Fritz Reheis: Die Kreativität der Langsamkeit
Die zweite Auflage dieses Buches ist 1998 erschienen. Genau wie Karlheinz Geißler beschäftigt Fritz Reheis das Verhältnis des Menschen zur Zeit. Während sich Geißler mit seinem Konzept der „Postmoderne“ vor allem mit individuellen Lösungen beschäftigt hat, interessiert sich Reheis mehr für die politischen und ökonomischen Ursachen der Beschleunigung in der heutigen Zeit und Lösungsmöglichkeiten für die resultierenden Probleme. Er teilt zunächst, ähnlich wie Geißler, die Welt in Sphären auf: die des Menschen, der Gesellschaft und die der Natur. Da sich weder die Biologie des Menschen noch die sich außerhalb der Gesellschaft befindliche Natur verändert haben, sind die Ursachen der Beschleunigung folglich in der Gesellschaft zu suchen.Nach einer Auflistung verschiedener Warnsymptome in der heutigen Zeit, z.B. wie
- Haut- und Atemwegserkrankungen,
- psychische Deformationen,
- eine steigende Zahl von Krebserkrankungen,
- Autoimmunerkrankungen (in der Sphäre des Menschen),
- Umweltzerstörung,
- Klimaerwärmung,
- Steigender Ressourcenverbrauch (in der Sphäre der Natur)
Kapitalismusanalyse
Während der längsten Zeit der Existenz der menschlichen Gesellschaft wurde kaum Mehrwert erzeugt. Man betrieb vielleicht Vorratswirtschaft, aber die leichtverderblichen Produkte wurden zeitnah wieder verbraucht. Mit der Einführung von Geld als einem universalen Äquivalent änderte sich das. Das Ziel des Wirtschaftens mit Geld ist nicht mehr primär die Befriedigung von Bedürfnissen, sondern die Produktion von noch mehr Geld. Überschüsse werden nicht mehr konsumiert, sondern fließen (als Kapital) zwecks Vermehrung in die Produktion zurück (=Kapitalismus). Alle Dinge, die sich diesem Ziel entgegenstellen, sind zu beseitigende Hindernisse.
Der Produzent hat keine wirkliche Wahl: Zu Beginn der Produktion ist noch nicht bekannt, welche Produkte in welcher Zahl nachgefragt werden. Der Produzent weiß nicht genau, wie viel seine Konsumenten zu zahlen bereit bzw. in der Lage sind. Er weiß nicht genau, wie viel seine Konkurrenten produzieren. Er weiß nicht genau, zu welchem Preis diese ihre Produkte anbieten werden. Alles das nötigt ihn, möglichst schnell und möglichst billig zu produzieren, weil diese Vorgehensweise die einzige ist, die in den meisten Fällen funktioniert und sein Überleben sichert.
Beschleunigungssymptome
Der Mechanismus Zeitverbrauch = Geldverlust ist Ursache für viele der für die gesamte Natur, die Menschen und damit auch für die Gesellschaft als negativ empfundenen Beschleunigungssymptome:
- Natürliche Ressourcen werden nicht nachhaltig bewirtschaftet, d.h. den Produzenten interessiert nicht, wie lange die Regeneration in der Natur dauert. Entscheidend ist lediglich der momentane Preis ihrer Gewinnung.
- Umweltschutz wird als Kostenfaktor betrachtet.
- Nicht die Bedürfnisse der in der Produktion arbeitenden Menschen stehen im Mittelpunkt, sondern die damit verbundenen Kosten („Humankapital“). Diese Kosten können dadurch gesenkt werden, dass man die Kindheit verkürzt (oder die Zahl der Kinder), Bildung auf die Aneignung der für die Produktion notwendigen Fertigkeiten reduziert („es wird zu lange studiert“), dass man den Ruhestand hinausschiebt (Erhöhung des Rentenalters), und/oder dass man die Arbeitszeit insgesamt verlängert (Wochenarbeitszeit, Urlaub, Krankheit).
- Es wird Werbung für Produkte betrieben, an denen kein natürliches Interesse besteht. Diese Werbung ersetzt die sachliche Information und Diskussion über Nutzen und Risiken der Produkte (d.h. der sie erzeugenden Prozesse und ihrer Anwendung).
Aktualität
Wer bis vor einiger Zeit geglaubt hat, dass die „soziale Marktwirtschaft“ in den entwickelten Industriestaaten diesen reinen Kapitalismus erfolgreich zähmen konnte, findet sich heute zunehmend desillusioniert. Aktuelle Beispiele:
- China (ein totalitärer Staat) hat sich das Ziel gestellt, seinen Rückstand gegenüber den entwickelten Staaten aufzuholen. Mit den in den Industriestaaten für Unternehmen geltenden Regeln ist das nicht möglich, es sind massive Verletzungen im Umweltschutz, dem Umgang mit den natürlichen Ressourcen, in den Menschenrechten und im politischen Umgang notwendig. Das verbessert automatisch die Realisierungsmöglichkeiten des Kapitals, folglich wird dort investiert. (Kein oder wenige Ausländer investieren dagegen in chinesische Krankenhäuser, Kindertagestätten, in den Umweltschutz oder in die Demokratie.) Der in China mögliche größere Profit übt Druck auf die Verhältnisse in den Industriestaaten aus, die bereits besser gezähmte Kapitallogik gewinnt wieder mehr Einfluss auf die Politik. In der deutschen Politik sind alle oben aufgezählten Charakteristika vermehrt auffindbar.
- Kriege um Ressourcen. Krieg kann man als eine maximale Beschleunigung von Politik betrachten, weil friedliche Lösungen und die damit verbundene demokratische Suche um Konsenslösungen zunächst mehr Zeit (und Geld) kosten. (Übrigens ist das im Krieg verwendete undemokratische Kommandoprinzip dasselbe, das innerhalb von Unternehmen angewendet wird.) Vor allem Staaten, die ihre Interessen gefährdet sehen, greifen zu diesem letzten Mittel oder drohen wenigstens damit. Aktuelles Beispiel: Irakkrieg. Zum weiteren unbehinderten Geldverdienen ist der freie Zugang auf die Naturressource Erdöl notwendig. Alternativen, die zu einem verringerten Ressourcenverbrauch führen, sind aus Sicht des Kapitals weniger lukrativ, weil die (kurzfristigen) Gewinnspannen kleiner sind und weil unter Umständen andere als die heute führenden Unternehmen davon profitieren würden.
Gegenwärtig ist es so, dass den meisten Menschen der Zusammenhang zwischen der herrschenden Ökonomie und vielen krankhaften oder ~machenden Symptomen in oder an ihnen selbst, der Gesellschaft und der Natur nicht klar sind. Reheis zitiert in seinem Buch eine Berechnung, wonach jeder Werktätige etwa 11 Wochen im Jahr für die Zinsen der Kapitalbesitzer arbeitet. Weitere 5 Wochen könnte man einsparen, wenn 5 Millionen Arbeitslose eingesetzt würden. (Zum Zeitpunkt des Schreibens des Buches waren es bei Reheis 3 Wochen bei 3 Millionen Arbeitslosen.) Zusammen mit den heute bei uns üblichen 6 Wochen Urlaub bedeuten diese Zahlen, dass zum Erhalt des heutigen Lebensstandards der Nichtkapitalbesitzer etwa 7 Monate Arbeit im Jahr ausreichen könnten. (Laut einer ebenfalls im Buch zitierten Berechnung zählen etwa 85% der Bevölkerung zu denjenigen, für die Kapitaleinkünfte im Vergleich zu Arbeitseinkünften keine oder nur eine geringe Rolle spielen.)
Wenn man es zusätzlich schaffen könnte, vielen Menschen klar zu machen, dass viele ihrer Bedürfnisse nicht durch den Kauf von Produkten, sondern beispielsweise durch mehr sozialen Umgang miteinander befriedigt werden können, dann wären Arbeitszeiten von weit unter einem halben Jahr pro Kalenderjahr möglich.
Was kann den Kapitalismus ablösen, wenn sich so offensichtlich zeigt, dass die Bedürfnisse des Kapitals (Geldvermehrung, Beschleunigung) und die Bedürfnisse der Menschen, wie sie zum Beispiel in der Menschenrechtsdeklaration der UNO oder in der Gesundheitsdefinition der WHO festgeschrieben wurden, nicht übereinstimmen:
- Allgemeine Erklärung der Menschenrechte: Recht auf Arbeit und gleichen Lohn für gleiche Arbeit (§23), Erholung, Freizeit, Begrenzung der Arbeitszeit und auf periodischen, bezahlten Urlaub (§24), Recht auf Gesundheit, Wohlbefinden einschließlich Nahrung, Kleidung, Wohnung, ärztliche Betreuung (§25), Recht auf Bildung (§26)
- Gesundheitsdefinition der WHO: Gesundheit ist ein Zustand vollständigen physischen, psychischen und sozialen Wohlbefindens.
Reheis schlägt drei Grundmodelle vor, wobei das zweite der Modelle noch in drei Varianten unterteilt ist. Hier nur kurz die Grundgedanken, meine persönlichen Anmerkungen dazu im Anschluss:
A Dualwirtschaft
Bestimmte Teile der Fremdarbeit (man geht arbeiten und wird dafür von anderen bezahlt) werden in Eigenarbeit zurückverwandelt. Beispiel: Man betreut die Kinder (oder pflegt die Eltern) desjenigen, der einem dafür das Auto repariert. Auch früher wurden bereits viele Tätigkeiten im Kreis der Familie, der Nachbarschaft, des Vereins, der Dorfgemeinschaft erledigt. Im Prinzip lassen sich alle Tätigkeiten in Eigenarbeit umwandeln, die keinen Fabrik- oder Bürocharakter tragen.
B „Gerechte“ Markwirtschaft
B1 Gerechtigkeit über Steuern
Da wie oben bereits geschildert, freier Markt die Tendenz hat, Unterschiede zu vergrößern, wirkt die Politik dem entgegen: Maximale Erbschaftssteuern, denn die Erben haben nichts geleistet. Höherer Steuern für schnellere Unternehmen oder solche mit höheren Gewinnen. Natur- und Ökosteuern für höheren Ressourcenverbrauch als die Konkurrenz.
B2 Geld ohne Zinsen
(oder negative Zinsen, Geld mit Verfallsdatum, etc.). Ein wesentlicher Teil des Beschleunigungsdrucks wird heute dadurch erzeugt, dass man mit viel Geld noch mehr Geld verdienen kann. Mit Null- oder negativen Zinsen beseitigt man diesen Beschleunigungsdruck.
B3 Markt ohne Kapital
Diese Idee deckt sich im Wesentlichen mit der Modellvorstellung genossenschaftlich organisierter Betriebe. Die Besitzer und die Produzenten sind in Personalunion. Demzufolge können sie selbst entscheiden, wie viel, was und unter welchen Bedingungen sie arbeiten wollen.
C „Demokratische“ Planwirtschaft
Auch in der Marktwirtschaft wird geplant, aber eigentlich nur auf der Ebene der Unternehmen. Deshalb wird viel Überflüssiges produziert, zum Teil nicht auf gute Reparaturmöglichkeiten sondern im gegenteil auf vorzeitigen Verschleiß geachtet. Es werden Produkte erzeugt, deren Bedarf erst durch Werbung erzeugt werden muss. Alle diese Phänomene verursachen überflüssige Produktion und damit nutzlosen Zeitverbrauch. Unter diesem Gesichtspunkt muss bei gleichem Grad an Bedürfnisbefriedigung in einer Marktwirtschaft (selbst wenn man den zusätzlichen Ausbeutungsaspekt vernachlässigt!), mehr als in einer Planwirtschaft gearbeitet werden.
Fazit
Soweit die Vorschläge von Reheis (bzw. die anderer Ökonomen, die er übernommen hat). Das Grundproblem sehe ich in Folgendem: Die kapitalistische Ökonomie ist, unter rein ökonomischem Aspekt, die erfolgreichste Wirtschaftsform. In ökonomischer Konkurrenz zu ihr, zieht jede andere Wirtschaftsform den Kürzeren. Stellt man jedoch den Primat auf die Befriedigung der Bedürfnisse der Menschen, dann ändert sich das Bild. Das Recht vieler auf ein menschenwürdiges Leben und das Recht weniger, viel Geld zu verdienen, stehen im Gegensatz zueinander.
Wie Reheis richtig erkannt hat, ist es (eigentlich die wichtigste) Aufgabe der Politik, diesen Interessenkonflikt zu lösen. Aber wer bestimmt die Politik? Diejenigen die wählen gehen, oder diejenigen, die mit ihrem Geld Einfluss ausüben? Und inwieweit ist die Wahlentscheidung der vielen Ausdruck ihrer tatsächlichen Bedürfnisse und inwieweit ist sie durch (geldkostende) Meinungsmanipulationen im Vorfeld beeinflusst? Vermutlich liegt die Wahrheit irgendwo zwischen diesen beiden Extremen, wie man an den beiden folgenden Beispielen sieht:
- Russland nach der Revolution und die später gegründeten sozialistischen Staaten hatten eine Planwirtschaft. Diese Gesellschaftsform hat einer großen Zahl von Menschen das Leben gekostet und wurde (zumindest zuletzt) von einem Großteil der Bevölkerung abgelehnt. Demokratisch war sie nicht, bei Durchführung freier Wahlen wäre das „Experiment“ viel früher beendet worden.
- Präsident Bush wurde von einer Mehrheit der amerikanischen Bevölkerung demokratisch gewählt. Objektiv verbessert der jetzt stattfindende Irakkrieg die Möglichkeiten der Bedürfnisbefriedigung der Amerikaner nicht, geschweige denn dem Durchschnitt aller Erdbewohner.
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Es müssen mehr globale Gesetze her
In der Natur gilt das Recht des Stärkeren und doch wohnt jedem Raubzug der Zauber des Regulativen inne.Die Natur steuert das Gleichgewicht mit Hilfe von Gesetzen.Nur der Mensch hat diese Regeln verlernt.Alle anderen Lebewesen halten sich an diese Gesetzmäßigkeiten.Es muß uns also gelingen ein Wirtschaftssystem zu entwickeln das durch Gesetze alle Beteiligten anhält die Spielregeln des Systems zu befolgen.Den Schlüssel zu einem funktionierenden System werden wir nur in der Natur finden können.
Die Gesetze machen wir selbst
Meiner Meinung nach müssen wir deshalb nicht in der Natur nach Lösungen unserer gesellschaftlichen Probleme suchen, sondern wir müssen uns überlegen, nach welchen Regeln wir selbst leben wollen. Dabei muss dann allerdings einerseits beachtet werden, dass wir selbst biologische Wesen sind (natürliche Bedürfnisse), und dass wir andererseits massiv auf die Natur zurückwirken (Nachhaltigkeit).