Fritz Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit

Die zweite Auflage dieses Buches ist 1998 erschienen. Genau wie Karlheinz Geißler beschäftigt Fritz Reheis das Verhältnis des Menschen zur Zeit. Während sich Geißler mit seinem Konzept der „Postmoderne“ vor allem mit individuellen Lösungen beschäftigt hat, interessiert sich Reheis mehr für die politischen und ökonomischen Ursachen der Beschleunigung in der heutigen Zeit und Lösungsmöglichkeiten für die resultierenden Probleme. Er teilt zunächst, ähnlich wie Geißler, die Welt in Sphären auf: die des Menschen, der Gesellschaft und die der Natur. Da sich weder die Biologie des Menschen noch die sich außerhalb der Gesellschaft befindliche Natur verändert haben, sind die Ursachen der Beschleunigung folglich in der Gesellschaft zu suchen.

Nach einer Auflistung verschiedener Warnsymptome in der heutigen Zeit, z.B. wie
  • Haut- und Atemwegserkrankungen,
  • psychische Deformationen,
  • eine steigende Zahl von Krebserkrankungen,
  • Autoimmunerkrankungen (in der Sphäre des Menschen),
  • Umweltzerstörung,
  • Klimaerwärmung,
  • Steigender Ressourcenverbrauch (in der Sphäre der Natur)
widmet er sich der Ursachensuche. Im Unterschied zu Geißler bleibt er aber nicht bei der Feststellung stehen, dass die Ursache die Geldgier des Menschen ist, sondern liefert eine sehr ausführliche Kapitalismuskritik.

Kapitalismusanalyse
Während der längsten Zeit der Existenz der menschlichen Gesellschaft wurde kaum Mehrwert erzeugt. Man betrieb vielleicht Vorratswirtschaft, aber die leichtverderblichen Produkte wurden zeitnah wieder verbraucht. Mit der Einführung von Geld als einem universalen Äquivalent änderte sich das. Das Ziel des Wirtschaftens mit Geld ist nicht mehr primär die Befriedigung von Bedürfnissen, sondern die Produktion von noch mehr Geld. Überschüsse werden nicht mehr konsumiert, sondern fließen (als Kapital) zwecks Vermehrung in die Produktion zurück (=Kapitalismus). Alle Dinge, die sich diesem Ziel entgegenstellen, sind zu beseitigende Hindernisse.

Der Produzent hat keine wirkliche Wahl: Zu Beginn der Produktion ist noch nicht bekannt, welche Produkte in welcher Zahl nachgefragt werden. Der Produzent weiß nicht genau, wie viel seine Konsumenten zu zahlen bereit bzw. in der Lage sind. Er weiß nicht genau, wie viel seine Konkurrenten produzieren. Er weiß nicht genau, zu welchem Preis diese ihre Produkte anbieten werden. Alles das nötigt ihn, möglichst schnell und möglichst billig zu produzieren, weil diese Vorgehensweise die einzige ist, die in den meisten Fällen funktioniert und sein Überleben sichert.

Beschleunigungssymptome
Der Mechanismus Zeitverbrauch = Geldverlust ist Ursache für viele der für die gesamte Natur, die Menschen und damit auch für die Gesellschaft als negativ empfundenen Beschleunigungssymptome:
  • Natürliche Ressourcen werden nicht nachhaltig bewirtschaftet, d.h. den Produzenten interessiert nicht, wie lange die Regeneration in der Natur dauert. Entscheidend ist lediglich der momentane Preis ihrer Gewinnung.
  • Umweltschutz wird als Kostenfaktor betrachtet.
  • Nicht die Bedürfnisse der in der Produktion arbeitenden Menschen stehen im Mittelpunkt, sondern die damit verbundenen Kosten („Humankapital“). Diese Kosten können dadurch gesenkt werden, dass man die Kindheit verkürzt (oder die Zahl der Kinder), Bildung auf die Aneignung der für die Produktion notwendigen Fertigkeiten reduziert („es wird zu lange studiert“), dass man den Ruhestand hinausschiebt (Erhöhung des Rentenalters), und/oder dass man die Arbeitszeit insgesamt verlängert (Wochenarbeitszeit, Urlaub, Krankheit).
  • Es wird Werbung für Produkte betrieben, an denen kein natürliches Interesse besteht. Diese Werbung ersetzt die sachliche Information und Diskussion über Nutzen und Risiken der Produkte (d.h. der sie erzeugenden Prozesse und ihrer Anwendung).
Zur Kapitallogik gehört außerdem, dass sich einmal entstandene Unterschiede zwischen den Konkurrenten immer weiter vergrößern. Diese Tendenz findet man sowohl im Konkurrenzkampf zwischen Unternehmen, Einzelindividuen (wachsende Unterschiede zwischen Arm und Reich) und Weltregionen. Zurückgebliebene neigen zu totalitären Lösungen, weil sich Rückstände anders nicht mehr aufholen lassen: Besonders riskante, umweltzerstörende Produktionsmethoden, Kriminalität, totalitäre Staaten oder Religionen, der Begriff der Nation oder der Rasse.

Aktualität
Wer bis vor einiger Zeit geglaubt hat, dass die „soziale Marktwirtschaft“ in den entwickelten Industriestaaten diesen reinen Kapitalismus erfolgreich zähmen konnte, findet sich heute zunehmend desillusioniert. Aktuelle Beispiele:
  • China (ein totalitärer Staat) hat sich das Ziel gestellt, seinen Rückstand gegenüber den entwickelten Staaten aufzuholen. Mit den in den Industriestaaten für Unternehmen geltenden Regeln ist das nicht möglich, es sind massive Verletzungen im Umweltschutz, dem Umgang mit den natürlichen Ressourcen, in den Menschenrechten und im politischen Umgang notwendig. Das verbessert automatisch die Realisierungsmöglichkeiten des Kapitals, folglich wird dort investiert. (Kein oder wenige Ausländer investieren dagegen in chinesische Krankenhäuser, Kindertagestätten, in den Umweltschutz oder in die Demokratie.) Der in China mögliche größere Profit übt Druck auf die Verhältnisse in den Industriestaaten aus, die bereits besser gezähmte Kapitallogik gewinnt wieder mehr Einfluss auf die Politik. In der deutschen Politik sind alle oben aufgezählten Charakteristika vermehrt auffindbar.
  • Kriege um Ressourcen. Krieg kann man als eine maximale Beschleunigung von Politik betrachten, weil friedliche Lösungen und die damit verbundene demokratische Suche um Konsenslösungen zunächst mehr Zeit (und Geld) kosten. (Übrigens ist das im Krieg verwendete undemokratische Kommandoprinzip dasselbe, das innerhalb von Unternehmen angewendet wird.) Vor allem Staaten, die ihre Interessen gefährdet sehen, greifen zu diesem letzten Mittel oder drohen wenigstens damit. Aktuelles Beispiel: Irakkrieg. Zum weiteren unbehinderten Geldverdienen ist der freie Zugang auf die Naturressource Erdöl notwendig. Alternativen, die zu einem verringerten Ressourcenverbrauch führen, sind aus Sicht des Kapitals weniger lukrativ, weil die (kurzfristigen) Gewinnspannen kleiner sind und weil unter Umständen andere als die heute führenden Unternehmen davon profitieren würden.
Was wäre möglich?
Gegenwärtig ist es so, dass den meisten Menschen der Zusammenhang zwischen der herrschenden Ökonomie und vielen krankhaften oder ~machenden Symptomen in oder an ihnen selbst, der Gesellschaft und der Natur nicht klar sind. Reheis zitiert in seinem Buch eine Berechnung, wonach jeder Werktätige etwa 11 Wochen im Jahr für die Zinsen der Kapitalbesitzer arbeitet. Weitere 5 Wochen könnte man einsparen, wenn 5 Millionen Arbeitslose eingesetzt würden. (Zum Zeitpunkt des Schreibens des Buches waren es bei Reheis 3 Wochen bei 3 Millionen Arbeitslosen.) Zusammen mit den heute bei uns üblichen 6 Wochen Urlaub bedeuten diese Zahlen, dass zum Erhalt des heutigen Lebensstandards der Nichtkapitalbesitzer etwa 7 Monate Arbeit im Jahr ausreichen könnten. (Laut einer ebenfalls im Buch zitierten Berechnung zählen etwa 85% der Bevölkerung zu denjenigen, für die Kapitaleinkünfte im Vergleich zu Arbeitseinkünften keine oder nur eine geringe Rolle spielen.)

Wenn man es zusätzlich schaffen könnte, vielen Menschen klar zu machen, dass viele ihrer Bedürfnisse nicht durch den Kauf von Produkten, sondern beispielsweise durch mehr sozialen Umgang miteinander befriedigt werden können, dann wären Arbeitszeiten von weit unter einem halben Jahr pro Kalenderjahr möglich.

Was kann den Kapitalismus ablösen, wenn sich so offensichtlich zeigt, dass die Bedürfnisse des Kapitals (Geldvermehrung, Beschleunigung) und die Bedürfnisse der Menschen, wie sie zum Beispiel in der Menschenrechtsdeklaration der UNO oder in der Gesundheitsdefinition der WHO festgeschrieben wurden, nicht übereinstimmen:
  • Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: Recht auf Arbeit und gleichen Lohn für gleiche Arbeit (§23), Erholung, Freizeit, Begrenzung der Arbeitszeit und auf periodischen, bezahlten Urlaub (§24), Recht auf Gesundheit, Wohlbefinden einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Betreuung (§25), Recht auf Bildung (§26)
  • Gesundheitsdefinition der WHO: Gesundheit ist ein Zustand vollständigen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens.
3 Grundmodelle
Reheis schlägt drei Grundmodelle vor, wobei das zweite der Modelle noch in drei Varianten unterteilt ist. Hier nur kurz die Grundgedanken, meine persönlichen Anmerkungen dazu im Anschluss:

A Dualwirtschaft
Bestimmte Teile der Fremdarbeit (man geht arbeiten und wird dafür von anderen bezahlt) werden in Eigenarbeit zurückverwandelt. Beispiel: Man betreut die Kinder (oder pflegt die Eltern) desjenigen, der einem dafür das Auto repariert. Auch früher wurden bereits viele Tätigkeiten im Kreis der Familie, der Nachbarschaft, des Vereins, der Dorfgemeinschaft erledigt. Im Prinzip lassen sich alle Tätigkeiten in Eigenarbeit umwandeln, die keinen Fabrik- oder Bürocharakter tragen.

B „Gerechte“ Markwirtschaft
B1 Gerechtigkeit über Steuern
Da wie oben bereits geschildert, freier Markt die Tendenz hat, Unterschiede zu vergrößern, wirkt die Politik dem entgegen: Maximale Erbschaftssteuern, denn die Erben haben nichts geleistet. Höherer Steuern für schnellere Unternehmen oder solche mit höheren Gewinnen. Natur- und Ökosteuern für höheren Ressourcenverbrauch als die Konkurrenz.

B2 Geld ohne Zinsen
(oder negative Zinsen, Geld mit Verfallsdatum, etc.). Ein wesentlicher Teil des Beschleunigungsdrucks wird heute dadurch erzeugt, dass man mit viel Geld noch mehr Geld verdienen kann. Mit Null- oder negativen Zinsen beseitigt man diesen Beschleunigungsdruck.

B3 Markt ohne Kapital
Diese Idee deckt sich im Wesentlichen mit der Modellvorstellung genossenschaftlich organisierter Betriebe. Die Besitzer und die Produzenten sind in Personalunion. Demzufolge können sie selbst entscheiden, wie viel, was und unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen.

C „Demokratische“ Planwirtschaft
Auch in der Marktwirtschaft wird geplant, aber eigentlich nur auf der Ebene der Unternehmen. Deshalb wird viel Überflüssiges produziert, zum Teil nicht auf gute Reparaturmöglichkeiten sondern im gegenteil auf vorzeitigen Verschleiß geachtet. Es werden Produkte erzeugt, deren Bedarf erst durch Werbung erzeugt werden muss. Alle diese Phänomene verursachen überflüssige Produktion und damit nutzlosen Zeitverbrauch. Unter diesem Gesichtspunkt muss bei gleichem Grad an Bedürfnisbefriedigung in einer Marktwirtschaft (selbst wenn man den zusätzlichen Ausbeutungsaspekt vernachlässigt!), mehr als in einer Planwirtschaft gearbeitet werden.

Fazit
Soweit die Vorschläge von Reheis (bzw. die anderer Ökonomen, die er übernommen hat). Das Grundproblem sehe ich in Folgendem: Die kapitalistische Ökonomie ist, unter rein ökonomischem Aspekt, die erfolgreichste Wirtschaftsform. In ökonomischer Konkurrenz zu ihr, zieht jede andere Wirtschaftsform den Kürzeren. Stellt man jedoch den Primat auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen, dann ändert sich das Bild. Das Recht vieler auf ein menschenwürdiges Leben und das Recht weniger, viel Geld zu verdienen, stehen im Gegensatz zueinander.

Wie Reheis richtig erkannt hat, ist es (eigentlich die wichtigste) Aufgabe der Politik, diesen Interessenkonflikt zu lösen. Aber wer bestimmt die Politik? Diejenigen die wählen gehen, oder diejenigen, die mit ihrem Geld Einfluss ausüben? Und inwieweit ist die Wahlentscheidung der vielen Ausdruck ihrer tatsächlichen Bedürfnisse und inwieweit ist sie durch (geldkostende) Meinungsmanipulationen im Vorfeld beeinflusst? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, wie man an den beiden folgenden Beispielen sieht:
  • Russland nach der Revolution und die später gegründeten sozialistischen Staaten hatten eine Planwirtschaft. Diese Gesellschaftsform hat einer großen Zahl von Menschen das Leben gekostet und wurde (zumindest zuletzt) von einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt. Demokratisch war sie nicht, bei Durchführung freier Wahlen wäre das „Experiment“ viel früher beendet worden.
  • Präsident Bush wurde von einer Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung demokratisch gewählt. Objektiv verbessert der jetzt stattfindende Irakkrieg die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung der Amerikaner nicht, geschweige denn dem Durchschnitt aller Erdbewohner.
Das Buch von Reheis ist sehr interessant. Die darin vorgestellten Gedankengänge helfen einem, bestimmte Mechanismen und Interessenlagen in der aktuellen Ökonomie und Politik zu erkennen. Aber die Zweifel darüber, ob die vorgestellten Lösungen (außer im kleinen individuellen Rahmen) realisiert werden können, kann er nicht ausräumen. Wahrscheinlich ist der Mensch als Spezies doch zu dämlich, sich selbst auf Dauer am Leben zu erhalten.

Kategorien: Bücher, Visionen
Reh Volution - 27. Februar, 15:27

Es müssen mehr globale Gesetze her

Bei einer kapitalistischen Grundausrichtung der Weltwirtschaft bleibt eines zu bedenken.
In der Natur gilt das Recht des Stärkeren und doch wohnt jedem Raubzug der Zauber des Regulativen inne.Die Natur steuert das Gleichgewicht mit Hilfe von Gesetzen.Nur der Mensch hat diese Regeln verlernt.Alle anderen Lebewesen halten sich an diese Gesetzmäßigkeiten.Es muß uns also gelingen ein Wirtschaftssystem zu entwickeln das durch Gesetze alle Beteiligten anhält die Spielregeln des Systems zu befolgen.Den Schlüssel zu einem funktionierenden System werden wir nur in der Natur finden können.

Köppnick - 27. Februar, 17:52

Die Gesetze machen wir selbst

Jedes natürliche System hält sich an die für es geltenden physikalischen, chemischen und biologischen Gesetze, das ist quasi seine Existenzbedingung. Aber weiterführend muss man zwischen den Natur- und den gesellschaftlichen Gesetzen unterscheiden. Die Naturgesetze gelten unabhängig davon, ob sie jemand beobachtet oder nicht, sie werden nicht „gemacht“. Für die gesellschaftlichen Gesetze ist das anders. Sie entstehen erst mit der menschlichen Gesellschaft, sie ändern ihre Wirkung, wenn sie bewusst geworden sind, und sie können von uns geändert werden. Für Dinge wie Wirtschaft (Geld), Politik (Atomwaffen) oder Religion (Fanatismus) gibt es keine biologischen Pendants, von denen man lernen könnte.

Meiner Meinung nach müssen wir deshalb nicht in der Natur nach Lösungen unserer gesellschaftlichen Probleme suchen, sondern wir müssen uns überlegen, nach welchen Regeln wir selbst leben wollen. Dabei muss dann allerdings einerseits beachtet werden, dass wir selbst biologische Wesen sind (natürliche Bedürfnisse), und dass wir andererseits massiv auf die Natur zurückwirken (Nachhaltigkeit).
Der das Glas halb leer hat (anonym) - 28. Februar, 12:42

Out of ivory

Das Buch ist sicherlich hoch interessant, aber leider genauso überflüssig. Wenn die vorgestellten Alternativen Sandkastenspiele sind, mit der Wirklichkeit nur in den Anfangsbedingungen übereinstimmen, ist der Sinn zweifelhaft oder genauer l'art pour l'art. Ich bin immer wieder überrascht, wie leicht im Elfenbeinturm Denkblockaden aufgebaut werden, um in Utopia zu landen.

Der Selektionsdruck der von profitorientierten, globalisierten Unternehmen bzw. totalitären Staaten ausgeht, heisst es zu stoppen. Dass Politik das Mittel der Wahl ist, sollte uns in den letzten zehn Jahren gründlich ausgetrieben worden sein. Alternativ bleiben drei Möglichkeiten :

  • Ich arrangiere mich, beisse die Zähne zusammen und produziere vermehrt Galle.
  • Ich engagiere mich und produziere auf Grund der Sinnlosigkeit meines Tuns vermehrt Galle.
  • Ich agitiere, rufe zu Gegenwehr, möglicherweise nicht gewaltfrei, auf und produziere vermehrt Galle.
Die Zeichen der Zeit zeigen also die Produktion von Anti-Galle-Medikamenten, für Leute die nicht aufgehört haben zu denken, an


Köppnick - 28. Februar, 16:36

Logische Analyse

Es ist nicht logisch, ein Buch als interessant zu bezeichnen, wenn man danach den Autor der Wirklichkeitsverleugnung, der Sandkastenspiele und des Wohnens im Elfenbeinturm bezichtigt. Das ersetzt die Auseinandersetzung mit den Argumenten des Autors durch einen persönlichen Angriff auf diesen.

Es wird gefordert, den Selektionsdruck, der von den Unternehmen ausgeht, zu stoppen. Die Option, über Politik einzuwirken, wird aber abgelehnt. Die drei weiteren genannten Möglichkeiten des Arrangierens, des Engagierens und des Agitierens werden als nicht zielführend bezeichnet. Daraus kann man schlussfolgern, dass der Kommentator keinen eigenen Vorschlag hat.

Da die vorgestellten und völlig unterschiedlichen Methoden (Arrangieren, Engagieren, Agitieren) alle zur Produktion von Galle führen, lässt sich vermuten, dass es zwischen dem Stoppen des Selektionsdrucks und der Galleproduktion keinen kausalen Zusammenhang gibt.

Damit meine Analyse nicht gar so bösartig klingt: Da auch Anti-Galle-Medikamente von profitorientierten Unternehmen produziert werden (die es zu schädigen gilt), ist es am besten, nach Methoden zu suchen, die keiner Medikamenteneinnahme bedürfen. Man darf beim Denken und Handeln auch Spaß haben.

Und außerdem kann aus der Tatsache, dass man selbst bis jetzt noch keine Lösung gefunden hat, nicht geschlussfolgert werden, dass auch andere keine Ideen haben und dass es keine Lösung gibt.
Der das Glas immernoch halb leer hat (anonym) - 28. Februar, 17:52

Out of ivory

Jemanden der Glasperlenspiele zu bezichtigen, ist ein persönlicher Angriff? Das Perlengeklicker kann Spass machen, kann interessant sein, ist aber leider meist nicht zielführend. Alle im Beitrag genannten Argumente sind wohlfeil, in einer utopischen Welt. Das darf man angreifen, oder? Möglicherweise war der Autor aber auch nur schon lange nicht mehr dort draussen. Einfach mal SAT1 einschalten und man ist geheilt.

Genauso wenig wird das Einwirken der Politik abgelehnt, sondern nur als wirklichkeitsfremd klassifiziert. Der praktische Unterschied sollte auf der Hand liegen. Man möge mich eines besseren belehren, aber das "Gute" in der Politik auch nur zu simulieren, ist seit 1989 abgefrühstückt.

Die Galleproduktionsmethodiken sollten freilich nur, der Rosenmontag ist gerade vorbei, humoristisch die Ratlosigkeit darstellen. Selbstverständlich tendiere ich nicht dazu arme Interlektuelle zu schröpfen.

Ihre harsche Kritik an der Hoffnungslosigkeit ehrt Sie, lieber Herr Köppnick, überzeugt aber auch nicht. Gebe man mir ein Argument, wie man globalen Firmen Empathie einhaucht und ich werde glauben. Aber wie Herr Gruber seiner Zeit schon darlegte, gehorchen Firmen anderen Gesetzen.

Köppnick - 28. Februar, 18:48

@Out of ivory

Jemanden der Glasperlenspiele zu bezichtigen, ist ein persönlicher Angriff? Das Perlengeklicker kann Spass machen, kann interessant sein, ist aber leider meist nicht zielführend. Alle im Beitrag genannten Argumente sind wohlfeil, in einer utopischen Welt. Das darf man angreifen, oder? Möglicherweise war der Autor aber auch nur schon lange nicht mehr dort draussen. Einfach mal SAT1 einschalten und man ist geheilt.
Das ist ein logischer Argumentationsfehler, weil nicht die Argumente des Autors diskutiert werden, sondern Charaktereigenschaften desselben ("Weltfremdheit"). Guckst du hier.

Ich bin auch nicht besonders optimistisch, bemühe mich aber logisch zu sein. Und ich kann einige Argumente anführen, die zumindest mir logisch erscheinen:
  • a) Aller Wohlstand dieser Welt entstammt menschlicher Arbeit. b) Die Unterschiede zwischen Arm und Reich entstehen durch Umverteilung des erarbeiteten Wohlstandes. c) Es gibt bedeutend mehr Arme als Reiche. Wird nicht mehr oder anders umverteilt (b), dann wird (c) geändert, ohne dass (a) seine Gültigkeit verliert.
  • Neue Ideen nehmen ihren Ausgangspunkt immer bei Einzelpersonen, Beispiele sind Charles Darwin, Karl Marx, Sigmund Freud (hatte gerade irgendein rundes Jubiläum) und Albert Einstein. Erst wenn sie eine kritische Masse von Menschen erreicht haben, entfalten sie ihr Potenzial. Bis zu diesem Zeitpunkt lauten Standardargumente gegen sie: "Das hat noch nie funktioniert", "das haben wir schon immer so gemacht", "das ist utopisch" und "einfach mal Sat1 einschalten und man ist geheilt".
Man kann immer auf einen anderen zeigen, der es noch doller treibt, der noch dümmer ist und wegen dem das alles sowieso keinen Zweck hat. Oder als formallogisches Argument verpackt: Wenn man beweist, dass die Machbarkeit nicht bewiesen ist, beweist man nicht, dass die Nichtmachbarkeit bewiesen ist.

Ich würde Sie (oder dich?) ja gerne eines besseren belehren, wenn denn nur ein einziges Argument käme, warum es keine Lösung geben sollte. Bis jetzt kann ich nur auf den folgenden Zirkelschluss verweisen:
  1. Politische Einflussnahme wird als nutzlos abgelehnt.
  2. Firmen wird mangelnde Empathie unterstellt.
Aber die einzige Einflussnahmemöglichkeit auf Firmen ist das Setzen von politischen Rahmenbedingungen. Der Widerspruch besteht darin, dass man durch Beharren auf 1. den Punkt 2. selbst verewigt. Dass beim Versuch politischer Einflussnahme mit großem Widerstand zu rechnen ist, kann nicht verwundern, denn auch hinter Firmenpolitik stecken wiederum die Interessen von Menschen. Aber nicht vergessen: Das ist die Minderheit! Daraus kann man auch gleich ein Teilziel ableiten: Leute von der Glotze weglocken und mit Argumenten füttern, die für sie verständlich sind.

Was Herrn Gruber betrifft, da bin ich mir absolut sicher, dass er eher auf meiner Seite "rudert", auf der Seite derjenigen, die noch nicht aufgegeben haben und zur Bestätigung Sat1 einschalten, absolut sicher bin ich mir.
Eberhard Halbgläser (anonym) - 28. Februar, 21:54

@Out of ivory

Das ist ein logischer Argumentationsfehler, weil nicht die
Argumente des Autors diskutiert werden, sondern Charaktereigenschaften
desselben ("Weltfremdheit"). Guckst du hier.

Na na, das nehme ich aber schon fast als Beleidigung. Weltfremdheit ist in diesem Falle keine Charaktereigenschaften,
sondern die Größe, die das Unterfangen mit Sinn ausstattet oder nicht. Unterstelle ich Weltfremdheit, unterstelle ich die Frage
falsch gestellt zu haben. Das ist keine billige Eristik, sondern des Pudels Kern.


Auf die Gefahr hin trivial zu werden: Welche Akteure haben wir? Auf der einen Seite agieren Regierungen, die in einigen Ländern von den Bürgern
gewählt werden. Auf der anderen Seite stehen Unternehmen verschiedener Größe und damit Eigenschaften.

Regierungen westlicher Länder stehen im Spannungsfeld zwischen Wirtschaftsinteressen und den Bürgern, respektive deren Wertesystem.
Wirtschaftsinteressen arbeiten per Definition gegen das Wohl des Ganzen. Zwei Faktoren sollten eine Rolle spielen: Ist der Wertekanon
der Politiker geeignet das Gesamtwohl zu fördern und ist das Regulativ Wahl ausreichend dies zu erzwingen, falls nicht?

  • Wertekanon
  • Eine kaum messbare Größe. Mein Empfinden geht allerdings dahin, dass der "Vollblutpolitiker" ausgestorben ist und Parteien nur als Sprungbrett
    verwendet werden. Zudem scheint es mir Mehrheitsmeinung zu sein, dass das allgemeine Wertesystem arg gelitten hat. Die China-Problematik zeigt,
    wie dehnbar Begriffe werden.
  • Wahl
  • Eine Bundestagswahl in Deutschland hat eine so lächerlich geringe Entropie, dass sie lediglich als Korrektiv katastrophaler Entscheidungen gelten
    kann. Mit ca. vier Bit macht man keine großen Sprünge. Die Alternative Volksentscheid setzte voraus, dass die Bürger in der Lage wären, die
    Fragestellungen zu bewerten.

Unternehmen sollte man in kleine Firmen, in denen der "Chef" alle Mitarbeiter kennt und die jenseits dieser Grenze, unterscheiden.
Erstere sind in Deutschland die Hauptarbeitgeber, aber politisch notorisch unterrepräsentiert. Zweitere haben großen Einfluss und eine
Emergenzschwelle überschritten. Die Wünsche und Ziele der Beteiligten sind nicht mehr die Wünsche und Ziele des Unternehmens. Das Dikatat des
Handelns wird von der Wirtschaftsform aufoktroyiert und ist nicht mehr auf das Wohl des Einzelnen ausgerichtet. Der Prozess ist durch aktuelle
Oligarchiebildung selbstverstärkend. Das Ziel des Unternehmens ist die Profitmaximierung auf Kosten der Beteiligten Mitarbeiter, Konkurrenten
und Ressourcen.

Wo in dieser Situation der Hebel angesetzt werden sollte, erschliesst sich mir nicht. Letztlich bleibt es aber eine rein subjektive Frage, weil
es darauf ankommt, wie niedere Motive man den Beteiligten unterstellt. Zumindest Vernunft ist in dem gesamten System ( ausser zur Lösung von
Teilfragen ) nirgendwo zu erkennen. Früge man mich, erkennte ich sogar eine negative Tendenz. Aber mich fragt ja keiner.

Köppnick - 1. März, 18:52

@Eberhard

Ein letztes Mal (versprochen!) zur Weltfremdheit und dem „logischen“ Argumentationsfehler. Wenn jemand eine Argumentation vorträgt und daraufhin von dem Zweiten als „weltfremd“ tituliert wird, was sagt das denn aus: Der Zweite will oder kann nichts zu den Argumenten sagen, stattdessen attributiert er den Ersten als Person als „wf“. Das hat nun mal eine negative Konnotation, oder? Und man hat hinterher immer noch keine Ahnung, ob die Argumente richtig oder falsch oder lala waren.
Der Begriff „Emergenz“ im Zusammenhang mit Unternehmen ist ein interessanter Gedanke, aber meiner Meinung nach führt er uns hier in die Irre. Auch das größte Unternehmen betreibt nicht Profitmaximierung als anonymes Ding, sondern es sind die daran beteiligten Menschen, von denen im Zweifelsfall jeder einzelne benannt werden kann. Insofern besteht zwischen den Mitarbeitern, kleinen und großen Unternehmen keine emergentische Barriere, die a priori irgendetwas verhindern würde. Das ist bei echter (z.B. physikalischer) Emergenz anders. Will man zum Beispiel die Eigenschaft „nass“ bis zum Wassermolekül verfolgen, scheitert man. Bei „Profitgier“ lassen sich aber die Profiteure eindeutig identifizieren.

Man darf sich nicht davon täuschen lassen, dass in der Wirtschaftstheorie mit statistischen Modellen gearbeitet wird und in der Physik auch. Im ersten Fall ist es eine Erleichterung, im zweiten Fall eine Notwendigkeit.

Gerade was die kapitalistische Wirtschaftsform betrifft, sie wurde ja schon einmal umgestoßen. Das sozialistische System hatte ebenfalls gravierende Mängel, aber man kann jedenfalls nicht behaupten, dass es überhaupt keine Alternativen gibt – es gab ja schon mal eine „real existierende“.

Meiner Meinung nach liegt der Schlüssel zur Lösung gesellschaftlicher Probleme darin, die gemeinsamen Interessen aller Menschen zu betonen. Und in Bezug auf die Klimaveränderung und die Ressourcenverknappung nähern wir uns genau einem solchen Punkt. Im Fall von Katastrophen war es immer am leichtesten, Verhaltensänderungen zu erreichen, weil es so, wie bis dahin üblich, nicht mehr weiterging. Und das ist derzeit die Ausgangslage: Wir nähern uns einem Punkt, bei dem ein „Weiter so!“ nicht mehr funktioniert.

Auch dem Punkt mit der Entropie und der Wahl würde ich so nicht zustimmen. Gerade Wahlen zeigen ein Schwellwertverhalten. Eine relativ kleine Veränderung der Stimmengewichtung kann die Mehrheitsverhältnisse ändern. Die Frage sind also nicht die geringen Stimmenänderungen als solche, sondern die hinter den einzelnen Machtblöcken stehenden Konzepte. Erst wenn diese sich weitgehend gleichen, bewirken wechselnde Stimmenverhältnisse nichts mehr. Das ist ein weiterer Punkt, warum eine Haltung a la „man kann sowieso nichts ändern“ so grundfalsch ist. Das trägt zu dieser sichtbar gewordenen Konzeptionslosigkeit der Politik nur noch weiter bei. Selbst wenn die alternativ entwickelten Konzepte nicht mehrheitsfähig werden, so verschieben sie doch die Durchschnittswerte der großen Blöcke.
Eberhard Gläser (anonym) - 2. März, 12:30

@Out of Ivory

Der Begriff „Emergenz“ im Zusammenhang mit Unternehmen ist ein interessanter Gedanke, aber meiner Meinung nach führt er uns hier in die Irre ... Bei „Profitgier“ lassen sich aber die Profiteure eindeutig identifizieren.

  • Werner führt einen Betrieb mit 50 Mitarbeitern, der leider momentan eine schlechte Auftragslage hat. Eigentlich müsste er Manni entlassen, aber Werner weiß, dass Mannis Frau Uschi schwanger ist. Daher versucht er erst mal einen anderen Weg. Manni ist nicht flüssig.
  • Kevin sitzt in einem Hochhaus in New York, London, Frankfurt und hat einen Stapel Zahlen auf den Tisch gekriegt. Die Filiale in Hessen macht zu wenig Gewinn. Nur wer genug Gewinn macht, bleibt im großen Haifischbeckenspiel über. Kevin leitet die Abwicklung der Filiale ein. Die Mitarbeiter der Filiale sind flüssig.

Beschleunigung ist das Thema. Die Globalisierung des Marktes lässt keine Zeit für Empathie. Das Heft des Handelns liegt heute in den Händen weniger großer Unternehmen und die Geschwindigkeit steigt. Mühsam verhindern Kartellbehörden die Monoplosierung der Märkte, aber auch dort wird gesägt.

Auch dem Punkt mit der Entropie und der Wahl würde ich so nicht zustimmen. Gerade Wahlen zeigen ein Schwellwertverhalten ... Selbst wenn die alternativ entwickelten Konzepte nicht mehrheitsfähig werden, so verschieben sie doch die Durchschnittswerte der großen Blöcke.

Leider sehe ich keine Wahlmöglichkeit, um den Mittelwert geeignet zu verschieben. Das ginge nur, wenn über Sachfragen abgestimmt würde, was sich aus vielerlei Gründen verbietet. Aber wahrscheinlich braucht es mehr Leute wie dich. Also, weiter machen!

Gregor Keuschnig - 2. März, 12:49

Empathie (@Eberhard)

Durch die Multinationalisierung und Aufblähung der Unternehmen kann gar nicht erwartet werden, dass Wirtschaftsunternehmen mit "Empathie" agieren bzw. reagieren. Genau so absurd ist es, demokratische Strukturen in Firmen einführen zu wollen. Das muss scheitern, wenn das Unternehmen Erfolg haben will. Die paar Ausnahmen bestätigen die Regel nicht.

Das, was pauschal als "Globalisierung" genannt wird, ist der Einbezug bisher nicht an der Ökonomie der Welt partizipierender Menschen / Nationen. Die Unternehmen nutzen hierbei die Entlohnungsgefälle. Gleichzeitig dienen wir (= unsere Volkswirtschaften) in diesen Ländern aber als Vorbild. Das passt nicht. Jeder Chinese, der heute Investitionen in sein Land befürwortet und sie zu Ungunsten eines "westlichen Standortes" für sich hereinholt, müsste erkennen, dass auch er irgendwann einmal das gleiche Schicksal erleiden wird (wenn beispielsweise Afrika an den Weltmarkt "andockt").

Wohl gemerkt: Ich werfe dem Chinesen seine Haltung nicht vor. Denn ähnlich falsch agieren die Verlagerer, da sie Nachfrage auf ihren Kernmärkten dauerhaft abwürgen. Hieraus entsteht ein Teufelskreis: Wenn eine Waschmaschine in Nürnberg produziert zu teuer ist (weil sie in der firmeninternen Kostenrechnung mit unredlichen Zuordnungen kaputtkalkuliert wird), wird sie in Osteuropa hergestellt. Dieser Preisvorteil wird zwar dem Kunden teilweise weitergegeben, gleichzeitig sinken hier jedoch die Reallohneinkommen. Also muss man wieder billiger produzieren, usw.

Noch etwas zum "Rauskommen": Ich glaube, dass weniger Leute als man denkt sich in Elfenbeintürmen aufhalten. Spätestens in der U-Bahn holt sie die "SAT1"-Wirklichkeit wieder ein. Ich war einmal 14 Tage in Urlaub und konnte - zwecks Stillung meines Nachrichtenhungers - nur SAT1 als deutschsprachigen Sender empfangen. Es war tatsächlich so, dass ich danach in einer ganz anderen Welt war; politisch gab es so gut wie keine substantielle Information. Ich frage mich, wer wirklich im Elfenbeinturm sitzt bzw. ob der Elfenbeinturm nicht längst ein Wartesaal für die 2. Klasse-Fahrer geworden ist.

Köppnick - 26. März, 21:44

Artikel bei Telepolis


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Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33