Paul Watzlawick: Wie wirklich ist die Wirklichkeit?

Paul Watzlawick gilt als einer der bekanntesten Vertreter des Radikalen Konstruktivismus. Sein Buch „Wie wirklich ist die Wirklichkeit“ gilt als einer der Klassiker der Konstruktivismusliteratur. Es ist 1976 in englisch, 1978 erstmalig in deutsch erschienen. Mein Exemplar aus dem Jahr 1999 entstammt der 25. Auflage und ist mir beim Ausmisten meines Bücherschranks zufällig wieder in die Hände gefallen.

Die Motivation zum Schreiben seines Buches umreißt er im Vorwort so:
Dieses Buch handelt davon, daß die sogenannte Wirklichkeit das Ergebnis von Kommunikation ist. Diese These scheint den Wagen vor das Pferd zu spannen, denn die Wirklichkeit ist doch offensichtlich das, was wirklich der Fall ist, und Kommunikation nur die Art und Weise, sie zu beschreiben und mitzuteilen.

Es soll gezeigt werden, daß dies nicht so ist; daß das wacklige Gerüst unserer Alltagsauffassungen der Wirklichkeit im eigentlichen Sinne wahnhaft ist, und daß wir fortwährend mit seinem Flicken und Abstützen beschäftigt sind - selbst auf die erhebliche Gefahr hin, Tatsachen verdrehen zu müssen, damit sie unserer Wirklichkeitsauffassung nicht widersprechen, statt umgekehrt unsere Weltschau den unleugbaren Gegebenheiten anzupassen. Es soll ferner gezeigt werden, daß der Glaube, es gäbe nur eine Wirklichkeit, die gefährlichste all dieser Selbsttäuschungen ist; daß es vielmehr zahllose Wirklichkeitsauffassungen gibt, die sehr widersprüchlich sein können, die alle das Ergebnis von Kommunikation und nicht der Widerschein ewiger, objektiver Wahrheiten sind.
Watzlawick unterscheidet zwischen zwei verschiedenen Wirklichkeiten. Die erste ist die der uns umgebenden Dinge und naturwissenschaftlichen Sachverhalte. Hier werden unterschiedliche Menschen in verschiedenen Beobachtungen oder Experimenten stets vergleichbare Resultate berichten. Vollkommen anders sieht es aber auf einer zweiten Ebene aus, wenn zwei Menschen oder sonstige Lebewesen miteinander kommunizieren. Nun bedeutet aber jedes von einem anderen „jemand“ beobachtete Verhalten Kommunikation, denn man kann sich nach Watzlawick „nicht nicht verhalten“.

Berücksichtigt man hier die Erkenntnisse der Quantentheorie, dann gerät selbst diese Gewissheit der Unterscheidung zwischen erster und zweiter Wirklichkeit ins Wanken. Wie ein Landsmann von Watzlawick, der österreichische Philosoph Karl Popper es mit seinem Konzept der abnehmenden Wirklichkeit zum Ausdruck gebracht hat, haben wir weder einen sinnlichen Zugang zur Quanten- noch zur kosmologischen Welt. Wir beobachten beide nur anhand der Wechselwirkung von für unsere Sinne im wortwörtlichen Sinne begreifbare Objekte. Quarks wechselwirken mit Elektronen, Neutronen oder Protonen, diese mit Atomkernen, diese mit Molekülen, ..., bis schließlich für unser Auge sichtbare Objekte vorliegen. Für jede dieser Zwischenschritte haben wir eine Theorie, die die Wechselwirkung der Wechselwirkung der Wechselwirkung usw. beschreibt und deshalb den eigentlich beobachteten Vorgang immer weniger intuitiv macht.

Jeder der an der Kommunikation beteiligten Menschen bewertet diese aus seiner eigenen Perspektive, oder interpunktiert sie, wie Watzlawick es bezeichnet. Am pointiertesten bringt das sein Beispiel von der Ratte und dem Versuchsleiter zum Ausdruck:
Wohl alle Psychologiestudenten kennen den alten Witz von der Laborratte, die einer anderen Ratte das Verhalten des Versuchsleiters mit den Worten erklärt: »Ich habe diesen Mann so trainiert, daß er mir jedesmal Futter gibt, wenn ich diesen Hebel drücke.« Damit beweist die Ratte, daß sie in derselben Reiz-Reaktionsfolge eine andere Gesetzmäßigkeit sieht als der Versuchsleiter: Für ihn ist der Hebeldruck der Ratte eine von ihr erlernte Reaktion auf einen von ihm unmittelbar vorher gegebenen Reiz; wie aber die Ratte die Wirklichkeit sieht, ist ihr Hebeldruck ein Reiz, den sie dem Versuchsleiter erteilt, worauf er mit dem Geben von Futter als erlernter Reaktion antwortet usw. Obwohl beide also dieselben Tatsachen sehen, schreiben sie ihnen zwei sehr verschiedene Bedeutungen zu und erleben sie daher buchstäblich als zwei verschiedene Wirklichkeiten.
Was man in diesem Fall vielleicht noch als Witz ansehen würde, ist es aber im Falle menschlicher Kommunikationspartner nicht mehr. Wir können gar nicht anders, als das Verhalten anderer Menschen von unserem eigenen Standpunkt aus zu interpretieren. Aber auch dem bewussten Hineinversetzen in den Standpunkt des anderen („ich denke, dass er denkt, dass ich denke“ usw. im unendlichen Regress) sind Grenzen gesetzt, wie anhand des allbekannten Gefangenendilemmas gezeigt werden kann. Das ist keineswegs eine theoretische Spielerei, sondern eine in der Politik häufig auftretende Situation (z.B. Nahostkonflikt, Abrüstungsverhandlungen).

Das Buch ist eine Fundgrube dieses und ähnlicher kommentierter Fälle. Wie eingangs erwähnt, hatte ich das Buch vor einigen Jahren bereits gelesen. Ich war mir gar nicht mehr bewusst, wie viele der Beispiele aus diesem Buch ich in mein Denken übernommen hatte: Zitate aus dem IKS-Haken von Joseph Heller; die Tatsache, dass in Familien mit einem Schizophrenen dieser oft der einzige Mensch ist, der nach außen ein normales Verhalten zeigt; die Beobachtungen über den unterschiedlich „richtigen“ Abstand bei einem Gespräch von Personen, die einem unterschiedlichen Kulturkreis entstammen; Erklärungsmodelle für abergläubisches und neurotisches Verhalten; warum Gottgläubigkeit eine solche Faszination ausüben kann; teleologische Naturvorstellungen; Kommunikation mit Delfinen und deren kognitive Empathie, Sprechen und Sprachverständnis von Schimpansen. Ein weiteres grandioses Beispiel aus dem Buch:
Im Rahmen eines vor Jahren im Mental Research Institute durchgeführten derartigen Experiments fragten wir den Gründer und ersten Direktor unseres Instituts, den Psychiater Don D. Jackson, der ein international bekannter Fachmann auf dem Gebiet der Psychotherapie der Schizophrenien war, ob er es uns erlauben würde, ihn bei einem Erstinterview mit einem paranoiden Patienten zu filmen, dessen Wahnvorstellung hauptsächlich darin bestand, ein klinischer Psychologe zu sein. Dr. Jackson war einverstanden, und unser nächster Schritt war, einen klinischen Psychologen, der sich ebenfalls mit der Psychotherapie von Psychosen befaßte, zu fragen, ob er willens sei, sich in einem Erstinterview mit einem paranoiden Patienten filmen zu lassen, der glaubte, ein Psychiater zu sein. Auch er sagte zu.

Wir brachten die beiden dann in einer Art Supertherapiesitzung zusammen, in der beide Doktoren prompt darangingen, die »Wahnvorstellung« des anderen zu behandeln. Für die Zwecke unseres Experiments hätte die Situation kaum perfekter sein können: Dank ihres Zustands von Desinformation verhielten sich beide zwar individuell durchaus richtig und »wirklichkeitsangepaßt« - bloß daß eben dieses richtige und wirklichkeitsangepaßte Verhalten in der Sicht des anderen ein Beweis von Geistesstörung war. Oder anders ausgedrückt: Je normaler sich beide verhielten, desto verrückter schienen sie in den Augen des Partners.
Watzlawick bringt diesen seinen Standpunkt sehr treffend auf den Punkt:
Der eigentliche Wahn liegt in der Annahme, daß es eine »wirkliche« Wirklichkeit zweiter Ordnung gibt und daß »Normale« sich in ihr besser auskennen als »Geistesgestörte«.
Wesentlicher Bestandteil unserer Wirklichkeitsauffassung ist das Finden von Kausalitäten, weil sie Sinnzusammenhänge zwischen verschiedenen Ereignissen vermitteln. Aus diesem Grund sind diverse Paradoxa so beunruhigend. Eine Liste bekannter Paradoxa befindet sich zum Beispiel hier. Ein mir bis jetzt noch nicht bekanntes Paradoxon (in dem verlinkten Artikel allerdings bereits enthalten) wird im Buch als „Newcombs Paradoxie“ bezeichnet:
Die prinzipielle Bedeutung dieser Paradoxie für meine Thematik liegt darin, daß sie auf einem Kommunikationsaustausch mit einem imaginären Wesen beruht; einem Wesen, das die Fähigkeit besitzt, menschliche Entscheidungen mit fast hundertprozentiger Genauigkeit vorauszusagen. Nozick definiert diese Fähigkeit (und der Leser ist ersucht, dieser Definition volle Aufmerksamkeit zu schenken, da ihr Verständnis für das Folgende unerläßlich ist) mit folgenden Worten: »Sie wissen, daß dieses Wesen Ihre vergangenen Entscheidungen oft richtig vorausgesagt hat (und daß es, soweit Ihnen bekannt ist, niemals falsche Voraussagen über Ihre Entscheidungen gemacht hat), und Sie wissen ferner, daß dieses Wesen oft die Entscheidungen anderer Leute [ ... ] in der nun zu beschreibenden Situation richtig vorausgesagt hat.« Es sei ausdrücklich betont, daß die Voraussagen fast, aber eben nur fast vollkommen verläßlich sind.

Das Wesen zeigt Ihnen zwei verschlossene Kästchen und erklärt, daß in Kästchen 1 auf jeden Fall tausend Dollar liegen, während Kästchen 2 entweder nichts oder eine Million Dollar enthält. Es stehen Ihnen nun folgende zwei Möglichkeiten zur Wahl offen: Sie können entweder beide Kästchen öffnen und das darin liegende Geld gewinnen; oder Sie wählen nur Kästchen 2 und nehmen das dort vorgefundene Geld. Ferner teilt Ihnen das Wesen mit, daß es folgende Maßnahmen getroffen hat: Wenn Sie die erste Alternative wählen und beide Kästchen öffnen, so hat das Wesen (das diese Entscheidung natürlich voraussah) das zweite Kästchen leer gelassen, und Sie gewinnen daher nur die tausend Dollar in Kästchen 1. Wenn Sie sich dagegen entschließen, nur Kästchen 2 zu öffnen, hat das Wesen (wiederum aufgrund seines Vorauswissens dieser Entscheidung) die Million dort hineingelegt.

Der Ablauf der Ereignisse ist also folgender: Das Wesen macht zuerst stillschweigend seine Voraussage Ihrer Wahl; dann legt es, je nach seiner Voraussage, entweder die Million in Kästchen 2 oder läßt es leer; dann teilt es Ihnen die Bedingungen mit; und zu guter Letzt treffen Sie Ihre Entscheidung. Wir dürfen im folgenden also annehmen, daß Sie die Situation und die daran geknüpften Bedingungen voll verstehen; daß das Wesen weiß, daß Sie sie verstehen; daß Sie wissen, daß es das weiß, und so weiter.
Das Verblüffende an der Aufgabe ist, dass die verschiedenen Probanden jeweils genau eine Lösung finden und felsenfest davon überzeugt sind, dass es keine zweite Lösung gibt. Wird ihnen diese zweite Lösung präsentiert, werden sie den jeweils anderen von ihrer eigenen Meinung zu überzeugen versuchen:
  • Lösung 1: Man darf nur das zweite Kästchen öffnen und gewinnt 1.000.000 Dollar.
  • Lösung 2: Man muss beide Kästchen öffnen, da man entweder nur 1000 Dollar gewinnt, wenn das Kästchen 2 leer ist, oder 1.001.000 Dollar. Unabhängig davon, ob das Kästchen 2 leer ist oder nicht, man gewinnt 1000 Dollar mehr, als wenn man nur Kästchen 2 öffnen würde.
Der Unterschied, den ich allein niemals gefunden hätte, besteht in den zwei verschiedenen Interpretationen der Kausalitätsbeziehung. Lösung 1 basiert auf der logischen Wenn- Dann- Verknüpfung, die unabhängig vom zeitlichen Verlauf des Experiments ist. Lösung 2 beruht auf der zeitlichen Ursache- Wirkung- Verknüpfung. Nach dieser Interpretation hat das Wesen zu Versuchsbeginn seine Entscheidung bereits getroffen, eine Änderung der Vergangenheit ist ihm nicht möglich.

Watzlawick leitet von diesem Beispiel auf die bekannte Kontroverse zwischen Determinismus und Willensfreiheit über, u.a. mit dem schönen Bonmot:
Die Zukunft ist veränderbar, aber unbekannt; die Vergangenheit ist bekannt, aber nicht mehr zu ändern.
Hier bleibt anzumerken, dass Watzlawick neben der Wirklichkeit erster Ordnung (der Dinge) auch die Zeit für einen nichtkonstruktivistischen Parameter hält, die für alle Subjekte gleichermaßen gilt. Auch hier könnte es sein, dass sich aus der Quantentheorie eine andere Interpretation ergibt, er selbst rekurriert nur auf die Relativitätstheorie. Eine weitere interessante Anmerkung ist, dass Watzlawicks Theorien selbst der Wirklichkeit zweiter Ordnung angehören und sich deshalb automatisch den axiomatischen Zweifeln ausgesetzt sehen müssen, die aus Gödels Unvollständigkeitsüberlegungen herrühren.

Für mich ist sein Buch ein außerordentlich bemerkenswertes, gespickt mit Beispielen, unterhaltsam und gut geschrieben, das zusätzlich zu eigenen Reflexionen anregt. Zum Beispiel sind „Geld“ und „Macht“ charakteristische Objekte der Wirklichkeit zweiter Ordnung, weil sie nicht durch Naturgesetze vorherbestimmt sind. Sie begleiten die meisten Menschen vom Tag ihrer Geburt bis zum Tod, sie nehmen sie deshalb für eine ebensolche Gegebenheit, wie es die Existenz von Erde oder Sonne sind. Wie Watzlawick gezeigt hat, müssen diese „praktisch veranlagten“ Zeitgenossen deshalb auch so merkwürdig reagieren, wenn sie mit anderen Menschen zusammentreffen, in deren Weltbild ihre selbstverständlichen Fetische eine geringere bis gar keine Bedeutung besitzen, tiefgläubige Menschen, Wissenschaftler oder Künstler.

Ein Zusammentreffen mit einer anderen Wirklichkeitsauffassung ruft immer Konfusion hervor, diese schlägt häufig in Abwehrhaltung um, weil die eigene (mühsam erworbene) Weltsicht konserviert werden muss.

Kategorien: Bücher, Gehirn & Geist
Gregor Keuschnig - 23. Februar, 11:57

Mich auf dünnem Eis bewegend...

Abgesehen davon, dass mit einer rein konstruktivistischen Sicht auf die Welt allgemein gültige ethische und normative Regeln schwer bis gar nicht mehr formulierbar sind und – streng genommen – der interpretatorischen Beliebigkeit Tür und Tor geöffnet wird (man denke heute schon an die Konfusionen in Gutachterprozessen oder auch die Bewertung der Notwendigkeit einer globalen Umweltpolitik [Kyoto-Protokoll]) könnte gerade eine solche Herangehensweise eine Neubetrachtung der uns universal erscheinenden gültigen Werte befördern.

Die letzten beiden Sätze Deiner für mich sehr interessanten Rezension machen mir in dieser Hinsicht Hoffnung. Inwiefern ist aber Watzlawick dann noch ein „radikaler“ Konstruktivist? Wenn ich Dich richtig verstanden habe, gibt es für ihn nichtkonstruktivistische Parameter. Wer sagt ihm/uns aber, dass diese Parameter (wie z. B. die Zeit) nicht auch wieder konstruierte Wirklichkeiten sind?

Noch eine Frage: Gibt es jemals die Möglichkeit, dass die Laborratte ihren „Irrtum“ erkennt? Oder muss man gleich mitfragen, ob es die Möglichkeit gibt, dass der Laborleiter (also wir) einem Irrtum unterliegen und die Ratte tatsächlich recht hat?

Köppnick - 23. Februar, 19:09

Radikaler Konstruktivismus

Radikal finde ich seine Überlegungen auch nicht, Grubers Lieblingsphilosophie, der Funktionalismus, erscheint mir radikaler. Das Problem mit der Beliebigkeit sehe ich eigentlich nicht, denn aus der Möglichkeit, eine bestimmte Beobachtung anders zu interpretieren als mein Gegenüber, folgt ja nicht, dass es für mich notwendig ist. Aber Watzlawicks Konzept bietet eine plausible Erklärung für diese Eventualität. Vor allem zieht er einem den Zahn der "Objektivität" und stößt einen mit der Nase darauf, jeden Sachverhalt auch unter dem Blickwinkel der anderen zu betrachten, oder dies wenigstens zu versuchen.

Zeit und andere physikalische Tatbestände lassen sich in reproduzierbaren Experimenten immer wieder bestätigen, während menschliche Kommunikation zwangsläufig von den Beteiligten und von ihrem Standpunkt aus interpretiert wird.

Für das Paradoxon der Laborratten gibt es eine Lösung. Es ist übrigens dasselbe, das bei allen Paradoxa zur Auflösung der Widersprüche führt. Man muss auf eine Metaebene wechseln (Watzlawick nennt das "übergeordnete Wirklichkeit". Uns fällt das bei den Laborratten ganz leicht. Auf dieser Metaebene erkennt man, dass Menschen die Ratten gezüchtet und in den Käfig gesetzt haben. Und dass sie über die Macht verfügen, die Ratten auch zu töten. Ob das den Ratten auch gelingen kann? Die beiden Parteien sind in ihrem Wirken nicht gleichwertig. Es ist also die Frage, ob das Wissen ausreicht, diese Metaebene auch zu finden. Immerhin haben die Ratten in diesem Fall bereits den ersten Schritt geschafft, sie haben ihr Kommunikationsgegenüber (den Menschen) identifiziert und eine zeitliche Abfolge ihrer und seiner Handlungen entdeckt. Das ist eine ganze Menge.

Zum Metaebenenproblem am Beispiel des Gefangenendilemmas schreibt er:
Der Mathematiker und Spieltheoretiker Nigel Howard hat bereits vor zehn Jahren eine sogenannte Theorie der Metaspiele entwickelt und mit ihrer Hilfe nachgewiesen, daß es eine Lösung des Dilemmas auf höherer (Meta-)Ebene gibt. Die Komplexität seines Beweises würde den Rahmen dieses Buchs überschreiten, und ich muß mich daher auf die Angabe der Quelle [74] und den Hinweis beschränken, daß ihre Bedeutung für die mathematische Logik und für das Verständnis menschlicher Probleme kaum überschätzt werden kann, da sie der Einführung einer übergeordneten Wirklichkeit gleichkommt. In seinem bereits erwähnten Referat umreißt Rapoport ihre Bedeutung wie folgt:

Um intuitiv verständlich und annehmbar zu sein, muß die formale [Howards] Lösung des Gefangenendilemmas in einen gesellschaftlichen Kontext ingekleidet werden. Wenn dies gelingt, wird das Gefangenendilemma einen Platz im Museum der berühmten ex-Paradoxien verdienen, in dem die inkommensurablen Größen, Achilles und die Schildkröte, und die Barbiere, die zu entscheiden versuchen, ob sie sich selbst rasieren sollen, aufbewahrt sind.
Es ist gut möglich, dass wir bestimmte Paradoxa niemals auflösen können (z.B. die der Quantentheorie), weil die dafür notwendige Metaebene für uns nicht erreichbar ist.
Gregor Keuschnig - 24. Februar, 17:44

Hm - nochmal insistiert:

Die Möglichkeit, eine bestimmte Beobachtung anders zu interpretieren, ist sicherlich reizvoll und erweitert den Horizont. Mit Beliebigkeit meine ich, dass, wenn man dem Konstruktivismus folgt, keine verbindlichen Regeln auch im Bereich der Ethik (und Justiz) existieren können – die Scharia müsste quasi gleichwertig neben unseren Gesetzestexten stehen.

Zwar bringt der konstruktivistische Blick auch einen gewissen Abstand (sowohl innerhalb einer Kultur also auch im unmittelbaren „Vergleich“ zwischen eurozentrischem Denken und anderskulturellen Werten) – letztlich bleibt jedoch das „Problem“, zum Beispiel einen des Mordes (oder Totschlags) Angeklagten zu „beurteilen“. Sprechen wir ihn frei, weil es ja auch sinnvoll sein kann, dass er seinen bösartigen Nachbarn umgebracht hat? Pointiert: Kann es denn überhaupt so etwas wie einen "Interntionalen Gerichtshof" geben und wäre es nicht absurd, nicht-westlichen Angeklagten den Prozess zu machen?

Deine Lösung des Laborratte-Paradoxons bedeutet letztlich doch, dass es Strukturen gibt, die die These der Laborratte als falsch belegen können. Sie ist nur nicht in der Lage, diese Strukturen zu erkennen – daher liegt sie falsch.

Ist es das, was mit Metaebene gemeint ist? Und: Ist dann endlich – in den „letzten Fragen“ – die Metaebene Gott?

Hier ist übrigens ein Aufsatz über Konstruktivismus, der mich jedoch mit vielen Fragen alleine lässt.

Köppnick - 25. Februar, 15:24

Ethik ist davon nicht betroffen

Es scheint bei allen ein gewisser Zwang zu herrschen, selbst gemachte Detailbeobachtungen zu einem System zu erweitern, das dann die gesamte Welt erklären soll. Paul Watzlawick bezeichnet sich in seinem Buch übrigens selbst nicht als Konstruktivisten, dieses Attribut wurde ihm im Einbandtext vom Piper-Verlag umgehängt. Schaut man sich die Beispiele in seinem Buch an, dann stammen sie überwiegend von Fällen, in denen die Kommunikation zwischen Menschen gestört war, oder in denen mit Tieren oder (hypothetisch im letzten Teil) mit Außerirdischen kommuniziert wird. Auch in diesen Fällen liegt gewissermaßen immer eine „Kommunikationsstörung“ vor. Watzlawick ist Psychologe.

Der von Gruber wiederum bevorzugte Funkionalismus reduziert die äußere Welt (und u.U. auch die innere Sicht auf die Sicht, die für ihn auch eine äußere Sicht ist (hinreichend unverständlich?)) auf die „Schnittstelle“. Diese Philosophie ist unter KI-Leuten weitverbreitet, weil es einer mehr programm- oder informationstechnischen Herangehensweise entspricht. Neurophysiologen wiederum sind häufig Anhänger der Identitätstheorie und so weiter. Jeder sieht die Welt mit den Augen seiner Profession. (Übrigens auch ein Beweis für die richtige Beobachtung des Konstruktivismus, dass das, was wir bereits wissen, Einfluss darauf hat, was wir erkennen.)

Was aber, wenn es für uns überhaupt keine geschlossene Theorie der Welt gibt, entweder weil die Welt diesen Zusammenhang nicht hat oder wir dazu zu dumm sind oder beides? Jedenfalls muss einem deshalb um „Ethik“ nicht bang sein, unabhängig davon, ob Konstruktivismus eine „richtige“ oder „falsche“ Beschreibung menschlichen Verhaltens liefert. Denn es gilt ja, dass aus Symmetriegründen (jeder Mensch hat viele Menschen in seiner Umgebung, die er als ihm gleichartig betrachtet) die überwiegende Zahl der Menschen die (menschliche) Welt ähnlich sieht. Es ist dabei egal, ob die Ethik zusammen mit dem Menschen entstanden ist (nichtkonstruktivistisch), oder ob sie in uns aus der Weltbetrachtung entsteht (konstruktivistisch).

Das ändert nichts an der (aus denselben Symmetriegründen) notwendig geltenden Grundvoraussetzung: „Alle Menschen sind a priori gleich.“ Für Tiere gelten beginnend von den Primaten bis zu niederen Lebensformen abgestufte Rechte. Aus diesen anderthalb Prinzipien lassen sich eigentlich alle übrigen Menschen- und Tierrechte (und deren Einschränkung in Ausnahmefällen) ableiten. Einige der Ableitungen sind abhängig vom Kulturkreis, aber daran ändert Konstruktivismus als Denkansatz nichts.

Die Tatsache, dass wir die Existenz Gottes philosophisch weder beweisen noch widerlegen können, ist in meinen Augen ein deutlicher Fingerzeig darauf, dass wir die logische Geschlossenheit einer allumfassenden Welterklärung nicht hinbekommen werden. Eine für uns unerreichbare Ebene sich als Metaebene zu denken, ist aber nicht mehr wissenschaftlich, sondern ein Glaubensdingens.
Gregor Keuschnig - 26. Februar, 22:04

Hintertür

Ethische oder moralische Wertungen kommen ganz schnell durch die Hintertür. Wir können sie nicht fernhalten. Wenn das konstruktivistische Diktum ernst genommen wird, dass es keine Objektivität gibt, so brechen natürlich alle unsere Werte, auf die sich unsere Moralvorstellungen gründen, wie ein Kartenhaus zusammen. Sie können stimmen, müssen aber nicht.

Das Problem mit einer Mehrheitsentscheidung zu lösen, entschärft und regelt lokale Konfliktpotentiale – für eine globale Betrachtung reicht es dann aber nicht mehr.

In einem Dossier von Charlotte Wiedemann in der ZEIT vom 16.2. ging es um die Frauen in Saudi Arabien, einem Land, das in vielerlei Hinsicht als rückständig und „barbarisch“ gilt. Das Dossier ist sehr interessant. Frauen dürfen in Saudi-Arabien beispielsweise nicht Autofahren und ohne Genehmigung eines männlichen Verwandten nicht verreisen. Sie dürfen sich Männern in der Öffentlichkeit nur verhüllt zeigen; Männer und Frauen sind überall getrennt – auch in Universitäten (wo sie allerdings 60% der Professoren stellen – in Deutschland nur 12%).

Interessant ist nun, dass diese Frauen diese für uns mittelalterlichen und entwürdigenden Regeln gar nicht als solche empfinden, sondern sie, rein pragmatisch betrachtend, erfüllen, aber ihnen keinerlei sonstige Bedeutung widmen. Man könnte salopp sagen, sie machen trotzdem „ihr Ding“.

Auf diese Problematik hin könnte man ja auch auf die Idee kommen, dies in Deutschland einzuführen – will sagen: Bloss, weil es bei uns mehrheitlich anders ist, ist nicht gesagt, dass unsere Methode, die wir überall ja stillschweigend fast voraussetzen, die richtige ist. Das mag für jemandem wie mich, der in rudimentären Punkten sehr wohl universalistisch denkt, schwer akzeptabel. Genau so wenig akzeptabel erscheint es aber, unsere Wertvorstellung, die eine andere ist, zu okroyieren. Womit wir im Dilemma sind.

Köppnick - 27. Februar, 10:16

Reichweite "universeller" Werte

Ein paar Beispiele, die zeigen, wie fragwürdig die Annahme universeller Werte sein kann:
  • In meiner Sauna gibt es folgende Öffnungszeiten: Gemischte Sauna täglich, außer Montags und Freitags, dann nur Frauensauna. Wenn ich das als Außenstehender unseres Kulturkreises (oder gar unserer Spezies) erfahre, kann ich zu vollkommen unterschiedlichen Schlussfolgerungen kommen: Frauen unterdrücken Männer, es soll eine bestehende Unterdrückung der Frauen durch Männer kompensiert werden, an Mon- und Freitagen sind die Eigenschaften von Männern oder Frauen anders als an anderen Tagen, an Mon- und Freitagen ist das Verhältnis der Geschlechter anders als an den anderen Tagen. Ohne weiteres Wissen ist das nicht beurteilbar.
  • In vielen Stellenausschreibungen steht „Bei gleicher Eignung Frauen und Behinderte bevorzugt“. Da können je nach Standpunkt ja nun alle klagen. Männer werden diskriminiert, Frauen werden mit Behinderten auf eine Stufe gestellt, es wird nicht zwischen männlichen und weiblichen Behinderten unterschieden, aber zwischen gesunden Männern und Frauen und so weiter.
  • Bei Eskimos gibt es den Spruch: „Die Frau ist der beste Freund des Menschen.“ Was kann man da alles hinein interpretieren, wenn man sein Urteil über Eskimos anhand dieses einen Satzes fällen wollte!
Die einzige Diskussion bei N., die mir in den letzten Tagen was gegeben hat, waren die Anmerkungen von MdR rund um den Freiheitsbegriff. Er hat sehr richtig angemerkt, dass Freiheit kein Wert an sich ist, sondern nur Mittel zum Zweck. Das sehe ich auch so, viel wichtiger ist zum Beispiel das Recht auf Glück, was eher mit solchen Werten wie Sicherheit, Geborgenheit und Gesundheit als mit Freiheit zusammenhängt. Freiheit (und Gleichheit) als Werte an sich wurden in letzter Zeit sowieso stark entwertet, weil sie als Kriegsgründe herhalten mussten.

Universelle Werte sind gar nicht so universell, sondern hängen sehr stark von den gegebenen Umständen ab. Sie werden universell genannt, weil die sie Vertretenden viele Gemeinsamkeiten haben und das auf alle anderen extrapolieren (wollen). Aber je weiter die Lebensumstände der anderen von den eigenen abweichen, umso mehr Differenzen muss man finden.

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Kommentare hier ...

Die Grünen sind links.
Metepsilonema - 22. Juli, 22:34
Aufgrund der Komplexität des Themas...
Köppnick - 22. Juli, 07:50
Irgendetwas mit der url stimmte nicht. Wie...
Metepsilonema - 22. Juli, 01:07
Deine Links funktionieren nicht,
Köppnick - 21. Juli, 12:05
Hier findet man die beiden Artikel:
Metepsilonema - 21. Juli, 01:40
Ich würde es etwas anders ausdrücken:...
Metepsilonema - 18. Juli, 21:48
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Metepsilonema - 15. Juli, 21:54
Ich halte es durchaus für vertretbar,...
Köppnick - 14. Juli, 22:05
Beweiskraft gibt es generell keine, denn...
Metepsilonema - 14. Juli, 19:16