Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?
Paul Watzlawick gilt als einer der bekanntesten Vertreter des Radikalen Konstruktivismus. Sein Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ gilt als einer der Klassiker der Konstruktivismusliteratur. Es ist 1976 in englisch, 1978 erstmalig in deutsch erschienen. Mein Exemplar aus dem Jahr 1999 entstammt der 25. Auflage und ist mir beim Ausmisten meines Bücherschranks zufällig wieder in die Hände gefallen.Die Motivation zum Schreiben seines Buches umreißt er im Vorwort so:
Dieses Buch handelt davon, daß die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist. Diese These scheint den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist, und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen.Watzlawick unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Wirklichkeiten. Die erste ist die der uns umgebenden Dinge und naturwissenschaftlichen Sachverhalte. Hier werden unterschiedliche Menschen in verschiedenen Beobachtungen oder Experimenten stets vergleichbare Resultate berichten. Vollkommen anders sieht es aber auf einer zweiten Ebene aus, wenn zwei Menschen oder sonstige Lebewesen miteinander kommunizieren. Nun bedeutet aber jedes von einem anderen „jemand“ beobachtete Verhalten Kommunikation, denn man kann sich nach Watzlawick „nicht nicht verhalten“.
Es soll gezeigt werden, daß dies nicht so ist; daß das wacklige Gerüst unserer Alltagsauffassungen der Wirklichkeit im eigentlichen Sinne wahnhaft ist, und daß wir fortwährend mit seinem Flicken und Abstützen beschäftigt sind - selbst auf die erhebliche Gefahr hin, Tatsachen verdrehen zu müssen, damit sie unserer Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen, statt umgekehrt unsere Weltschau den unleugbaren Gegebenheiten anzupassen. Es soll ferner gezeigt werden, daß der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen ist; daß es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten sind.
Berücksichtigt man hier die Erkenntnisse der Quantentheorie, dann gerät selbst diese Gewissheit der Unterscheidung zwischen erster und zweiter Wirklichkeit ins Wanken. Wie ein Landsmann von Watzlawick, der österreichische Philosoph Karl Popper es mit seinem Konzept der abnehmenden Wirklichkeit zum Ausdruck gebracht hat, haben wir weder einen sinnlichen Zugang zur Quanten- noch zur kosmologischen Welt. Wir beobachten beide nur anhand der Wechselwirkung von für unsere Sinne im wortwörtlichen Sinne begreifbare Objekte. Quarks wechselwirken mit Elektronen, Neutronen oder Protonen, diese mit Atomkernen, diese mit Molekülen, ..., bis schließlich für unser Auge sichtbare Objekte vorliegen. Für jede dieser Zwischenschritte haben wir eine Theorie, die die Wechselwirkung der Wechselwirkung der Wechselwirkung usw. beschreibt und deshalb den eigentlich beobachteten Vorgang immer weniger intuitiv macht.
Jeder der an der Kommunikation beteiligten Menschen bewertet diese aus seiner eigenen Perspektive, oder interpunktiert sie, wie Watzlawick es bezeichnet. Am pointiertesten bringt das sein Beispiel von der Ratte und dem Versuchsleiter zum Ausdruck:
Wohl alle Psychologiestudenten kennen den alten Witz von der Laborratte, die einer anderen Ratte das Verhalten des Versuchsleiters mit den Worten erklärt: »Ich habe diesen Mann so trainiert, daß er mir jedesmal Futter gibt, wenn ich diesen Hebel drücke.« Damit beweist die Ratte, daß sie in derselben Reiz-Reaktionsfolge eine andere Gesetzmäßigkeit sieht als der Versuchsleiter: Für ihn ist der Hebeldruck der Ratte eine von ihr erlernte Reaktion auf einen von ihm unmittelbar vorher gegebenen Reiz; wie aber die Ratte die Wirklichkeit sieht, ist ihr Hebeldruck ein Reiz, den sie dem Versuchsleiter erteilt, worauf er mit dem Geben von Futter als erlernter Reaktion antwortet usw. Obwohl beide also dieselben Tatsachen sehen, schreiben sie ihnen zwei sehr verschiedene Bedeutungen zu und erleben sie daher buchstäblich als zwei verschiedene Wirklichkeiten.Was man in diesem Fall vielleicht noch als Witz ansehen würde, ist es aber im Falle menschlicher Kommunikationspartner nicht mehr. Wir können gar nicht anders, als das Verhalten anderer Menschen von unserem eigenen Standpunkt aus zu interpretieren. Aber auch dem bewussten Hineinversetzen in den Standpunkt des anderen („ich denke, dass er denkt, dass ich denke“ usw. im unendlichen Regress) sind Grenzen gesetzt, wie anhand des allbekannten Gefangenendilemmas gezeigt werden kann. Das ist keineswegs eine theoretische Spielerei, sondern eine in der Politik häufig auftretende Situation (z.B. Nahostkonflikt, Abrüstungsverhandlungen).
Das Buch ist eine Fundgrube dieses und ähnlicher kommentierter Fälle. Wie eingangs erwähnt, hatte ich das Buch vor einigen Jahren bereits gelesen. Ich war mir gar nicht mehr bewusst, wie viele der Beispiele aus diesem Buch ich in mein Denken übernommen hatte: Zitate aus dem IKS-Haken von Joseph Heller; die Tatsache, dass in Familien mit einem Schizophrenen dieser oft der einzige Mensch ist, der nach außen ein normales Verhalten zeigt; die Beobachtungen über den unterschiedlich „richtigen“ Abstand bei einem Gespräch von Personen, die einem unterschiedlichen Kulturkreis entstammen; Erklärungsmodelle für abergläubisches und neurotisches Verhalten; warum Gottgläubigkeit eine solche Faszination ausüben kann; teleologische Naturvorstellungen; Kommunikation mit Delfinen und deren kognitive Empathie, Sprechen und Sprachverständnis von Schimpansen. Ein weiteres grandioses Beispiel aus dem Buch:
Im Rahmen eines vor Jahren im Mental Research Institute durchgeführten derartigen Experiments fragten wir den Gründer und ersten Direktor unseres Instituts, den Psychiater Don D. Jackson, der ein international bekannter Fachmann auf dem Gebiet der Psychotherapie der Schizophrenien war, ob er es uns erlauben würde, ihn bei einem Erstinterview mit einem paranoiden Patienten zu filmen, dessen Wahnvorstellung hauptsächlich darin bestand, ein klinischer Psychologe zu sein. Dr. Jackson war einverstanden, und unser nächster Schritt war, einen klinischen Psychologen, der sich ebenfalls mit der Psychotherapie von Psychosen befaßte, zu fragen, ob er willens sei, sich in einem Erstinterview mit einem paranoiden Patienten filmen zu lassen, der glaubte, ein Psychiater zu sein. Auch er sagte zu.Watzlawick bringt diesen seinen Standpunkt sehr treffend auf den Punkt:
Wir brachten die beiden dann in einer Art Supertherapiesitzung zusammen, in der beide Doktoren prompt darangingen, die »Wahnvorstellung« des anderen zu behandeln. Für die Zwecke unseres Experiments hätte die Situation kaum perfekter sein können: Dank ihres Zustands von Desinformation verhielten sich beide zwar individuell durchaus richtig und »wirklichkeitsangepaßt« - bloß daß eben dieses richtige und wirklichkeitsangepaßte Verhalten in der Sicht des anderen ein Beweis von Geistesstörung war. Oder anders ausgedrückt: Je normaler sich beide verhielten, desto verrückter schienen sie in den Augen des Partners.
Der eigentliche Wahn liegt in der Annahme, daß es eine »wirkliche« Wirklichkeit zweiter Ordnung gibt und daß »Normale« sich in ihr besser auskennen als »Geistesgestörte«.Wesentlicher Bestandteil unserer Wirklichkeitsauffassung ist das Finden von Kausalitäten, weil sie Sinnzusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen vermitteln. Aus diesem Grund sind diverse Paradoxa so beunruhigend. Eine Liste bekannter Paradoxa befindet sich zum Beispiel hier. Ein mir bis jetzt noch nicht bekanntes Paradoxon (in dem verlinkten Artikel allerdings bereits enthalten) wird im Buch als „Newcombs Paradoxie“ bezeichnet:
Die prinzipielle Bedeutung dieser Paradoxie für meine Thematik liegt darin, daß sie auf einem Kommunikationsaustausch mit einem imaginären Wesen beruht; einem Wesen, das die Fähigkeit besitzt, menschliche Entscheidungen mit fast hundertprozentiger Genauigkeit vorauszusagen. Nozick definiert diese Fähigkeit (und der Leser ist ersucht, dieser Definition volle Aufmerksamkeit zu schenken, da ihr Verständnis für das Folgende unerläßlich ist) mit folgenden Worten: »Sie wissen, daß dieses Wesen Ihre vergangenen Entscheidungen oft richtig vorausgesagt hat (und daß es, soweit Ihnen bekannt ist, niemals falsche Voraussagen über Ihre Entscheidungen gemacht hat), und Sie wissen ferner, daß dieses Wesen oft die Entscheidungen anderer Leute [ ... ] in der nun zu beschreibenden Situation richtig vorausgesagt hat.« Es sei ausdrücklich betont, daß die Voraussagen fast, aber eben nur fast vollkommen verläßlich sind.Das Verblüffende an der Aufgabe ist, dass die verschiedenen Probanden jeweils genau eine Lösung finden und felsenfest davon überzeugt sind, dass es keine zweite Lösung gibt. Wird ihnen diese zweite Lösung präsentiert, werden sie den jeweils anderen von ihrer eigenen Meinung zu überzeugen versuchen:
Das Wesen zeigt Ihnen zwei verschlossene Kästchen und erklärt, daß in Kästchen 1 auf jeden Fall tausend Dollar liegen, während Kästchen 2 entweder nichts oder eine Million Dollar enthält. Es stehen Ihnen nun folgende zwei Möglichkeiten zur Wahl offen: Sie können entweder beide Kästchen öffnen und das darin liegende Geld gewinnen; oder Sie wählen nur Kästchen 2 und nehmen das dort vorgefundene Geld. Ferner teilt Ihnen das Wesen mit, daß es folgende Maßnahmen getroffen hat: Wenn Sie die erste Alternative wählen und beide Kästchen öffnen, so hat das Wesen (das diese Entscheidung natürlich voraussah) das zweite Kästchen leer gelassen, und Sie gewinnen daher nur die tausend Dollar in Kästchen 1. Wenn Sie sich dagegen entschließen, nur Kästchen 2 zu öffnen, hat das Wesen (wiederum aufgrund seines Vorauswissens dieser Entscheidung) die Million dort hineingelegt.
Der Ablauf der Ereignisse ist also folgender: Das Wesen macht zuerst stillschweigend seine Voraussage Ihrer Wahl; dann legt es, je nach seiner Voraussage, entweder die Million in Kästchen 2 oder läßt es leer; dann teilt es Ihnen die Bedingungen mit; und zu guter Letzt treffen Sie Ihre Entscheidung. Wir dürfen im folgenden also annehmen, daß Sie die Situation und die daran geknüpften Bedingungen voll verstehen; daß das Wesen weiß, daß Sie sie verstehen; daß Sie wissen, daß es das weiß, und so weiter.
- Lösung 1: Man darf nur das zweite Kästchen öffnen und gewinnt 1.000.000 Dollar.
- Lösung 2: Man muss beide Kästchen öffnen, da man entweder nur 1000 Dollar gewinnt, wenn das Kästchen 2 leer ist, oder 1.001.000 Dollar. Unabhängig davon, ob das Kästchen 2 leer ist oder nicht, man gewinnt 1000 Dollar mehr, als wenn man nur Kästchen 2 öffnen würde.
Watzlawick leitet von diesem Beispiel auf die bekannte Kontroverse zwischen Determinismus und Willensfreiheit über, u.a. mit dem schönen Bonmot:
Die Zukunft ist veränderbar, aber unbekannt; die Vergangenheit ist bekannt, aber nicht mehr zu ändern.Hier bleibt anzumerken, dass Watzlawick neben der Wirklichkeit erster Ordnung (der Dinge) auch die Zeit für einen nichtkonstruktivistischen Parameter hält, die für alle Subjekte gleichermaßen gilt. Auch hier könnte es sein, dass sich aus der Quantentheorie eine andere Interpretation ergibt, er selbst rekurriert nur auf die Relativitätstheorie. Eine weitere interessante Anmerkung ist, dass Watzlawicks Theorien selbst der Wirklichkeit zweiter Ordnung angehören und sich deshalb automatisch den axiomatischen Zweifeln ausgesetzt sehen müssen, die aus Gödels Unvollständigkeitsüberlegungen herrühren.
Für mich ist sein Buch ein außerordentlich bemerkenswertes, gespickt mit Beispielen, unterhaltsam und gut geschrieben, das zusätzlich zu eigenen Reflexionen anregt. Zum Beispiel sind „Geld“ und „Macht“ charakteristische Objekte der Wirklichkeit zweiter Ordnung, weil sie nicht durch Naturgesetze vorherbestimmt sind. Sie begleiten die meisten Menschen vom Tag ihrer Geburt bis zum Tod, sie nehmen sie deshalb für eine ebensolche Gegebenheit, wie es die Existenz von Erde oder Sonne sind. Wie Watzlawick gezeigt hat, müssen diese „praktisch veranlagten“ Zeitgenossen deshalb auch so merkwürdig reagieren, wenn sie mit anderen Menschen zusammentreffen, in deren Weltbild ihre selbstverständlichen Fetische eine geringere bis gar keine Bedeutung besitzen, tiefgläubige Menschen, Wissenschaftler oder Künstler.
Ein Zusammentreffen mit einer anderen Wirklichkeitsauffassung ruft immer Konfusion hervor, diese schlägt häufig in Abwehrhaltung um, weil die eigene (mühsam erworbene) Weltsicht konserviert werden muss.
Kategorien: Bücher, Gehirn & Geist
Montag, 20.Februar 2006




