Karlheinz A. Geißler: Vom Tempo der Welt

Karlheinz Geißler ist Prof. für Wirtschafts- und Sozialpädagogik an der Universität der Bundeswehr München. Er gilt als Deutschlands bekanntester „Zeitforscher“, ich habe schon mehrere Sendungen im Fernsehen gesehen, in denen er zu Wort kam. Geißler behauptet, dass „Zeit“ das im Deutschen am häufigsten verwendete Wort ist – nun zumindest kann man das mit Google nicht sofort widerlegen, „Zeit“ liefert derzeit 190, „Raum“ 32 und „Leben“ 80 Millionen Treffer.

In seinem Buch beschäftigt er sich mit dem Verhältnis des Menschen zur Zeit. Gegliedert ist das Buch chrono-logisch (wie auch sonst?), indem das gewandelte Verhältnis des Menschen zur Zeit in den unterschiedlichen Epochen gezeigt wird. Der Autor zerlegt die menschliche Entwicklung in drei, entsprechend des jeweiligen Verhältnisses der Menschen zu ihrer natürlichen und der von ihnen selbst geschaffenen Umwelt und zur Zeit. Er unterscheidet dabei die Vormoderne, die Moderne und die (gerade beginnende) Postmoderne.

Vormoderne
In der Vormoderne war das menschliche Leben in die periodischen Abläufe der Natur und des Kosmos eingebettet, die Rotation der Erde um sich selbst und um die Sonne waren die Taktgeber, Zeitmaßstab war das „Tagewerk“. Wenn es hell wurde, stand man auf, bei einbrechender Dunkelheit ging man schlafen. Das Arbeitstempo richtete sich nach den Wetterbedingungen. Auch die Sozialstruktur war dem untergeordnet. Charakteristisch für diese Zeit war, dass ihr der Entwicklungsgedanke völlig fremd blieb, wer als Handwerker- oder Bauersohn geboren wurde, starb als Handwerker oder Bauer. Man lernte von seinen Vorfahren genau das, was man für seine soziale Stellung benötigte. Aus diesem Grund genossen die Alten auch hohes Ansehen, weil sie das seinerzeit bekannte Wissen an die Nachkommen weitergeben mussten. Katastrophen wurden als gottgegeben hingenommen, es gab keine Neugier auf und keine Furcht vor der Zukunft.

Aber die damaligen Zustände waren nicht „die gute alte Zeit“, denn man bezahlte einen hohen Preis für diese vermeintliche Geruhsamkeit: Schutzloses Ausgeliefertsein vor den Naturgewalten, materielle Armut, Starrheit der sozialen Strukturen und Kontrolle, erzwungene Sesshaftigkeit.

Moderne
Die Veränderungen begannen im 13. Jahrhundert mit vielen unterschiedlichen Ereignissen. Der Klerus brachte an seinen Kirchtürmen Uhren an, um die religiösen Vorschriften einhalten zu können. In den Städten wurde die Organisation des Alltagslebens anhand der Uhrzeiten eingeführt, man entfremdete sich von der Natur, man verwendete Beleuchtung, um die Nachtstunden zu nutzen. Es wurden erste Universitäten gegründet. Im Handel begann die Zeit eine wichtige Rolle zu spielen, denn Zeitvorsprung bedeutete größere Gewinne. Die einschneidenste Erfindung aber war es, (Arbeits-)Zeit in Geld umzurechnen, der Begriff des „Stundenlohns“ entstand (vgl. „Tagewerk“ weiter oben). Für mich eine der Schlüsselaussagen im Buch:
Geld kennt, im Gegensatz zur Natur, nämlich kein „genug". Wenn die Gleichung „Zeit ist Geld" gilt, dann gilt die Maßlosigkeit nicht nur fürs Geld, sondern auch für die Zeit. So kommt es, daß, fast völlig losgelöst von der Frage nach dem „Warum", in unserer heutigen Gesellschaft mehr Schnelligkeit, höhere Beschleunigung und steigende Zeitgewinne für fast alle Lebensbereiche gefordert werden. Was mit der gewonnenen Zeit schließlich gemacht wird oder was mit ihr gemacht werden soll, das bleibt weitgehend offen. So führte der Beschleunigungsdruck, speziell in der jüngsten Geschichte, zu noch mehr Zeitsparanstrengungen. Denn die gewonnene Zeit wurde bisher meist dazu genutzt, noch mehr Zeit zu gewinnen. Es gibt bei dieser Spirale kein Ende, eben weil es kein „genug" gibt. Es sei denn das Ende aller Zeit, der Tod, setzt ihr ein gewaltsames. Dieser Tod aber erinnert uns daran, daß es illusorisch ist, sich völlig von den Zeit-Maßen der Natur zu lösen. Die Verdrängung des Todes in unserer heutigen Gesellschaft ist, so gesehen, auch eine Verdrängung naturbezogener, maßvoller und begrenzender Zeitmaße.
Der erste Teil des Zitats beantwortet die Frage nach der Ursache der Hetzerei, es ist die Gier nach Geld. Der zweite Teil zeigt die Konsequenz davon auf: Weil wir ein Teil der Natur geblieben sind und natürlichen Prozessen und Rhythmen unterworfen bleiben, macht uns das unglücklich. Interessant fand ich auch seine Gedanken zu den verschiedenen Geräten, mit denen man „Zeit sparen“ kann, von Uhren, Organizern bis hin zu schnelleren Autos, Haushaltsgeräten etc. Zunächst mal kosten die Geräte Zeit (und zeitwertes Geld), weil man sie bezahlen muss und sich dann in ihre Bedienung einarbeiten. Später wird mit ihrer Hilfe unser Alltag in kleinere Zeitabschnitte zerteilt, was wir subjektiv als eine Zunahme der Hektik empfinden, weil mehr Verschiedenes in die objektiv immer gleich langen Tage gepackt wird.

Postmoderne
Die Moderne war durch eine fortwährende Beschleunigung gekennzeichnet. Inzwischen sind die Grenzen dieser Beschleunigung erreicht. Informationen kann man nicht schneller als das Licht übermitteln, der Aufnahmefähigkeit des Menschen und der zeitlichen Beschleunigung seines Lebens sind ebenfals Grenzen gesetzt, auch komsumieren kann man nicht unbegrenzt. Die heutigen Veränderungen gehen deshalb in eine neue Richtung. Geißler stellt die Auflösung sozialer Rhythmen und den Übergang zu individuellen Eigenzeiten fest. Wann viele Dinge im Leben stattfinden, vom Arbeitsbeginn bis zu der Entscheidung, wann der beste Zeitpunkt für ein Kind ist, wird von jedem Einzelnen selbst getroffen. Neben dem Gewinn an persönlicher Freiheit wird aber dadurch neuer Stress erzeugt, denn der Wegfall von Routine und die notwendige Entscheidungsfindung selbst kosten ebenfalls Zeit und müssen vom Einzelnen auch verantwortet werden, der sich zudem bewusst ist, dass ihm seine Lebenszeit „davonläuft“.

Weitere Charakteristika der Postmoderne sind:
  • Der Begriff der Pünktlichkeit wird durch den der Flexibilität ersetzt. Man verabredet sich nicht mehr zu einer lange vorher festgelegten Uhrzeit, sondern macht alles kurz vorher am „Handy“ aus. Außerdem weist er auf einen interessanten Fehlschluss der Moderne hin, in der Pünktlichkeit mit Zuverlässigkeit verwechselt wurde.
  • Das Lernen löst die Arbeit ab. Und für Lernprozesse sind starre Zeitvorgaben sinnlos, verschiedene Dinge werden von verschiedenen Menschen in unterschiedlicher Zeit und zu unterschiedlichen Zeiten gelernt.
  • Lange musste ich in Geißlers Buch auf den Begriff des „Zeitwohlstandes“ warten, der mir aus einer Fernsehsendung noch erinnerlich war, und der den Begriff des Güterwohlstandes der Moderne zumindest teilweise ablöst. Erst ganz am Schluss des Buches kommt er auf dieses Konzept zu sprechen. Zufrieden ist in unserer Zeit nicht der, der alles hat, sondern der, der für die Dinge, die ihm wichtig sind, auch die benötigte Zeit findet.
Weitergesponnen
Man kann die drei von Geißler beschriebenen Perioden wie folgt charakterisieren: In der Vormoderne war der Mensch von den Rhythmen der Natur bestimmt, in der Moderne von den Rhythmen der Gesellschaft, in der Postmoderne ist oder wird er von seiner individuellen Zeit getrieben. Kann es eine weitere Periode geben? Die einzige mir einfallende Weiterentwicklung ist, dass das Konzept der Zeit als solche für den einzelnen Menschen vollkommen an Bedeutung verliert. Dafür habe ich zur Zeit zwei Ideen:
  • Physikalisch unwahrscheinlich: Zeitreisen gestatten es uns, zu einem beliebigen Zeit-Punkt zu gehen, um Versäumtes nachzuholen, Zukünftiges vorzubereiten oder um uns mit anderen zu synchronisieren, mit denen wir im Jetzt keine gemeinsame Zeit finden können.
  • Biologisch gut möglich: Es gelingt uns, unser eigenes Leben so (unendlich lange?) zu verlängern, dass genügend Zeit ist, die Dinge, die uns wirklich wichtig sind, auch zu realisieren. „Du hör mal, derzeit passt es bei mir schlecht. Lass uns in 300.000 Jahren, 9 Uhr vormittags noch mal drüber reden, ja!?“ Klingt heute noch verrückt, erscheint aber in der Zukunft nicht unmöglich.
Kategorien: Bücher, Visionen
Reh Volution - 5. Februar, 18:14

Zeitlos glücklich

Ich bin weitestgehend ohne Zeiteisen durchs Leben gekommen und finde die menschliche Erfindungen schaffen in erster Linie meist Abhängigkeit.
Die zeitlosen Zeilen großer Schreiber und die individuellen Nachrichten aus längst vergangenen Buchstabensuppen beeindrucken mich zutiefst.
Der synchrone Dialog ist ein Indiz für größere synchrone Zusamenhänge.
Zeit ist niemals linear.
Zukunft , Vergangenheit und Gegenwart sind so miteinander verwoben, daß man sie als Einheit betrachten sollte.
Für mich sind diese Begriffe nicht trennbar .
Unabhängig davon bewegen wir uns auf ein neues Äon zu, ob die uns bekannten Zeitstrukturen erhalten bleiben ist mehr als fraglich.
Ich bezweifle es -

Gregor Keuschnig - 6. Februar, 09:11

Zwei Bemerkungen...

zu dieser schönen Besprechung.

I. Manfred Osten hat in seinem Buch "Alles veloziferisch oder Goethes Entdeckung der Langsamkeit" den "Faust" hinsichtlich der für Goethe offensichtlich zunehmend bedrohlich beschleunigten Welt diesen neuen Aspekt hinzugefügt. Osten interpretiert Faust als rast- und ruhelos suchenden Intellektuellen, der letztlich an der mephistophelischen Magie - der Ausführung der Beschleunigung - scheitert. Anhand ausgewählter Textstellen zeigt Osten dies sehr schön.

Einen Eindruck vermittelt dieser kleine Aufsatz.


II. Das die Grenzen dieser Beschleunigung erreicht sind, hat man allerdings immer gedacht. Ende der 70er Jahre, als ich in das Büro- und Berufsleben eintrat, galt der Fernschreiber als ultimatives, weltweites Kommunikationsinstrument. Es wurde in den 80er Jahren vom Telefax abgelöst. Ich kann belegen, dass Firmen die diese "Umstellung" (vom Telex zum Fax) zu spät vorgenommen haben, nicht überlebt haben.

Die grösste "Revolution" ist natürlich das Internet - die E-Mail Kommunikation. Es ist jedoch deutlich zu merken, dass es hier bereits die ersten "Entschleuniger" gibt. Aufgrund der Anzahl der "Mails", die am Tag eingehen, sind viele weder in der Lage noch bereit, hier die Kommunikation aufrecht zu erhalten. Das ist zwar auch eine Generationenfrage, aber generell stelle ich fest, dass die sehr viele Leute nicht mehr in der Lage sind (oder sich überfordert fühlen), im "Infomüll" Wichtiges von Unwichtigem zu trennen.

Dies trägt wieder zu einer Entschleunigung bei - dort angerufen, ob man die Mail von gestern erhalten habe, kommt oft genug der Seufzer "Kann sein, aber noch keine Zeit gehabt, zu lesen."

Köppnick - 6. Februar, 21:08

Grenzen der Beschleunigung

Zu deinem Beispiel mit Telex und Fax fallen mir die Befürchtungen ein, die man anlässlich der Einführung der Eisenbahn hatte. Es kann schon sein, dass die Geschwindigkeiten technischer Geräte noch eine Weile wachsen werden. Aber wenn, dann sicher in eine andere als die herkömmliche Richtung. Eine größere Geschwindigkeit bedeutet einen überproportionalen Anstieg des Energieverbrauchs und der Umweltverschmutzung, da ist die Grenze des Machbaren schon erreicht.

Das mit den Mails geht mir auch so. Mir sind schon einige wichtige Mails durchgerutscht, weil ich sie beim Markieren des Spams übersehen und gelöscht habe. Eine wichtige Aufgabe zukünftiger Filter besteht darin, anhand von Kriterien (welchen eigentlich?) die Daten (den Müll) von den Informationen zu trennen.

Die größte Bremse sind aber die natürlichen Rhythmen, denen wir selbst unterworfen sind. Das deutlichste Beispiel (außer dem Tod natürlich) ist die Schwangerschaft. Da können die Arbeitgeber Kopfstände machen, neun Monate sind neun Monate. Kommen Kinder früher auf die Welt, tragen sie schwere Schäden davon. Die Kindheit lässt sich auch nicht verkürzen. Und eine Grippe dauert mit Arzt eine Woche, ohne Arzt sieben Tage.
Gregor Keuschnig - 7. Februar, 08:36

Natürliche Rhythmen

Es ist m. E. nur noch eine Frage der Zeit (!), wann wir diese natürlichen Rhythmen auch noch beschleunigen werden.

Der Tod ist insofern interessant, weil wir genau den nicht beschleunigt herbeiführen wollen, sondern immer neue Ideen entwickeln, dies hinauszuzögern. Dabei wissen die Menschen häufig genug mit der "gewonnenen" Lebenszeit gar nichts mehr anzufangen.

Die Beschleunigung in den Büros durch moderne Kommunikation hat in den letzten Jahren wesentlich dazu beigetragen, dass ganze Berufe fast ausgestorben sind - beispielsweise der der Schreibkraft oder - gehobener - Sekretärin. Die Sekretärinnen von heute sind nur noch in den obersten Chefetagen anzutreffen bei Leuten, die irgendwann mit 50 aufgehört haben, sich mit E-Mails beschäftigen zu wollen.

Zwischenzeitlich verwende ich dann die Zeit, die ich mit dem E-Mail-Versand gewonnen habe, um die Empfänger nach einigen Tagen anzurufen, ob sie meine Mail schon gelesen haben...

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Kommentare hier ...

Ergänzung
Gregor Keuschnig - 5. Mai, 21:58
Diagonalenproblem
Köppnick - 5. Mai, 14:12
Fehlen des besten Zuges
Köppnick - 5. Mai, 13:58
Wie man das Nash-Diagonalen-Problem löst
steppenhund - 5. Mai, 13:29
Gefühlsmäßig würde ich...
steppenhund - 5. Mai, 01:53
Guter Kommentar
Stephan Schleim (anonym) - 4. Mai, 20:36
"ad aquam", aber ansonsten gebe ich dir recht....
Talakallea Thymon - 29. April, 19:33