Erfurter Dialog

Am 24.01.2006 fand ein weiterer Erfurter Dialog statt, dieses Mal zum Thema "Evolution und Schöpfung". Diese Veranstaltung hatte im Vorfeld ein sehr großes Medienecho hervorgerufen, weil der Ministerpräsident von Thüringen, Dieter Althaus, zunächst den bekanntesten Kreationisten Deutschlands, Siegfried Scherer, eingeladen hatte. Wer sich darüber informieren möchte, kann zum Beispiel diese Darstellung lesen oder sich auch mit den Stichworten Erfurter Dialog selbst bei Google informieren.

Ende des Jahres wurde Scherer wieder ausgeladen, offiziell weil der zweite Diskussionspartner, der Kassler Evolutionsbiologe Ulrich Kutschera, seine Teilnahme abgesagt hatte. Der Spiegel 52/2005 vom 24.12. widmete aus diesem Anlaß der Evolutionstheorie seinen Titelbeitrag und schrieb unter anderem:
Neben Kardinal Schönborn, der nicht müde wird, in seinen Katechesen im Wiener Stephansdom die Darwinsche Lehre zu geißeln, fanden die Kreationisten schon
vor drei Jahren einen weiteren wichtigen Verbündeten in Dieter Althaus, heute
thüringischer Ministerpräsident. Der Christdemokrat und gläubige Katholik sollte
die Laudatio halten auf ein von der Schöpfungslehre durchtränktes, angebliches Biologiebuch. Der Anlass: Das Machwerk hatte einen - von den Frömmlern
selbst ausgelobten - Schulbuchpreis gewonnen.

Als „sehr gutes Beispiel für werteorientierte Bildung und Erziehung" empfahl
der ehemalige Physiklehrer das Buch für den Biologieunterricht und wetterte gegen die „Evolutionsgläubigen" und ihre nur „scheinbar in sich schlüssige Theorie".

Althaus' Sympathie mit der Sache der Bibeltreuen ging so weit, dass er kürzlich
einen der Autoren des Pseudo-Schulbuchs, Siegfried Scherer, einlud zum Erfurter
Dialog" in der Staatskanzlei. Der thüringische Ministerpräsident hatte sich damit
einen Referenten ausgesucht, der nicht nur allen Ernstes versichert, alle Menschen auf diesem Planeten stammten von Adam und Eva ab. Scherer behauptet auch, besonders bizarr für einen Mikrobiologen mit Lehrstuhl an der TU München, der Tod sei als „Folge des Sündenfalls" in die Welt gekommen.

Erst die öffentliche Empörung zwang Althaus, den Schöpfungsgläubigen wieder
auszuladen. Am Dienstag dieser Woche dann gab er die Unterstützung der Glaubensbrüder völlig auf: „Ich vertrete weder Kreationismus noch Intelligent Design." Dass das christliche Bio-Buch in thüringischen Schulbibliotheken steht, finde er „gar nicht gut".
Die Veranstaltung fand also ohne die beiden Kutschera und Scherer statt. Das folgende Foto zeigt die tatsächlich eingeladenen Diskussionspartner:

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Von links nach rechts: Prof. Dr. Klaus Tanner, Institut für Systematische Theologie an der Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg, Prof. Dr. Michael Gabel, Prodekan der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Erfurt, Privatdozent Dr. Uwe Hoßfeld, Friedrich-Schiller-Universität Jena, Ministerpräsident Dieter Althaus.

Die offizielle Verlautbarung zur Veranstaltung, der ich das Foto entnommen habe, findet man hier. Über ein paar persönliche Beziehungen hatte ich eine Karte für die Veranstaltung ergattert, die ansonsten nur über persönliche Einladungen zugänglich war. Zu Beginn begrüßte Althaus eine Reihe von Ministern, Staatssekretären und Mitgliedern der CDU-Fraktion. Dann waren noch eine ganze Anzahl Vertreter der theologischen und philosophischen Fakultäten aus Erfurt und Jena anwesend, in der Diskussion meldeten sich Pfarrer und weitere Theologen zu Wort, der Evolutionsbiologe Hoßfeld outete sich als Christ. Eine Studentin kritisierte dann später in der Diskussion auch, dass echte Streitpartner nicht eingeladen worden waren.

Der Evolutionsbiologe Dr. Hoßfeld hielt den Einführungsvortrag und stellte seine geschichtswissenschaftlichen Arbeiten zur Evolutionstheorie und zu den sehr vielen verschiedenen Strömungen des Antidarwinismus dar. Danach sprachen nacheinander Prof. Tanner (Protestant) und Prof. Gabel (Katholik). Entgegen den Erwartungen (siehe oben die Auseinandersetzung bzgl. Scherer) war man mit dem Thema Kreationismus und Intelligent Design gleich zu Beginn durch, in dem man betonte, dass das eher ein Problem der Amerikaner sei, mit ihrer völlig anderen religiösen Kultur. Den Vortragenden ging es eher darum, die Vereinbarkeit von Wissenschaft und Glauben zu betonen. Nur Althaus blieb etwas blass, denn die 180°-Kehrtwende zwischen seinen alten und seinen neuen Anschauungen ist natürlich nur schwer erklärbar (selbst wenn man Politiker ist).

Auf mich machten die beiden Theologie-Professoren einen guten Eindruck, zumal sie mehrfach betonten, dass man zum Beispiel viele Geschichten aus der Bibel natürlich nicht wortwörtlich im Sinne wissenschaftlicher Dokumente nehmen dürfe. Ein schönes Beispiel dazu brachte Prof. Gabel: Es gibt ja diese Geschichte vom Volk Israel, vor dem sich auf der Flucht das Meer teilte, sodass sie entkommen konnten. Von dieser Geschichte gibt es eine zweite Version, in der der Wind das Meer verblies. Nimmt man die erste Geschichte für den Mythos und die zweite für die naturwissenschaftliche Erklärung, dann können alle damit leben. Im übrigen betonte er, dass die Wind-Version die ältere von beiden ist.

Ein ähnliches Beispiel kam von Hoßfeld. Man kann zum Beispiel die Noah-Geschichte mit der Arche nicht wortwörtlich lesen, denn Noah rettete nur Tiere. Woher kämen dann heute die Pflanzen?

An einigen Stellen glitt die Diskussion dann ins Erkenntnistheoretische, es wurde über Teleologie, über den Unterschied zwischen Hypothesen, Theorien und Tatsachen, und über die verschiedenen Deutungsformen des Begriffs Zufall in der Evolutionstheorie und der Quantenphysik gestritten. Auch den Aussagen der beiden Theologen, dass die wissenschaftliche Herangehensweise nicht die einzig mögliche ist, und Glaubensgeschichten eine intersubjektive Sicht bieten, die genauso wertvolle Wahrheiten vermittelt, kann man schwerlich widersprechen. Hier brachte Prof. Gabel das sehr schöne Beispiel von einem Chirurgen, der schon vielen Patienten mit seiner Medizin geholfen hat, auf der Grundlage objektiver Medizin, jetzt als selbst Krebskranker unters Messer muss und so zum ersten Mal fühlt, wie es ist, schwerkrank zu sein und sich bestimmte Sinnfragen stellen zu müssen. Das erinnerte mich an die niemals endenden Diskussionen zur Körper-Geist-Problematik.

Wie immer in solchen Veranstaltungen fielen mir die echten Fragen erst hinterher ein, vor allem nach einem Gespräch mit einem Bekannten, der, selbst nichtreligiös, in einem bibelgläubigen Umfeld lebt:
  • Ist es vertretbar, Kindern die Adam- und Eva-Geschichten in einem Alter beizubringen, in denen sie noch nicht zwischen Mythos und Realität unterscheiden können?
  • Hält wirklich jeder Gottesdienstbesucher die biblischen Geschichten seines Pfarrers für Mythen oder Gleichnisse, oder nimmt er sie für bare Münze?
  • Zerstört man nicht die Essenz des Christentums, wenn man die Gottesabstammung von Jesus und die jungfräuliche Geburt zu Mythen erklärt?
  • was ist mit dem Leben nach dem Tod für Ungläubige oder Tiere, denen nach aktuellem Wissenstand ein gewisses Maß an Bewusstsein nicht abzusprechen ist?
Das sind doch Fragen, die sich aus dem aktuellen Stand der Wissenschaft ergeben, und auf die eine moderne Theologie bzw. alle Kirchen eine Antwort geben müssten! Die zögerliche Anerkennung der Evolutionstheorie durch Pius II 1950 als eine "Hypothese" und (glaube ich jedenfalls) 1996 durch Johannes Paul II werden auf Dauer nicht reichen.

Kategorien: Evolution
Gregor Keuschnig - 24. Januar, 21:14

Verwunderlich

In der katholischen Lehre ist es m. W. nach immanent, dass die "biblischen Geschichten" wörtlich zu nehmen sind. Besonders plastisch wird dies immer an der Problematik der "Jungfrauengeburt": Maria hat als Jungfrau Jesus geboren - biologisch eine Unmöglichkeit.

Leute wie Eugen Drewermann oder Hans Küng, die eine eher symbolische Auslegung der Bibel verfechten, mussten im Zweifel immer klein beigeben, um nicht Strafen von ihrer Amtskirche zu erhalten; beide wurden ja vor einigen Jahren mit Lehrverbot belegt (er ist übrigens Ende 2005 aus der Kirche ausgetreten).

Insofern verwundert es mich, wenn auch Prof. Gabel einer wörtlichen Auslegung der Bibel quasi widerspricht.

Köppnick - 25. Januar, 18:27

Katholiken oder Protestanten?

Die beiden Professoren werden als Theologen sicherlich auch über die anderen Weltreligionen Bescheid wissen, zudem eine Menge über Philosophie und ähnliche Gebiete. Wenn sich mehrere Religionen auf einen oder mehrere, gleiche oder verschiedene Götter beziehen und man aus symmetrischen Gründen (andere sind sicherlich auch nicht dümmer) einen Allwissenheitsanspruch ablehnen muss, dann kann man gar nicht mehr wortwörtlich an 2000 Jahre alten Texten kleben.

Ob es unter Protestanten oder Katholiken (oder Juden oder Moslems) mehr Leute gibt, die ihre überlieferten Texte buchstäblich nehmen, kann ich nicht beurteilen. Aber ich kenne in meinem Umfeld ein Beispiel, wo Leute aus der katholischen Kirche ausgetreten sind und eine eigene freie protestantische Gemeinde gegründet haben, weil die Katholiken in ihren Augen Gotteslästerung betreiben: Mit dem Papst und den Heiligen schieben sie Menschen zwischen sich und Gott. Das Ganze im Eichsfeld, einer erzkatholischen Gegend, aus der auch Althaus stammt. Diese freien Protestanten nehmen die Bibel ziemlich genau. Es wird mehrmals am Tag gebetet, die Jungfräulichkeit Marias und die göttliche Herkunft Jesus sind unzweifelhaft.
Gregor Keuschnig - 26. Januar, 08:13

Wenn man auf die Webseite von Prof. Gabel schaut, erkennt man tatsächlich seinen philosophischen Ansatz. Interessant ist seine Hingabe zu Max Scheler, den ich nicht kannte: http://de.wikipedia.org/wiki/Max_Scheler. Insofern Gabel keine "existentiellen" Dogmen der katholischen Kirche angreift, sondern sich mit Sachverhalten beschäftigt, die die Fundamentaltheologen nach mehrmaligem lesen als harmlos für die "Masse" der Gläubigen ansehen, kann er sicherlich ungehindert weitermachen. Soviel Tolerenz gibt es dann schon.

Zum Thema übrigens noch gefunden:

http://spielverderber.twoday.net/stories/995983/

quirinus - 26. Januar, 20:24

Quirinus dankt

für den Hinweis in seinem Blog und findet im obigen Artikel diesen Satz besonders schön: "Nur Althaus blieb etwas blass, denn die 180°-Kehrtwende zwischen seinen alten und seinen neuen Anschauungen ist natürlich nur schwer erklärbar (selbst wenn man Politiker ist)."

Und abermals krähte der Geldhahn ...

Köppnick - 26. Januar, 20:30

Jau,

ein Bekannter von mir hatte zu DDR-Zeiten Unterricht beim Herrn Althaus. Bei Schülern war dieser ausgesprochen unbeliebt. Ich kenne inzwischen einige Politiker von der kommunalen Ebene bis hin zum Bundestag. Ich kann nur hoffen, dass die Auswahlprozesse für Politiker in allen Staaten ähnlich sind, damit wir nicht allein schon deswegen ernsthafte Standortnachteile haben.
Gregor Keuschnig - 27. Januar, 08:40

Interessant (@ Köppnick)

Althaus wirkt bei mir durch die Medien als besonnener und ruhiger Politiker. Ich würde ihn durchaus als positives Beispiel für einen CDU-MP sehen. Also täusche ich mich? Warum war er unbeliebt? Magst Du ein bisschen aus dem Nähkästchen plaudern?

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