sehen dreidimensionaler Objekte mit unseren Augen aus. Aus dem zweidimensionalen Bild der Objekte auf der Netzhaut wird im Gehirn ein dreidimensionales Bild rekonstruiert.
Man kann dieses Beispiel verallgemeinern. Das projektive Modell spiegelt das Verhältnis wieder, in dem Wirklichkeit und Wirklichkeitserkenntnis zueinander stehen. Dieses Prinzip ist aber nicht auf die Rekonstruktion der wahrnehmbaren Objekte beschränkt, er gilt für alle Stufen der Erkenntnis.
Stufen der Erkenntnis
Erkenntnis wird als die adäquate Rekonstruktion und Identifikation äußerer Objekte definiert. Daraus ergibt sich, dass die unbelebte Natur nicht erkenntnisfähig ist. Vollmer definiert drei unterschiedliche Stufen der Erkenntnis:
- In der Wahrnehmung erfolgt die Rekonstruktion unbewusst und unkritisch, meist sogar unkorrigierbar (siehe optische Täuschungen), ist dafür aber anschaulich.
- In der Erfahrung, die sprachliche Formulierungen, einfache logische Schlüsse, Beobachtung und Verallgemeinerung, Abstraktion und Begriffsbildung einbezieht, ist die Rekonstruktion bewusst, allerdings noch unkritisch.
- In der theoretischen Erkenntnis erfolgt die Rekonstruktion bewusst und kritisch. Kein Tier hat theoretische Erkenntnis. Wissenschaft umschließt Logik, Modellbildung, mathematische Strukturen, Kunstsprachen, externe Datenspeicher, künstliche Intelligenz, die Verwendung von Messgeräten. Häufig muss als Konsequenz die Unanschaulichkeit der postulierten Strukturen in Kauf genommen werden.
Die Welt, an die sich unser Erkenntnisapparat im Laufe der Evolution angepasst hat, ist nur ein Ausschnitt der wirklichen Welt. Entsprechend dem biologischen Begriff der „ökologischen Nische“ könnten wir diesen Ausschnitt als „kognitive Nische“ bezeichnen.Vollmer weist darauf hin, dass damit nicht nur mittlere Längen, Zeiten oder Gewichte und damit die üblichen makroskopischen Objekte gemeint sind. Vielmehr ist es ein anthropozentrischer Begriff, der sich auf die Reichweite unserer Sinne bezieht. Wir können zwar die meisten mikroskopischen Teilchen nicht sehen, aber zum Beispiel einzelne Photonen, die die Netzhaut treffen, eben doch.
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Die kognitive Nische des Menschen nennen wir „Mesokosmos“. Unser Mesokosmos ist also jener Ausschnitt der realen Welt, den wir wahrnehmend und handelnd, sensorisch und motorisch, bewältigen. Der Mesokosmos ist – grob gesprochen – eine Welt der mittleren Dimensionen.
Diese mesokosmische Beschränkung erklärt, warum wir uns bei den Erscheinungen der Quantenwelt auf der einen und den astrophysikalischen Erkenntnissen (Urknall) auf der anderen Seite so schwer tun. Sie sind nicht anschaulich, d.h. unseren Sinnen nicht zugänglich. Wir versuchen aber, sie anschaulich zu machen, in dem wir Bilder und Begriffe unserer mesokosmischen Welt auf sie projizieren. Wir müssen das in gewisser Weise tun, aber erst dadurch entstehen die Paradoxa, die uns diese Welten als so unglaublich erscheinen lassen.
Außer sehr kleinen und sehr großen Objekten fallen auch sehr komplexe Strukturen aus dem mesokosmischen Rahmen heraus. Charakteristisch ist zum Beispiel die Unfähigkeit des Menschen, bestimmte Wahrscheinlichkeiten korrekt abzuschätzen oder bei politischen und ökonomischen Systemen, die zukünftige Entwicklung (ohne Zuhilfenahme wissenschaftlicher Methoden) vorherzusagen.
Kausalität
Die Scholastik hat den Unterschied zwischen propter hoc (weil) und post hoc (danach) betont. Wenn wir sagen „Die Sonne scheint, und deshalb werden Steine warm", sagen wir mehr, als wenn wir sagen „Die Sonne scheint, und dann werden Steine warm". Eine kausale Beziehung sollte eine spezifische Kategorie, eine gewisse Notwendigkeit, einen ontologischen Unterschied einschließen.David Hume (ein Empirist) hat dann große Verwirrung gestiftet, weil er behauptete, dass der Unterschied zwischen beiden Betrachtungsweisen empirisch nicht beweisbar ist. Der Erkenntnisapparat aller Lebewesen funktioniert aber so, dass er aus einer immer wiederkehrenden Abfolge von Ereignissen auf Kausalitätsketten schließt. Laut Vollmer ist diese erkenntnistheoretische Rätsel jetzt dadurch gelöst, dass man als eine notwendige (keine hinreichende!) Bedingung für Kausalität eine Energieübertragung vom Verursacher zum Verursachten beweisen muss. (Eigene Anmerkung: Moderner könnte man hier auch von Informationsübertragung sprechen, da physikalische Wechselwirkungen stets auch als informationsverarbeitende Prozesse betrachtet werden können.)
Das Leib-Seele-Problem und die EE
Die EE ist eine Identitätstheorie:
Hier sind Bewußtseinsprozesse nicht Epiphänomene physikalischer Prozesse. Physikalische Prozesse mit Innenaspekt unterscheiden sich vielmehr auch physikalisch von Prozessen ohne Innenaspekt. Das obige Argument zeigt nur, daß die Evolution auch anders hätte verlaufen können, daß Organismen ohne Bewußtsein in der Natur durchaus möglich sind, daß mentale Prozesse für das Überleben nicht unbedingt notwendig sind (zu diesem Ergebnis waren wir übrigens schon vorher gekommen). Aber das Argument zeigt nicht, daß das Bewußtsein, wie wir es kennen, überflüssig wäre:Das löst das Leib-Seele-Problem zwar nicht, aber ist es für die Identitätstheorie nicht ohnehin ein Scheinproblem?
Im Gegenteil, es war vorteilhaft, solche neuronalen Strukturen auszubilden, die zugleich mentale Prozesse möglich machten. Der mentale Charakter dieser Strukturen ist nicht ein zufälliges Nebenprodukt oder Epiphänomen, sondern eine typische, eine wesentliche Eigenheit dieser Strukturen. Hätten die physikalisch-neuronalen Strukturen diese Eigenschaft nicht, dann wären sie eben andere neuronale, also andere physikalische Strukturen, mögliche zwar, aber weniger vorteilhafte.
Das Gehirn ist trotz seiner Komplexität das einzige System, zu dem wir - außer dem üblichen objektiven Zugang (von außen) - einen zweiten Zugang besitzen, den subjektiven (von innen). Bei der Komplexität des Gehirns sollten wir uns über diese zusätzliche Möglichkeit freuen. Zwar wäre ohne diesen zweiten Zugang das Leib-Seele-Problem nie entstanden, aber hätten wir dann überhaupt eine Chance, dieses wunderbare System zu verstehen?Das kann man doch als ein schönes Schlusswort stehen lassen.
Der Text ist sowieso wieder viel zu lang und trocken geworden und wird von kaum einem bis zum Ende gelesen werden.
Kategorien: Bücher
Sonntag, 19.März 2006




