Gregor Keuschnig - 23. Februar, 11:57

Mich auf dünnem Eis bewegend...

Abgesehen davon, dass mit einer rein konstruktivistischen Sicht auf die Welt allgemein gültige ethische und normative Regeln schwer bis gar nicht mehr formulierbar sind und – streng genommen – der interpretatorischen Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet wird (man denke heute schon an die Konfusionen in Gutachterprozessen oder auch die Bewertung der Notwendigkeit einer globalen Umweltpolitik [Kyoto-Protokoll]) könnte gerade eine solche Herangehensweise eine Neubetrachtung der uns universal erscheinenden gültigen Werte befördern.

Die letzten beiden Sätze Deiner für mich sehr interessanten Rezension machen mir in dieser Hinsicht Hoffnung. Inwiefern ist aber Watzlawick dann noch ein „radikaler“ Konstruktivist? Wenn ich Dich richtig verstanden habe, gibt es für ihn nichtkonstruktivistische Parameter. Wer sagt ihm/uns aber, dass diese Parameter (wie z. B. die Zeit) nicht auch wieder konstruierte Wirklichkeiten sind?

Noch eine Frage: Gibt es jemals die Möglichkeit, dass die Laborratte ihren „Irrtum“ erkennt? Oder muss man gleich mitfragen, ob es die Möglichkeit gibt, dass der Laborleiter (also wir) einem Irrtum unterliegen und die Ratte tatsächlich recht hat?

Köppnick - 23. Februar, 19:09

Radikaler Konstruktivismus

Radikal finde ich seine Überlegungen auch nicht, Grubers Lieblingsphilosophie, der Funktionalismus, erscheint mir radikaler. Das Problem mit der Beliebigkeit sehe ich eigentlich nicht, denn aus der Möglichkeit, eine bestimmte Beobachtung anders zu interpretieren als mein Gegenüber, folgt ja nicht, dass es für mich notwendig ist. Aber Watzlawicks Konzept bietet eine plausible Erklärung für diese Eventualität. Vor allem zieht er einem den Zahn der "Objektivität" und stößt einen mit der Nase darauf, jeden Sachverhalt auch unter dem Blickwinkel der anderen zu betrachten, oder dies wenigstens zu versuchen.

Zeit und andere physikalische Tatbestände lassen sich in reproduzierbaren Experimenten immer wieder bestätigen, während menschliche Kommunikation zwangsläufig von den Beteiligten und von ihrem Standpunkt aus interpretiert wird.

Für das Paradoxon der Laborratten gibt es eine Lösung. Es ist übrigens dasselbe, das bei allen Paradoxa zur Auflösung der Widersprüche führt. Man muss auf eine Metaebene wechseln (Watzlawick nennt das "übergeordnete Wirklichkeit". Uns fällt das bei den Laborratten ganz leicht. Auf dieser Metaebene erkennt man, dass Menschen die Ratten gezüchtet und in den Käfig gesetzt haben. Und dass sie über die Macht verfügen, die Ratten auch zu töten. Ob das den Ratten auch gelingen kann? Die beiden Parteien sind in ihrem Wirken nicht gleichwertig. Es ist also die Frage, ob das Wissen ausreicht, diese Metaebene auch zu finden. Immerhin haben die Ratten in diesem Fall bereits den ersten Schritt geschafft, sie haben ihr Kommunikationsgegenüber (den Menschen) identifiziert und eine zeitliche Abfolge ihrer und seiner Handlungen entdeckt. Das ist eine ganze Menge.

Zum Metaebenenproblem am Beispiel des Gefangenendilemmas schreibt er:
Der Mathematiker und Spieltheoretiker Nigel Howard hat bereits vor zehn Jahren eine sogenannte Theorie der Metaspiele entwickelt und mit ihrer Hilfe nachgewiesen, daß es eine Lösung des Dilemmas auf höherer (Meta-)Ebene gibt. Die Komplexität seines Beweises würde den Rahmen dieses Buchs überschreiten, und ich muß mich daher auf die Angabe der Quelle [74] und den Hinweis beschränken, daß ihre Bedeutung für die mathematische Logik und für das Verständnis menschlicher Probleme kaum überschätzt werden kann, da sie der Einführung einer übergeordneten Wirklichkeit gleichkommt. In seinem bereits erwähnten Referat umreißt Rapoport ihre Bedeutung wie folgt:

Um intuitiv verständlich und annehmbar zu sein, muß die formale [Howards] Lösung des Gefangenendilemmas in einen gesellschaftlichen Kontext ingekleidet werden. Wenn dies gelingt, wird das Gefangenendilemma einen Platz im Museum der berühmten ex-Paradoxien verdienen, in dem die inkommensurablen Größen, Achilles und die Schildkröte, und die Barbiere, die zu entscheiden versuchen, ob sie sich selbst rasieren sollen, aufbewahrt sind.
Es ist gut möglich, dass wir bestimmte Paradoxa niemals auflösen können (z.B. die der Quantentheorie), weil die dafür notwendige Metaebene für uns nicht erreichbar ist.

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Kommentare hier ...

Der Artikel über den Atheismus in der...
Köppnick - 19. August, 19:26
Es ist schon ein großer Unterschied...
Talakallea Thymon - 19. August, 13:09
Also der Satz, dass es irrelevant ist, dass...
steppenhund - 18. August, 14:37
Noch eine Ergänzung
Gregor Keuschnig - 18. August, 14:00
@beide
steppenhund - 18. August, 13:52
Mittelfristig ist Russland keine Grossmacht...
Gregor Keuschnig - 18. August, 10:13
Naja,
Gregor Keuschnig - 18. August, 09:21
Nachtrag
Köppnick - 17. August, 12:26
@Peter Viehrig
Köppnick - 16. August, 08:46
Ein paar Einsprüche
Peter Viehrig - 16. August, 07:41